Kommune-Experiment Friedrichshof - ein verlorenes Paradies!
THEO ALTENBERG ÜBER KUNST, SEX UND DIE MÜHL-MONARCHIE
Ein Foto zeigt Theo Altenberg im Van-Gogh-Look perfekt wie eine Statue. Damals in den achtziger Jahren war Altenberg Mitglied der Aktions-Analyse-Organisation (AAO), einer vom Wiener Aktionisten Otto Mühl 1970 gegründeten Kommune, die dann auf den Friedrichshof nahe dem Neusiedler See, gut 50 Kilometer ausserhalb von Wien übersiedelte. Die Zweierbeziehung und das Privateigentum werden abgschafft, die langen Haare geschnitten und im Gegenzug Gemeinschaftseigentum sowie freie Sexualität eingeführt.
![]() |
|
| Theo Altenberg, Ex-Kommunarde und heutiger Techno-Aktivist, im Van-Gogh-Look |
KOMMUNARDEN ALIAS FLEISSIGE "JAPANER"
Man betreibt, so weit es geht, Selbstversorgung. Monatlich erscheinen die AA-Nachrichten. Die Aktionsanalyse dient der Selbstdarstellung. Die Selbstdarstellung ermöglicht "die Transparenz des psychischen Materials jedes einzelnen für alle". Das AAO-Modell dehnt sich aus, es entstehen Ableger in Berlin, Krefeld, Heidelberg und Genf. Um 1990 kommt es zum Ende des Paradies-Experiments Kommune. Otto Mühl, 65 Jahre alt, kommt wegen Unzucht mit Minderjährigen ins Gefängnis. "Jeder einzelne", so Mühl zynisch, "muss selbst seinen Platz in der Welt ohne kollektive Gebundenheit suchen."
altenberg: das gruppengebilde, das ab 1987 endgültig nichts mehr mit einer kommune zu tun hatte, brach 1990 zusammen, weil das ganze system in einen hierarchiewahn geraten war. ein absurderes theater als diese drei jahre wirklichkeit einer ins gegenteil gekippten "real-utopie" = "surreal-patriarchat" hat es wahrscheinlich in der geschichte der experimentellen lebensgemeinschaften nicht so oft gegeben.
bei anderen künstlerisch-sozialistisch motivierten gemeinschaftsversuchen hat man sich in den meisten fällen langsam und schrittweise auseinandergelebt aufgrund von bescheidenem wohlstand und der altersbedingten trägheit. aber hier ist ein bereits in wesentlichen ansätzen im bereich der materiellen gleichstellung aller mitglieder geschaffenes "soziales paradies" (mit gemeinschaftseigentum, selbstverwaltung, eigener schule, eigener kultur und eigenen firmen) in wenigen jahren zum psychischen horrortrip mutiert.
in dieser endphase ging es immer und immer wieder um den begriff "das ganze", etwas, das in wirklichkeit nicht mehr existierte, weil die beziehungen systematisch zerstört wurden.
tatsächlich war die von otto und claudia mühl betriebene hierarchisierung innerhalb der gruppe, an der anfangs die mehrheit der mitglieder kräftig mitarbeitete, für den untergang der "freien sexualität" verantwortlich. die aussenwelt hatte den weg der fleissigen kommunarden in den wohlstand schon zu lange miterlebt und davon profitiert. man nannte uns die "burgenländischen japaner", wir waren als wirtschaftsfaktor in ihr denken integriert und anerkannt unter anderem wegen der vorbildlich geführten schule. es gab keinerlei ernsthafte anfeindungen gegen uns. wir hätten uns in aller ruhe weiterentwickeln können und könnten noch heute, wenn das hierarchiedenken überwunden worden wäre, als lebensgemeinschaft an modellen möglicher freiheit weiterforschen.
