Virtuelle Agenten auf dem elektronischen Marktplatz
Sind die virtuellen Helferlein in der Datenflut wirklich ein Vorteil?
Der große elektronische Marktplatz im Datenland wird ein globales Kaufhaus mit gigantischen Ausmaßen sein, in dem sich Millionen von Menschen drängeln, von Angebot zu Angebot springen, sich informieren und sich das Beste und Billigste heraussuchen, das es auf der Welt gibt. Die Konkurrenz der Anbieter, die ihre Waren mit Profit auf diesem Weltmarkt verkaufen wollen, wird hart sein. Und die Aufmerksamkeit der Datenflaneure muß eingefangen werden, damit sie in der unübersehbaren Masse der Informationen auch zu den Waren der Anbieter finden. Die Verkaufstände und kommerziellen Welten werden natürlich im Cyberspace am besten durchgestylt werden, um zu kaufberauschenden Erlebnisräumen zu werden, aber es wird mehr und mehr auch darum gehen, möglichst viele Daten über potentielle Kunden und ihr Kauf- sowie Suchverhalten zu sammeln und sie direkt anzusprechen.
Auf dem elektronischen Marktplatz werden sich aber nicht nur Menschen und vielleicht deren virtuelle Repräsentanten als Avatare tummeln, sondern auch eine Vielzahl unterschiedlicher intelligenter Agenten auf der Seite der Anbieter wie auf der der Kunden. Agenten mit automatisierten Informationsfiltern, motiviertem Suchverhalten und Kommunikationsmöglichkeiten mit anderen Agenten werden den Marktplatz umkrempeln und die Verteilung sowie den Erwerb von Information erheblich erweitern und beschleunigen, zumal sie ununterbrechungslos 24 Stunden am Tag durch das Datennetz flanieren. Auch hier wird natürlich eine Aufrüstungsspirale einsetzen, denn die Interessen der persönlichen Agenten von Kunden, die aus deren Entscheidungen die individuellen Präferenzen lernen, entsprechen nicht denen von Informationsbrokern oder von Anbietern. Suchen die einen nach den günstigsten und für ihre Auftraggeber besten Angeboten innerhalb der globalen Auswahl und sollen sie zugleich möglichst wenig Daten von diesem verraten, so wollen die anderen die Aufmerksamkeit der persönlichen Agenten wecken, sie verführen und möglichst viele Daten über die dahinterstehende Person erhalten. Vielleicht kommt es auch zu Zusammenschlüssen von Agenten, die kooperativ handeln, um ihre Interessen besser durchsetzen zu können.
Natürlich ist die Einführung von Agenten, denen man als Sklaven die Arbeit im undurchdringlichen Informationsdschungel des Cyberspace überläßt, ihren Herren die gewünschten Daten in einer erträglichen Vorauswahl zu bringen, verführerisch. Man muß nicht mehr stundenlang vor dem Computer sitzen, sich durch Websites und die Auswahl von Suchmaschinen durchklicken, sondern schickt seinen Gehilfen mit einem Auftrag los und schaut sich dann an, was dieser an Informationsfilterung geleistet hat. So preist denn etwa auch Alexander Chislenko in seinem Beitrag Automated Collaborative Filtering and Semantic Transports die Optimierungsmöglichkeiten für den Informationsfluß in der Gesellschaft an, in der es wegen der Informationsflut immer schwieriger wird zu wissen, welche Informationen es gibt und wie man sie erhält.
Menschen verbringen viel Zeit damit, die besten Dinge zu finden, die ihre Interessen befriedigen. Dabei verschwenden sie viel Energie mit der Durchsicht von Junk, stoßen gelegentlich auf Überraschendes und übersehen vieles, was ihr Leben angenehmer machen könnte. Email und der Zugang zum Web haben die Leistung von Informationssuche und -verteilung stark verbessert, aber nicht die Form der Mechanismen verändert. Würde den man den Suchprozeß verbessern, so nähme die Lebensqualität zu und beschleunigte sich die Übernahme von neuen und wertvollen Produkten und Ideen. Das würde Ressourcen schonen und die Rate des sozialen und wirtschaftlichen Forschritts beschleunigen.
