Stadt am Netz

Die neue Zentralität.

Saskia Sassen 06.02.1996

Die Folgen der Telematik und der Globalisierung

Immer wieder wird behauptet, daß der Cyberspace und die in ihm agierende globale Ökonomie urbane Zentren überflüssig machen. Saskia Sassen, die den Begriff der "Global Cities" geprägt hat, hingegen beobachtet gleichzeitig einen Dezentralisierungs- und einen Konzentrationsprozeß. In ihrem Beitrag arbeitet sie die verschiedenen Gesichter der neuen Zentralität heraus, die mit einer Marginalisierung von breiten Gesellschaftsschichten einhergeht und sich auch auf die Eigenschaften der Netze auswirkt.

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Telematik und Globalisierung haben sich als fundamentale Kräfte herausgestellt, die die Organisation des ökonomischen Raums gestalten. Diese Reorganisierung reicht von der räumlichen Virtualisierung einer wachsenden Zahl ökonomischer Aktivitäten bis hin zu einer Rekonfiguration der Geographie der gebauten Umwelt für ökonomisches Handeln. Diese Reorganisierung führt, gleich ob im elektronischen Raum oder in der Geographie der gebauten Umwelt, zu organisatorischen und strukturellen Veränderungen.

Eine Folge dieser Transformationen wurde für eine wachsende Zahl ökonomischer Aktivitäten in Bildern der geographischen Zerstreuung im globalen Maßstab und der Neutralisierung von Raum und Entfernung durch die Telematik erfaßt. Das läßt wiederum die Frage entstehen, welche Bedeutung Städte und Architektur in Zukunft haben werden. Ist eine Raumökonomie ohne räumliche Konzentrationspunkte in einem ökonomischen System möglich, das durch eine signifikante Konzentration des Eigentums, der Macht und der Profitaneignung gekennzeichnet ist? Man kann diese Frage auch so formulieren, daß die Dimensionen des Raums, der Organisation und der Macht in der Begrifflichkeit der Zentralität erfaßt werden: Kann ein solches ökonomisches System ohne Zentren operieren? Wie weit können überdies Formen der Zentralität, die im elektronischen Raum eingerichtet wurden, einige der Funktionen ersetzen, die man gemeinhin mit geographischen/organisatorischen Zentralitätsformen verbindet?

Die grundlegende Behauptung in diesem kurzen Essay geht dahin, daß Zentralität weiterhin eine Schlüsseleigenschaft des ökonomischen Systems bleibt, aber daß die räumlichen Korrelate der Zentralität durch die neuen Technologien und durch die Globalisierung tiefgreifend verändert wurden. Das läßt eine ganz neue Fragestellung hinsichtlich der Definitionen entstehen, was Zentralität in einem ökonomischen System heute konstituiert, in dem a) viele Transaktionen mittels Technologien geschehen, die Entfernung und Raum neutralisieren und so in einer globalen Größenordnung stattfinden, während b) Zentralität historisch in bestimmten Arten der gebauten Umwelt und der urbanen Struktur eingelagert war.

In diesem Aufsatz geht es mir vor allem darum, die Behauptung, daß Zentralität eine Schlüsseleigenschaft des ökonomischen Systems bleibt, analytisch und empirisch zu belegen. Das führt zu einer Wiederentdeckung des Ortes und der Infrastruktur in unserer Konzeptualisierung der globalen Informationsökonomie und zu einer Herausarbeitung des elektronischen Raums, also zur Tatsache, daß es in diesem Raum nicht nur um Übertragungskapazitäten geht, sondern daß es sich um einen Raum handelt, in dem neue Strukturen des ökonomischen Handelns und der ökonomischen Macht konstituiert werden.

In diesem Bündel von Transformationen liegt möglicherweise eine neue Reihe von Fragestellungen für die Architektur. Als Wissenschaftlerin der politischen Ökonomie, die sich für die räumliche Organisation der Ökonomie und die räumlichen Korrelate der ökonomischen Macht interessiert, scheint mir, daß die Perspektive auf den Ort und die Infrastruktur in der neuen globalen Informationsökonomie eine begriffliche und praktische Öffnung für die Architektur schafft. Und während eine solche Öffnung weniger wahrscheinlich zu sein scheint, wenn der Schwerpunkt der Fragestellung auf der Neutralisierung des Raumes und der Immaterialität des Informationsprodukte liegt, kann der entstehende Bereich der Elektrotektur (electrotecture) als eine Form verstanden werden, die auf diese Bedingungen antwortet. Der Begriff der Elektrotektur könnte, wie ich denke, so weit ausgedehnt werden, daß er die Strukturen des ökonomischen Handelns und der Zentralisierung der Kontrolle einschließen würde, die in den elektronischen Raum "eingebaut" werden, wie dies beispielsweise beim Markt für ausländische Währungen oder beim Handel mit Programmen der Fall ist. Schließlich können uns, wie mir scheint, architektonische Praxis und Theorie bei der Herausarbeitung des Punktes helfen, an dem die Materialität des Ortes bzw. der Infrastruktur mit diesen Technologien und Organisationsformen zusammentrifft, die den Platz und die Materialität neutralisieren.

Die neue Zentralität.

Eine neue Architektur der Zentralität?

Neue Formen der Zentralität

Agglomeration und Konzentration in einer globalen Informationsökonomie

Konzentration und die neue Definition des Zentrums

Zentralität im elektronischen Raum

Entstehende Segmentierungen im Cyberspace

Intranets - durch Firewalls geschützte Zitadellen im Web?

Das Eingebettetsein des elektronischen Raums

http://www.heise.de/tp/artikel/6/6005/1.html
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