![]() |
|
| Alltag der Kommunarden |
KOMMUNE ALIAS NEUE LEBENSWEISE
Der heute 45jährige Ex-Kommunarde und Künstler Theo Altenberg ist nach dem Kollaps der "Mühl-Monarchie" erst jetzt in der Lage, offen über das Vergangene zu sprechen. Das bringt natürlich viel Subjektives hervor, führt aber zugleich die Widersprüche wie auch die wundervollen Seiten der kommunitaristischen Lebensweise vor Augen - eines verlorenen Paradies. Im Dialog mit Altenberg rekonstruiert sich so gesehen ein Stück bisher ungeschriebener und unbekannter Alternativ-, Sozial- und Kunstgeschichte im allgemeinen - und im besonderen der Alltag auf dem Friedrichshof mit seinen Orgien und Ordnungen, wobei Altenberg als von Frauen der Kommune geliebter Mann wie auch als über Jahre engster Freund von Otto Mühl eine zentrale Position zukommt.
altenberg: bei uns wurde offen ausgesprochen, wer zur zeit besonders gut beim sex drauf war. und selbstverständlich wollten dann viele mit den beliebtesten sexidolen eine verabredung haben. aber die gruppe der geniesser veränderte sich über die jahre des zusammenlebens hinweg. für viele war es in manchen phasen stressig, weil sie einerseits karriere machen wollten, andererseits aber bei den "kommune-sex-idolen" zu viele ängste hatten. sexuelle lockerheit war voraussetzung für allgemeine anerkennung.
in der endphase wurde dann die sexualität immer mehr als teil der hierarchie reglementiert und teilweise auch "sozial" geplant. mehr und mehr leute hatten "politische" sex-beziehungen. andere betrieben "pflicht-sex", wie sie es nachher nannten. andere reagierten mit pilz- und herpes- infektionen. es wurde immer mühsamer. die sinnlichkeit ging verloren und deshalb auch der spass am zusammenleben.
|
|
Bevor Altenberg nun auf die Überholspur einer neuen Techno-Underground-Kultur wechselt, wirft er aus Sicherheitsgründen noch einen Blick in den Rückspiegel (lateinisch retrovisor), blickt also zurück in die ihn bis heute bedrängende Vergangenheit des Kommunenlebens. Altenberg spricht frei, kühn und visionär über so hundskommune - und vielleicht gerade deshalb so anspruchsvolle - Dinge wie gemeinsames statt einsames Leben, Macht, Utopie und Freiheit. Alles in allem also ein retrovisionärer Dialog, der die Grenzen der Kunst nach allen Richtungen hin bei weitem überschreitet und über neue Ideen von Lebensformen und Leidenschaften, Sex, Kommunikation und kollektiver Ekstase nachdenkt. Der Dialog lässt Altenbergs Leben unter der Lupe Revue passieren, wirft einen Blick auf seine bewegte Existenz, die zwischen früherem subversivem Mannschaftsgefühl und heutiger Selbstsubversion pulsiert.
altenberg: der tagesablauf der kommune in den jahren 70 und 71 besteht aus: sich lustig machen über aktuelle highlights der wichtelgesellschaft, übelste manifeste entwerfen, dreharbeiten für aktionsfilme, herstellen von agitationsmaterial, fotomappen und siebdrucken, tourneen organisieren, partys zu musik von jimi hendrix, langen gesprächen über kunst, psychoanalyse, wilhelm reich, sexualität, anarchismus und die zukünftige kommunengesellschaft.
Es geht hier um die fesselnde Suche nach einer neuen Lebensweise im Prä-Millennium. Und um die Innenansicht in eine ästh-ethische Welt, bevor die "Bilder" langsam in der Schwärze des Vergessens verschwinden. Vorausgeschickt sei, dass Altenberg seine Kommunezeit noch immer nicht vollständig verarbeitet hat. Es verfolgen ihn, zum Glück immer seltener, Albträume. Als er im Juni 1987 aus heiterem Himmel zum "Staatsfeind" erklärt wurde, geriet er in eine zweimonatige Psychose.
