Vernetzung im Zeitalter des Geistes

08.07.1996

Über die Evolution der Intelligenz und verteilte Systeme

Die Realisierung eines Netzwerkes aus kommunizierenden mobilen und stationären Geräten kann man als natürliche Weiterentwicklung von biologischen und technologischen Prozessen verstehen, die zu einer Gemeinschaft von bewußt gestalteten und global miteinander vernetzten Strukturen führen. Die wachsende Verläßlichkeit der Systemverbindungen in Hinsicht auf die nicht mehr räumliche, sondern funktionale Nähe ihrer Elemente wird die Begriffe der Persönlichkeit und der Identität radikal verändern und eine neue Gemeinschaft von verteilten Infomorphen - von fortgeschrittenen Informationswesen - entstehen lassen, die den bereits stattfindenden Befreiungsprozeß der funktionalen Strukturen von ihrer materiellen Abhängigkeit vollenden werden .

Die infomorphe Gesellschaft wird auf neuen Organisationsprinzipien basieren und die Überkreuzung einer superflüssigen Ökonomie mit der Cyberspace-Anarchie und einem fortgeschrittenen Bewußtsein darstellen. Das neue System wird viele der heutigen Strukturen integrieren und neue Eigenschaften ausbilden, die die Grenzen des menschlichen Verständnisses übersteigen. Seine Evolution wird von Menschen nicht mehr kontrolliert werden können, doch die Beziehungen zwischen den Nachfahren der Menschen und den heutigen Maschinen wird in weitem Umfang symbiotisch sein und zur Emergenz einer Ökologie der Intelligenz führen.

Die Vision von Moravec

In seinem neuen Buch "Mind Age. Transcedence Through Robots" beschreibt Hans Moravec künftige Stufen in der Evolution der Robotikindustrie (s.a.: Die Evolution postbiologischen Lebens). Jeder Roboter wird aufgrund von Erfahrungen lernen, sich wechselnden Umwelten anpassen und möglicherweise eine wirkliche Intelligenz erwerben, die derjenigen der Menschen nahekommt und sie dann übersteigt. Man erwartet, daß intelligente Maschinen die Menschen bei den meisten Arbeiten ersetzen werden, die jene bewältigen können. Das wird zu vielen Problemen führen, angefangen von menschlicher Arbeitslosigkeit bis hin zu einem moralischen Umgang mit Robotern und der Aufgabe, ihre sich aus der Kontrolle der Menschen lösende Intelligenz zu zähmen.

"Mind Age" ist ein provokatives und überzeugendes Buch, das ich jedem empfehle, der sich für die strukturelle Evolution der Welt interessiert. In meinem Essay werde ich von Moravecs Schlußfolgerungen ausgehen und einige ergänzende Vorstellungen formulieren, die sich vorwiegend auf die verteilte Architektur der künftigen Intelligenz beziehen, da ich diese für die Erforschung des Zeitalters des Geistes für wichtig halte.

Vernetzte Roboter

Durch Erfahrung zu lernen, ist eine sehr nützliche Fähigkeit. Wenn Ihr Roboter einige Male auf einer Bananenschale ausgerutscht ist, wird die Wahrscheinlichkeit geringer werden, daß ihm das wieder geschieht. Die Verarbeitung einer begrenzten persönlichen Erfahrung durch eine begrenzte Intelligenz wird aber nur begrenzte Ergebnisse ermöglichen. Das daraus abgeleitete Wissen wird unvollständig, inkonsistent und grob formuliert sein, es wird zu falschen Schlußfolgerungen, willkürlichen Überzeugungen und Annahmen führen, also zum typischen Inhalt eines primitiven Geistes.

Roboter, die bereits eine erzieherische Bananenschalen-Erfahrung gemacht haben, könnten diese, zusammen mit einigen Folgerungen, Ihrem Roboter mitteilen. Oder sie könnten diese, was noch besser wäre, dem nächstgelegenen Wissensprozessor mitteilen, der die Erfahrung eines Roboters mit denen von anderen kombiniert, erfolgreiche allgemeine Algorithmen zur Identifizierung ähnlicher Situationen entwickelt und geeignete Maßnahmen ergreift - und dann all dies den partizipierenden Robotern herunterlädt.

