Der vernetzte Staat: Europas technoetische Dimension

19.06.1997

Europa hat keine Visionen, aber muß für Roy Ascott, den Pionier der telematischen Künste, "smart, künstlich, bionisch, telematisch werden - und das schnell!" Ascott setzt auf die künstlerische Imagination und glaubt, daß die Biotechnologie den Weg in die Zukunft öffnet, die von der Erde wegführt.

Die große Müdigkeit? Müdigkeit führt zu einem tiefen Seufzer. An dem Tag, an dem der Computer seufzt, wird die Künstliche Intelligenz erwachsen geworden sein. Der Tag, an dem der Computer seufzt, wird der Tag sein, an dem das technoetische Abenteuer, zu dem wir uns aufgemacht haben, sich ganz verwirklicht haben wird. Das technoetische Abenteuer ist unsere Erforschung des Bewußtseins, des Geistes ("noetisch" vom griechischen Wort "nous") in einer technologischen Umgebung: künstliches Bewußtsein, telematischer Geist und digitale, genetische, elektrische sowie biologische Technologien. Der Tag, an dem der Computer seufzt, wird der Tag sein, an dem Europa seinen großen Fehler erkennt. Es hat den Computer als eine Maschine und nicht als einen Aspekt des Geistes behandelt. Es wollte das Werkzeug neu gestalten, aber keine neuen Formen der Intelligenz herstellen, die sich unseren Gehirnen entwindet und in jeden Winkel unserer Welt einströmt. Europa muß smart, künstlich, bionisch, telematisch werden - und das schnell. Ich bin kein Sanguiniker

Man wird verstehen, daß ich meine Wahrnehmung von Europa als Künstler und nicht als Gesellschaftskritiker formuliere. Der Künstler ist weder ein Analytiker noch ein Statistiker. Wir arbeiten mit der Intuition, mit einem geistigen Verständnis. Wir stehen dem Schamenen weitaus näher als dem Wissenschaftler. Und gerade jetzt, wo sich die Kunst der Wissenschaft nähert, so paradox das auch erscheinen mag, ist für den Künstler der Weg des Schamanen der einzige, der nach vorne führt. Ich werde später ausführen, warum ich dieser Meinung bin.

Aber zuerst Europa, das gerade in einem Augenblick zu vereinen sucht, in dem die Vernetzung des Cyberspace uns ermöglicht, das Gefühl für das vereinte Individuum zu verlieren. Wir sind im Netz verstreut, unsere Identitäten befinden sich in einem Fluß. Sie werden nur noch durch unseren Grad an Vernetztheit definiert, die eher zeitlich als räumlich gemessen werden kann. Im Netz sind wir gleichzeitig hier und dort, überall und nirgends. Unsere Möglichkeiten sind grenzenlos. Und dennoch ist Europa von nationalen Grenzen bestimmt, in seine geographischen Klassifikationen verstrickt, in seinen regionalen Autonomien gefangen, hoffnungslos an seine Vergangenheit gekettet. Wenn es kein dynamischer, vernetzter Staat werden wird, zerfällt es in eine Million Türöffnungen für Obdachlose, einen riesigen historischen Themenpark, ein großes Museum von exotischen Moden, Volkstänze, Designer Food und ... einer schrecklichen geistigen und kulturellen Sterilität.

