Aufmerksamkeit - zwischen Irritation und Langeweile

09.11.1998

Aspekte der Informationsästhetik

In der Ästhetik ist es nicht anders als in anderen philosophischen Bereichen: Angehörige der exakten Wissenschaften machen sich das Problem zu eigen und bieten Antworten an, die nachprüfbar und schlüssig sind. Man hat den Eindruck, daß die Philosophen darüber nicht glücklich sind. Besonderer Widerstand regt sich, wenn es um menschliche Verhaltensweisen und Gefühle geht, und das gilt insbesondere für den Versuch, ästhetische Prozesse zu erklären.

Nun haben Naturwissenschaftler nicht unbedingt missionarische Intentionen, und im Grunde genommen könnten ihnen die endlosen und unergiebigen Diskussionen um das Wesen der Kunst gleichgültig sein. Viele von ihnen aber interessieren sich für Malerei, Musik und Literatur und suchen naturgemäß nach Erklärungen für das, was der Mensch erlebt und empfindet, wenn er sich damit auseinandersetzt.

Erklärungsversuche von dieser Seite gab es schon früh, selbst in der Antike, und später hat man einen Namen dafür gefunden, nämlich "rationale Ästhetik". Dabei kamen mathematische Beziehungen zum Einsatz, beispielsweise mit dem Goldenen Schnitt, oder physikalische mit den akustischen Schwingungsverhältnissen des Wohlklangs. Im Großen und Ganzen blieb dieses ästhetische Wissen fragmentarisch, und das mußte wohl auch so sein, denn Kunst ist weder ein mathematischer, noch ein physikalischer Prozeß. Aus heutiger Sicht ist eine andere Kategorie von Wissenschaften dafür zuständig, nämlich jene, die auf dem Informationsbegriff aufbauen.

Man kann es leicht bestätigen: In einem sehr allgemeinen Sinn stellt sich Kunst stets als Kommunikationsprozeß dar, Kunstwerke sind so etwas wie "Angebote zur Wahrnehmung", und Wahrnehmung ist eine spezielle Art der Aufnahme von Information. Wahrnehmung schließt aber auch die Verarbeitung der einlaufenden Daten in sich ein, so daß aus der Reaktion des Adressaten Schlüsse auf die Wirkung des Kunstwerks gezogen werden können. Beobachtung ist aber auch wieder eine Art der Informationsaufnahme, und damit schließt sich der Kreis: Der Künstler nimmt die Stelle des Senders ein, das Publikum jene des Empfängers, und zwischen diesen beiden Polen wird Information ausgetauscht.

Die sogenannte Informationsästhetik war der erste wissenschaftlich fundierte Versuch, die Erscheinungen des Datenumsatzes als Basis ästhetischer Fragestellungen einzusetzen. Allerdings wird sie hierzulande meist als überholt angesehen, und das hat wissenschaftshistorische Gründe; es hängt mit dem Mathematiker und Philosophen Max Bense zusammen, der den Begriff eingeführt hat. Auf der einen Seite erkannte er die grundlegende Bedeutung der Information für die Kunst, auf der anderen Seite suchte er nach der absoluten Formel, mit der sich Kunst defininieren und bewerten läßt. Sein Irrtum lag in der Tatsache, daß Kunst nichts Absolutes ist, sondern etwas vom Wahrnehmen und Denken Abhängiges. Schüler von Max Bense haben das bald erkannt, allen voran Helmar Frank, doch ihre Arbeiten fanden wenig Beachtung. Mehrere von ihnen wandten sich später der Informationspädagogik zu, wo im Großen und Ganzen die selben Prozesse wichtig sind wie in der Informationsästhetik, und festigten auf diese Art - von der Kunstwissenschaft so gut wie unbemerkt - die Basis einer informationsorientierten Ästhetik. (Um Verwechslungen mit den Hypothesen von Bense zu vermeiden, sollte man sie vielleicht als "kybernetische Ästhetik" bezeichnen, insbesondere, weil sie neben der Wahrnehmung auch die Verhaltenslehre miteinbezieht.)