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Noch steht die Entwicklung virtueller Agenten erst an ihrem Anfang. Wenn sie aber eine gewisse Autonomie und Intelligenz erlangen werden, so ist wahrscheinlich, daß sie auch neue Verhaltensweisen entwickeln, die unvorhersehbar und möglicherweise für ihre Benutzer unerwünscht sind. Doch egal wie autonom und intelligent die Sklavenagenten aus sein mögen, ihr Verhalten unterscheidet sich vermutlich immer von dem der Menschen. Jeffrey O. Kephart, James E. Hanson und Jakka Sairamesh haben Price-War Dynamics in a Free-Market Economy of Software Agents) ein sehr vereinfachtes Modell eines Multi-Agenten-Systems entwickelt, um zu sehen, welche Auswirkungen die Aktionen von drei unterschiedlichen Agenten - Anbietern von Information, Brokern und Konsumenten - unter den Bedingungen eines freien Marktes auf die Informationsökonomie haben. Daß irgendwann Milliarden von Agenten den Informationsmarkt bevölkern und Informationsgüter und Informationsdienste mit Menschen sowie anderen Agenten austauschen, steht für sie fest: "Aber wenn man davon ausgeht, daß Software-Agenten Entscheidungen um eine Größenordnungen schneller als Menschen treffen können und weitaus weniger flexibel und komplex als diese sind, so ist ganz einleuchtend, daß eine Agentenökonomie sich auf eine Weise verhalten wird, die für uns ganz fremd ist."
Die Untersuchung von großen Systemen interagierender und selbst-motivierter Software-Agenten habe gezeigt, daß diese für die Entstehung eines "wilden, unvorhersehbaren und zerstörerischen kollektiven Verhaltens" anfällig seien. Bessere Ergebnisse wären vor allem dann entstanden, wenn die kooperierenden und/oder konkurrierenden Agenten mit ihren Transaktionen zu einem vorher definierten erwünschten Ziel kommen sollen, was aber in einem offenen Markt nicht der Fall sei, in dem die meisten Gesetze und Verhaltensweisen erst emergieren.
Die Wissenschaftler gingen in ihrem Modell von einer einfachen Ökonomie aus, deren einzige Marktprinzipien der Preis des Verkaufens, Filterns und Erwerbs von Information (aktuelle Nachrichten) ist. Untersucht wurde die Dynamik, die entsteht, wenn zwei oder, etwas komplexer, drei Broker direkt um einen einzigen Informationstyp in Konkurrenz stehen, der von einem Anbieter gekauft und interessierten Kunden - seinen Abonnenten - unter entstehenden "Transportkosten" anbietet. Unter der gegebenen Bedingung, daß die Agenten nicht kooperieren und Kartelle bilden und daß sie kurzsichtig handeln, weil sie über kein Gedächtnis verfügen, seien sie zu dem Ergebnis gekommen, daß "Preiskriege eine grundlegende und unerwünschte Eigenschaft von agentenbasierten Systemen" seien. Die Broker unterbieten sich beispielsweise solange, bis einige oder alle auf weniger vom Konkurrenzkampf geprägte Nischen ausweichen. Die Kunden werden oft nicht mehr von den Brokern beliefert oder die Gewinne der Anbieter geraten in wilde Schwankungen. Die Kurzsichtigkeit macht das System instabil, so daß offenbar notwendigerweise ruhige Zustände in sporadisch auftretende Preiskämpfe mit verheerenden Wirkungen übergehen.
Natürlich ließe sich das System auch verbessern, wenn man beispielsweise Kosten einbezieht, die durch zusätzliche Bandbreite, Speicherung oder Rechenkapazität entstehen, wenn Broker auf der Suche nach Profit von einer "Informationskategorie" in einer andere überwechseln. Allerdings könnte zu hohe Kosten für den Wechsel auch dazu führen, daß die Broker im fatalen Preiskampf der Unterbietung verharren. Würde man die Agenten dazu befähigen, Preiskriege zu vermeiden, indem sie eine Simulation des künftigen Systemverhaltens durchführen, so würde dies eine zu große Rechenkapazität und ein zu großes Wissen über die Strategien der anderen Agenten voraussetzen. Wenn es einen Lernalgorithmus zur Vermeidung von Preiskriegen gäbe, so könnte dies wiederum andere Verhaltensweisen entstehen lassen, die auch unerwünschte Konsequenzen haben könnten. Und die Agenten könnten natürlich kooperieren, um Preise zu stabilisieren, was aber zu monopolartigen Strukturen führen könnte.
Will man den elektronischen Markt also wirklich mit Agenten bevölkern, so wird man sich noch einiges einfallen lassen müssen, um Regulation und freien Markt in ein Gleichgewicht zu bringen und Nachteile zu verhindern. Aber das ist in der wirklichen Welt auch nicht anders, die schließlich auch von Preiskriegen und Systemzusammenbrüchen gekennzeichnet ist. Warum sollte das in der virtuellen Welt anders sein?
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