Die Zeichen dafür sind schon zu sehen. In der vordersten Front der Kunst ist mit bemerkenswerten Ausnahmen eine Erneuerung der Kunst- und Gebrauchskunstbewegung in der digitalen Kunst ganz offensichtlich. Der Großteil der computergestützten Kunst ist reine und einfache Gebrauchskunst. Man spielt mit den Materialien, ordnet die Teil neu, betätigt die Maus: überall ist es immer wieder die Töpferscheibe. Sie ist dekorativ, sentimental und oft von dem falschen Sozialismus begleitet, den William Morris selbst befallen hat. Was die "Avantgarde" der Schönen Künste angeht, so gibt es beispielsweise in Großbritannien einen Künstler, den Anführer seiner Generation, dessen Sensibilität sich auf Glasvitrinen richtet, die er mit präparierten Fischen, toten Kühen und anderen netten gesammelten Dingen füllt. Die Vision des Museums des 19. Jahrhunderts hält sich am Leben! Die Royal Academy in London kündigte kürzlich an, daß sie hofft, durch eine Ausstellung der ihrer Meinung nach besten neuen britischen Kunst wieder erfolgreicher zu werden: Sadomasochismus, Tod, Gewalt, Verzweiflung, Zerstörung, Zynismus und Sterilität werden dabei ganz oben stehen.

Rötzer, Ascott, Metze-Mangold, More

Der postmoderne Virus hat die ganze Kultur infiziert. Es ist doppelt ironisch, daß dies das Ergebnis einer Strategie ist, die ursprünglich im Zeichen des Optimismus entstanden ist: Wir könnten uns ästhetisch und geistig bereichern, wenn wir Erfahrungen übereinander schichten, Bedeutungen und Assoziationen ineinander falten, Quellen vermischen. Bezüge überkreuzen und kulturelle Sprachen assimilieren. Der Postmodernismus aber hüllte sich besonders in Europa in eine dekonstruktivistischen Verzweiflung. Anstatt neue Energie zu geben und befreiend zu wirken, führte der Relativismus zu einer pessimistischen Trägheit. Auch wenn das jetzt als künstlerisches Genre gilt, bleiben Zynismus und Verzweiflung die Leitmotive all jener Künstler, die keine Imagination, kreative Energie oder Vision besitzen.

In den europäischen Kunstakademien, die noch immer darum kämpfen, des vor 50 Jahre herrschende künstlerische Szenario zu bewahren, wird die konstruktive Vision verspottet und eine kollektive Kreativität verhindert. Einst sehr konstruktiv, ist die Malerei im Narrativen zusammengebrochen und die Bildhauerei im Spleen. In Brüssel gibt es absolut keine Idee über die Bedeutung der Kunst digitaler Systeme, künstlichen Lebens oder postbiologischer Verfassung. Kaleidoscope, das Hauptprogramm der CEC zur Förderung der Künstler, schüttete das letzte Mal beispielsweise nur einen Bruchteil der Gelder an diese Bereiche aus, während der überwältigende Teil an Praxisformen ging, die vor 100 Jahren nicht veraltet gewesen wären.

Museum Europa

Wer kann leugnen, daß Europa zu einem Museum wird, daß es sich von seiner Vergangenheit ernährt, daß es kulturell stagniert? Man schaue sich nur einmal an, wieviel Geld in die Oper geleitet wird, für die niemand mehr etwas schreibt und die nur wenige besuchen, und wie wenig die Bildenden Künste und besonders die neu entstehenden Kunstformen erhalten, die mit neuen Technologien, Kommunikationsmitteln, digitalen Systemen und Künstlichem Leben arbeiten. Europa muß stärker vernetzt werden, um zu einem vernetzten Staat zu werden. Richtig verstandene Vernetzung könnte eine völlig neue Perspektive für die politische Aktivität und eine andere Politik eröffnen. Bei den Prioritäten hinsichtlich Europas ist gegenwärtig die Bandbreite an höherer Stelle anzusiedeln als die Produktion von Nahrungsmitteln, jedenfalls von denen, die übersubventioniert sind und in großen Mengen eingelagert werden. Man stelle sich einen Bandbreitenberg anstelle eines Butterberges vor. Man stelle sich vor, Brüssel würde Kreativität anstatt Landwirtschaft subventionieren. Europa braucht eine stärkere Imagination, neue konzeptuelle Strategien, neue kognitive Schachzüge, neue Wahrnehmungen und Visualisierungen der Zukunft und neue Einstellungen gegenüber ihr. Genau das machen die Künstler, und das ist es auch, was sie im europäischen Maßstab machen könnten.