Unabhängig von der besonderen Situation in Deutschland haben sich weltweit Naturwissenschaftler immer wieder um die Erklärung ästhetischer Phänomene bemüht, und gerade in letzter Zeit konnte man geradezu eine Häufung solcher Veröffentlichungen feststellen. Hervorzuheben sind dabei etwa "Der kosmische Schnitt. Die Naturgesetze des Ästhetischen" von John D. Barrow, eines Astronomen, der überzeugend darlegt, daß die Herausbildung ästhetischer Kriterien eine Folge evolutionärer Prozesse ist. Auch deutsche Autoren haben sich immer wieder mit Kunst und Schönheit beschäftigt, beispielsweise Manfred Eigen zusammen mit Ruthhild Winkler in ihrem Buch "Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall", wobei besonders das spielerische Moment in der ästhetischen Kommunikation hervorgehoben wird. Der Physiker Friedrich Cramer, zusammen mit Wolfgang Kaempfer, beschreibt eine Theorie der Schönheit, in der die Balance zwischen Ordnung und Chaos im Kunstwerk die Basis ist. Der Neurophysiologe Ernst Pöppel kann eine ganze Reihe ästhetischer Regeln aus dem Faktum des psychologischen Zeitquants ableiten, das die Informationsaufnahme beim Menschen bestimmt. Es ist bedauerlich, daß keinem dieser Autoren die dreißig Jahre alten Arbeiten der Nachfolger von Max Bense bekannt waren, denn dann hätten sie ihre Einsichten in ein schon bestehendes größeres Gedankengebäude einordnen können. Andererseits bestätigt sich, daß die naturwissenschaftliche Näherung zu miteinander verträglichen Vorstellungen führt - man befindet sich also auf dem richtigen Weg zur Lösung der Probleme.

Wenn es um den Begriff der Aufmerksamkeit geht, dann finden sich im Feld der modernen rationalen Ästhetik praktikable Antworten. Sie bestätigen im übrigen, daß die damit zusammenhängenden Erscheinungen weit über den Rahmen künstlerischer Äußerungen hinaus relevant ist, beispielsweise im Unterricht, in der Werbung, in der Unterhaltung. Wenn man also den Wissensstand darlegen will, bieten sich dafür jene Vokabeln an, die aus der Informationstheorie, der Regelungstechnik, der Verhaltensforschung usw. geprägt wurden. Ihr Gebrauch erweckt in manchem den unangenehmen Eindruck, es ginge damit um eine Herabwürdigung kulturell hochstehender Werte, womit die Ablehnung bereits vorgegeben ist. Auf der anderen Seite aber sind diese Begriffe das beste Mittel der Verständigung, und wenn es um Einsicht, Klärung und Wissensvermittlung geht, hat dieser Aspekt Vorrang.

Apperzeption - die bewußte Wahrnehmung

In die Erscheinung der Wahrnehmung sind verschiedene Arten von Prozessen involviert. Der grundlegende Vorgang ist die Aufnahme von Reizmustern auf der Ebene der Sensoren, ihre Umwandlung in chemisch-physikalische Signale, die durch die Nervenstränge laufen bis in den "Zielraum", in dem das Aufgenommene bewußt wird ..

Eine andere Klasse von Vorgängen ist die Interpretation von Reizmustern, wodurch sie erst Bedeutung gewinnen und zu Daten werden. Man kann hier auch den Begriff der Kodierung verwenden, die im übrigen durch eine Besonderheit gekennzeichnet ist: Je höher die erreichte semantische Ebene ist, umso geringer ist der Aufwand der Daten zur Beschreibung. Diese Tatsache ist insofern von entscheidender Bedeutung, als auch die Nervenfasern als materielle Gebilde den Gesetzen der Physik unterliegen und deshalb nicht beliebig viele Daten (pro Zeiteinheit) transportieren können; viele Besonderheiten in der Art und Weise unseres Wahrnehmens und Denkens sind gewissermaßen als Rücksichtnahme auf die beschränkten Daten-Durchflußkapazitäten zu erklären.

Ein weiterer Aspekt der Vorgänge liegt in ihrer Steuerung: Je nach ihrer Bedeutung werden die Datenflüsse an zuständige Stellen im Gehirn geleitet, wo sie Reaktionen veranlassen. Ein großer Teil dieser Prozesse erfolgt unbewußt, beispielsweise die Wärmeregulierung im Körper, die Verdauung usf. Nur ein Bruchteil der aufgenommenen Information gelangt, mehrfach umkodiert und interpretiert, ins Bewußtsein. Man kann dieses als so etwas wie einen Arbeitsspeicher der datenverarbeitenden Maschine Gehirn ansehen, in dem alles, was nicht routinemäßig verarbeitbar ist, einer letzten Deutung und Bewertung unterzogen wird. Daraufhin geben wir dann - intrasubjektiv als Willensäußerung - Befehle für nötige Reaktionen. Ein Teil der bewußt gewordenen Information gelangt in das Kurzgedächtnis, und was dort lange genug aufbewahrt wird oder mehrfach auftritt, wird schließlich ins Langgedächtnis transferiert.

