Die Stadt ist ein Wolkenfeld
Über dekonstruktivistische Stadtplanung und interaktive Architektur
Wolf Prix von der Wiener Architektengruppe COOP HIMMELB(L)AU, die mit dem Dekonstruktivismus verbunden wird und schon seit den 60er Jahren Projekte zur Medienarchitektur ausgearbeitet hat, sieht die wesentliche Aufgabe der neuen Architektur in der Verbindung der realen und immateriellen Räume. Die Zukunft der Stadt liegt in der Ankopplung von hochverdichteten urbanen Räumen und beweglichen Nomadenstädten. Der öffentliche urbane Raum muß mehr und mehr als fluktuierendes Medienereignis begriffen werden.
COOP HIMMELB(L)AU gilt als dekonstruktivistische Architektengruppe. Man kennt zwar inzwischen einzelne dekonstruktivistische Bauten, aber gibt es denn so etwas wie eine dekonstruktivistische Stadtvorstellung?
Wolf Prix: Verwechselt man den Dekonstruktivismus mit einem formalen Ausdruck, dann gibt es so etwas nicht. Man muß ihn als Strategie oder als Philosophie begreifen. Bernhard Tschumi hat beispielsweise in dieser Richtung sehr viel getan. Wenn wir sagen, die Stadt ist wie Wolkenfeld, beinhaltet das die Theorie des Dekonstruktivismus. Ein Bestandteil dieser Theorie ist die Auffindung des "blinden Flecks" Derridas. Der blinde Fleck ist laut Derrida das unbewußt Geschriebene in einem Text, das diesen (vollständig) verwaltet. Die Parallele zur Stadt wäre das Unsichtbare, Unbewußte, das die Stadt am meisten beeinflußt. Nimmt man diess als Ausgangspunkt einer Entwicklung nimmt, dann könnte daraus eine dekonstruktivistische Stadt entstehen.
Was entspräche denn dem blinden Fleck in der Stadt? Wie entdeckt man ihn?
Wolf Prix: Die Auffindung der Zwischenräume in einer Stadt könnte die Auffindung des blinden Flecks sein. Das können Brachen und nicht genutzte Räume sein, die für eine Stadt sehr wichtig sind, weil sie deren Druckausgleichsgefäß darstellen. Die Zwischenräume können zu Haupträumen werden. Wir arbeiten gerade an einem Projekt für Havanna. Wir wollen hier keine Architektur bauen, sondern zielen auf die Reparatur der Wasserleitung durch eine Fuzzy-Theorie ab.
Was kann man sich darunter vorstellen?
Wolf Prix: Es gibt ein System, mit dem man durch Versuch und Irrtum und unterstützt durch einen Computer ein Leck in einer Wasserleitung entdecken kann. Man kann direkt dort, wo das Wasserrohr geplatzt ist, graben. Da in Havanna 50 % des Trinkwassers verloren gehen, denken wir uns, daß man zunächst die Infrastruktur der Wasserleitungen reparieren sollte. Das könnte ein Beispiel dafür sein, wie man den Dekonstruktivismus als Stadtplanungsinstrument denken kann.
Sie sprachen davon, die Stadt als ein Wolkenfeld zu verstehen. Wolkenfelder bewegen sich, sind dynamisch und verändern sich fortlaufend. Früher hat COOP HIMMEL(B)LAU von einer liquiden Architektur gesprochen, was in eine ähnliche Richtung geht. Sie haben sich schon von Anfang an mit Medien und Architektur beschäftigt. Architektur ist als gebaute jedoch etwas Festes und Fixiertes. Wie kann man sich eine liquide Architektur als gebaute überhaupt vorstellen? Virtuell ist das ja kein Problem.
Wolf Prix: Das ist eine Architektur, die auf Bewegungen und Aktionen der Benutzer reagiert. Das kann durch den Transport des Gefühlslebens über die Fassade nach außen gehen. Es können auch Bewegungen an einer Fassade ablesbar sein. Wir arbeiten beispielsweise gerade an einem entsprechenden Projekt in Wien. Der Bauplatz ist gekennzeichnet durch Energiefelder und -linien. Werden diese Linien beim Betreten durchbrochen, verändert die Fassade des geplanten Baukörpers - ein Turm - an einem kongruenten Stück die Farbe. Architektur, die reagiert, ist die Architektur eines Wolkenfeldes. Architektur agiert, wenn sie statisch ist. Dann klotzt sie. Wenn sie reagiert, dann verändert sie sich direkt bemerkbar durch die Bewegungen und Bedürfnisse der Menschen.
Dazu muß die Architektur Schnittstellen mit Computertechnologien besitzen.
Wolf Prix: Auf jeden Fall. Unsere Zeit ist die Zeit des Sowohl-Als Auch, nicht die des Entweder-Oder. Es wird sowohl eine statische als auch eine dynamische Architektur geben müssen. Zum Teil ist dies ja schon vorhanden. Zusätzlich werden neue Bautechnologien entwickelt werden müssen. Ansätze sieht man schon bei den "intelligenten" Fassaden. Ich verwende diesen Ausdruck nicht gerne, weil der Architekt und die Benutzer intelligent sind, und nicht die Fassaden. Auch die Experimente mit Medienfassaden werden diesem Anspruch gerecht.
Es wird immer wichtiger werden, daß Architektur innen und außen die Schnittstellen mit den Medien integriert. Andererseits gibt es auch die Infrastruktur der Stadt. Sie sprachen vorher vom Kanalisationsnetz. Zur Infrastruktur gehören aber auch neuerdings die Computernetze, die in das Leben der Stadt, vielleicht auch in das Unbewußte einer Stadt ähnlich tiefgreifend einwirken wie die Straßennetze. Möglicherweise ersetzen Computernetze Teile und Funktionen einer im Raum verankerten Stadt, was erhebliche Auswirkungen auf die urbane Lebenswelt haben würde. Wie können oder sollten Architekten und Stadtplaner darauf reagieren?