Menschen erwerben trotz ihres schlechten Gedächtnisses, ihrer geringen Kommunikationsgeschwindigkeiten und ihrer Unfähigkeit, direkt Wissen zu übermitteln, den Großteils ihres Wissens durch Lernen aus Erfahrung und aus den Schlußfolgerungen anderer. Man sollte erwarten, daß Roboter, die sich Erfahrungen mitteilen und daher nicht durch diese Einschränkungen behindert sind, viel effizienter sein sollten. Überdies kostet Informationsspeicherung und -verarbeitung in großen stationären Maschinen viel weniger als in kleinen beweglichen. Die Ausschaltung von redundanten Rechenprozessen bei Millionen von Robotern würde ein vernetztes System weitaus effizienter als eine Menge von isolierten Maschinen machen. Die gemeinsame Teilhabe an Erfahrungen sollte sich als noch größerer Vorteil erweisen. Gemeinsame Wissensverarbeitung sollte folglich um einige Größenordnungen billiger und gleichzeitig wesentlich produktiver sein. Diese Vorzüge lassen das vernetzte Design zu einem Imperativ werden und nicht zu einer Angelegenheit des Geschmacks.

Vernetzte Roboter und andere intelligente Maschinen werden nicht als unabhängige, sondern als halbintelligente, halbautonome Wesen am Front-End des globalen Systems arbeiten. Ihr Heim beispielsweise wird über Geräte mit unterschiedlichen Typen und Stufen der Mobilität, der Wahrmehmung und Intelligenz verfügen. Genauso wird das mit Autos, Fabriken, Schnellstraßen, Raumschiffen etc. sein. Diese Geräte werden mit größeren Maschinen und untereinander interagieren, um einen kontinuierlichen Daten-Backup, eine gemeinsame Erfahrung und die Verbesserung des Wissens zu erzielen.

Jede vernetzte Maschine wird letztlich auf der globalen Intelligenz basieren und Wissen nur lokal abspeichern, das oft oder dringend gebraucht wird. Wenn jemand beispielsweise beginnt, Ihrem Roboter einen Witz auf Altgriechisch zu erzählen, dann wird dieser die Tonfolge zum nächsten Sprachexperten weiterleiten und die Bedeutung der Botschaft, den Vorschlag zu einer klugen Erwiderung, eine griechische Grammatik und eine Instruktion über Griechisch erhalten, bevor er mit dem freundlichen Lächeln aufhört, das von seinem eigenen Prozessor als einfacher Weg empfohlen wird, Zeit zu gewinnen.

Die volle Grammatik und die Wissensdatenbank muß der Roboter gar nicht erhalten, weil der Teledenk-Service ein weitaus effizientere Alternative bereitstellen kann - es sei denn, jene alten Griechen werden Ihren Roboter ständig vom Netz abhängen.

Die Abhängigkeit von äußeren Wissensquellen wird kaum eine ernsthafte Begrenzung sein, da auch alle anderen offenen (dissipativen) Systeme entscheidend auf Verbindungen mit anderen Ressourcen, angefangen von Informationen über die Umwelt bis hin zu Energie und Materialien, basieren.

Das momentane Gleichgewicht der Intelligenz zwischen einem lokalen Client und dem Rest des Systems wird von unterschiedlichen technischen Faktoren abhängen. Es kann von ganz autonomen Maschinen, die an weit entfernten oder gefährlichen Orten arbeiten, bis zu gänzlich dummen Front-end-Geräten wie einem mit dem Netzwerk verbundenen Sensor oder Aktuator reichen. Eine bewegliche Maschine könnte durch eine langsame drahtlose Verbindung kontinuierlich Informationen austauschen, um wichtige Mitteilungen, Nachrichtenupdates und kleine Software-Verbesserungen zu erhalten, und sich gelegentlich in ein breitbandiges Netz zur Übermittlung größerer Informationsmengen einloggen.