Die Instanzen, die hier als Datenspeicher beschrieben sind, das Bewußtsein, das Kurzgedächtnis und das Langgedächtnis, darf man sich nicht als an bestimmten Stellen konzentrierte Einheiten vorstellen, sondern eher als etwas, das sich über mehrere Positionen verteilt. Das schließt aber nicht aus, daß auch hier die Gesetze der Physik gelten. Sie betreffen einerseits die Zeitspanne, in der die Information aufbewahrt wird, oder andersherum den Prozeß des Vergessens, und sie sind weiter durch ihr Fassungsvermögen für Daten gekennzeichnet. Und diese Beschränkung in den Kapazitäten und Durchflußkapazitäten gilt natürlich auch für die zwischen ihnen hin- und herführenden Nervenleitungen. Wichtig ist dabei, daß man den Inhalt des Kurzgedächtnisses wie des Langgedächtnisses wieder ins Bewußtsein zurückführen kann; auf diese Weise wirken Erfahrung und Wissen auf unsere Reaktionen und Entschlüsse ein.

Am auffälligsten ist die Tatsache, daß in das Bewußtsein insgesamt rund 16 bit/s eintreten können, wobei sowohl die aktuell eingegebene Information wie auch jene aus Kurz- und Langgedächtnis zu berücksichtigen sind. Daraus geht beispielsweise hervor, daß man, wenn man sich voll den Erinnerungen hingibt, den Zustrom neuer Information zeitweise unterbindet. Auf diese und ähnliche Weise ergibt sich eine Fülle aufschlußreicher Spezifikationen über die Funktion des Wahrnehmens und des Denkens.

Obwohl es sich um quantitative, aus dem Verständnis technischer Prozesse entwachsene Daten handelt, prägen sie doch die Art und Weise, wie wir uns selbst erleben. So geht es darum, was wir von der Umwelt überhaupt erkennen können, auf welche Weise wir darauf reagieren, und ob diese Reaktion vorbestimmt oder willkürlich ist. Von diesem Funktionsablauf ist aber speziell natürlich auch die Kommunikation mit anderen Menschen abhängig, von der oberflächlichen Unterhaltung bis zur Fachdiskussion, und schließlich geht daraus auch hervor, wie wir uns verhalten, wenn wir mit einem Kunstwerk konfrontiert werden. Es sei hinzugefügt, daß dieses Datenverarbeitungssystem zu dem fähig ist, was in der Computerbranche Parallel Processing heißt, so daß in derselben Zeit eine Vielzahl von Prozessen verlaufen können, die durch Informationsaustausch voneinander abhängig sind - mit dem letzten Ziel einer "Homöostase", einem Zustand des Gleichgewichts mit sich selbst und der Umwelt.

Die Rolle der Emotionen

Vor dreißig Jahren war das, was hier beschrieben wurde, noch recht ungewohnt, und es gab schon deshalb Ablehnung, weil viele nicht bereit waren, aufgrund der noch recht dürftigen experimentellen Basis so weitreichende Schlüsse zu ziehen. Inzwischen hat sich die wahrnehmungstheoretischen Grundlage gefestigt, die Zusammenhänge sind bekannt und in vielfacher Hinsicht verfeinert. Man könnte also das zunächst noch benutzte grobe Schema durch Angabe genauerer Werte ergänzen und verfeinern, und für manche Bereiche, beispielsweise für die Pädagogik, ist das auch nötig. Man kann sich andererseits vergewissern, daß zum Verständnis der Kunst im Allgemeinen der erste Näherungsschritt genügt, und es gar keinen Sinn hätte, die Genauigkeit weiterzutreiben. Wie in allen biologischen Systemen gibt es für die quantitativen Kenndaten Spielräume, so daß man eigentlich das Modell der "fuzzy logic" zugrundelegen müßte, die mit Ungenauigkeiten operiert.

