Stadt am Netz

Die "erweiterte Wirklichkeit" oder die Karte und das Territorium

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Die "erweiterte Wirklichkeit" ist ganz einfach die Verbindung des Wirklichen mit dem Virtuellen : man kann die Techniken der virtuellen Repräsentation dazu einsetzen, über die wirkliche Welt virtuelle Bilder oder Informationen zu legen. Diese intime Hybridisierung ermöglicht es, mit den Artefakten der virtuellen Wirklichkeit bestimmte Aspekte der wirklichen Wirklichkeit explizit zu machen, sie zu bewerten oder hervorzuheben. Deswegen sagt man, daß das Virtuelle das Wirkliche "erweitern" wird. Die erweiterte Wirklichkeit kann in einem Handlungsfeld, während einer chirurgischen Operation gebraucht werden. Diese Anwendung erfolgte im Rahmen der Operation einer Skoliose. Eine Apparatur erzeugt ein dreidimensionales digitales Bild, das optisch über die zu operierenden Wirbel gelegt wird, indem man es direkt in das Blickfeld des Chirurgen rückt. Eine andere, besonders spektakuläre Anwendung ist ein Orientierungssystem für Blinde. Das System enthält drei Module. Das erste Modul ermöglicht die Feststellung der Position und der Orientierung des Blinden in der wirklichen Welt. Mit der Hilfe des Global Positioning System wird eine Genauigkeit von 30 Zentimetern erreicht. Das zweite Modul ist ein geographisches Informationssystem, d.h. im wesentliche eine Datenbank, deren Detailtreue ausreicht, um alle dauerhaften Hindernisse zu berücksichtigen, denen ein Blinder auf seinem Weg möglicherweise begegnen kann, wenn er sich in der Stadt bewegt. Das dritte Modul ist damit beschäftigt, die empfangene Information für die Führung des Blinden so gut wie möglich zu "repräsentieren". Der Blinde hat Stereokopfhörer, die mit der Hilfe eines Synthesizers in Echtzeit eine Art "virtuelle Tonlandschaft" hören lassen. Die Benutzeroberfläche ermöglicht auch weitere Funktionen wie die Möglichkeit, in Form von Tonzeichen diesen oder jenen mit der wirklichen Welt verknüpften Punkt der virtuellen Welt zu "notieren", aber auch bestimmte Parameter wie die Tondarstellung der "Welt" zu verändern. Diese Art der Anwendung (die "erweiterte Wirklichkeit als Instrument der Hybridisierung verschiedener Repräsentationsebenen, die die Karte mit dem Territorium, das Virtuelle mit dem Wirklichen verbinden) wird bereits seit einigen Jahren von der Armee praktiziert.

Wenn sich die Techniken der erweiterten Wirklichkeit in der Öffentlichkeit verbreiten, wird das Wirkliche seine perzeptive Unschuld verlieren und mehr als jemals einem Palimpsest ähneln , bei dem man lernen muß, die Ebenen der Lesbarkeit, die Dichte der möglichen Kommentare, die in den Falten der Schnittstellen verborgen sind, die potentiellen Tiefen der Abschweifungen und der hypertextuellen Navigationen etc. zu entziffern. Es stimmt, daß das Wirkliche niemals diese "Unschuld" in kulturellen Kontexten mit hohen Wertvorstellungen hatte, aber im Alltagsleben blieb die Wirklichkeit für alle noch lesbar. Das wird sich jedoch ändern: Die neuen Formen der Verbindung des Wirklichen mit dem Virtuellen werden unser Leben unter dem Vorzeichen der "Erweiterung" mehr und mehr entweihen. Wir befinden uns in der Gefahr, uns hinsichtlich dieser neuen erweiterten Wirklichkeit einer Alphabetisierung unterziehen zu müssen, wenn wir nicht bald Analphabeten gleichen wollen, die in den symbolischen Urwäldern verloren gehen.

Wenn wir uns "alphabetisieren", werden wir ganz sicher mehr Macht über die Welt gewinnen. Aber dann sind wir von einem anderen Risiko bedroht: vom Verlust einer gewissen Einfachheit des Blicks, vom Verlust der ruhigen Kontemplation der Welt, die hinter einem dichten Schwall unentbehrlicher Bilder verborgen wird.

Ein anderes Problem ist das der Koexistenz in denselben perzeptiven Einheiten verschiedener Repräsentationsebenen. Dadurch werden wir genötigt, mehr und mehr zwischen den verschiedenen Stufen der Wirklichkeit und der Virtualität zu surfen. Die Wahrnehmung des Wirklichen schien uns bis heute relativ "vereinheitlicht" und folglich beherrschbar zu sein. Mit einem Minimum an gesundem Menschenverstand ausgestattet, gelang es einem, sich in den Zeichenwäldern zurechtzufinden, da sich diese Zeichen als Zeichen deuten und sich einfach auf dem stabilen und ruhigen Hintergrund des "Wirklichen" lesen ließen. Es könnte sein, daß das Ende dieses goldenen Zeitalters nahe ist. In dem Moment, in dem das Wirkliche mehr und mehr von einer Wahrheit allein zurückgelassen wird, die nicht in der Lage zu sein scheint, etwas sehen zu lassen, werden wir unsere Sicht der Welt verändern müssen. Wir müssen lernen, diese neue hybride Schrift lesen zu können. Wenn wir dies nicht machen, werden wir zu Sklaven der neuen Schriftkundigen, der Meister der hieroglyphischen Schrift des Virtuellen, die alle Repräsentationsebenen des Wirklichen, des Symbolischen, des Simulierten, des "Erweiterten" etc. verflechten.

Aus dem Französischen übersetzt von Florian Rötzer

Die virtuellen "Orte"

Der Tod der Illusionen

Bilder, mit denen man handeln kann

Informationslandschaften

Repräsentation und Präsenz

Die "erweiterte Wirklichkeit" oder die Karte und das Territorium

http://www.heise.de/tp/artikel/6/6021/1.html
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