Kehrt die Zeit der Stadtstaaten wieder?

21.02.1996

Europäische Städte, die Informationsgesellschaft und die globale Ökonomie

Die Informationsgesellschaft mit ihrer globalen Ökonomie wird tief in unsere Städte eingreifen. Neue soziale Konflikte werden entstehen, weil die Informationsstadt dazu tendiert, eine duale Stadt zu werden. Auf der anderen Seite kann die Globalisierung gerade den Städten wieder eine neue Bedeutung als Schnittstelle zwischen dem Raum der Datenströme und dem Raum der Orte zuweisen.

Der Faden der neuen Geschichte

Urbanes Leben wird durch das Tempo der Geschichte beeinflußt. Wenn das Tempo zunimmt, geraten Städte - und ihre Bewohner - in Verwirrung, Räume werden bedrohlich und aus der Erfahrung verschwindet der Sinn. In solchen widerspruchsvollen, aber großartigen Zeiten wird Wissen zur einzigen Quelle, um Sinn und dadurch sinnvolle Handlung wieder zu ermöglichen.

Mit dem Risiko eines Schematismus und um der Klarheit willen werde ich die offensichtlich scheinenden Haupttrends zusammenfassen, die gemeinsam und durch ihre Wechselwirkungen den Rahmen für das soziale, ökonomische und politische Leben der europäischen Städte während dieser besonderen historischen Periode bilden.

Vor allem anderen leben wir inmitten einer fundamentalen technologischen Revolution, die durch zwei Eigenschaften charakterisiert ist:

a) Wie alle anderen größeren technologischen Revolutionen der Geschichte dringen ihre Auswirkungen überall ein. Sie sind nicht auf die Industrie, die Medien, die Telekommunikation oder den Transport beschränkt. Neue Technologien, die in ihren Anwendungen seit Mitte der 70er Jahre mit aller Macht entstanden sind, verändern Produktion und Konsum, Management und Arbeit, Leben und Tod, Kultur und Krieg, Kommunikation und Ausbildung, Raum und Zeit. Wir haben ein neues technologisches Paradigma betreten.
b) Während die industrielle Revolution auf Energie basierte (obgleich sie viele andere technologische Bereiche umfaßte), basiert die gegenwärtige Revolution auf Informationstechnologien im weitesten Sinn des Begriffs, der auch die Gentechnologie einschließt (letztlich die Decodierung und Neuprogrammierung der Codes des Lebendigen).
Diese technologische Informationsrevolution ist die Stütze aller anderen größeren strukturellen Transformationen, auch wenn sie diese nicht determiniert:

  1. Sie bildet die grundlegende Infrastruktur für die Formation eines funktionell verbundenen weltweiten Wirtschaftssystems.
  2. Sie wird zu einem wesentlichen Faktor der Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität von Ländern, Regionen und Unternehmen in der ganzen Welt, indem sie eine neue internationale Arbeitsteilung einleitet.
  3. Sie ermöglicht den gleichzeitigen Prozeß der Zentralisierung von Botschaften und der Dezentralisierung ihrer Rezeption, indem sie eine neue Welt der Kommunikation schafft, die aus dem global village und der Nichterreichbarkeit jener Gemeinschaften besteht, die aus dem globalen Netzwerk herausfallen. Daher entsteht aus der unterschiedlichen Aneignung des globalen Kommunikationssystems ein asymmetrischer Raum von Kommunikationsströmen.
  4. Sie schafft eine neue enge Verbindung zwischen den Produktionskräften der Ökonomie und der kulturellen Kapazität der Gesellschaft. Weil Wissenserzeugung und Informationsverarbeitung die Grundlage neuer Produktivität darstellen, wird die Fähigkeit einer Gesellschaft, Wissen anzusammeln und Symbole zu manipulieren, in ökonomische Produktivität und politisch-militärische Macht übersetzt, wobei die Quellen des Reichtums und der Macht in der Informationskapazität jeder Gesellschaft verankert sind.

Obwohl diese technologische Revolution nicht per se die Entstehung eines Gesellschaftssystems determiniert, so ist sie doch eine wesentliche Komponente der neuen Gesellschaftsstruktur, die unsere Welt kennzeichnet: der Informationsgesellschaft . Unter diesem Begriff verstehe ich die Gesellschaftsstruktur, bei der die Quellen der ökonomischen Produktivität, der kulturellen Hegemonie und politisch-militärischen Macht fundamental von der Gewinnung, Speicherung, Verarbeitung und Erzeugung von Information und Wissen abhängen. Obgleich Information und Wissen immer für die ökonomische Akkumulation und politische Macht entscheidend waren, wurden sie erst unter den gegenwärtigen technologischen, gesellschaftlichen und kulturellen Parametern direkt zu Produktivkräften.

Wegen der Vernetzung der ganzen Welt und der potentiellen Automatisierung der am meisten standardisierten Produktions- und Managementfunktionen ist die Erzeugung und Steuerung von Wissen, Information und Technologie eine notwendige und hinreichende Bedingung für die Organisation der gesamten Gesellschaftsstruktur um die Interessen der Informationsbesitzer herum. Information wird zum entscheidenden Rohstoff, aus dem alle gesellschaftlichen Prozesse und soziale Organisationen gebildet sind. Materielle Produktion wird ebenso wie die Dienstleistungen in diesem Produktionssystem und in dieser Gesellschaftsorganisation gegenüber dem Umgang mit Information zweitrangig. Empirisch ausgedrückt besteht eine wachsende Mehrheit von Arbeitsplätzen in den westlichen europäischen Städten aus informationsverarbeitenden Berufen.