Ein anderer Einwand betrifft einen weiteren, bisher unerwähnt gebliebenen Aspekt, nämlich jenen der Emotionen - womit die Zone zwischen Wahrnehmungstheorie und Verhaltensforschung erreicht ist. Gerade bei ästhetischen Prozessen ist er insofern wesentlich, als die meisten Rezipienten von Kunst in den ausgelösten Gefühlen das wesentliche Moment der Kunst sehen. Hier wird meist die Ansicht laut, daß Emotionen wissenschaftlich grundsätzlich nicht erklärbar sind, und das fordert dazu heraus, einige Worte über den Unterschied zwischen subjektiver Sicht und objektiver Beschreibung psychischer Prozesse zu verlieren. Eigentlich ist es ganz einfach, weil wir es tagtäglich erleben - etwa die eigene Freude, ein inneres Erlebnis, oder die Freude von anderen, erkennbar oder beschreibbar an ihrem Verhalten.

In der Tat kann die Wissenschaft nichts darüber aussagen, wie jeder einzelne seine Freude oder seinen Schmerz empfindet, und das betrifft genau genommen jede Art von Introspektive, also auch den Eindruck von Farben, von räumlichen Beziehungen, von Sympathien und Antipathien und dergleichen. Unwillkürlich sind wir der Meinung, daß andere ähnlich oder gleich empfinden wie wir, wenn sie dasselbe erleben. Eine Methode, das zu bestätigen oder zu widerlegen, ist derzeit und vielleicht für immer nicht in Sicht. Aber sehr wohl kann man feststellen, daß das mit einer Emotion verbundene Verhalten bei einem selbst und bei anderen auf ähnliche Ursachen zurückführt und zu vergleichbaren Reaktionen führt. Und wenn man vom Postulat ausgeht, daß durch die Evolution nichts hervorgebracht wurde, das letzten Endes nicht nützlich ist (oder zumindest einmal war), dann ist es auch legitim, nach dem Nutzen der Emotionen zu fragen. Was wissen wir über sie?

Wir stellen beispielsweise fest, daß es solche gibt, die angenehm sind, wie auch solche, die unangenehm sind - so trivial sich das anhört, so ist es doch von ausschlaggebender Bedeutung. Weiter können wir feststellen, daß Emotionen bewußt werden, und das läßt den Schluß zu, daß ihnen eine besondere Art von Daten zugrundeliegt. (Das läßt sich übrigens dadurch bestätigen, daß wir unter dem Einfluß sehr starker Emotionen eine Reduktion der sonstigen Bewußtseinsinhalte feststellen können). Beides zusammen führt zu einem recht einfachen Schluß: Offenbar verhalten wir uns so, daß wir die angenehmen Emotionen möglichst oft und intensiv erleben, und die unangenehmen vermeiden. Es handelt sich also offenbar um ein Regelungssystem, das unser Verhalten grundlegend beeinflußt. Damit wird auch eine regeltechnische Begriffsbestimmung möglich: Emotionen sind bewußt werdende Signale, die zum Aufsuchen oder zur Unterdrückung bestimmter, mit ihnen assoziierter Situationen herausfordern.

Wenn man von Emotionen spricht, dann sind meist Lust und Schmerz, Liebe und Haß usw. gemeint, also das, was man auch als starke Triebkräfte bezeichnen kann. In Wirklichkeit gibt es aber noch eine Unzahl weiterer Gefühlsregungen, die nicht so auffällig sind, sondern lediglich im Hintergrund wirken, beispielsweise als Behagen oder Unbehagen, Ruhe oder Unruhe usf. Wie schon angedeutet, sind sie alle mit bestimmten Erlebnissen assoziiert, und das heißt, daß wir sie nicht nur im aktuellen Fall erleben, sondern auch aus dem Gedächtnis geholte Situationen begleiten - "emotional einfärben". Man kann Emotionen nicht übertragen, man kann sie aber hervorrufen, indem man die Bedingungen für ihr Zustandekommen hervorbringt. Das kann dadurch geschehen, daß der Adressat in eine bestimmte Situation gebracht wird - in der er beispielsweise Lust oder Angst empfindet -, es kann aber auch durch Aktivierung von Gedächtnisstoff geschehen, beispielweise mit Hilfe von Bildern, Musikstücken und vielen anderen Produkten der Kunst oder Unterhaltung. Auf diese Weise aktiviert wirken sie, wie man an sich selbst feststellen kann, weitaus schwächer als in der Realität, doch genügen die hervorgerufenen Eindrücke oft, um Zuwendung oder Abwendung zu veranlassen.