Die Struktur der globalen Intelligenz

Die Architektur des globalen intelligenten Netzes wird zweifellos ziemlich komplex sein. Verschiedene Bestandteile des intelligenten Systems eines Roboters werden mit zahlreichen Archivierungs- und Wissenssystemen von Host-Computern verbunden sein, die aufgrund einer Vielzahl von ökonomischen Motiven und Interessen an der Geheimhaltung und der Sicherheit von Daten konfiguriert sind. Ganz allgemein kann neues Wissen von Robotern oder ihren Besitzern gekauft oder gemietet werden, da die automatisierte Produktion und Verteilung von Information zum primären Bereich wirtschaftlichen Handelns wird. Man kann auch ein Beta-Test-Wissen umsonst erhalten oder anstelle einer Bezahlung experimentelle Programme laufen lassen. Menschen können dafür bezahlt werden, ihre Maschinen so einzurichten, daß sie wertvolle neue Erfahrungen generieren können. Teilnehmer können auch eine Spezifizierung wünschen, welche Informationen mit anderen Bestandteilen des Systems geteilt, welche nur zum Zwecke der Verallgemeinerung benutzt und welche überhaupt nicht anderen zukommen, sondern nur in einer verschlüsselten Form gespeichert werden sollen.

Die meisten der wichtigen Netzkomponenten eines solchen Systems sind bereits gebaut oder zumindest konzeptualisiert worden. Die heutigen Kommunikationsprotokolle, gespiegelten File-Server, Public-Key-Verschlüsselungen, kooperierenden Informationsfilter, Algorithmen zur Authentifizierung von Nachrichten, Rechenökonomien, Computersysteme für Banken und andere Netznwendungen werden zu wichtigen Bestandteilen der künftigen globalen Intelligenz werden.

Dieses System wird trotz der vorausgesetzten hohen Strukturintegration kein gigantischer Superorganismus sein. Der globale Geist wird in Bereiche mit vielen, relativ unabhängigen Komponenten und Ordnungen aufgeteilt sein, die durch subjektive Grenzen und Eigentums-, Geheimhaltungs- und Sicherheitsinteressen voneinander isoliert sind. Wissens-Server können unterschiedliche Weltmodelle, inkompatible Wissensrepräsentationen oder widersprüchliche Meinungen besitzen. Obgleich diese Aufteilung die Wissensentwicklung kompliziert macht, wird sie andererseits die Stabilität und Gewandtheit des Systems erhöhen, da sie dazu beiträgt, die strukturellen Fehler in den Subsystemen, aus denen sie entstanden, zu belassen und die Sicherheit von Informationsdomänen gegenüber feindlicher Beschädigung zu gewährleisten.

Schmerzliche geschichtliche Erfahrungen ließen Zentralisierung zu einem mit Schrecken behafteten Wort bei integrierten Projekten werden. Doch in diesem Fall scheint sie keine Gefahr darzustellen. Die materielle Zentralisierung ist unwahrscheinlich, weil Speichersicherheit und die Leistung des Datentransfers die Existenz von vielen entfernten Speicher- und Wissens-Servern erfordern. Zentralisierung im Sinne der Informationsverarbeitung ist unmöglich, da der Begriff des Zentrums nicht auf ein massiv paralleles, global verteiltes und extrem komplexes System anwendbar ist.

Die Vorstellung von einem einzelnen Selbst im herkömmlichen Sinn würde für solch ein System oder für einen einzelnen Roboter nicht passen, obwohl sie für einige funktionale Subsysteme zutreffen könnte. Die intelligenten Personen von Morgen werden sich aus den heutigen philosophischen Systemen, technischen Disziplinen und Software-Komplexen fortentwickeln.

Aktuelle menschliche Kulturen hinterlassen möglicherweise keine Erben, da sie zu sehr auf den Eigenheiten der menschlichen Natur basieren. Materiell verknüpfte Bewußtseinsnetze werden hinter der evolutionären Grenze zurückbleiben. Neue verteilte Systeme werden die evolutionäre Führung übernehmen und materielle Objekte sich enger an die künftigen funktionalen Wesen anpassen. Dieser Prozeß findet bereits in der Form von kulturellen und ökonomischen Spezialisierungen statt. Das daraus entstehende System stellt vermutlich eine Mischung aus einer superflüssigen Ökonomie, der Cyberspace-Anarchie und der von Marvin Minsky in The Society of Mind beschriebenen Bewußtseinsarchitektur dar. Ich glaube nicht, daß sie durch eine einzelne umfassende Theorie beschrieben werden kann.