OTTO MÜHL: VÖLLIG ANDERE "VATERFIGUR"
altenberg: otto mühl war in den sechziger jahren einer der radikalsten aktionskünstler in einer explodierenden und politisierten kunstszene, die nach dem dadaismus und dem surrealismus, nach faschismus, stalinismus und nach den dekorativen fünfziger Jahren zum ersten mal wieder als eine umstürzlerische, unbequeme gruppe von neo-anarchisten in die schlagzeilen der weltpresse geriet. die aktionskunst, das happening und die fluxusbewegung bedeuteten für die allgemeine bürgerliche norm eine beängstigende veränderung der gesellschaftlich zugeschriebenen rolle des künstlers.
Was war der Wiener Aktionismus? Der Aktionismus war eine Therapie für Österreich. Er begann als Günther Brus 1960 das Bild als Objekt seiner psycho-hysterischen Raserei auffaste und zerfetzte. Hermann Nitsch entwickelte sein "Orgien.Mysterien.Theater" und stellt blasphemische Blutbilder aus. Um Rudolf Schwarzkogler kreisen Mythen und Legenden: Er hat sich nicht öffentlich kastriert, er hat sich auch nicht während einer Aktion den Schwanz abgeschnitten und er hat nie den Zuschauern seiner Aktionen Stromschläge verpasst, er war, im Gegenteil, vielmehr der Ästhet unter den Aktionisten.
Otto Mühl schuf raumgreifende Gerümpelskulpturen, die wie Krebsgeschwüre in seinem Atelier wucherten. 1963 vollzog er den logischen Schritt, sich mit dem Körper als Objekt auseinanderzusetzen, allerdings benutzte er nicht seinen eigenen, sondern bevorzugte Frauenkörper und scheute sie nicht, öffentlich den Koitus auszuführen.
1968 verlässt Nitsch als erster Österreich, Brus flieht 1969, in dem Jahr als Schwarzkogler aus dem Fenster stürzt, nach Berlin, und Mühl erklärt das Ende des Aktionismus und gründet seine aktions-analytische Kommune, womit er die Aktionen ins Privatleben verlegt. Die Kommune entstand 1970 in der Wohnung von Mühl an der Praterstrasse 32/2/12 im 2. Wiener Gemeindebezirk.
altenberg: der amtierende innenminister dr. piffl-pertschewitch brachte das entsetzen seiner landsleute mit seinem kommentar auf den erschütternden punkt: "ich schäme mich, ein österreicher zu sein."
in diesem klima der intoleranz, der ignoranz, des neids und der verlogenen moral entsteht in einer kleinen underground-szene die kommune praterstrasse. otto mühls ehe war gescheitert, er war neben brus und nitsch der meistgehaßte anti-typ der österreichischen volksseele. seine aktionen waren demonstrationen einer anarchischen sexualität und die kommunebewegung hatte in mitteleuropa durch die medien-sensationen um die berliner kommunen I und II einen höhepunkt erreicht.
Zusammen mit drei Freunden aus einer gescheiterten Kommune in Krefeld kommt Theo Altenberg, soeben 20 Jahre alt, im Sommer 1973 zum ersten Mal in die Praterstrasse auf Besuch. Mit 15 las er die Zeitschrift "Twen", weil ihn das Layout anturnte. Damals explodierte die Popmusik-Szene. Über die Gruppe Velvet Underground war Altenberg zu Andy Warhol und zur Pop Art, über die Hippie- und Studentenbewegung zu Happening, Fluxus, Joseph Beuys und dem Wiener Aktionismus gekommen.
Es ist für ihn, als wäre er auf einem anderen Stern bei anderen Lebewesen mit anderen faszinierenden Verhaltensweisen gelandet. Die Wohnung wird gerade ausgemalt, überall herrscht Chaos. Vom 12-Personen-Hochbett unter dem man in den grossen Wohnraum geht, kommt ein geiles Grunzen her. Fast alle tragen weisse Kittel und laufen mit Farbe oder Pinsel herum. Die meisten haben eine Glatze, weil, wie sie behaupteten, "bereits Fussballer und Polizisten lange Haare tragen". Keine Posters von Marx und Mao, Che oder Zappa. "Wir brauchen keine Idole, wer eine Star-Rolle annimmt ist ein Wichtel!"
