Telepathie in Telepolis
Dietmar Kamper, Soziologie aus Berlin, nimmt Telepolis, die Vision einer Stadt im Netz, zum Anlaß einer grundsätzlichen Kritik an der Virtualisierung. Es geht um den Körper und um das alte christliche Programm der Vergeistigung oder Immaterialisierung, die mit dem Cyberspace nur einen Schritt nähergerückt ist. In der gegenwärtigen Faszination vergessen wir, was wir in diesem Prozeß zurücklassen, und suchen wir den Schmerz der Spaltung zu vermeiden, indem wir uns eine neue Ganzheitlichkeit im Virtuellen halluzinieren. Kamper sieht keine Alternative zum eingeschlagenen Weg, aber er fordert dazu auf, wenigstens die Verlustrechnung aufzustellen - also erneut Aufklärung zu betreiben.
Das Buch (Florian Rötzer: Die Telepolis. Urbanität im digitalen Zeitalter, Bollmann, Mannheim 1995) endet gut, nämlich im doppelten Zweifel, ob die virtuellen Räume noch notwendige Orte generieren und ob die Menschen die Frage nach dem Wo und Wann ihrer Körper unterlassen können. Aber Bücher werden im Zeitalter der Virtualität nicht oder doch nicht zu Ende gelesen, so daß der Satz "Ende gut, alles gut" nicht mehr anwendbar ist. Deshalb wären einige falsche Sicherheiten zu markieren, die dem Buch zwischendurch unterlaufen, insbesondere im Hinblick auf die Vergeistigung, sprich Entfernung der Körper aus Telepolis. Die Schilderung der vielen ineinandergreifenden Prozesse ist virtuos, genau und aufschlußreich. Doch bei der vorläufigen Gewinn- und Verlustrechnung hapert es manchmal wegen der verengten Wahrnehmung, die dem Kurzschluß auf dem Fuße folgt.
Mit der Virtualität betreten wir nicht allein das Zeitalter einer Liquidation des Wirklichen..., sondern auch das einer Auslöschung des Anderen.
Der menschliche Körper, wenn man Glanz und Elend seiner historischen Existenz unterstellt, ist mitnichten der kleine schäbige Naturrest, wie er zum Zwecke des Abstoßens im Diskurs der Maschinen und Apparate gebraucht wird. Er war und ist noch immer der einzige Garant des Wirklichen und des Anderen, und zwar gerade in Betracht seiner Vergänglichkeit und Sterblichkeit. Mit der Einführung einer neuartigen Ewigkeit des menschlichen Geistes scheint dergleichen aufzuhören. Doch der Schein trügt diesmal. Der Geist, wie er sich medial inszeniert, ist nur eine monströse Variante des Körpers, der sein eigenes Verschwinden in Rechnung gestellt hat. Der körperlose Geist, sich abstoßend von einem geistlosen Körper, bleibt Statthalter des Nihilismus, Agent eines hyperkomplexen Spiegelgefängnisses, Propagandist eines universalen Wahns wider besseres Wissen.
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Der Skandal von Telepolis ist die Immaterialität, das heißt die Zumutung einer körperlosen Existenz. Diese Zumutung ist nicht begriffen, weil sie in einer Variante des europäischen Nichts besteht, im kleingeschriebenen nichts[1] . Die Zumutung fordert, daß man mit nichts statt mit etwas auskommt. Das wächst sich zum Kult aus und wälzt sich durch die alten und neuen Medien in Richtung der Verbraucher. Dieses kleingeschriebene "nichts" kann nicht begriffen werden, weil nichts dem Griff entgegensteht, mit dem das europäische Denken sich des Wirklichen vergewissern wollte. Der Griff der Hand geht buchstäblich ins Leere - und damit schwindet die Hoffnung aller Philosophie, die auf Gewißheit aus war.
Die letzte Hand klopft an die Wand. Sie wird mich nicht verlassen.
Die Hand und die Wand und das Klopfen haben aufgehört, eine oder vielleicht die maßgebliche Weltbeziehung der Menschen zu garantieren. Statt dessen geschieht nichts, statt dessen passiert nichts, statt dessen herrscht die unsichtbare Hand eines an die Wand geschriebenen, kleingeschriebenen "nichts". Die Wand ist eine Art Vor-Wand, hinter der sich - vielleicht - ein Anderes verbirgt. Aber dieses Andere weigert sich, eine greifbare, verläßliche Wirklichkeit zu sein.
