"Auf russisch habe ich solche Gefühle nicht"

25.11.1997

Über die Bedingungen Netzkunst in Russland zu machen.

Interview mit Olia Lialina

"If you want me to clean your screen, scroll up and down", stand in der Email, die eine neue Arbeit von Olia Lialina ankündigte.

Wer auf die angegebene Adresse klickte, fand nichts als das Bild einer schmalen Frauenhand, das über den Rahmen des Browsers hinausragte. Wenn man das Bild mit dem Cursor auf und ab bewegte, sah es so aus, als würde die Hand von innen den Monitor wischen - eine "weibliche" Perspektive auf den vernetzten Computer, oder ein Hinterfragen der technologischen Dispositiven?

Die übrigen Arbeiten der russischen Netzkünstlerin Olia Lialina sprechen eher für die letztere Deutung, den Olia Lialina behandelt in allen ihren Arbeiten Spezifika des Internet. In ihrem "Netzfilm" "My boyfriend came back from the war" nutzt sie die Frames-Technologie, um eine mehrschichtige Geschichte in einer Art "stream of consciousness" zu erzählen (diese Arbeit finden Sie im Telepolis Netzraum; "Anna Karina goes to paradies" vereinnahmt die Seiten von Internet-Suchmaschinen, und "Heaven & Hell", ein Projekt mit dem Belgier Michael Samyn, ist eine telematische Kollaboration: Olia Lialina legt eine Seite auf einen russischen Server, die einen Link zu einer noch nicht existierenden Seite auf einem belgischen Server hat. Samyn legt dann diese Seite an, und verlinkt sie wieder mit einer noch existenten Seite auf dem russischen Server. In Belgien ist die Hölle, in Russland der Himmel. Jeder, der die URL kennt, kann zusehen, wie sich das "work-in-progress" weiterentwickelt.

Kannst Du beschreiben, wie die Kunstszene in Rußland sich zur Netzkunst stellt?

Olia Lialina: Ehrlich gesagt, habe ich mit der Kunstszene in Rußland nicht viel zu tun. Mein Eindruck ist, daß die Untergrundszene der späten siebziger, frühen achtziger Jahre heute die Gegenwartskunst dominiert. Das sind Leute Ende Dreißig, anfang Vierzig, die aus der Konzeptkunst kommen. Es gibt viele Performances und Installationen, auch Video, aber für Videokunst gibt es zum Beispiel nur eine Gallerie in Moskau. Anfang der Neunziger Jahre gab es mal mehr als zehn Gallerien, die Video gezeigt haben, aber davon ist nur eine übrig geblieben. Netzkunst oder sogar Computerkunst findet in Ausstellungen überhaupt nicht statt. Die einzige Person, mit der ich mich in Moskau über Netzkunst, wie ich sie verstehe, unterhalten kann, ist Alexej Shulgin. Die meisten anderen wissen im besten Fall gerade, was das Internet ist. Die denken, Netzkunst sei das Design von Homepages.

Wie sieht es in Rußland mit der Connectivity aus? Kannst Du sagen, wieviele Leute in Rußland online sind, und wie sie das Netz benutzten?

Olia Lialina: Vor einem Jahr gab es eine offizielle Statistik, daß es in Rußland nur 50 000 Internet-User gibt, aber jetzt scheinen täglich neue hinzuzukommen. Ich habe vor einem Jahr damit begonnen, eine Homepage für das Cine Phantom Kino zu machen. Damals habe ich die auf Englisch geschrieben, weil ich dachte, daß die sich sowieso nur Ausländer ansehen würden. Inzwischen ist die Seite in Russisch. Wenn ich die Leute, die zu uns ins Kino kommen, frage, woher sie unser Programm kennen, sagen inzwischen viele: "Aus dem Internet."

Was ist Cine Phantom? Ein Programmkino?

Olia Lialina: Cine Phantom ist das Kino des russischen Experimentalkinos, das sich Mitte der Achtziger Jahre entwickelt hat. Ich habe zuerst als Kritikerin über Experimentalfilm geschrieben, jetzt bin ich bei Cine Phantom Filmkuratorin. Und die Homepage für Cine Phantom war das erste, was ich im Internet gemacht habe...

Wie kommt man von der Gestaltung einer Homepage für ein Kino dazu, Netzkunst zu machen?

Olia Lialina: Auf der Homepage von Cine Phantom habe ich immer avi.-Dateien eingebunden, mit denen man theoretisch einen ganzen Film auf der eigenen Seite zeigen kann. Aber das war mir nicht genug. Ich habe mich gefragt, wie man Film und filmisches Denken im Netz anders darstellen kann. Schon beim Experimentalfilm geht es um das Verlangen, Geschichten zu erzählen, aber dafür eine neue Sprache zu finden. Ich habe versucht, mein Experiment mit dem Geschichtenerzählen mit HTML statt auf Filmmaterial zu machen.

Wann hast Du damit begonnen?