Vielleicht sollten wir Künstler wie die Landwirte eine Lobby bilden, um wirkliche Subventionen von der Regierung zu erhalten. In Bonn haben das gerade die Bergarbeiter getan. Beispielsweise subventioniert Deutschland die Kohleproduktion mit 130 Dollar pro Tonne und Spanien mit 100 Dollar pro Tonne. Wenn man Kohle mit dem Schiff nach Europa bringt, kostet die Tonne lediglich 40 Dollar. In Australien betragen die Herstellungskosten für eine Tonne Kohle 20 Dollar. Wenn doch die Kunst solche Subventionen erhalten würde! Sollten wir die Infobahnen so blockieren, wie die französischen Landwirte die Autobahnen, um den Staat zu erpressen? Ich glaube nicht. Was wir tun können und was wir in Wirklichkeit machen, ist die Antizipation der Zukunft, die Schaffung neuer Verhaltensweisen und Identitäten, die Erfindung neuer Einstellungen und Beziehungen, die Bildung neuer Visionen, wie Europäer sich entwickeln könnten, wenn der konstruktive Geist höher bewertet und belohnt wird, wenn die Merkmale der Emergenz gefeiert werden.

Die telematische Kultur, die vernetzte Welt, an deren Definition so viel arbeiten, ist die Kultur der Vernetzung. Vernetztsein belohnt sich oft selbst. Vernetztsein erweitert den Geist, fördert Großzügigkeit, Mitgefühl, Zusammenleben. Ich nenne das Telenoia. Man denke an Paranoia, das Gegenteil der Telenoia, an die zur Angst führende, einsame, entfremdete Paranoia des alten industriellen Europas, an die Paranoia der exzessiven Individualität, der aggressiven Konkurrenz, des wuterfüllten Isolationismus. Paranoia zeichnete die Kultur der Aufteilung, der Kategorisierung, der Top-down-Industrialisierung aus. Von der Paranoia wurde alles als gegeben betrachtet und nichts ganz erklärt. Man wird die Paranoia als das bestimmende Gefühl des 20. Jahrhunderts erkennen. Gott sei dank ist es fast vorbei.

Telenoia spricht im Gegensatz dazu von offenen Systemen, flüssigen und dynamischen Beziehungen, unbehinderter Kommunikation. Telenoia muß die Qualität des europäischen Lebens im 21. Jahrhundert gestalten. Der radikale Konstruktivismus einer postbiologischen Philosophie kann, wenn er mit dem radikalen Konstruktivismus der telematischen Kunst verbunden wird, ein Szenario des Lebens schaffen, in dem wir die Verantwortung für die Bildung unserer eigenen Identität und der Wirklichkeit, die sie bewohnt, übernehmen. Eine Identität und eine Wirklichkeit in einem konstanten Zustand der Verwandlung und des Flusses, so daß kein Aspekt der Kognition oder der Wahrnehmung als gegeben gilt, keine a priori Bedingungen vorausgesetzt oder akzeptiert werden.

Gehen wir aus der Perspektive, nichts als gegeben hinzunehmen, zurück zum europäischen Landwirt oder eher zu seiner übersubventionierten Landwirtschaft. Die Landwirtschaft ist moralisch unberührbar und so heilig wie die Mutterschaft. Es ist an der Zeit, den Mythos der Landwirtschaft und die Erzählungen von der "Natur" zu überprüfen. Unsere postagrarische Sensibilität geht davon aus, daß uns desto besser gehen wird, je schneller wir mittels bottom-up Nahrungsmittel künstlich herstellen, also die Ernährung neu denken, und desto besser wir sie herstellen und weltweit verteilen können - nicht gemäß der Natur, wie sie ist, sondern mit der Verantwortungsübernahme für die Natur, wie sie sein könnte, um Chris Langtons bekannte Kennzeichnung des Künstlichen Lebens zu paraphrasieren. Wenn die Bauernhöfe mit dem Rückgang der Subventionen überflüssig werden, könnten wir es als lohnend betrachten, sie den Künstlern zu übergeben! Man gebe die Bauernhöfe, Felder und Maschinen den Poeten und Visionären. Wir müssen Landschaft, Natur und Ökologie neu denken. Wir müssen das obsessive Festhalten Europas an der Landwirtschaft und an Lebensmittelvorräten umlenken in eine Investition in Information, Kreativität und Künstliches Leben, genauso wie die qualmende industrielle Produktion durch die Produktion neuer Verhaltens- und Energieformen ersetzt werden muß.