altenberg: otto mühl war an diesem ersten abend für mich der weise gewordene aktionist, der humorvolle anarchist, der scharfe kritiker unbewußten verhaltens, der schlagfertige, geile verfechter eines spontanen umgangs mit seinen gefühlen, der schmunzelnde schamane und prickelnde entertainer, der geschickte analytiker und apokalyptische irre. er war die lässige und energiesprühende, völlig andere "vaterfigur". das absolute gegenbild zu den dumpfen und angepaßten figuren meiner kleinbürgerlichen kindheit.
wenige aussteiger seiner generation haben damals eine ähnliche ausstrahlung entwickeln können. vielleicht sind unter den "west-menschen" joseph beuys, andy warhol, ronald laing, timothy leary und einige andere noch am ehesten vergleichbar.
SEPARAT-PARADIES STATT KOMMUNISMUS
Altenberg zieht in die Kommune ein. Er plant, für etwa drei Jahre zu bleiben. Ins Tagebuch notiert er seine Ziele: "Meine psychischen Programme durchschauen, meine Sensibilität und Kommunikationsfähigkeit in der Sexualität entwickeln, alle Verhaltens- und Gesprächssituationen studieren." Er geht davon aus, beteiligter Beobachter zu bleiben. Daraus wird ein Kommunenleben von fast zwanzig Jahren, ein unvergessliches schnüffeln an einer intimen "Afrikanität", wie er es später nennt.
altenberg: meistens beschäftigen wir uns mit abweichendem verhalten: boheme-zeiteinteilung, schlafen gehen morgens um 5, mit jedem schmusen, weil die erwachsenen sich nie berühren. weil enge jeans "in" sind, tragen wir weite latzhosen und längsgestreifte jacken (KZ-assoziation). um unsere infantile, anti-erwachsene haltung für die bürger unmittelbar sichtbar zu machen, tragen wir auf der straße schnuller und wasserpistolen, spielen streiche, lachen die passanten aus.
Zusammen mit David, dem 6jährigen Sohn von Mühl, verwandeln Altenberg und andere Kommunarden als "Petersil-Bande" die Wohnung in verschiedene Landschaften, Puddingküchen, Schlachtfelder, Spielplätze, Zirkusmanegen, Räuberhöhlen. Genossen wird die Chance, die eigene Kindheit wieder zu leben, ohne jede Moral und umgeben von begeisterten Zuschauern.
![]() |
|
| Kommune |
altenberg: in den gemeinsamen nächten kam es zu unbeschreiblichen spontanen ereignissen. wir hockten stundenlang mit 15-20 leuten in der grossen sitzecke. es ging um rollenspiele, authentizität, programmierungen, kindheit, aggressionen, gier, energie, liebe, geburtserlebnisse, eifersucht, wahnideen, zärtlichkeit, verlogenheit, orgasmus, usw. das zucken in der oberlippe eines rechten mundwinkels konnte zum thema eines ganzen abends werden.
ein "elektrisches" aufmerksamsein aller anwesenden kennzeichnete die interaktionen in der kommune: weil ständig etwas unerwartetes geschah, weil plötzlich jemand einen emotionellen ausbruch versuchte, weil jemand nach der aktionsanalyse von wunderschön schwebenden pränatalen zuständen berichtete, weil eine(r) von uns mit schilderungen von seinen horrorerlebnissen alle zum gruseln und weinen brachte, weil alle wie die kleinkinder in einem märchenland herumliefen, weil sich vor lauter kichern keiner konzentrieren konnte, weil einer wie ein baby hinter seiner mutter herkroch und nur ständig gestreichelt werden wollte, weil jemand von uns eine visionäre schilderung von zukunft entwarf und alle sich sicher waren dieselben bilder zu sehen.
es war eine von otto mühl ausgehende aktionistisch-kollektive trance, die sich durch das intensive austauschen von aufmerksamkeit ständig veränderte und die teilnehmer veränderte.