Olia Lialina: Eigentlich schon vor über zehn Jahren. Als ich dreizehn war, wollte ich ein Gedicht schreiben, aber ich bin nicht über die ersten beiden Zeilen hinausgekommen: "My boyfriend came back from the war/After dinner they left us alone." Die beiden Zeilen waren mir auf Russisch einfach so in den Sinn gekommen, aber dann wußte ich nicht weiter. Bis im letzten Jahr ein Filmemacher zu Cine Phantom kam, um mir ein Bild für unser Archiv zu geben. Ich habe ihn gebeten, sich von mir fotografieren zu lassen, und ein Bild von ihm und mir gemacht, auf dem wir mit dem Rücken zueinandersitzen. Mit diesem Bild beginnt auch "My boyfriend came back from the war", und von da aus geht es tiefer und tiefer.

Ist die Geschichte, die Du da erzählst, autobiographisch?

Olia Lialina: Nein, überhaupt nicht. Ich habe meine Bilder nicht auf meiner Seite, weil ich finde, daß man sich selbst im Netz nicht darstellen sollte. Viele denken, daß das mit dem Tschetschenien-Krieg zu tun hat, aber das stimmt nicht. Es ist eine abstrakte Geschichte. Die Bilder sind alle aus dem Hollywood-Film "Broken Arrow". Die Leute, die diese Arbeit ansehen, denken sich wahrscheinlich, daß ich so ehrlich und so verliebt bin - ganz anders bin als all die anderen Computerkünstler.

Wenn ich erzähle, daß die Bilder aus einem Film und nicht aus meinem Familienalbum stammen, sind viele Leute so verärgert, als hätte ich sie monatelang angelogen. Dadurch habe ich verstanden, daß "My boyfriend" auch von der Interaktion im Internet handelt: daß man miteinander kommuniziert, ohne sich zu sehen und ohne zu wissen, wer da spricht. Und daß sowieso niemand antwortet.

Die Art, wie Du bei "My boyfriend" verschiedene Bilder und Worte miteinander montierst, erinnert an den Filmschnitt. Beziehst Du Dich mit Deiner Arbeit bewußt auf die Stilmittel des Kinos?

Olia Lialina: In Rußland ist es sehr schwer, Filme zu machen. Ich habe selbst zwei Experimentalfilme gemacht, aber das ist inzwischen unmöglich geworden. Es gibt kein billiges 16-Millimeter-Material mehr, und man kann es auch nicht mehr entwickeln lassen. Mein Mann ist Filmemacher. Er arbeitet jetzt mit Video, weil er keinen Film mehr bekommt. Der Unterschied zwischen Video und Web ist aber, daß es beim Web noch Kader ("Frames") wie beim Film gibt, bei Video aber nicht. Ich wollte nicht einfach einen Film im Web zeigen. Die meisten Leute sind begeistert, daß sie jetzt Filme im Netz verbreiten können. Dabei vergessen sie, daß es nicht genügt, seinen Film einfach ins Netz zu stellen, Künstler sollten versuchen, das Medium zu erforschen, um zu sehen, was man damit sonst noch machen kann.

Die russischen Revolutionsregisseure wie Eisenstein haben durch ihre Montagetechniken versucht, dem Zuschauer Erkenntnisse zu vermitteln. Wenn Du Bilder und Texte durch Frames kombinierst, scheint es eher um Bewußtseinsprozesse zu gehen. Und im Gegensatz zu dem linear ablaufenden Film hat der User mehr Freiheit, die verschiedenen Kader miteinanander zu kombinieren...

Olia Lialina: Das Web macht es möglich, mit linearer, paralleler und assoziativer Montage zu experimentieren. Bei "My Boyfriend" hat man Einfluß auf den Ablauf der Narration. Es ist eine Art interaktiver Montage. Aber die Möglichkeiten, die der User hat, sind schon begrenzt, weil er nicht weiß, was passiert, wenn er auf ein bestimmtes Feld klickt. Bei dieser Arbeit geht es mir aber vor allem um Liebe und um Einsamkeit, nicht um die Technologie.

Wieso hast Du "My Boyfriend" eigentlich für das Internet gemacht? Würde diese Art der Narration auf einer CD-Rom nicht genauso funktionieren?

Olia Lialina: Ich habe eben mit dem Internet angefangen. Wie man CD-Roms macht, weiß ich bis heute nicht. Aber Du hast recht: "My boyfriend" könnte eigentlich auch auf einem anderen digitalen Medium sein. Es ist zwar interaktiv, aber keine richtige Netzarbeit. Darum wollte ich als nächstes etwas machen, das nur im Internet möglich ist. "Anna Karina goes to Paradise", meine nächste Arbeit, ist nicht nur in HTML geschrieben, sondern handelt auch vom "Environment" des Internet. Diese Arbeit reflektiert die Technologie stärker. Interessanterweise kamen die meisten Reaktionen auf "My boyfriend" aus dem Ausland. Aber über "Anna Karina" wurde sogar in der russischen Presse berichtet - vielleicht weil es mehr in der Tradition der Moskauer Konzeptkunst stand.