Der wachsende Beschäftigungsanteil in Dienstleistungen ist wegen der Unklarheit des Begriffs der Dienstleistung nicht das wirklich charakteristische Merkmal (beispielsweise arbeitet auch in den Städten der Dritten Welt die Mehrzahl der Menschen im "Dienstleistungssektor", obwohl es hier sehr unterschiedliche Tätigkeitsbereiche gibt). Wirklich fundamental ist hingegen die zunehmende quantitative Größe und qualitative Bedeutung der informationsverarbeitenden Tätigkeiten in der Güterproduktion und dem Dienstleistungsgewerbe. Die widersprüchliche, aber unvermeidliche Herausbildung der Informationsgesellschaft formt die europäischen Städte ebenso, wie das Industriezeitalter die urbanen und ländlichen Räume des 19. Jahrhunderts für immer geprägt hat.

Globale Ökonomie

Ein weiterer großer struktureller Trend unseres Zeitalters ist die Herausbildung einer globalen Ökonomie. Der Begriff der globalen Ökonomie muß von dem einer Weltökonomie unterschieden werden, der eine sehr alte geschichtliche Wirklichkeit für die meisten europäischen Nationen spiegelt. Der Kapitalismus hat sich seit seinem Beginn auf einem weltweiten Niveau formiert.

Das bedeutet nicht, daß die kapitalistische Ökonomie eine globale war, denn dies wird sie erst jetzt. Unter einer globalen Ökonomie verstehen wir eine Ökonomie, die als Einheit in Echtzeit auf der planetarischen Ebene sich realisiert. Es ist eine Ökonomie, in der Kapitalströme, Arbeitsmärkte, Verbrauchermärkte, Information, Rohstoffe, Management und Organisation internationalisiert und über den ganzen Erdball vollständig voneinander abhängig sind, auch wenn dies in einer asymmetrischen Form der Fall ist, die durch die ungleichmäßige Integration verschiedener Gebiete des Planeten charakterisiert wird. Wichtige Funktionen des ökonomischen Systems sind gänzlich internationalisiert und im Alltagsgeschäft voneinander abhängig. Aber viele andere sind je nach Funktionen, Ländern und Regionen segmentiert und ungleichmäßig strukturiert. Die globale Ökonomie umfaßt den ganzen Erdball, aber nicht alle Regionen und Menschen auf ihm.

In dieser von Sorgen durchzogenen Welt ist Europa eine zerbrechliche Insel des Reichtums, des Friedens, der Demokratie, der Kultur, der Wissenschaft, der sozialen Fürsorge und der Bürgerrechte geworden. Doch die selbstsüchtige Reaktion, diesen Himmel gegen den Rest der Welt durch das Hochziehen von Mauern zu schützen zu versuchen, kann die eigenen Fundamente der europäischen Kultur und der demokratischen Zivilisation aushöhlen, da der Ausschluß des anderen nicht von der Unterdrückung der bürgerlichen Freiheiten und der Mobilisierung gegen fremde Kulturen abtrennbar ist.

Größere europäische Städte sind zu zentralen Knoten der neuen globalen Ökonomie geworden, aber sie wurden auch zu anziehenden Magneten für Millionen von Menschen aus der ganzen Welt, die im Austausch für ihre harte Arbeit und ihre Bindung an ein verheißungsvolles Land auch des Friedens, der Demokratie und des Wohlstands von Europa teilhaftig werden wollten.

Doch das überbevölkerte und alte Westeuropa des späten 20. Jahrhunderts scheint der Welt gegenüber nicht so offen zu sein, wie dies das junge, fast leere Amerika am Beginn dieses Jahrhunderts gewesen ist. Immigranten sind nicht willkommen, weil Europa versucht, in eine neue Stufe seiner gemeinsamen Geschichte einzutreten und ein supranationales Europa zu bilden, ohne seine nationalen Identitäten aufzugeben. Der kulturelle Isolationismus der paneuropäischen Konstruktion ist jedoch nicht von der Affirmation des ethnischen Nationalismus zu trennen, der sich möglicherweise nicht nur gegen die "fremden Immigranten", sondern auch gegen die europäischen Fremden richten wird. Europäische Städte werden mit ihrer neuen Rolle in der globalen Ökonomie zurechtkommen müssen, während sie sich einer multi-ethnischen Gesellschaft anpassen, die aus denselben Wurzeln entsteht, die die globale Ökonomie tragen.

Europäische Integration und die Folgen der Internationalisierung

Ein fundamentaler Prozeß in europäischen Städten ist der Prozeß der europäischen Integration, die im 21. Jahrhundert zu einer Art Konföderation der gegenwärtigen Nationalstaaten münden wird. Das ist für mindestens 15 Staaten ein unwiderruflicher Prozeß, unabhängig vom Schicksal des symbolischen Maastricht-Vertrages. Wenn die Europäische Gemeinschaft, wie man allgemein annimmt, auf einen gemeinsamen Markt, eine gemeinsame Staatsbürgerschaft für alle ihre Einwohner, eine gemeinsame Technologiepolitik, eine gemeinsame Währung, eine gemeinsame Verteidigung und eine gemeinsame Außenpolitik zusteuert, dann werden am Ende des Jahrhunderts alle grundlegenden Rechte des Nationalstaates auf europäischen Institutionen übergehen.