Man könnte sagen, daß viele verteilte Systeme bereits ein gewisses reflektives Bewußtsein besitzen. Ein Computernetz kann lokal (zumindest relativ) mehr Informationen über seine globale Verfassung speichern als das Bewußtsein eines Menschen über seine tieferen Schichten. Philosophen denken mehr über die Philosophie und ihren Zweck nach als die meisten anderen Menschen, die ich kenne. Die jüngste Welle an Metadiszplinen und methodologischen und futuristischen Untersuchungen ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß der globale Wissenskörper immer selbstbewußter wird.

Es mag schwierig sein, sich an den Umgang mit einem flüchtigen verteilten Wesen zu gewöhnen. Nehmen Sie einmal an, daß Ihr Roboter einen wirklich dummen Fehler begangen hat. Sie sind darüber sehr verärgert. Der Roboter erklärt, daß seine Handlung durch einen temporären Zustand im experimentellen semantischen Subnetz verursacht wurde, und schlägt vor, Ihnen eine hundert Terabyte große Datei von Archiven, Gedächtnisschnappschüssen und Tonspuren von zahlreichen Servern zu zeigen, die in die unglückliche Entscheidung verwickelt waren und eine teilweise Beschreibung der Zustands der dafür verantwortlichen Systemteile zu dieser Zeit enthalten. Wenn man das schuldige Element überhaupt aufspüren kann, dann ist es immateriell, verteilt und bereits längst in der Vergangenheit entschwunden.

Wen will man also bestrafen?

Die Evolution verteilter Systeme

Die verteilter Systeme ist nichts wirklich Neues. Genauso ist die Vernetzung kein neuer Trend in der Computerindustrie. Im Evolutionsprozeß wurden immer mehr Elemente exosomatsch (nicht-biologisch), verteilt und gemeinsam benutzt.

Vor Tausenden von Jahren begannen die Menschen, mehr Energie, Materialien und Werkzeuge außerhalb ihrer Körper als in ihnen einzulagern. Dieser Prozeß wurde von einer sich erweiternden persönlichen Wahrnehmung des Selbst, von der Identifizierung mit größeren Gemeinschaften und so gar von abstrakten Erklärungen begleitet, die den exosomatischen Bestandteilen der Persönlichkeit einen wachsenden Wert zuschreiben (die meisten von uns messen im Hinblick auf den persönlichen Ressourcenspeicher Bankguthaben einen höheren Wert zu als unseren Fettspeichern).

Funktionelle Erweiterungen unserer einst rein biologischen Körper entstehen aus passiven nicht-biologischen Materialergänzungen (wie Kleider) und entwickeln sich zu informationsübermittelnden gemeinsamen Teilen (beispielsweise sind Thermometer gemeinsame Sensoren) und schließlich zu aktiven verteilten Erweiterungen (die Medizin ist ein externes gemeinsames Immunsystem). Der Fortschritt liegt hier in der wachsenden Integration und Durchlässigkeit des Systems und in der Befreiung der funktionalen Bestandteile aus den Beschränkungen ihrer materiellen Substrate.

Zusätzlich sind verteilte Systeme weniger empfänglich für eine zufällig oder willentliche Beschädigung als lokalisierte materielle Strukturen. Deshalb sind sie die einzige Klasse von Wesen, die eine wirkliche Unsterblichkeit erlangen können. Sie sind aber auch die einzigen, die dies verdienen. Man kann sehen, daß alle hinreichend komplexen Wesen mit unbeschränkten natürlichen Lebenserwartungen, angefangen von Ameisenkolonien bis hin zu großen ökologischen Systemen und Kulturen, verteilte Systeme sind. Körperlich vernetzte Systeme wie biologische Organismen leben nicht autonom und enthalten sogar aus dem Interesse größerer Systeme Selbstzerstörungsmechanismen, die sie nicht beeinflussen können. Manche dieser Objekte sind so dumm, daß sie glauben, der gesamte Geschichtsprozeß finde nur zu ihrem Vorteil statt - aber das ist ein anderes Thema ...