Offenbar sind alle Verhaltensprogramme, zu denen wir willentlich fähig sind, mit bestimmten Emotionen assoziiert, beispielsweise das Fluchtverhalten mit der Angst oder die Aggression mit der Wut. Im Vergleich dazu sind andere Emotionen weitaus unauffälliger, aber nichtsdestoweniger vorhanden. Eine besondere Rolle in den schon mehrfach genannten Erscheinungsbildern der Kunst, der Pädagogik, der Unterhaltung haben jene Emotionen, die der Wahrnehmung zugeordnet sind, und um den Erscheinungen wie Aufmerksamkeit, Langeweile oder Interesse näherzukommen, muß man auf die spezielle Art der Steuerung des Wahrnehmungsverhaltens eingehen, auch als kognitives Verhalten bezeichnet. Man muß hinzufügen, daß sich der Mensch im Wachzustand eigentlich immer in einer Situation befindet, in der er Reize aus seiner Umgebung empfängt und verarbeitet, also wahrnimmt. Damals, als sich im Laufe der Evolution diese Systeme heranbildeten, ging es einfach darum, seiner Umgebung gegenüber jene Aufmerksamkeit aufzubringen, die Vorteile wie auch Nachteile möglichst rasch erkennen läßt.

Wie der kanadische Verhaltenspsychologe Daniel E. Berlyne herausgefunden hat, wird das menschliche Wahrnehmungsverhalten im Wesentlichen durch zwei Emotionen gesteuert, und zwar durch Irritation und Langeweile. Irritation empfinden wir, wenn der Datenzufluß so hoch ist, daß wir ihn nicht mehr verarbeiten können, und Langeweile, wenn er unsere Fähigkeiten zur Informationsaufnahme nicht ausschöpft. Wie im Schaubild dargestellt, läßt sich diese Situation auch quantitativ fassen, wobei die maximale Zuflußkapazität etwa bei 16 bit/s liegt. Die Konsequenz ist klar: Wir neigen dazu, uns Informationquellen zuzuwenden, die von uns aufnehmbar und interpretierbar sind. Wenn nötig, und das ist in gewissem Grad immer der Fall, nehmen wir dazu das vorgespeicherte Wissen zu Hilfe, das assoziativ aufgerufen wird. Führt diese Bemühung zu einem gelingenden Verständnis, dann stellt sich eine positive Emotion ein, für die es keinen speziellen Ausdruck gibt - es ist eine Art Befriedigung darüber, etwas gelernt oder verstanden zu haben, dem oft zitierten Aha-Erlebnis verwandt.

So nüchtern dieses Schema auch anmutet, so verbirgt sich dahinter doch ein Wesenszug des Menschen, der in unserem kulturellen Wertesystem hoch angesiedelt ist. Seiner Eigenart entsprechend ist der Mensch ein waches Wesen, ein Wesen, das wissensdurstig und neugierig ist, das Innovationen sucht und durch Erkenntnis belohnt wird.

Psychotechnik

In unserer gesellschaftlichen Existenz spielt die Beeinflussung des Mitmenschen eine große Rolle; im Prinzip geht es darum, bestimmte Kenntnisse, Daten, Verhaltensweisen und dgl. an andere zu übertragen. Das beginnt bei Erziehung, Unterricht und Bildung, setzt sich in Politik und Werbung fort und ist nicht zuletzt in Unterhaltung und Kunst von gr"ßter Bedeutung. Stets geht es nicht zuletzt darum, die Aufmerksamkeit der Adressaten zu erwecken und zu erhalten, wofür sich seit Alters her verschiedenste Methoden und Strategien herangebildet haben, aus der Praxis heraus, ohne wissenschaftliches Fundament.

Auf der anderen Seite, insbesondere im Zusammenhang mit den aktuellen Bildmedien, stellt sich heraus, daß ein theoretischer Überbau wünschenswert und nötig ist. Er findet sich nicht in ethischen und moralischen Überzeugungen, sondern in der Biologie des Menschen, speziell im Nervensystem und in der Art und Weise, wie dort Daten aufgenommen und verarbeitet werden. Man kann die darauf beruhende, an Exaktheit gewinnende Methode, wie sie beispielsweise mit der Informationspädagogik in der Praxis Eingang gefunden hat, als Psychotechnik bezeichnen. Es erwachsen daraus verschiedenste Regeln, die sich bei der Aufbereitung von Unterrichtsstoff, bei der Überzeugungsarbeit von Politik und Religion, in der Werbung und nicht zuletzt im Feld von Unterhaltung und Kunst angeben lassen. Hier soll lediglich auf das Problemfeld der Kunst näher eingegangen werden, und auch das nur im Hinblick auf die Bedeutung der Emotionen für den ästhetischen Prozeß.