Das wird sicher ein schmerzhafter Weg, begleitet von nostalgischen Anhängern der Vergangenheit, Neofaschisten, Neokommunisten und Fundamentalisten aller Art, die gegen den Strom europäischer Solidarität ankämpfen, die aus Unkenntnis der Menschen entstehenden Ängste schüren und auf Demagogie und Opportunismus aufbauen. Wie schwer aber auch immer dieser Prozeß sein wird und welche Veränderungen gegenüber den gegenwärtigen technokratischen Plänen auch immer eintreten werden, so wird Europa dennoch entstehen. Es stehen zu viele Interessen und ein zu großer politischer Wille auf dem Spiel, als daß man das Projekt gefährden möchte, nachdem man so weit gekommen ist.

Der Prozeß der europäischen Integration wird die Internationalisierung der wichtigen Entscheidungsprozesse verursachen. Deswegen wird er die Furcht vor der Unterwerfung von spezifischen sozialen Interessen unter supranationale Institutionen auslösen. Aber die meisten dieser spezifischen Interessen bringen sich selbst auf einer regionalen oder lokalen Basis und nicht auf nationaler Ebene zum Ausdruck. Daher beobachten wir die Erneuerung der Rolle von Regionen und Städten als Orte der Autonomie und der politischen Entscheidung. Besonders große Städte in ganz Europa bilden das Nervensystem für die Ökonomie und das politische System des Kontinents. Je mehr die Nationalstaaten ihre Rolle verlieren, desto eher werden die Städte zu einer Antriebskraft im Aufbau der neuen europäischen Gesellschaft.

Der von den europäischen Städten durchlaufene Prozeß des historischen Übergangs führt zu einer Identitätskrise ihrer Kulturen und ihrer Einwohner, die ein anderes wichtiges Element der neuen urbanen Erfahrung wird. Die Identitätskrise ist das Ergebnis der beiden oben erwähnten Prozesse, die zusammen, egal wie sehr sie sich untereinander widersprechen, dazu beitragen, die Grundlagen der nationalen und lokalen europäischen Kulturen zu erschüttern. Auf der einen Seite läßt der Gang in die Supranationalität nationale Identitäten verschwimmen und schürt die Unsicherheit der Menschen hinsichtlich der Machthaber über ihr Schicksal, wodurch sie in einen individualistischen (neo-liberalistischen) oder kollektiven (neo-nationalistischen) Rückzug getrieben werden. Auf der anderen Seite konfrontiert die Ankunft von Millionen von Immigranten und die Konsolidierung der multi-ethnischen, multi-kulturellen Gesellschaften in den meisten westeuropäischen Ländern Europa genau in dem Moment direkt mit der Wirklichkeit einer nicht homogenen Kultur, in dem die nationale Identität am stärksten bedroht wird. Daraus entsteht eine Krise der kulturellen Identität (mit der Begleiterscheinung einer kollektiven Entfremdung), die die urbanen Prozesse in Europa über die nächsten Jahre hinweg kennzeichnen wird.

In den großen Städten wird sich, um es genauer zu sagen, der überwältigende Anteil der Immigranten und der Mitbürger von ethnischen Minderheiten (die Söhne und Töchter der Immigranten) konzentrieren. Daher werden sie sich auch an der Front der rassistischen und fremdenfeindlichen Bewegungen befinden, die die Institutionen des neuen Europa sogar noch vor ihrer Gründung erschüttern werden. Als Reaktion auf die nationale Identitätskrise beobachten wir die Entstehung von territorial definierten Identitäten auf der regionalen, städtischen und nachbarschaftlichen Ebene. Europäische Städte werden zunehmend auf ihre lokale Kultur ausgerichtet sein, während sie zunehmend gegenüber höheren kulturellen Identitäten mißtrauisch sind. Das daraus entstehende Problem ist, ob Städte zur ganzen Welt Bezug haben können, ohne einer auf das Lokale, Quasi-Tribunale ausgerichteten Reaktion zu erliegen, die eine fundamentale Trennung zwischen lokalen Kulturen, europäischen Institutionen und der globalen Ökonomie erzeugt.

Der Einfluß der neuen sozialen Bewegungen

Europäische Städte stehen auch unter der Einwirkung des Aufstiegs der sozialen Bewegungen der Informationsgesellschaft und insbesondere von zwei zentralen Bewegungen der Informationsgesellschaft: der Umwelt- und der Frauenbewegung.

Die Umweltbewegung befindet sich am Ursprung des ökologischen Bewußtseins, das sich auf die Stadtverwaltung und -politik substantiell ausgewirkt hat. Das Problem einer erhaltenden Entwicklung ist ein grundlegendes Thema unserer Zivilisation und ein beherrschender Gegenstand in den zeitgenössischen politischen Programmen. Weil große Städte in Europa gleichzeitig die Zentren ökonomischen Wachstums und die Lebensräume des Bevölkerungsanteils mit dem größten Umweltbewußtsein sind, werden die Integrationskämpfe zwischen ökonomischem Wachstum und Umwelterhaltung auf ihren Straßen und in ihren Institutionen ausgefochten.