Künstliches Leben - eine neue Natur als Zukunftsvision

Laßt uns als eine Gemeinschaft die Möglichkeit einer "Nullenergie" ergreifen, die unlängst in Los Alamos entdeckt wurde. Die Nullenergie, dieser "unvorstellbar große Energiespeicher in dem offensichtlich leeren Vakuum des Raumes", wie sie Arthur C. Clarke in einer Besprechung des neuen Buches "Imagined Worlds" von Freeman Dyson, genannt hat, wird als grundlegender als die Kernfusion eingeschätzt, die vielleicht als gangbare ökonomische Strategie scheitern wird, ebenso wie es der Kernspaltung derzeit geht. Das Potential der Nullenergie wurde, woran uns Clarke erinnert, in der bekannten Bemerkung von Richard Feynman zusammengefaßt, daß die Energie in einem Raum, der nicht größer als eine Kaffeetasse ist, ausreichen kann, "um die Weltmeere zum Kochen zu bringen."

Genau wie man im Fernen Osten Computerintelligenz, Fuzzy Logik und schnelle Datenverarbeitung als Strategie zum Überleben und zur Erkenntnis aufgegriffen hat, sollte Europa nach Zukunftsvisionen Ausschau halten, die auf einer radikal neuen Energieforschung basieren, um neue Investitionen und Märkte zu schaffen. Dazu sind politischer und kultureller Wille nötig. Aus dem Ergreifen von Chancen und der Ausführung von konzeptuellen Sprüngen besteht die Rolle von Künstlern. Daher ist es entscheidend, daß sie beim Entwurf einer neuen Wissenschaft und Technologie beteiligt sind, wodurch der Künstler eine Rolle bei der Gestaltung der Zukunft spielen kann.

Es geht um das Überleben, und die Natur steht im Zentrum der Auseinandersetzung: eine neu gedachte, neue bewertete und möglicherweise neu gestaltete und strukturierte Natur. Die Natur, wie wir sie kennen, ist eine Erfindung, eine kulturelle Projektion. Ungestaltet ist sie gefährlich, bedrohlich, tödlich. Deswegen wurde der Garten zum beherrschenden Bild der alten Kulturen: die Natur, wie wir sie formen, wie sie sein könnte. Aber jetzt werden wir sie von innen nach außen, von oben nach unten, ausgehend von den Atomen, Molekülen und Genen formen können. Die Einsichten und Innovationen des Künstlichen Lebens werden den Weg zeigen, während die Mechanismen und Verfahren der Nanotechnologien uns zu diesem Ziel bringen werden. Natürlich muß der Künstler an der Erforschung des Künstlichen Lebens beteiligt werden, bei dem die Komplexität, die Emergenz und die algorithmische Evolution die Bedeutung erlangen müssen, die einst die Unveränderlichkeit der Renaissanceperspektive und der klassischen Gesetze der Harmonie innehatten. Selbstverständlich wird der kulturelle Wandel hiedr nicht haltmachen. Nach einem Aufruf meines Forschungszentrums CAiiA an der University of Wales, Texte für unsere kommende Konferenz "Neu verstandenes Bewußtsein: Kunst und Bewußtsein im postbiologischen Zeitalter" einzureichen, erreichten uns innerhalb einiger Wochen fast 150 hochqualifizierte Vorschläge von Künstlern und Wissenschaftlern aus aller Welt. Die Konferenz über die Wissenschaft vom Bewußtsein in Tucson Arizona zog letztes Jahr Hunderte von Delegierten aus vielen verschiedenen Wissenschaften an. Bewußtsein, Kognitionswissenschaften, die Erweiterung des Geistes steht auf der internationalen Tagesordnung von Kunst und Wissenschaft ganz oben. Im Dienst des Bewußtseins wird das Netz sein exponentielles Wachstum fortsetzen, und in dieser neotischen Komplexität bildet sich ein Hyperkortex aus.

