Stadt am Netz

Die Informationsgesellschaft - Zeitalter der Engel?

Florian Rötzer 16.02.1996

Zu Michel Serres' "Die Legende der Engel" (Insel Verlag 1995)

Was haben Engel mit Telekommunikation und digitalen Städten zu tun? Für den Wissenschaftsphilosophen Michel Serres sind sie jedenfalls eine überlieferte Metapher, mit der sich die Welt der Informationsgesellschaft und ihre Hauptstadt Los Angeles verstehen lassen. In seinem schönen Buch mit vielen Bildern versucht Serres, den traditionellen Diskurs über Engel mit einer Philosophie der Kommunikation in der Form des klassischen Dialogs zu verbinden - ein faszinierender Ansatz, um die moderne Lebenswelt in ihrer Zerrissenheit und ihren Versprechungen zu erfassen.

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Sind Engel Bewohner des Cyberspace?

Man spricht unentwegt von der Kommunikations- oder Informationsgesellschaft, in die wir gerade im Begriffe seien einzutreten. Nachdem die Industrialisierung zur Ablösung von der Agrargesellschaft und der dörflichen Existenz geführt hat, gehen wir jetzt in eine neue Epoche über, deren Rohstoff Information jeder Art und Herkunft ist, und die auf globale Kommunikation zwischen Menschen und Menschen, zwischen Menschen und Maschinen, zwischen Maschinen und Maschinen und bald auch zwischen natürlichem und künstlichem Leben aufbaut - auf der Grundlage von Kabeln und Satelliten, Hardware und Software, Sendungen und Empfängnissen, Schnittstellen und Datenströmen.

Wieder werden Existenzbedingungen und Lebenswelten umgepflügt, findet eine gewaltige soziale, politische, ökonomische und auch wissenschaftliche Umwälzung statt. Die Industrialisierung hat sich natürlich nicht aus der Agrarwirtschaft gelöst, sie hat sie nur auf andere Beine gestellt und, parallel zur Explosion der urbanen Lebenswelt und der Bevölkerung, es so ermöglicht, daß ein verschwindender Prozentsatz an Menschen mit neuen Methoden und Arbeitsmitteln ein Vielfaches an Agrarprodukten herstellen kann. Gegenwärtig schrumpft der Anteil an Industriearbeitsplätzen. Allein im Jahre 1994 ist in der BRD die Zahl der Erwerbstätigen in der Industrie um ein Viertel zurückgegangen, während die Produktivität pro Arbeitsplatz durch sogenannte Restrukturierungsmaßnahmen kontinuierlich wächst. Fraglich ist, ob der Verlust an Arbeitsplätzen durch Dienstleistungen und "Informationsarbeit" ersetzt werden kann - und vor allem sollte.

Unsere Welt ist um Botschaften organisiert und die Engel sind Boten, noch zahlreicher, komplexer und raffinierter als der eine, falsche und diebische Hermes. Jeder Engel ist Träger einer oder mehrerer Relationen; nun gibt es aber Myriaden von Relationen, und jeden Tag erfinden wir Milliarden neue; was uns fehlt, ist eine Philosophie dieser Relationen. Statt Netze aus Dingen oder Lebewesen zu knüpfen, sollten wir Netzwerke aus Wegen entwerfen. Die Engel zeichnen unablässig Karten unseres neuen Universums.

Michel Serres

Auf dem Weg zur Informationsgesellschaft finden überall große Umschichtungen statt, unsere Lebenswelt wird sich tiefgreifend und in fast allen Bereichen verändern. Doch in dem Buch des französischen Philosophen Michel Serres, einem Schüler des eigenwilligen Epistemologen Gaston Bachelard, der bereits versucht hat, Wissenschaftstheorie und Poesie ineinander, wenn auch gegenläufig zu verspannen, geht es zunächst um Engel, also um die himmlischen Heerscharen als den Trägern von Kommunikation.