Der strukturelle Transformationsprozeß der Situation der Frauen steht in dialektischer Interaktion mit dem Aufstieg der feministischen Bewegung und hat das soziale Gefüge der Städte vollständig verändert. Die Arbeitsmärkte wurden erheblich auf Frauen ausgerichtet, was zu einem Wandel der Arbeitsbedingungen und des Managements, des Kampfes und der Verhandlungen und schließlich zur Schwächung von Gewerkschaften geführt hat, die sich nicht von ihrer sexistischen Tradition ablösen konnten. Auch das weist auf die Möglichkeit einer neuen Arbeiterbewegung im Informationssektor hin, die sich historisch von ihren Vorläufern unterscheiden wird, weil sie ebenso auf den Rechten und Interessen der Frauen wie auf denen der Männer beruht.

Konflikte zwischen den urbanen Bevölkerungsschichten

Gleichzeitig verändert die Transformation der Haushalte und der häuslichen Arbeitsteilung die Bedürfnisse des kollektiven Konsums und so der urbanen Politik grundlegend. Beispielsweise wird die Betreuung der Kinder zu einem ebenso wichtigen Thema in den heutigen Städten wie das des Wohnens. Die Verkehrsnetze müssen sich an die Bedürfnisse von zwei Arbeitenden in der Familie anpassen und können nicht mehr auf die freie Beförderungsleistung zurückgreifen, die bis vor kurzem die Hausfrau in den Vorstädten angeboten hat.

Einige der neuen sozialen Bewegungen, deren Abwehrreaktion am größten ist, nahmen die Form von territorial verankerten Gegenkulturen an oder werden dies tun. Sie besetzen einen gegebenen Raum, um sich von der Außenwelt abzuschneiden, bar jeder Hoffnung, die von ihnen abgelehnte Gesellschaft zu verändern. Da sich solche Bewegungen am ehesten in größeren Städten entwickeln, in denen sich sowohl eine junge, hoch gebildete Bevölkerung als auch marginale Kulturen konzentrieren, die sich an die Nischen innerhalb der Institutionen anpassen, werden wir einen kontinuierlichen Kampf um die Aneignung des bedeutungsvollen Raumes in den wichtigen europäischen Städten beobachten können. Unternehmen versuchen, sich die Schönheit und die Tradition ihrer Nobelviertel anzueignen, und Gegenkulturen bestehen auf dem Gebrauchswert der Innenstadt, während die Einwohner versuchen, ihr Leben weiterzuführen, indem sie dem fremden Sturm der neuen Geschichte trotzen.

Jenseits der territorialen Kämpfe zwischen sozialen Bewegungen und elitären Interessen, breitet sich die neue, nicht mit solchen sozialen Bewegungen verbundene Marginalität über den urbanen Raum aus. Drogensüchtige, Drogendealer und Drogenopfer bevölkern die Nebenstraßen der Innenstädte, lassen Unvorhersehbares entstehen, erwecken unsere eigenen psychischen Ängste und trüben den Glanz zivilisierten Wohlstands beim täglichen Einbruch der Dunkelheit. Die "schwarzen Löcher" unserer Gesellschaft, also jene sozialen Bedingungen, aus denen es keine Wiederkehr mehr gibt, nehmen gleichfalls ihr Territorium ein und lassen die Städte aus Furcht vor ihrem uneingestandenen Leiden erzittern.

Die Aneignung des urbanen Raums durch die neue Armut und die neue Marginalität nimmt zwei Formen an: die tolerierten Ghettos, in denen die marginalisierten Menschen außerhalb der Sicht der gesellschaftlichen Mehrheit hausen dürfen, und die ungeschützte Anwesenheit der Obdachlosen im zentralen Bereich der Städte. Das ist eine riskante Strategie, aber gleichzeitig auch eine Überlebenstechnik, da sie nur hier existieren und in Kontakt mit der Gesellschaft kommen können, um nach einer Gelegenheit Ausschau zu halten oder einen tödlichen Schlag herauszufordern.

Weil die Informationsgesellschaft Reichtum und Macht konzentriert, während sie soziale Gruppen nach ihren Fähigkeiten polarisiert, wenn nicht eine überlegte Politik die strukturellen Tendenzen korrigiert, können wir auch die Entstehung eines gesellschaftlichen Dualismus beobachten, der letztlich zur Bildung einer dualen Stadt führen könnte. Das ist ein Begriff, den ich im Folgenden näher erklären werde, wenn ich die räumlichen Folgen der strukturellen und gesellschaftlichen Prozesse thematisiere, die aus meiner Sicht den Rahmen für die neue geschichtliche Dynamik der europäischen Städte bilden.

Die räumliche Veränderung der europäischen Großstädte

Aus den beschriebenen Trends resultieren eine Reihe von räumlichen Phänomenen, die die gegenwärtige räumliche Struktur der großen metropolitanen Zentren Westeuropas kennzeichnen. Diese Zentren werden durch den beunruhigenden Ausdruck verschiedener räumlich-gesellschaftlicher Formen und Prozesse geprägt. Ich halte es für nützlich, sie in ihrer Einzigartigkeit hervorzuheben, obwohl es offensichtlich ist, daß sie nicht ohne ihren wechselseitigen Bezug verstanden werden können.

Vor allem anderen ist das nationale und internationale Geschäftszentrum die ökonomische Maschine der Stadt in der globalen Informationsgesellschaft. Ohne es gibt es keinen Reichtum, der in einem gegebenen urbanen Raum angeeignet werden könnte, und erfaßt die Krise jedes andere Vorhaben in der Stadt, wodurch das Überleben zur nächstliegenden Priorität wird. Das Geschäftszentrum besteht aus einer Infrastruktur der Telekommunikation, Kommunikation, städtischen Einrichtungen und Büroräumen, die auf Technologie und Ausbildungsinstitutionen basiert. Es entwickelt sich durch Informationsverarbeitung und Steuerungsfunktionen. Manchmal wird es durch Tourismus und Verkehrseinrichtungen ergänzt. Es ist der Knotenpunkt des Raums der Ströme, der den beherrschenden Raum der Informationsgesellschaften kennzeichnet.