Wird es für die Bewußtseinsforschung eine größere Geldsumme geben? Auch wenn dies nicht geschieht, muß Europa sicherlich erkennen, daß die Wirtschaft, die Ökologie und sogar der Markt jetzt völlig abhängig vom Web, vernetzt und telematisiert sind. Wer zum Netz Unternehmen, Erfindungen, Imagination und Visionen beiträgt, wird überleben. "Im Netz sein, heißt überall sein. Außerhalb des Netzes zu sein, heißt nirgendwo zu sein." Das war meine Definition, mit der ich mich am ersten weltweiten telematischen Kunstprojekt "La Plissure du Texte" beteiligt habe, das ich 1984 im Museum für Moderne Kunst in Paris angeregt hatte. Und das ist auch jetzt meine Teilnahmebedingung an der europäischen Wirtschaft und ihrem Platz in der telematischen Ökologie der Erde.

Europa fehlt die Imagination. Von den Politikern wird sie nicht kommen. Viele Wissenschaftler, Akademiker und Techniker wurden vom Markt verschluckt. Universitäten, Forschungslabors und Produktionsstudios sind in der Hand von internationalen Unternehmen. Die Geschäftswelt selbst unterzieht sich einer Veränderung. Unternehmen sind flüssiger, sie werden eher von innen als von außen, eher von unten nach oben als umgekehrt umgestaltet. Top-down-Institutionen sind zum Verschwinden verdammt. Durch die Telematisierung der Firmen wird sich das mittlere Management auflösen, das man nur in einer pyramidalen Top-down-Struktur benötigt. Bei einem kybernetischen, vernetzten Modell ist diese Schicht nicht erforderlich. Industrie- und Geschäftsmodelle, die von unten nach oben oder von innen nach außen strukturiert sind, besitzen keine hierarchische Befehlskette, sondern die Information und Kontrolle geht in der Flüssigkeit des Netzes von einem Punkt zum anderen. Aber Vorsicht! Die Entlassung ganzer Horden von Angehörigen der Mittelklasse, des mittleren Managements und der Büros wird ein großes Reservoir von wütenden Rechten, wenn nicht von wirklichen Faschisten, von Dissidenten der telematischen Gesellschaft, schaffen. Die Revolte wird nicht von den Straßen kommen, sondern von den Eßtischen, an denen endlos über die Zukunft geklagt wird. Es besteht die Möglichkeit, daß dadurch auch wieder eine organisierte Religion entsteht. Was kann ihre Frustration und Verzweiflung ausgleichen? Ich sehe kein politisches Programm, daß auch nur das Problem erkennt, geschweige denn eine neue Politik formuliert.