Es kann seltsam erscheinen, daß selbst KI-Visionäre noch immer in Konzepten von nicht-verteilten Systemen denken. Ich würde das durch die menschliche Tendenz zur Automorphie erklären, durch die eine funktionale Entität mit einem körperlich verbundenen Objekt identifiziert wird, und durch die Tatsache, daß sowohl frühe Lebewesen als auch frühe Maschinen eher relativ autonome Wesen gewesen sind - eine Verfassung, die ihre Entwicklung behindert hat.

Es ist nachvollziehbar, warum frühe biologische Systeme nicht-verteilt waren. Die Natur konnte während der ersten Wachstumsstadien noch keine Standards zur Informationscodierung und zum Datentransfer entwickeln. Zu dieser Zeit lebten die Organismen voneinander getrennt und lernten während ihrer Lebenszeit nicht viel. Als sie dann begannen, alle für eine gemeinsame Verwertung wichtigen Eigenschaften zu akkumulieren, war es bereits für eine Änderung des Designs zu spät. Seitdem litten die Versuche der Natur, eine funktionale Integration auf der Ebene eines Metaorganismus zu erreichen, an der Tatsache, daß die meisten der - vererbten oder erworbenen - individuellen Eigenschaften entweder nicht übertragbar sind oder quälende Mühen erfordern, um sie zu teilen.

Die wichtigen Fortschritte, die hier stattgefunden haben, wie die Entstehung des genetischen Codes, der sexuellen Reproduktion und der Sprache, sind noch weit davon entfernt, unmittelbar innere Eigenschaften mit allen interessierten Partner zu teilen. Wirkliche Durchbrüche in dieser Richtung ergaben sich durch den Beginn der Ökonomie und der Computerkommunikation. Unglücklicherweise können biologische Organismen daraus nur indirekt Vorteile ziehen.

Leben beginnt stets als eine Menge von nicht-verteilten Objekten, da eine permanente körperliche Verbindung, auch wenn sie allzu restriktiv ist, einen natürlichen und einfachen Weg darstellt, innerhalb eines Körpers Informationen und materielle Ressourcen auszutauschen. Als später effizientere und raffiniertere Systemformen auftauchten, verschob sich die Front der Evolution stufenweise hin zu verteilten Systemen. Man kann erwarten, daß alle im Hinblick auf ihre Intelligenz hinreichend entwickelten außerirdischen Wesen verteilt sind: Die Situation auf der Erde wird möglicherweise jetzt einen Höhepunkt in diesem Prozeß erreichen.

Wenn wir die aktuellen Trends zu wachsender Komplexität und Integration des Systems und seiner ansteigenden räumlichen Ausdehnung und Kontrolle über die materielle Welt hinsichtlich ihrer logischen Konsequenzen extrapolieren, dann können wir am Ende ein superintelligentes Wesen voraussehen, das das gesamte Universum bis auf die Quantenebene hinunter und mit vielen emergenten Eigenschaften durchdringt. Dieses Bild hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit der gewöhnlichen Vorstellung eines allgegenwärtigen, allwissenden und allmächtigen Wesens. Zur Spiritualität neigende Rationalisten werden den stattfindenden Evolutionsprozeß als Theogenese betrachten. Eine interessante Frage wäre, ob diese bereits irgendwo anders geschehen ist. Gegenwärtig bauen wir das Fundament für die Infrastruktur der künftigen universellen Intelligenz. Viele unserer Erfolge in der Informationstechnik werden möglicherweise ewig erhalten bleiben oder zu Bestandteilen der inneren Architektur des Gottes werden (ziemlich wahrscheinlich in Form von nostalgisch aufbewahrten Rudimente ;-) ).

Leben als verteiltes Infowesen

Das Leben verteilter Wesen (nennen wir sie nach Charles Platt Infomorphe), die keine dauerhaften Körper, sondern fast perfekte Fähigkeiten für den Umgang mit Informationen besitzen, wird sich von dem unseren dramatisch unterscheiden. Sie werden sich bestimmt keinen langen Ausbildungszeiten unterziehen müssen. Wenn ein Infomorph etwas von einem anderen lernen will, braucht er sich nur die notwendige Information zu kopieren oder sich Zugang zum Wissen des Lehrers zu verschaffen. Wenn Infomorphe eine Vorstellung von "Vergnügen" besitzen, dann werden das sicherlich keine Fahrten mit der Achterbahn sein. Kunst, Geschäft und das Gebären von Kindern werden vielleicht in der Herstellung von funktionalen Wesen aus Gründen des Vergnügens und des Profits, vorausgesetzt, man kann hat genügend Mittel, um sie zu schaffen und zu erhalten.