Wenn die Auslösung von Gefühlen wirklich ein wesentliches Moment des ästhetischen Prozesses ist, dann ergibt sich die Frage, auf welche Weise sie sich am nachhaltigsten erreichen läßt; auch hier gibt das Funktionsschema der Wahrnehmung Auskunft. Da sich, wie schon erwähnt, Emotionen (noch) nicht direkt hervorbringen lassen, bedient sich der Künstler im Prinzip zweier indirekter Methoden. Die erste ist die Auslösung durch die Assoziation: Wird mit Hilfe von Bild, Text oder auch auf irgendwelchen anderen Wegen Vorstellungen von Situationen ausgedrückt, auf die wir normalerweise - reflexartig - durch emotionale Regungen antworten, dann braucht man nur entsprechende Bilder, Worte, Klänge und dergleichen anbieten, um ein entsprechendes Echo im Adressaten hervorzubringen. Das ist eine uralte Methode, die im übrigen im Kitsch ihre effektivste Anwendung findet.

Weitaus komplizierter, und deshalb auch interessanter ist die Frage, wieso es möglich ist, auch mit Hilfe von Kunstwerken Aufmerksamkeit zu gewinnen, bei denen keine assoziative Vermittlung von Emotionen erfolgt, z.B. deshalb, weil sie nur ein Minimum an semantischer Information enthalten. Speziell gilt das für konstruktivistische Kunst und für einen großen Teil der Musik. Bei ihnen kommt die zweite Möglichkeit der Auslösung von Emotionen zum Tragen, und zwar dadurch, daß man die Datenstruktur so aufbereitet, daß es genau zu jener gut gelingenden Informationsaufnahme kommt, die zwischen Irritation und Langeweile liegt und somit die damit verbundenen positiven Gefühlseindrücke aktiviert.

Geht es um den Aufbau solcher ästhetisch wirksamen Datenaggregate, dann läßt sich dies mit Hilfe des Flußdiagramms der Wahrnehmung relativ leicht quantifizieren. Dabei ergibt sich ein Unterschied zwischen Kunstwerken, bei denen der Betrachter selbst entscheiden kann, auf welchem Weg und mit welcher Geschwindigkeit er sich damit auseinandersetzt, und solchen, die in Zeitreihen angeboten werden, so daß die Datenzuflußkapazität vorgegeben ist. Im letztgenannten Fall braucht bloß berücksichtigt zu werden, daß insgesamt nicht mehr und nicht weniger als die opitmale Datenmenge einfließt, wobei - beispielsweise bei einem Thema mit Variationen - für den Zuhörer genügend Spielraum erhalten bleiben muß, um sich die schon vorher dargebotenen Abschnitte ins Gedächtnis zurückzurufen und mit der aktuell eingehenden Information zu vergleichen. Im Fall der "stillstehenden Kunstwerke" kommt es eher darauf an, verschiedenste Klassen der Ordnung so zu verschachteln, daß sich der Betrachter über verschiedenste Wege einem Überblick nähern kann. (Regelsysteme dieser Art lassen sich ohne weiteres auch in Computerprogramme einsetzen und könnten in Zukunft zur Produktion synthetischer Kunst führen, die sich dadurch selbst in Frage stellt.)

Nachbemerkung

Die dargelegte Situation, notwendigerweise verknappt und vereinfacht beschrieben, ist nichtsdestoweniger fester Bestand unseres Wissens; dabei geht es um jene biologischen Grundvoraussetzungen, auf denen alle zivilisatorischen und kulturellen Prozesse aufbauen. Von Kritikerseite ist oft zu hören, daß es dagegen zwar nichts einzuwenden gäbe, auf der anderen Seite aber die eigentlichen Probleme noch gar nicht berührt werden. Das ist insofern richtig, als sich etwas ethische oder moralische Konsequenzen wissenschaftlich nicht ableiten lassen.

Etwas schwerer wiegt der Einwand, daß sich der Mensch kraft seines Willens und seiner Einstellung den vorgegebenen biologisch verankerten Verhaltensweisen entziehen könnte - was bis zu einem gewissen Grad möglich ist, wenn auch in weitaus geringerem Maß, als man es sich wünschen würde. Wenn es also gelingen soll, humanistisch orientierte Vorstellungen in der Gesellschaft zu verwirklichen, dann ist die Voraussetzung dafür eine von Wunschdenken freie Übersicht über jene Verhaltensmöglichkeiten, die uns von der Natur mitgegeben sind.

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