In den letzten Jahren hat die Kunst dem Körper große Aufmerksamkeit geschenkt. Wir sind des Körpers nicht so müde, daß wir ungeduldig seine Erneuerung, seine Neubildung oder seine neue Definition erwarten. Wir haben dem urbanen Körper, also der Stadt und unserer gebauten Umwelt, viel weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Aber unsere Interesse geht vom Körper auf den Geist über - nicht in einem dualistischen Gegensatz zum Körper, sondern als der unvermeidlichen Erweiterung unserer Beschäftigung mit Identität und dem Menschsein. Jetzt beschäftigen wir uns in der Kunst mit dem Geist, und die Künstler wollen schaffen, was man "Strategien des Bewußtseins" nennen könnte. Natürlich hängen die Stadt und der Körper voneinander ab. Wenn eines ändern will, muß man auch das andere ändern. Die Frage der Stadt ist auch eine des Bewußtseins: Architektur muß Empfindungen haben, bewußt werden, auf unser Verhalten, unsere Träume und Wünsche antworten oder es sogar antizipieren. Bald wird ein Gebäude ohne Gedächtnis genauso unbrauchbar sein wie ein Haus ohne Fenster. Bewußtsein ist nicht reduzierbar. Es verbindet Zeit und Raum als die Koordinaten unserer Wirklichkeit. Es fügt die technoetische Dimension hinzu. Aber in dieser Dimension ist das alte Europa überflüssig. Europa ist noch in Geist und Körper, Nord und Süd zweigeteilt. Es benötigt dringend das Netz, um sich zusammen zu fügen, aber es hat Angst vor einer totalen Telematisierung und widersetzt sich dem vernetzten Staat. Es sieht eine Umwelt, die völlig außerhalb der Kontrolle ist, und versteht nicht, daß das Netz im Fluß seines offensichtlichen Chaos eine Vielfalt fördert und herbeiführt, die Zusammenhang und Integration erzeugt. Weil es ganz außer Kontrolle ist, keine Top-down-Kontrolle kennt, kann es als Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung dienen.

In der technoetischen Ästhetik wird das "Kunstwerk" als ein Bewußtseinsobjekt des "Zuschauers" verstanden, der an dessen Verwirklichung und Veränderung beteiligt ist und sich im Zentrum von dessen Evolution befindet. Der Zuschauer will eine totale sensorische Identifikation und Instrumentalisierung des Kunstwerks. Er will in es eintauchen und aus ihm neue Ideen, Formen und Verhaltensweisen entstehen lassen. Während jetzt der Zuschauer durch die von der interaktiven Kunst eröffneten Möglichkeiten aktiver und handlungsfähiger wird, wird der Künstler in einem gewissen Sinn passiver. Er befindet sich im Zustand einer dynamischen Bereitschaft, einer zan-ähnlichen Erwartung, um neue Ideen, Formen und Strukturen zu erkennen, wenn sie aus der Hypervernetzheit des Netzes entstehen. An dieser Stelle entwickle ich das Bild des Schamanen. Die Rolle des Künstlers scheint immer schamanistischer werden zu müssen, um Formen und Ideen hervorzubringen, bei ihrer Entstehung und Evolution im Netz zu helfen. Der Schamane bewohnt den seelischen Raum, wir bewegen uns durch den Cyberspace. Mit wachsender Einsicht in die Chemie des Gehirns werden wir diese beiden Aspekte mit anderen aus der Biotechnologie und aus digitalen Systemen zusammenbringen können. Vielleicht sollten wir dies Schamanik nennen. Schamanik wird dem künstlichen Bewußtsein Bedeutung schenken, das selbst das unausweichliche Korrelativ des Künstlichen Lebens ist.