Es ist also der abstrakte Raum, der durch die Netzwerke des Austausches von Kapitalströmen, Informationsströmen und Entscheidungen konstituiert wird, die die führenden Zentren untereinander über den ganzen Globus hinweg verbinden. Weil der Raum der Ströme Knotenpunkte für den Austausch benötigt, stellen Geschäftszentren und ihre Hilfsfunktionen seine Orte dar. Solche Orte existieren nicht durch sich selbst, sondern nur durch ihre Verbindung mit ähnlichen anderen Orten, die in einem Netzwerk organisiert sind, daß die wirkliche Einheit aus Management, Innovation und Macht bildet.

Die Informationsgesellschaft ist nicht entkörpert. Neue Eliten halten sie in Gang, obwohl sie ihre Macht und ihren Reichtum nicht notwendigerweise auf den mehrheitlichen Besitz der Unternehmen stützen. Die neue Elite der Manager, Technokraten und Politiker schafft jedoch exklusive Räume, die so abgegrenzt und entfernt von der Stadt sind wie die Bürgerviertel der Industriegesellschaft. Im Gegensatz zu Amerika neigen in den europäischen Städten die wirklich exklusiven Wohnviertel dazu, die urbane Kultur und Geschichte für sich zu annektieren, indem sie sich in sanierten Bereichen der Innenstadt ansiedeln und so die fundamentale Tatsache herausstreichen, daß die Elite dann, wenn die Macht klar etabliert und durchgesetzt ist, nicht in ein suburbanes Exil gehen muß, wie dies die schwache und ängstliche amerikanische Elite machen mußte, um der Kontrolle durch die urbane Bevölkerung zu entgehen. Bedeutsame Ausnahmen sind nur New York, San Francisco und Boston.

Die suburbane Welt der europäischen Städte ist ein sozial vielfältiger Raum, der in verschiedene Peripherien um die Innenstadt aufgeteilt ist. Es gibt die traditionellen Wohngebiete der Arbeiter und Angestellten mit ihren gut erhaltenen Eigenheimen. Es gibt die neuen Städte, die von einer jungen Schicht der unteren Mittelklasse bewohnt werden, deren Alter es für sie schwierig macht, in den teuren Wohnungsmarkt der Innenstadt einzudringen. Und es gibt auch die peripheren Ghettos der älteren Sozialwohnungen, in denen die neuen Immigranten und die armen Arbeiterfamilien ihre Aussperrung von der Stadt erfahren.

Vorstädte sind aber auch die Orte der Industrieproduktion in europäischen Städten. Sowohl traditionelle Fabriken als auch neue High-Tech-Industrien befinden sich in den neuen Peripherien der großen metropolitanen Gebiete. Sie sind nahe genug an den Kommunikationszentren, aber entfernt von den älteren Industriebezirken.

Zentrale Städte werden noch immer durch ihre Geschichte geformt. Daher bilden die traditionellen Wohnbereiche der Arbeiterklasse, die mehr und mehr von Angestellte im Dienstleistungsbereich als von Industriearbeitern bewohnt werden, einen abgegrenzten Raum. Weil er der verwundbarste ist, wird er zum Kampfgelände zwischen den Sanierungsvorhaben der Unternehmen und der Oberklasse und den Einwanderungsversuchen der Gegenkulturen, die den Gebrauchswert der Stadt für sich benutzen wollen. Sie werden oft zu defensiven Räumen für Arbeiter, die nur um ihr Heim kämpfen können, und deswegen gleichzeitig zu bedeutungsvollen und beliebten Nachbarschaften sowie zu Bastionen der Fremdenfeindlichkeit und des Regionalismus.

Die neue Mittelklasse wird zwischen der Attraktion des friedvollen Komforts der langweiligen Vorstädte und den Angeboten eines hektischen und oft zu teuren urbanen Lebens zerrissen. Die Art des Haushalts bestimmt allgemein die Wahl des Raumes. Je stärker Frauen eine Rolle im Haushalt spielen und je stärker die Nähe zu den Arbeitsstellen und städtischen Einrichtungen den urbanen Raum attraktiv für die neue Mittelklasse macht, desto mächtiger wird auch der Prozeß der Gentrifizierung der Innenstadt. Je patriarchalischer hingegen die Mittelklassefamilie bei gleichen ökonomischen Voraussetzungen ist, desto wahrscheinlicher wird der Rückzug in die Vorstädte, um die Kinder aufzuziehen.

Die Innenstadt ist aber auch der Ort für die Ghettos der neuen Immigranten, die mit dem schwarzen Arbeitsmarkt und den für das Überleben in einer feindlichen Umwelt notwendigen Unterstützungs- und Hilfsnetzwerken verbunden sind. Doch die Konzentration von Immigranten in einigen dem Verfall anheimgegebenen Vierteln europäischer Städte ist nicht mit amerikanischen Ghettos vergleichbar, weil die überwältigende Mehrheit der ethnischen Minderheiten in Europa Arbeiter sind, die ihren Unterhalt verdienen und ihre Familien ernähren. Die sehr starke Form der Unterstützung macht die Ghettos zu starken, familienorientierten Gemeinschaften, die nicht von der Straßenkriminalität beherrscht werden.