Telepolis ist der Triumph des Selben über das Andere - ein vollständiger Sieg, aber auch eine ziemlich heftige Niederlage. Denkend können die Menschen nämlich das Labyrinth des Selbst nicht mehr verlassen. Statt der Wand, die als Heterogenes entgegensteht und Widerstand leistet, begegnet der Bildschirm, bestenfalls das Bild einer Wand, begegnet der Spiegel des Selbst, in einer überdimensionalen Größe, spiegelnde Innenhaut einer universalen Blase des Selbst, die so groß ist wie das Universum. Man könnte auch sagen: Selbstbegegnung des Geistes ist Homogenisierung alles Anderen im Netz der geistigen Systeme. Sie funktioniert nur aufgrund einer grandiosen Vergeßlichkeit, da man die älteren Effekte der Selbstinszenierungen des Geistes aktuell nicht mehr erkennt und glaubt, immer fortzuschreiten, "in Wirklichkeit" aber nur im Kreise läuft. Rotation und Recycling sind die hauptsächlichen Bewegungsformen von Telepolis, und sie waren es schon, als man noch an den Fortschritt glaubte.
Die Ewigkeit ist ein Bluff
Die Ewigkeit der Prozesse ist also ein Bluff, der im Reich des körperlosen Geistes nicht als solcher entdeckt werden kann, in Paraphrasierung eines Kierkegaard-Satzes "Es ist ein Unglück, eine Tele-Existenz führen zu müssen, aber das Unglück ist, daß man es nicht begreift, wenn man sie führt". Das künftige Herz der Städte ist ein bildhafter Abzug, ein Schemen, ein Schema, ein Modell - Schattenwurf eines realen, symbolischen, imaginären Körpers, ein seltsames Monstrum, von den einen als neuer Teufel, von den anderen als alter Gott denunziert. Vielleicht ist es jener von Nietzsche avisierte "Übermensch", der die Menschen selbst dazu verurteilt, Brückenpfeiler für eine übermenschliche Brücke zu sein, also Opfer in einem Kult, der die Sterblichkeit der Körper nach wie vor braucht, um die Ewigkeit des Geistes zu installieren. Alle Kultur, erst recht die von Telepolis - das weiß man seit Heiner Müller - tendiert dazu, ihre blutigen Wurzeln zu vergessen. Ist das Vergessen wie das Verbrechen dann perfekt, implodieren die Systeme.
Tele-Existenz, der Hunger nach einem göttlichen Nirgendwo und Überall, Cyberspace als Raum zum Leben, die Virtuelle Stadt gar als faszinierende Lebenswelt - so die hochgeladenen Devisen von Telepolis - erfüllen ausnahmslos den Tatbestand des Wahns, nämlich an keiner anderen Wirklichkeit, an keiner Wirklichkeit des Anderen mehr prüfbar zu sein. Zugleich bieten sie die Suggestion einer Einheit, die in Wirklichkeit längst nicht mehr gegeben ist. Der Spiegel des Geistes, das Bild des ganzen Körpers ist selbst zersplittert und kann nur noch mit Apparaten und Maschinen halluziniert werden. Eine solche Einschätzung widerspricht der
Die Schnittstelle markiert einen gespaltenen Menschen
Gewohnheit, den Geist für sakrosankt zu halten, vermeidet jedoch jede Attitüde des Besserwissens und des Bessermachens. Es gibt heute keine Alternative zum Elend des Telematischen. Aber das Schlimme an der Geschichte sollte man wissen. Vergeistigung ist und bleibt die Crux, und sie war das Verhängnis von Anbeginn. Das Neueste ist hier immer eine alte Sache. Verschärft wird die Crux, d.h. die Selbstkruzifizierung und das Verhängnis, diesen Tatbestandes einer Passion durch die Forcierung einer ambivalenten Strategie zu vergessen. Die Schnittstelle, die den Eingang in die Welt des Überall und Nirgendwo bietet, ist selbst ein Ort und hat eine datierbare Zeit. Und die Schnittstelle markiert einen gespaltenen Geist und einen gespalteten Körper. Sie ist - warum vergißt man es geflissentlich? - Schnittstelle an einem Körper, und das heißt ein Schmerzpunkt. Der Wahn, der sich ausbildet, ist als Versuch zu interpretieren, nicht verrückt zu werden. Anstelle einer erlittenen Schizophrenie konstruiert er ein abstraktes Universum, anstelle einer wirklichen Spaltung realisiert er einen eingebildeten Wahn.
Berlin-Kreuzberg, 20. Jänner 1996
http://www.heise.de/tp/artikel/6/6019/1.htmlDarstellungsbreite ändern
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