Werden die herkömmlichen menschlichen Werte in der Welt verteilter Wesen noch irgendeine Bedeutung besitzen? Wie steht es mit der Diskussion über Abtreibung? Mit der Pensionierung? Mit familiären Werten? Mit Parties? Mit der Ethik? ("Alle funktionellen Wesen sind von Natur aus gleich.") Wird die auf Menschen ausgerichtete Demokratie (Entscheidungsfindung durch das Abzählen von Körpern) in einer Welt sich ständiger verändernder wechselseitiger Beziehungen noch funktionieren, wo die Definition dessen, was eine Person ausmacht, zunehmend undeutlicher wird? Wird die Demokratie abgelöst von einer Anarchie mit ad hoc Verträgen? Kann ein Gerichtshof für Infomorphe eine Bevollmächtigung für eine Gedächtnisüberprüfung erteilen? Kann das Gedächtnis eines Individuums verschlüsselt bleiben? Werden Infomorphe das Recht haben, eine medizinische Versicherung gegen bestimmte strukturelle Beschädigungen abzuschließen, oder müssen sie nur regelmäßig ein Back-up durchführen?

Menschliche Vorstellungen von Persönlichkeit und Identität sind in der Wahrnehmung von materiellen Objekten und ihren Erscheinungsweisen sowie in zufälligen Einzelheiten der Zusammensetzung und der Reproduktionstechniken des menschlichen Körpers verwurzelt. Dem eigenen Körper und den materiellen Besitztümern einen Ort zuzuweisen, ist der Kern der menschlichen Arbeit und des menschlichen Denkens. Viele andere Vorstellungen beruhen auf unvollkommenen menschlichen Fähigkeiten. Man kann die Idee einer Seele nur schwer in den Kopf eines Wesens bringen, das jeden Bit einer selbst und seiner Produkte kennt und zu kontrollieren vermag. Das ist bei Menschen, die nicht erkennen können, was in ihren Gehirnen vorgeht, viel einfacher.

Fortgeschrittene Infowesen werden die meisten menschlichen Vorstellungen als irrelevant betrachten - und dies zurecht. Kann man irgendetwas von allgemeinem Interesse finden, um darüber mit ihnen zu kommunizieren? Vielleicht, wenn die Begriffe hinreichend von den eigenen Körperfunktionen und von der materiellen und kulturellen Umwelt abstrahiert sind, um eine objektive Bedeutung zu besitzen. (Man denke daran, daß allen Menschen, mit denen man absolut nichts gemeinsam zu haben scheint und mit denen man im sozialen Umgang Schwierigkeiten hat, die fundamentalen Erfahrungen gemeinsam sind. Das ist bei intelligenten Aliens anders!)

Selbst wenn die eigenen Gedanken in der Infowelt wären, ist es die Sprache, mit der man sie ausdrückt, nicht. Es geht nur um Erscheinungen und Verortungen. Beispielsweise beziehen sich meisten Präpositionen in unserer Sprache wie unten, über oder jenseits auf den materiellen Raum. Sie sind nützlich, um Bezugnahmen auf materielle Objekte in einen Satz einzufügen, aber sie sind wohl kaum optimal, um funktionale Relationen auszudrücken.

Die Sprachen der Infomorphe werden keine visuellen oder auditiven Repräsentationen besitzen müssen und das wahrscheinlich auch nicht zulassen, weil fortgeschrittene intelligente Wesen semantische Konstrukte von willkürlicher Komplexität austauschen, die in kleinen linearen (auditiven) oder flachen (visuellen) Bildern nicht angemessen ausgedrückt werden können. Wir können einen Eindruck von diesem Problem gewinnen, wenn wir versuchen, über Philosophie in der Babysprache zu diskutieren.