Urbane Marginalität manifestiert sich in den zentralen Verwaltungs- und Unterhaltungsbereichen der europäischen Städte. Sie ist überall in den belebtesten Straßen und an den Knotenpunkten der öffentlichen Verkehrsmittel als Überlebensstrategie präsent, weil hier die Menschen öffentliche Aufmerksamkeit erreichen oder private Geschäfte abschließen können, sei es durch eine Hilfe der Wohlfahrt, einen Drogenhandel, einen Akt der Prostitution oder eine Maßnahme der Sittenpolizei.

Große europäische metropolitane Gebiete zeigen, abhängig von ihrer unterschiedlichen Rolle in der europäischen Ökonomie, einige Varianten der geschilderten Struktur des urbanen Raums. Je tiefer sie im Informationsnetzwerk angesiedelt sind und je größere Probleme sie beim Verlassen des industriellen Zeitalters haben, desto traditioneller ist ihre urbane Struktur. Alte Wohn- und Geschäftsviertel spielen dann die bestimmende Rolle in der städtischen Dynamik. Je höher hingegen ihre Stellung in der Konkurrenz der europäischen Ökonomie und je größer der Anteil an neuen Dienstleistungen in ihren Geschäftsvierteln ist, desto umfangreicher wird die Restrukturierung des urbanen Raums sein. Gleichzeitig werden in diesen Städten, in denen die europäische Gesellschaft Funktionen und Menschen neu verteilt, die Gegenkulturen am stärksten sein und um die Herrschaft über das Territorium kämpfen, da Identitäten mehr und mehr über die räumliche Verankerung definiert werden.

Der kritische Faktor im neuen urbanen Prozeß beruht jedoch auf dem Sachverhalt, daß der urbane Raum sich zunehmend sozial ausdifferenziert, während er jenseits des räumlichen Zusammenhangs funktionell vernetzt ist. Daraus entsteht die Aufspaltung zwischen symbolischer Bedeutung, der räumlichen Verankerung der Funktionen und der sozialen Aneignung des Raums im städtischen Bereich.

Die Transformation der europäischen Städte ist unabtrennbar von einer tieferen, strukturellen Transformation, die sich auf die urbanen Formen und Prozesse in hoch entwickelten Gesellschaften auswirkt: die Heraufkunft der Informationsstadt.

Die Informationsstadt

Die räumliche Entwicklung der europäischen Städte ist der geschichtlich spezifische Ausdruck einer allgemeineren räumlichen Transformation der urbanen Formen und Prozesse, die die großen gesellschaftlichen Trends unserer historischen Epoche spiegeln: die Entstehung der Informationsstadt . Mit diesem Begriff meine ich nicht die urbane Form, die aus dem direkten Einfluß der Informationstechnologien auf den Raum entsteht. Die Informationsstadt ist der urbane Ausdruck der ganzen Matrix von Bedingungen der Informationsgesellschaft, ebenso wie die Industriestadt der Ausdruck der Industriegesellschaft war. Die Prozesse, die die Form und Dynamik dieser neuen urbanen Struktur prägen, können besser verstanden werden, wenn man einen Blick auf die gegenwärtigen sozialen und ökonomischen Trends wirft, die das Territorium neu ordnen. Die neue internationale und interregionale Arbeitsteilung der Informationsgesellschaft führt weltweit zu drei gleichzeitigen Prozessen:

  1. Die Stärkung der metropolitanen Hierarchie in der ganzen Welt durch die wichtigsten Knotenpunkte, die ihr Informationspotential und die neuen Kommunikationstechnologien einsetzen, um ihre globale Reichweite auszubauen und zu vertiefen.
  2. Der Niedergang der alten, einst beherrschenden Industrieregionen, die den Übergang zur Informationsökonomie nicht erfolgreich bewältigen konnten. Das bedeutet allerdings nicht, daß alle traditionellen Industriestädte dem Verfall preisgegeben sind. Dortmund und Barcelona zeigen beispielsweise die Möglichkeit, sich von der industriellen Vergangenheit zu lösen und neue Unternehmensdienstleistungen sowie eine High-Tech-Produktion an sich zu binden.
  3. Die Entstehung neuer Regionen (wie France Midi oder Andalusien) oder neuer Länder (wie im pazifischen Raum Asiens) als dynamische Wirtschaftsstandorte, die Kapital, Menschen und Waren anziehen, schafft eine neue ökonomische Geographie.

In der neuen Ökonomie wird die Produktivität und Konkurrenzfähigkeit von Regionen und Städten dadurch bestimmt, wie sie Informationskapazität, Lebensqualität und Anschluß an das Netzwerk der großen metropolitanen Bereiche auf nationaler und internationaler Ebene kombinieren können.