Gegen Ende 1974 ensteht zum ersten Mal das Bild einer "Bewusstseinsstruktur". Damit ist gemeint, dass diejenigen, die nach jahrelangem glücklichen Leben in der Kommune die Stufe der <"genitalen und sozialen Identität" erreichen wollen, sich schrittweise zu "vorbildhaften künstlerisch denkenden Energetikern" entwickeln werden, die jederzeit ihre Gefühle in einer Selbstdarstellung ehrlich und öffentlich zum Ausdruck bringen können. Es gibt die Zielvision eines gesellschaftlichen Egos: die Einheit von Nehmen und Geben. Im Gegensatz zum Kommunismus, der Mitte der siebziger Jahre für Linke in weite Ferne gerückt war, bietet sich die konkrete Chance an, in den nächsten Jahren eine "Separat-Paradies" zu verwirklichen.
altenberg: niemand von uns zweifelte daran, daß otto mühl diese stufe der "sozialen und genitalen identität" erreicht hatte, da er sowohl sein eigentum, seine kunst als auch sich selbst vergesellschaftet hatte. er galt inzwischen unter den frauen sexuell als zuverlässig und war gerade dabei sich zu einem versierten leckerbissen zu entwickeln.
ZWISCHEN PAWLOW-LABOR UND POTEMKIN-ILLUSION
Es ist die Zeit der Zersplitterung linker Bewegungen und der Frustration über die verlorene Revolution, so auch des Runs auf Selbsterfahrungs- und Therapiebewegungen. Altenberg nomadisiert durch Europa, gibt Selbstdarstellungskurse und Workshops. Er geht gegen die dreissig zu, fühlt sich extrem revolutionör und verbreitet die Parole der "freien Sexualität" mit der Sicherheit der Gruppe im Rücken. Er überzeugt davon, dass die sexuelle Revolution in ein paar Jahren ein gesellschaftlicher Faktor sein wird. Altenberg sieht sich selbst als Teil einer Kadertruppe für ein Leben als Kunst, denn alle sollten ihren Alltag wegschmeissen und sich als Kunstwerk in Eigenregie betrachten.
altenberg: wir waren im besitz der "konsequentesten" linken praxis, weil wir das gemeinschaftseigentum verwirklicht und die eifersucht überwunden hatten, weil wir die revolte hedonistisch deuteten und mit psychoanalytischer theorie verbanden.
einige linke intellektuelle schlossen sich uns an. dieter duhm und viele andere sahen hier die möglichkeit sexualität, marxistisch-emanzipatorische theorie und soziale praxis zu verbinden. überall in europa bildeten sich neue gruppen.
Die Entwicklung der AAO in der ersten Hälfte der achtziger Jahre ist rasant. Man nimmt eine neue Realo-Haltung zum Thema "Beruf" und ökonomischer Erfolg ein. Eine Doppelstrategie herrscht vor: Nach aussen Anzug und Krawatte, innen Latzhose und Jeansjacke. Die Selbstdarstellung wird ritualisiert, die Lebensbereiche erfahren eine zunehmende Aufspaltung. Eine pragmatische Haltung macht sicht breit: die "Kleinfamiliengesellschaft" tritt an die Stelle der revolutionären Idee eines "Welt-Kommune-Netzwerks". Ein Aufnahmestop für neue Mitglieder wird verhängt! Während einerseits die wachsende Abkapselung gegenüber der Aussenwelt zunimmt, werden andererseits Projekte mit "grünen" und alternativen Gruppierungen angerissen. Der Friedrichshof wird zum Kommune-Dorf mit komplexer Infrastruktur ausgebaut, inklusive Badesee, eigene Schule, biologisch-dynamische Landwirstschaft etc. Eine neue Tanz- und Party-Phase tritt ein, so auch die Rückkehr zur Malerei, ein Babyboom und "Mütter-Kult".