Und warum schickst Du Anna Karina auf ihrer Reise ins Paradies durch die Internet-Suchmaschinen?

Olia Lialina: Ich wollte, daß sie wirklich im Internet lebt und mit dem Gehalt des Internet operiert. Ich habe versucht, Materialien für diese Arbeit zu finden. Darum habe ich mit verschiedenen Suchmaschinen nach den Stichwörtern gesucht, die in der Arbeit vorkommen: Love, Paradise und Trains. Als ich dann die dummen Seiten gesehen habe, die ich mit diesen Stichwörtern gefunden habe, fand ich, daß die Ergebnisse der Suchmaschinen viel interessanter waren, als eine fiktive Geschichte.

Ich denke aber nicht, daß sich Netzkunst mit dem Netz beschäftigen muß. Wenn es im Netz ist und wenn es Kunst ist, dann ist es Netzkunst (lacht). Viele Künstler wollen nur zeigen, wieviele Programme sie beherrschen. Das ist das Problem bei neuen Technologien: Sie entwickeln sich so schnell, daß man oft gar nicht über sie nachdenken kann.

Kannst Du davon leben, Kunst im Internet zu machen?

Olia Lialina: Man kann mit vielen Sachen Geld verdienen. Ich mache es wie die meisten Netzkünstler und arbeite als Webmaster für eine kommerzielle Firma. Ich arbeite nicht gerne mit Programmierern, ich mache lieber alles selbst. In diesem Jahr bin ich wegen "My boyfriend" so oft zu Konferenzen und Ausstellungen eingeladen worden, daß ich mich eigentlich nicht beklagen kann, daß man mit Netzkunst überhaupt kein Geld verdienen kann. Allerdings habe ich starke Probleme mit den Augen. Eigentlich darf ich gar nicht am Computer arbeiten. Wenn mein Doktor wüßte, daß ich am Computer sitzte, würde er sagen, daß ich meine Tage im Krankenhaus beenden werde.

Deine letzte Arbeit ist "Heaven & Hell", eine Zusammenarbeit zwischen Michael Simon und dir. Kannst Du darüber etwas sagen?

Olia Lialina: Es geht um die Art von Kommunikation, die sich aus so einer Zusammenarbeit ergibt. Wir haben uns noch nie persönlich gesehen, sondern nur abwechselnd die Seiten gestaltet, aus denen die Arbeit besteht und sie einander zusehen. Jetzt kommen seine Daten von einem Server aus New York und meine von meinem Server aus Rußland. Indem wir so kommunizieren, entwickeln wir auch etwas im Netz.

Außerdem hast Du auf Deiner Seite eine Art Tagebuch, bei der ein "Sailor" und eine Agathe mit einanderer kommunizieren. "Sailor", das klingt, wie eine Figur...

Olia Lialina: ...aus einem Fassbinder-Film. (lacht) Das Tagebuch ist eine Sammlung von Links zu Kunst-Sites. Gleichzeitig ist es eine Parodie auf Linklisten, denn hier sind die Links verborgen. Wenn man einen Text liest, in dem die Links hervorgehoben sind, liest man ihn gar nicht mehr, sondern surft nur herum. Dieses Tagebuch muß man lesen.

Die Lingua France des Internet ist Englisch. Ist es für Dich ein Problem, Dich in einer Sprache zu artikulieren, mit der Du nicht aufgewachsen bist?

Olia Lialina: Ich will meine Arbeiten nicht auf Russisch machen, weil mir nicht gefällt, was in Rußland im Netz passiert: Die meisten Sachen haben etwas mit Schrift zu tun. Das hat mit der Tradition der russischen konzeptualistischen Literatur zu tun. Ich will nicht in diesen Kontext gerückt werden. Wenn ich etwas für das Netz mache, fange ich an, auf Englisch zu denken, auch wenn mein Englisch recht einfach und stereotyp ist. Mein Englisch besteht nur aus 100 Worten, die ich immer wieder neu kombiniere. Das ist eben mein Netz-Englisch. Die Texte in meinen Arbeiten sind nicht aus dem Russischen übersetzt. In Russisch würde ich nie solche Sachen sagen wie in "My boyfriend". Auf russisch habe auch solche Gefühle nicht.

Trotzdem betrachtest Du es nicht als Einschränkung Deiner Ausdrucksmöglichkeiten, wenn Du Dich im Netz auf Englisch ausdrücken mußt?

Olia Lialina: Ich habe in Russisch Filmkritiken geschrieben. Dabei spiele ich sehr gerne mit Worten und denke mir manchmal sogar neue Wörter aus. Aber dieses Spiel paßt nicht ins Netz. Für Leute, deren Muttersprache Englisch ist, klingt das, was ich schreibe, wahrscheinlich primitiv. Aber denen, die nicht so gut englisch können, gefällt es. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum "My boyfriend" so erfolgreich geworden ist: wegen meines einfachen Englisch und weil es um Liebe geht. (lacht)

Die inzwischen preisgekrönte Arbeit "My boyfriend came back from the war" finden Sie im Telepolis-Netzraum.

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