Die neue räumliche, für die Informationsstadt charakteristische Logik wird bestimmt durch die Vorherrschaft des Raums der Ströme über den Raum der Orte. Unter dem Raum der Ströme verstehe ich das System der Zirkulation von Information, Kapital und Macht, das die grundlegenden Prozesse der Gesellschaften, Ökonomien und Staaten zwischen verschiedenen Orten, aber unabhängig vom Standort, bestimmt. "Raum" nenne ich ihn deswegen, weil er eine räumliche Materialität besitzt:

  1. die Führungszentren in einigen wenigen besonderen Bereichen von einigen wenigen Orten;
  2. das Telekommunikationssystem, das abhängig ist von im Raum nicht gleichmäßig verteilten Telekommunikationseinrichtungen und -dienstleistungen und so einen Raum der Telekommunikation markiert;
  3. ein ausgebautes Verkehrssystem, daß diese Knotenpunkte von großen Flughäfen und Fluglinien, von Autobahnen und Hochgeschwindigkeitszügen abhängig macht;
  4. das Sicherheitssystem, das zum Schutz solcher Führungszentren, umgeben von einer potentiell feindlichen Welt, notwendig ist;
  5. und die symbolische Prägung solcher Orte durch die neue Monumentalität der Abstraktion, die die Orte im Raum der Ströme in ihrer inneren Struktur und ihrer architektonischen Form bedeutungsvoll unbedeutend macht. Der Raum der Ströme, der sich über den Raum der Orte legt, drückt die wachsende Differenzierung zwischen Macht und Erfahrung, die Trennung zwischen Bedeutung und Funktion aus.

Die Informationsstadt ist gleichzeitig die globale Stadt, da sie die Steuerungsfunktionen der globalen Ökonomie in einem Netzwerk der Zentren für Entscheidungs- und Informationsprozesse miteinander verknüpft. Diese Globalisierung von urbanen Formen und Prozessen reicht weiter über das Funktionale und Politische hinaus und beeinflußt das Konsumverhalten, die Lebensstile und den formalen Symbolismus.

Schließlich ist die Informationsstadt auch die duale Stadt , weil die Informationsökonomie die strukturelle Tendenz besitzt, eine polarisierte Beschäftigungsstruktur nach den Informationskapazitäten verschiedener sozialer Gruppen zu erzeugen. Produktivität im Bereich der Information an der Spitze kann eine strukturelle Arbeitslosigkeit oder eine Herunterstufung der sozialen Bedingungen der Handarbeit am anderen Ende hervorrufen, was vor allem dann der Fall ist, wenn die Macht der Gewerkschaften in diesem Prozeß geschwächt wird und wenn die Institutionen des Wohlfahrtsstaates durch den gemeinsamen Angriff seitens der konservativen Politik und der liberalen Ideologie untergraben werden. Abgewertete Arbeitsstellen werden von Immigranten besetzt, was die duale Aufspaltung der urbanen Sozialstruktur verstärken kann.

Parallel hierzu entwickeln sich aus dem unterschiedlichen Alter der zunehmenden älter werdenden ursprünglichen Bevölkerung in den europäischen Städten und der jüngeren Bevölkerung von neu Hinzuziehenden und Immigranten zwei extreme Einwohnerschichten aus, die gleichzeitig hinsichtlich der Bildung, der ethnischen Abstammung und dem Alter polarisiert werden. Daraus entstehen mögliche soziale Spannungen.

Die notwendige Mischung von Funktionen im selben metropolitanen Gebiet führt zu Versuchen, die soziale Spaltung und funktionale Ausdifferenzierung durch Planung der räumlichen Gestaltung von Aktivitäten und Wohnviertel zu erhalten, was manchmal durch den Eingriff öffentlicher Institutionen und manchmal durch den Einfluß der Preise für Grundeigentum geschieht. Daraus bilden sich Städte, die aus räumlich koexistierenden, aber sozial sich ausschließenden und in einer wachsenden Spannung sich gegenüberstehenden Gruppen und Funktionen bestehen. Als Folge dieser Spannung setzen sich defensive Räume durch.

Das führt zum grundlegenden urbanen Dualismus unserer Zeit, der den Kosmopolitismus der Elite, die in einer alltäglichen (funktionalen, sozialen und kulturellen) Verbindung mit der ganzen Welt steht, mit der Stammeskultur von lokalen Gemeinschaften konfrontiert. Sie versuchen, eingeschränkt auf ihre Räume, diese als letzte Rückzugsgebiete vor den Makrokräften zu kontrollieren, die ihre Lebensweise außerhalb ihres Einflußbereiches formen. Die fundamentale Trennungslinie innerhalb unserer Städte liegt in der Partizipation der kosmopolitischen Schicht an der Gestaltung der neuen Geschichte, während die auf ihren Ort ausgerichteten Menschen von der Lenkung der globalen Stadt ausgeschlossen sind, zu der aber letztlich auch ihre Wohngebiete gehören.

Die Informationsstadt, die globale Stadt und die duale Stadt sind also eng miteinander verbunden und bilden den Hintergrund für die urbanen Prozesse in den Großstädten Europas. Das größte Problem ist das zunehmende Schwinden der Kommunikation zwischen den Leitungsfunktionen der Ökonomie und der diese ausübenden Informationselite auf der einen Seite und der regional ausgerichteten Bevölkerungsschicht auf der anderen, die eine immer tiefer reichende Identitätskrise durchlebt. Die Trennung zwischen Funktion und Bedeutung, übersetzt in die Spannung zwischen dem Raum der Ströme und dem Raum der Orte, könnte zu einer mächtigen destabilisierenden Kraft in den europäischen Städten werden, die sie möglicherweise in einen neue Art der Stadtkrise treibt.

Die Steuerung des Übergangs zur Informationsstadt

Die wichtigste Herausforderung für die europäischen, aber auch für alle Großstädte der Welt ist die Verbindung der global ausgerichteten ökonomischen Funktionen der Stadt mit der lokal verwurzelten Gesellschaft und Kultur. Die Trennung dieser zwei Ebenen der neuen Wirklichkeit führt zu einer strukturellen urbanen Schizophrenie, die das soziale Gleichgewicht und unsere Lebensqualität bedroht. Überdies erzwingt die europäische Einigung eine dramatische Restrukturierung der politischen Institutionen, während die Nationalstaaten einen Bedeutungsschwund ihrer Rolle erleben, die nach oben auf supranationale Institutionen und nach unten auf eine wachsende regionale und lokale Autonomie übergeht.