Altenberg initiiert und realisiert, den meisten Kommunarden und oft auch Otto Mühl irrwitzig erscheinende Projekte: Zusammenarbeit mit Joseph Beuys und FIU (Freie Internationale Universität) beim Projekt "7000 Eichen" zur Documenta 7 in Kassel; Besuch bei Bunderskanzler Kreisky; Sammlung und Archiv des Wiener Aktionismus; Spielfilme ("Vincent", 1984; "Pablo Picasso", 1985; "Back to Fucking Cambdrige", 1986); Ausstellungsprogramm mit zeitgenössischen Künstlern (Georg Dokoupil, A. R. Penck, Dieter Rorh, Franz Graf, Brigitte Kowanz, Charlotte Moorman u.a.) und das Projekt El Cabrito auf La Gomera. Das Kommune-Experiment Friedrichshof wächst zu einem kleinen Firmen-Imperium.
altenberg: mit der geburt von attila, dem "ersten sohn" von otto und claudia im jahr 1985 begann eine phase der hierarchisierung, die schliesslich die kommune an den rand einer katastrophe brachte. zunächst scheinen die äusserungen von otto mühl, in denen er sich und seine "familie" mit "monarchischen ahnen" vergleicht, teil seiner üblichen, witzigen rollenspiele zu sein. zwei jahre später stellt sich heraus, dass wir uns darin gründlich geirrt hatten.
Mitte der achtziger Jahre erkennt Mühl das Risiko, seine Macht bald an die nächste Generation verlieren zu können. Er beginnt damit, alles an sich zu ziehen, bevor die langsam erwachsen werdenden Ex-Therapiefälle dazu übergehen, den Schritt zu wagen, selbst die Verantwortung zu übernehmen. Mehr und mehr Leute entwickelten gute Idee. Ein in Mühl angelegtes "destruktiv-autoritäres Programm" führt zu immer stärker werdendem Despotismus. Er masst sich immer gröbere Eingriffe in die Beziehungsnetze der Gruppenmitglieder an. Spürt er Widerstand, dann regiert er mit Ausgrenzung und Verfolgung. Als die Lage hoffnungslos wird, kommt in ihm der Wunsch nach Zerstörung der Kommune auf und schliesslich, als seine bevorstehende Niederlage für alle sichtbar wird, sogar nach Selbstzerstörung.
altenberg: so unbewußt, wie er vorher gegenüber den gruppen-mitgliedern zu weit gegangen war, so unbewußt bestrafte er sich jetzt selbst mit starrsinn, paranoia und krankheiten. ein unfall in el cabrito im frühjahr 1988 nahm symbolisch die art und weise seiner darauf folgenden niederlage vorweg. als er nach dem baden, ohne auf den hohen wellengang hinter sich zu achten, erhobenen hauptes aus dem meer stieg, wurde er von einer gewaltigen welle mit dem kopf in den sand gedrückt und über den strand geschleift.
ich stand in einiger entfernung und war völlig perplex. ich werde dieses bild nie vergessen, wie er blutend und schmerzverzerrt, wie in einer griechischen tragödie, an land geworfen wurde. es war dann im nachhinein, wenn einem die erinnerung hochstieg, so eine situation, die in einer minute, apokalyptisch verdichtet, alles erzählt hatte, was als weitere geschichte über die folgenden jahre passieren würde.
Das immer autoritärer werdende Auftreten von Otto Mühl wie auch seine immer absurderen Theorien und Dogmen (ab 1987 schrieb Mühl den Jungfrauen auschliesslich sich als Sexualpartner vor) waren ernste Anzeichen einer Entwicklung in Richtung Selbstvernichtung, analysiert Altenberg. Für ihn ist das ein bis heute unglaubliches Trauma und die bitterste Erfahrung seines Lebens. In einer verzweifelten Rede versucht er anfangs 1988 in der Bananenhalle von El Cabrito etwa 90 Leute zum Sturz der Monarchie zu bewegen. Otto Mühl fordert er zum Rücktritt auf. Die Masse reagiert empört. Altenberg wird zum x-ten aufgefordert, endlich die Gruppe zu verlassen. Er bleibt, in der fälschlichen Hoffnung, viele ihm wertvolle Beziehungen und Projekte retten zu können.