Hier sollten wir uns an den alchemistischen Spruch über den Makro- und Mikrokosmos erinnern: "oben wie unten" und seine Bedeutung für unsere technoetische Situation erkennen: "Wie im Cyberspace, so auch in der Natur." Genauso wie wir unser individuelles Selbst durch Telepräsenz vervielfältigen und gelcihzeitig hier und anderswo im Netz sind, so klonen wir jetzt unsere einzigartige Individualität, die zur selben Zeit im geographischen Raum hier und dort sein kann. Wohin das Lamm Dolly geht, werden wir bald nachfolgen. Die Identitäts- und Geschlechtsspiele des Netzlebens sind nur das Vorspiel für den gentechnischen Umbau, den das Genomprojekt uns sicherlich bringen wird. Wir könnten genauso auch sagen: "Wie im Weltall, so im Cyberspace", da das galaktische Wurmloch eine Metapher ist, die durch die Links und Vernetzungen des Hypermediums hallt. Kognitives Durchqueren von Wurmlöchern, sich in einem Tunnel durch den Datennebel wie durch einen Quantennebel zu bewegen, ist die wesentliche Verhaltensweise des 21. Jahrhunderts. Das muß auch zur wesentlichen Eigenschaft der Stadt des 21. Jahrhunderts werden, da das Durchqueren von Wurmlöchern jetzt zur größten Herausforderung der Architektur wird. Es geht nicht nur um intelligente Gebäude, sondern um solche, die von Wurmlöchern übersät sind, welche virtuelle und reale Welten verbinden, um Gebäude mit einem eigenen Geist, der eine Vielfalt an wirklichen, vorgestellten und Cyberräumen entfaltet. Wir wollen geographisch im Zwischenraum zwischen dem Realen und dem Virtuellen herumzappen.

Eines muß noch gesagt werden. In der zeitgenössischen Kunst sind wir von der Postmoderne zum Immateriellen übergegangen. Alles ist jetzt an einen Bildschirm und an Silikon gebunden. Die Ästhetik der Erscheinung, die die alte Ästhetik des Scheins abgelöst hat, die technoetische Ästhetik der Erscheinung, in der Kunst das Erschaffen von Emergenz, des Ins-Leben-Bringens ist und mit dem Unsichtbaren umgeht, ist noch immer auf den digitalen Bereich begrenzt. Doch das ist nur eine Vorbereitungsphase für die mögliche Rematerialisierung der Kunst, die dann mit der vollen Palette arbeiten kann, mit der Naotechnologie, den neuronalen Netzwerken und der Molekulartechnologie, vielleicht mit der Nullenergie, wobei Fragen der Identität, der Umwelt und der Architektur ganz auf den Implikationen der transformativen, konnektiven und noetischen Aspekte unserer gegenwärtigen Kunstformen behandelt werden. Die Zukunft liegt nicht im Silizium. Die Zukunft ist feucht. Wir werden zunehmend unsere künstlichen Systeme in unsere eigene nasse Biologie integrieren.

Das mag zu esoterisch für die Politiker in Brüssel klingen. Kunst soll Schönes und Gesichertes in der Welt bereitstellen und nicht bereits eine demoralisierte und zerfallende Kultur weiter stören oder destabilisieren. Gut, lassen wir die Politiker ihre Wege gehen. Sie werden nicht in die Kunst investieren, was auch immer geschehen mag. Lassen wir die alte, muffige, verzweifelte, negative, endlos kritische und hoffnungslos zynische Kultur Europas weiter existieren. Wenn sie unsere technoetische Herausforderung nicht annehmen wird, können wir sie dem Zerfall überlassen.

Wir brauchen für unsere Arbeit einen reinen Tisch, eine tabula rasa. Wir brauchen eine Grundlage, die den Bau unserer wildesten Träume unserer ausgefallensten Visionen unterstützt. Wir haben eine solche Grundlage an der Hand. Sie ist Europa ganz nahe, aber weit entfernt von seinem Pessimismus. Ich denke an den Mars, einen Ort, an dem wir unsere Zukunft ansiedeln können, an dem eine neue Natur entstehen könnte, an dem unsere postbiologische Kultur erblühen könnte, an dem wir die Samen einer neuen Architektur und einer neuen Welt aussäen und die Möglichkeiten ganz neuartiger Beziehungen zwischen uns und den entstehenden neuen Formen neotischen Lebens überprüfen könnten. Wir können Liebe und Leben auf den Mars bringen. Lassen wir Europa seufzen, wenn es dies will. Seine kulturelle Müdigkeit ist vielleicht schon fast vorbei. Man muß sich nicht mehr um den europäischen Künstler sorgen. Unsere Zukunft liegt im Weltall. Ich kann die Abfahrt kaum erwarten.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer

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