Bilder, mit denen man handeln kann
Eine weitere Auslöschung von klassischen Kategorien, die mit dem Virtuellen eintritt, betrifft den Gegensatz zwischen Bild und Handlung. Vor der Existenz des Digitalen und des Virtuellen waren die Bilder zu einer passiven Repräsentation verdammt. Sie schlossen das Handeln aus. Die Bilder waren photographische oder gemalte Erinnerungen oder reine Fiktionen. Sie waren physikalisch und vor allem funktionell durch ihre notwendige Materialität eingeschränkt: durch die pastose Farbe, die photochemische Beschichtung, die photosensible Oberfläche der Fernsehkameras. Mit dem Digitalen löst sich das Bild aus jeder spezifischen Materialität, um eine funktionelle Universalität zu gewinnen. Seitdem kann man es in Handlungs- und materielle Transformationsprozesse einbeziehen, es beispielsweise mit Robotern durch computergestützte Techniken der Bilderkennung verbinden oder in komplexe Steuereinheiten einbauen, die über verschiedene Sensoren und Effektoren verfügen. Telepräsenz und Televirtualität setzen auf verschiedenen Ebenen das Virtuelle ein, um in der wirklichen Welt zu handeln. Man kann die virtuelle Repräsentation nicht mehr der wirklichen Handlung entgegenstellen , weil die Repräsentation ein Teil der Handlung ist, indem sie diese unterstützt, sie modelliert und in manchen Fällen sogar trägt. Ein Beispiel wird dies verständlich machen. Man kann virtuell mit der sogenannten Technik der Nanopräsenz sogar mitten in einem Molekül "präsent" sein. Ein Rastertunnel-Mikroskop macht es möglich, eine molekulare Struktur Atom für Atom zu visualisieren. Man kann diese wirkliche Visualisierung (die dreidimensional und interaktiv erkundbar sein kann) mit der Simulation von Feldern elektronischer Kraft verbinden. Man kann schließlich direkt und "wirklich" auf der Ebene jedes einzelnen der repräsentierten Atome handeln. So konnte man die bekannt gewordene Wahrnehmung einer Einschreibung des IBM-Logos auf einer Siliziumoberfläche mit der Hilfe einiger Atome machen.
Man könnte weitere Beispiele wirklicher Handlung mittels des Virtuellen anführen. Der virtuelle Krieg der elektronischen Gegenmaßstäbe ist in dieser Hinsicht voll von interessanten Situationen. So kann man digital künstliche Radarsignale erzeugen, um aktiv die Suchsysteme von Raketen zu stören. Während des Golfkrieges hat man Simulatoren eingesetzt, um die gegenwärtige Position der Streitkräfte darzustellen und ihre Einsätze auf einem "virtuellen Schlachtfeld" vorzubereiten.
Was man hört, vergißt man; was man sieht, behält man im Gedächtnis; was man macht, versteht man.
Die Datenbank SAKI hatte die Genauigkeit von militärischen Überwachungssatelliten und enthielt alle betroffenen Territorien: Irak, Kuweit, Saudi-Arabien. Sie ermöglichte nicht nur eine Simulation, sondern eine Einsatzvorbereitung. Nach dem Erfolg von SAKI hat die amerikanische Armee beschlossen, dieses Vorgehen auf den ganzen Planeten zu erweitern. Das ist die "verteilte Simulation" DIS der DARPA. Dabei geht es darum, eine gemeinsame Norm für den Datenaustausch zu entwickeln, um es allen Simulatoren zu ermöglichen, wie virtuelle "Präsenzpunkte" in dem weltweiten Netz der NATO zu funktionieren. Das zur Zeit verfolgte Ziel besteht darin, daß die zentrale Kommandostelle sich über die globale virtuelle Schnittstelle der DIS direkt mit der wirklichen Welt verbinden kann. So könnte man einen kontinuierlichen "Zoom" an irgendeiner Stelle des Planeten machen und an alle Auflösungen die verfügbaren Informationen anbinden. Das könnten Videobilder (von Überwachungssatelliten ), abstrakte Bilder (von der Situation des Schlachtfeldes oder einer Kampfeinheit) oder selbst der Gesundheitsstand eines individuellen Soldaten sein, der direkt mit dem Rest der Welt verbunden ist, wie das kürzlich bei der Rettung eines amerikanischen Piloten in Bosnien der Fall war.
Mit den virtuellen Bildern kann man etwas machen. Man kann in ihnen handeln. Man kann folglich das Wirkliche durch das Virtuelle verstehen. Bilder ermöglichen es uns, die Repräsentation, die man sich von der Welt macht, und die Welt selbst zu verändern.
Bilder, mit denen man handeln kann
Die "erweiterte Wirklichkeit" oder die Karte und das Territorium
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