Das Kommunenlebens ist vor allem durch Selbstbespiegelung geprägt. Man sieht nur das, was man sehen will. Offener Widerstand ist tabu. Eigennutz bildet einen künstlichen Kitt. Das Monarchie-System duldet kein Aufmucken. Die Beschäftigung mit anderen Leuten ausserhalb findet praktisch nicht statt. Mühl und ein geschlossener Zirkel um ihn herum kapseln sich zusehends ab.
Wenn sich die bürgerliche Gesellschaft immerhin noch in die Psychoanalyse der Neurosen flüchten kann, so ist das Kommune-Experiment Friedrichshof eher mit Pawlows Labor vergleichbar, das nicht umsonst "Turm des Schweigens" heisst: ein schalldichter, isolierter Raum, in dem in einem "grossangelegten Tierexperiment" bedingte Reflexe eingeübt werden. Leben ist nichts anderes als speichelnd Hunger artikulieren. Bei einer Überschwemmung in Pawlows Labor vergessen die Hunde ihre Konditionierung; so ist es auch, als in der Grosskommune Friedrichshof den Menschen das Wasser bis zum Hals steht. Niemandem gelingt es, einen "Therapeuten" zu finden, der die Selbstzerfleischung aufhalten kann.
altenberg: es wäre 1988 noch möglich gewesen, den konflikt ohne größeren finanziellen und politischen schaden für die gemeinschaft zu entschärfen. bei einem rückzug auf seine rolle als künstler und einer ehrlichen entschuldigung gegenüber den menschen, die er verletzt oder verfolgt hatte, wäre ihm eine gefängnisstrafe erspart geblieben. es gab immer wieder ansätze einer erlösenden lösung und momente der hoffnung. in einigen situationen, die ihm die konsequenz seiner kamikaze-politik deutlich sichtbar machten, kam er zu einsichten, formulierte rückzugabsichten und man sah ansätze einer demokratisierung seines denkens.
aber er und sein "gesäuberter" engster kreis haben auf unverständliche weise - trotz der bekannten konsequenzen - letztlich immer den weg in die konfrontation gewählt und damit den hass weiter geschürt. es wurden immer falschere entscheidungen getroffen, immer mehr fähige leute aus verantwortlichen positionen verbannt und immer mehr kapital für potemkinsche illusionen vernichtet. nach der anzeige gegen ihn wegen sexuellen missbrauchs zeriss dieses geflecht von menschlichen beziehungen, um sich dann als verwirrter haufen schrittweise in einen zug der lemminge zu verwandeln.
SITUATIONISTISCHE TRANSGLOBALE
Mit der Vergangenheit wird rasch gebrochen und eine Genossenschaft gegründet, um das restliche Vermögen zu retten. Verdrängung statt Aufarbeitung des Dramas ist angesagt. Die meisten flüchten sich in eine rasch konstruierte "Neo-Familie" oder in eine geschlossene Firmenidylle mit garantiertem Monatseinkommen. Neue Machtspiele beginnen und Störenfriede werden denunziert. Die neue Geldelite will nach der Auflösung des Gemeinschaftseigentums unter sich bleiben. Künstler und Kreative können dabei nur lästig sein.
altenberg: es kam die grosse zeit der wendehälse, der ökonomie-logisch getarnten machtmenschen und der schlauen profiteure.
otto mühl wurde seiner ämter enthoben und lebte noch ein jahr am friedrichshof mit einer kleinen gruppe von vertrauten in einer art von innerem exil, bevor er 1991 in untersuchungshaft genommen und dann zu sieben jahren haft verurteilt wurde.
während von den 400 kommunarden bei ausrufung der monarchie 1987 höchstens 40 gegen ihn waren, waren 1990 bei seinem sturz nur noch höchstens 40 für ihn als "regierungschef".
das urteil gegen mühl war, im vergleich zu anderen urteilen bei ähnlichem strafbestand, außergewöhnlich hoch.