Wie alles, was verschwindet, erfahren jetzt auch die Engel eine Konjunktur

Wie alles, was verschwindet, erfahren sie gegenwärtig eine Konjunktur, gibt es Publikationen und vor allem eine Faszination. Serres sieht sie weniger in ihrem religiösen Kontext, denn als Spezialisten für die Übermittlung und Verfassung von Botschaften, dem Hauptgeschäft der Informationsgesellschaft. Engel arbeiten nicht, sie sind nicht von dieser Welt, sie sprechen, verkünden, lobpreisen und singen, ihre Verlautbarungen gehen mitunter in ein undeutliches Rauschen unter, aus dem sich, Grundlage und Gefährdung jeder Kommunikation, die Worte und Töne erheben. Die Engel also als traditionelles Bild für die Kommunikation mit einer anderen Welt und für Botschaften, die aus ihr stammen, als virtuelle Wesen, die im Cyberspace wohnen.

Serres hat keinen linearen, diskursiven Text geschrieben, sondern in klassischer philosophischer Weise einen Dialog, der sich zeitweise einem Trialog öffnet. Die Aufteilung des Diskurses auf verschiedene Sprecher ist weitaus offener als ein linearer Text, erlaubt Abschweifungen, Brüche und Assoziationen, unterliegt nicht dem argumentativen Zwang, weil so mehrere, ineinander verhakte Perspektiven (fast) gleichzeitig inszeniert werden können. Neben dem Gespräch gibt es eine weitere Ebene von Bildern, Zitaten und Kommentaren, die die Rede ergänzen und erweitern, aber auch einen selbständigen Pfad darstellen, der sich unabhängig verfolgen läßt und zum Blättern oder Zappen anregt. Das Buch von Serres wäre so nicht nur eine geeignete Grundlage, um seinen Inhalt multimedial und interaktiv steuerbar darzustellen, es zeigt auch, daß nach den Literaten und Künstlern nun auch die Philosophen beginnen, nach neuen Inszenierungsformen zu suchen, die sich an die computergestützten Medien und Netze anlehnen, auch wenn sie damit eine klassische Tradition der philosophischen Darstellung weiterführen. Mir ist zwar die Verteilung der Positionen nicht recht deutlich geworden, die Sprache ist sehr abgehoben und der Kontext der Gesprächssituation gibt meist nur den Stichwortgeber ab, gleichwohl ist das Buch eine anregende Fundgrube an interessanten Beobachtungen und Überlegungen und überdies ein Stück wohlgestalteter Materie, die man gerne in Händen hält und nicht unbedingt mit Bildschirm und Maus eintauschen möchte.

Der Dialog entspannt sich zwischen Pia, einer Ärztin am Flughafenkrankenhaus, und Pantope, einem nomadisierenden Inspizienten der Air France, anläßlich einer ihrer flüchtigen Begegnungen, während sie normalerweise eine Telebeziehung haben, die von Briefen, elektronischer Post und Anrufen getragen wird. Im Verlauf des Gesprächs stößt vorübergehend noch Pias Bruder Jacques hinzu, der seine Tochter vom Flugplatz abholt. Reisende hasten vorbei, Flüchtlinge, Obdachlose, Kranke und eine Gebärende sind ebenfalls Sendboten, die zur Welt dieses Nicht-Ortes gehören.

Stählerne Engel tragen Engel aus Fleisch und Blut, die auf Wellen-Engeln Signal-Engel aussenden ...

Michel Serres

Pia, wartend, ortsgebunden, engelsgleich helfend und andererseits Maria verwandt, die die Verkündigung vom Erzengel Gabriel empfing, befindet sich im Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle, einer Drehscheibe, einer Schnittstelle, einem Relais oder einem Knoten des mobilen Kommunikationszeitalters, der die Zirkulation von Botschaften, Menschen und Dingen enorm beschleunigt hat und gleichzeitig Beispiel für jene Nicht-Orte ist, in denen sich die zu Passanten mutierten Menschen des Cyberspace und der Informationsgesellschaft auf der Erde und in Gehäusen verankern.

Die Informationsgesellschaft - Zeitalter der Engel?

Los Angeles: die himmlische Stadt

Die Engel sind Kuppler

Kommunikation anstatt Arbeit?

http://www.heise.de/tp/artikel/6/6015/1.html
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