Paradoxerweise scheinen in einer globalen Ökonomie und mit dem Aufstieg des supranationalen Staates regionale Regierungen an der Front des Steuerungprozesses der neuen urbanen Gegensätze und Konflikte zu stehen. Nationalstaaten haben immer weniger Macht, die globale Ökonomie zu beeinflussen, und sie sind gleichzeitig nicht flexibel genug, um in spezifischer Weise mit den in einer gegebenen regionalen Gesellschaft aufkommenden Problemen umzugehen. Regionale Regierungen scheinen gegenüber den globale Trends genauso machtlos zu sein, aber sie sind gegenüber der sich verändernden sozialen, ökonomischen und funktionalen städtischen Umwelt anpassungsfähiger.

Der Erfolg der politischen Institutionen des neuen Europa werden eher von ihrer Fähigkeit der Vermittlung und Anpassung abhängen als von der ihnen eigenen Macht, da diese Macht über eine Vielzahl von Entscheidungsprozessen und Organisationen verteilt und zerstreut sein wird. Anstatt zu versuchen, die ganze Komplexität der europäischen Gesellschaft zu beherrschen, werden die Regierungen mit spezifischen Problemfeldern und Zielen unter spezifischen regionalen Gegebenheiten zu tun haben. Deswegen können regionale Regierungen trotz ihrer beschränkten Macht die geeignetsten Steuerungsinstanzen dieser Städte sein, weil sie in der Weltökonomie arbeiten und in lokalen Kulturen leben. Die Stärkung regionaler Regierungen ist deswegen eine Vorbedingung für die Steuerung europäischer Städte. Doch regionale Regierungen können dieses Potential nur dann ausüben, wenn sie drei grundlegende politische Ziele im Auge haben:

  1. Die Förderung der Bürgerbeteiligung auf der Basis von starken lokalen Gemeinschaften, die die regionale Regierung mit Information versorgen, ihre Bedürfnisse artikulieren und den Boden für die Legitimität von regionalen Regierungen schaffen, so daß diese zu geachteten Partnern der globalen Kräfte werden können, die in ihrem Gebiet tätig sind.
  2. Die Verbindung und Kooperation zwischen regionalen Regierungen in ganz Europa machen es für globalen ökonomischen Kräfte schwierig, eine Regierung gegen die andere auszuspielen, und erzwingen daher die Kooperation der neuen globalen Ökonomie und der lokalen Gesellschaften in einem fruchtbaren neuen Gesellschaftsvertrag. Neue Informationstechnologien sollten eine qualitative Verbesserung der Kooperation zwischen regionalen Regierungen ermöglichen. Eine Datenbank der europäischen Städte und ein Netzwerk schneller Kommunikation zwischen regionalen Führungskräften könnte eine wirkliche Verknüpfung von Interessen der demokratischen Repräsentanten regionaler Bevölkerungsschichten erlauben. Eine elektronisch verbundene Föderation von quasi-freien Kommunen könnte den Weg für die Wiederherstellung der sozialen und politischen Einflußnahme auf die globalen Kräfte im Informationszeitalter ebnen.
  3. Die Steuerung der neuen urbanen Gegensätze auf der lokalen Ebene durch die Einwirkung auf die sozialen Trends, die solchen Gegensätzen zugrunde liegen, erfordert eine Vision der neuen Stadt und der neuen Gesellschaft, in die wir bereits eingetreten sind. Das schließt die Einführung von kooperativen Mechanismen mit nationalen Regierungen und europäischen Institutionen jenseits der natürlichen und gesunden Parteikonkurrenz ein. Die regionalen Regierungen des neuen Europa finden ihre Hausaufgabe im Verständnis ihrer Städte, wenn sie die historische Rolle einnehmen sollen, die von der überraschenden Evolution der Gesellschaft auf sie zukommen könnte.

Die historische Besonderheit der europäischen Städte könnte daher ein fundamentaler Vorteil bei der Schaffung der Bedingungen sein, die die Steuerung der Gegensätze zwischen dem Globalen und Lokalen im neuen Kontext der Informationsgesellschaft erlauben. Weil europäische Städte starke, in einer langen Geschichte und einer reichen, vielfältigen Kultur verwurzelte Bürgergemeinschaften haben, könnten sie die Bürgerbeteiligung als fundamentale Gegenkraft zur Tribalisierung und Entfremdung stimulieren. Und weil die Tradition der europäischen Städte als Stadtstaaten im größten Teil Europas den Takt zum Eintritt in das moderne Zeitalter vorgegeben haben, was im kollektiven Gedächtnis ihrer Menschen eingegraben ist, könnte das Wiederaufleben des Stadtstaates das notwendige Komplement zur Expansion der globalen Ökonomie und zur Schaffung eines europäischen Staates darstellen.

Europäische Städte könnten, eben weil sie Städte und nicht nur Regionen sind, die Verbindung zwischen dem Raum der Ströme und dem Raum der Orte, zwischen der Funktion und der Erfahrung, zwischen Macht und Kultur herstellen und so die Stadt der Zukunft auf den Grundlagen ihrer Vergangenheit erschaffen.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer

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