Das Monarchie-System im Kopf von Otto Mühl hat die basisdemokratische Idee des Kommune-Experiments zerstört. Ergebnis: Selbstzerfleischung und Missachtung des Prinzip Freiheit. Heisst das nun, dass die Idee einer Gesellschaftsutopie vom Tisch ist, die etwa über das soziale, kulturelle und symbolische System der Grossfamilie ihre Mitglieder auf gleichberechtigte und konkurrenzlose Weise integriert?
Wie schätzt Altenberg die Situation ein: Können neue Gemeinschaften, Stämme oder Subkulturen wachsen, die das Potential neuer Utopien und Avantgarden entfalten? Welches sind die Bedingungen für eine glückliches Zusammensein? Altenbergs Erfahrung zählt, er hat schliesslich bald 25 Jahre in experimentellen Gesellschaftsstrukturen gelebt: Wohngemeinschaft, Kommune mit freier Sexualität, Gruppengemeinschaft mit Hierarchie, Opposition in einer Kollektiv-Monarchie, Opfer einer Genossenschafts-Bürokratie, nomadischer Reisezustand, Dreierbeziehung, viele Beziehungen.
altenberg: glück geht nur auf der basis: "peace, freedom, love, information and respect".
in der gerade überall entstehenden transglobalen urzeit/elektronischen weltkultur der verschiedenartigsten underground-nester wird ein neuer, situationistisch-konstruktiv verstandener aktionismus entwickelt, der mit einer noch nicht gekannten lockerheit tabus zersetzt und auflöst. da ist platz genug für hellwach/verträumte künstler mit kommuneerfahrung, humor und intuition.
Der exzentrische, introvertierte Van-Gogh-Blick ist verflogen. Wer mit Altenberg über mehrere Monate hinweg kommuniziert (am Telefon, per Post oder Fax, im Café, am Küchentisch), fällt die Arbeitslust des absichtlichen Glatzenträgers auf, so auch sein wacher Geist, sein cooles Wesen und die aktivierten fünf Sinne für virulente Entwicklungen. Heute ist er ganz anders: spassgeladen und unberechenbar wie ein Baby, das mit einem neugeschenkten Gummiball spielt. Als Dance-Maniac ist er in die Techno-Szene eingestiegen. Hier findet er die Hauptdarsteller für seine Videos, "stilistisch ausserordentliche Bewegungskünstler, die elektronische Musik als erweiterte Trance- und Akreaktions-Technik kultivieren". Das Elementare bei Techno, sagt Altenberg, sei der individuell-kollektive Geschwindigkeits- und Intensitätsrausch:
altenberg: man hat das gefühl von unendlicher energie. diese musik pusht wie noch keine musik vorher dein sich an den schwingungen aufgeilendes körpergefühl. die bassline hebt einen von unten vom boden und oben wird man von laserstrahlartigen tongeschossen wie von akupunkturnadeln durchbohrt ... ich komme mir vor wie ein sich verzerrender zellhaufen in zuständen zwischen irgendwas von urmensch/raubtier/derwisch/wasserstrahl/jäger/meditierendershaolin mönch/astronaut in schwerelosigkeit ... irgendwann schwebt man und kann über das gewicht seiner körperteile bestimmen. stein oder wolke, vogel oder panther?
![]() |
|
| Street Parade Zürich 1995, Video-Still von Theo Altenberg |
Altenberg arbeitet aktuell an einem Video, das die Techno-Szene zwischen Berlin, Köln, Frankfurt, München, Zürich und Wien darstellt, sowie an Party-Vernetzungen, die er bezeichnenderweise "Joined" nennt. Sein Lebensziel sind offene und intensive Liebesbeziehungen und Freundschaften. Mehrere Wohnsitze und viele Reisen (derzeit in Kuba) entsprechen seinem Wunsch nach einer fliessenden Lebensform. Seine Vision einer vorurteilsfreien, künstlerisch denkenden, basisdemokratischen Gesellschaft als regional/global orientierte Form des Lebens verliert er nicht aus seinen Van-Gogh-Augen. Altenbergs "aktionistisches" Leben existiert weiter in vernetzten, coolen und relaxten Erlebnisqualitäten.
http://www.heise.de/tp/artikel/6/6154/1.htmlDarstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.