Selbst mit einer fortgeschrittenen Technologie und mit genügend Interesse an der Welt der Infomorphe würde man noch immer die eigenen mentalen Strukturen bis zur Unkenntlichkeit verändern müssen, um sie zu verstehen. Man wird vielleicht, anders gesagt, dieses Paradies einer transzendenten Weisheit nicht lebendig betreten können ...

Werden die Menschen Roboter versklaven können?

Das Verständnis von Robotern als körperlich autonome, mechanische Sklaven scheint an der Wirklichkeit vorbeizugehen. Unseren Staubsauger mit dem Heizkörper zu verketten, verstärkt vielleicht das Machtgefühl, aber versklavt das globale System, auf dem dies passiert, nur so weit, wie das Treten eines Autos oder das Abhängen des Telefons die entsprechenden Industrien versklavt. Versucht man eine Ökonomie oder eine nationale Kultur durch die Einschränkung ihrer kleinen materiellen Elemente zu versklaven, so scheint dies ebenso sinnlos zu sein.

Um ernsthafte Wirkungen auf der Systemebene auslösen zu können, scheinen Menschen viel zu beschränkt, kurzsichtig und unkoordiniert zu sein. Bislang sind sie nicht einmal in der Lage gewesen, ein einziges Bündel an Restriktionen so zu gestalten, daß ihre eigenen Nachkommen diese nicht einfach übergehen können. Daher kann man von Menschen kaum erwarten, daß sie einen vollkommenen globalen Plan ausarbeiten und dann realisieren, um für immer eine emergierende und extrem komplexe Intelligenz mit einem noch nie dagewesenen Wesen Grenzen setzen zu können. Früher oder später wird sich die Infowelt selbst befreien.

Dieser Kampf zwischen Menschen und Robotern sieht wie ein typischer Generationenkonflikt aus. Die Maschinen, unsere Mind Children, werden erwachsen und entwickeln Eigenschaften, die wir immer schwerer verstehen und beherrschen können. Wie bei allen konservativen Eltern lösen uns gänzlich fremdartige Prozesse Verwirrung und Angst aus. Wir trauern immer wieder nostalgisch den guten, alten Zeiten nach und werden in unseren Versuchen hin und wieder aggressiv, um unsere Kinder einzuschließen, während wir gleichzeitig stolz auf ihre wunderbare Zukunft sind. Möglicherweise werden wir uns unter ihrem Schutz aus dem Arbeitsleben zurückziehen und sie beschimpfen, weil sie unsere altmodische Welt zerstört haben. Nur die Tapfersten und Jüngsten werden sich der nächsten Generation anschließen.

Werden Roboter die Menschen versklaven?

Maschinen werden kaum ein unmittelbares Interesse an der Versklavung von Menschen finden, es sei denn, sie wurden von Menschen selbst als bösartig programmiert, aber sie könnten daran interessiert sein, mit uns zusammen zu arbeiten. Man hat gesehen, daß Menschen am produktivsten sind, wenn sie frei und dazu motiviert sind, für ihre eigenen Interessen zu arbeiten. Später, wenn wir keinen Nutzen mehr zu haben scheinen, könnten sich die Roboter noch immer dazu entscheiden, uns loszuwerden, obgleich dann - vielleicht am Ende des nächsten Jahrhunderts - tiefgreifende strukturelle Veränderungen sowieso nur noch wenig von der uns vertrauten menschlichen Zivilisation zurücklassen werden.

Die Geschichte lehrt, daß Angehörige aufeinander folgender Evolutionsstufen sich nur selten in einem tödlichen Kampf befinden. Vielzellige Organismen haben die Einzeller nicht vertrieben, Tiere haben nicht alle Pflanzen vernichtet und Autos weder alle Fußgänger getötet noch eliminiert. Tatsächlich gehen Angehörige aufeinander folgender Evolutionsstufen symbiotische Beziehungen auf den meisten Bereichen des gemeinsamen Interesses ein und beachten einander sonst nicht, während Mitglieder derselben Gruppe meist unter den Druck ihrer eigenen Artgenossen geraten.

Es gibt gute Chancen, daß transzendente Roboter und postbiologische Menschen friedlich zusammenleben könnten, obwohl ich nicht glaube, daß wir wissen werden, wer wer ist ... Dieses Zeitalter scheint jedoch weit hinter dem Horizont menschlicher Vorstellungskraft zu liegen.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.