Wolf Prix: Es gibt Ansätze beim öffentlichen Raum. Wenn man den urbanen Raum europäischer Städte mit dem amerikanischer Städte vergleicht, bemerkt man erhebliche Unterschiede. Den urbanen Raum europäischer Städte wird man in Los Angeles nicht finden. Dort ist er noch von konventionellen Medien geprägt. Ich bin beispielsweise, während ich mit dem Auto durch die Stadt fahre, durch ein Telefon über einen Diskjockey mit einem anderen Radiohörer verbunden. Der urbane Raum muß neu definiert und als fluktuierendes, vernetztes Medienereignis begriffen werden. Er ist eher durch Halbleiter als durch Raumfolgen geprägt. Die Auswirkungen kann man bereits schrittweise in den neuen Stadtzentren, die jetzt gebaut werden, sehen. Wir bauen beispielsweise ein Kinozentrum in Dresden, das als urbanes Forum konzipiert wird. Visuelle Medien spielen dabei eine große Rolle bei der Raumbildung.
Der öffentliche Raum wird also mehr und mehr ersetzt durch den virtuellen Raum?
Wolf Prix: Nein, nicht ersetzt. Es gibt die Gleichzeitigkeit der Systeme. Das mediale Ereignis auf einem Platz kann auch auf der Piazza in Rom stattfinden. Auch Fernsehen und Kino existieren ja nebeneinander.
Technologien haben die Städte in ihrer Struktur wesentlich beeinflußt. Eisenbahnen, Automobile oder Telefone haben beispielsweise den Prozeß des Sprawling ausgelöst. Diese Suburbanisierung wird durch Computernetze vermutlich noch verstärkt werden, da sie eine Dezentralisierung von Organisationen und Interaktionen ermöglichen. Suburbane Bereiche sind kaum von architektonischen Gesamtentwürfen geprägt. Sie wachsen wild, stellen mehr und mehr eine Bebauung dar, die weder urban noch ländlich ist. Lassen sich diese riesigen Siedlungsareale denn noch urbanisieren?
Wolf Prix: Sie sprechen da das demokratische Stadtsystem an. Es wird zwei "Schulen" oder Richtungen geben, die sich unserer Meinung nach miteinander verbinden werden. Das eine ist der verdichtete Stadtbau, der urbanes Leben konzentriert und auf allen möglichen Ebenen ermöglicht. Hier wird die Hochkultur ihren Platz finden. Hier werden sich die Medien befinden, die die Nachrichten für die Nomadenstädte produzieren. Das wird interaktiv vor sich gehen, so daß sich keine Hierarchie etablieren wird. Es wird also diese urbane Clusters geben, doch dazwischen werden sich "Nomadenstädte" bewegen. Die Lebenswelt der medialen Beduinen in medialen Beduinenstädten und temporären Ereignissen wird neben hochverdichteten Metropolen existieren, die all das beherbergen, was das Sowohl-Als auch ergänzt.
Wie sehen denn solche Beduinenstädte aus? In den suburbanen Regionen wie Los Angeles bewegen sich zwar die Menschen viel im medialen und urbanen Raum, aber die Architektur bleibt weiterhin stationär.
Wolf Prix: Die Häuser sind nicht stationär. Sie werden alle 10 oder 15 Jahre niedergerissen und neu gebaut. Die Volumen entsprechen auch bereits dem nomadischen Anspruch, denn nicht mehr die Gebäude sind wertvoll, sondern nur noch der Grund, auf dem sie stehen. Aber die Menschen bewegen sich im Auto trotz medialer Vernetzung noch immer sehr viel von einem Punkt zum anderen.
Wenn Sie einen Bauauftrag haben, planen sie dann die Gebäude tatsächlich nur für 10 Jahre?
Wolf Prix: Das kommt darauf an, was wir planen. Das neue Stadtzentrum in Dresden mit dem UFA-Kinopalast ist als Hülle für länger als 10 Jahre konzipiert. Es ist durchaus denkbar, daß dieser multifunktionale Bau irgendwann auch als Museum, als Theater oder als Einkaufszentrum genutzt werden kann. Das ist eine der architektonischen Antworten auf die Mobilität. Die Gebäude werden multifunktional und verschieden zu nutzen sein. Unser "Dachausbau Falkestraße" ist beispielsweise nicht nur ein Büro, sondern kann auch als Wohnung gedacht werden. Der Loft-Gedanke spielt dabei eine große Rolle. Es geht um Räume, die sich innerhalb der Hülle verändern, um Entwicklungsmöglichkeiten offen zu lassen und zu unterstützen.
Der alte Grundsatz form follows function, also daß das Außen dem Inneren entsprechen soll, wird durch das Auseinandertreten von Hülle und Innenraum ganz verlassen. Wie gestaltet man denn solche autonome Hüllen?
Wolf Prix: Das ist kein Dogma. In der Architektur Dogmen aufzustellen, ist sehr gefährlich. Die Hülle hat eine Jetzt-Funktion, aber sie muß offen sein für eine Uminterpretation zu einem späteren Zeitpunkt. Dieses Sowohl-Als Auch, diese Doppelfunktion, muß die Hülle gewährleisten. Es gibt keinen neutralen Raum, daher hat die Ausstrahlung des Inhalts immer eine große Bedeutung. Der von Mies van der Rohe gebaute Wolkenkratzer kann ebenso ein Behälter für Wohnungen wie für Büros oder Werkstätten sein.
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