Es fehlen Basisinnovationen für den Wirtschaftsaufschwung

14.12.1998

Gespräch mit Prof. Gerhard O. Mensch

Gerhard Mensch, 1937 geboren, jahrelang wegen seiner progressiven Ideen ein "enfant terrible" der bundesdeutschen Wissenschaftsszene, kann heute auf ein Lebenswerk zurückblicken, das seinesgleichen sucht. Es fing damit an, daß er die Begriffe Basisinnovationen und Basistechnologien prägte und weitreichende Folgerungen daraus zog. Für Gerhard Mensch sind Basisinnovationen die Ursache für Aufschwungphasen, während Abschwungphasen vom ökonomischen System bedingt werden. Als Primat für eine fortschrittliche Innovationspolitik gilt für ihn ein integrales Vorgehen der Wirtschaftspolitik mit der Sozial-, Wissenschafts- und Technologiepolitik. Damit steht er im Einklang mit dem großen Ökonomen Schumpeter, der die technischen Innovationen als Ursache zyklischer Wirtschaftsschwankungen ansah.

Nicht Technologien im allgemeinen lösen für Mensch eine Konjunkturbelebung aus, sondern vor allem Basisinnovationen. Diese setzen Trends. Fehlt es längere Zeit an Basisinnovationen, sind Konjunkturen rückläufig - sind sie aber vorhanden, gibt es Schub und konjunkturelle Aufschwünge. Der bundesdeutsche Innovationspapst, der BWL- und VWL-Professor in Berlin und den USA war, ist heute Professor für Innovationsmanagement und Industrieökonomie an der International School of General Management in Bad Waldsee. Dort sprach Artur P. Schmidt mit dem Autor des Innovationsklassikers "Das technologische Patt - Innovationen überwinden die Depression".

Herr Prof. Mensch, Sie gelten als führender Innovationsforscher Deutschlands. Wie bewerten Sie die Innovationslandschaft in unserem Lande aus der Sicht Ihrer langjährigen Auslandserfahrung?

Gerhard O. Mensch: Amerika, Du hast es besser. Europa, Du hast Sklerose, die Deutschen mitten drin. Lagen wir 1989 die üblichen 5 Jahre hinter den USA, so beträgt der Rückstand je nach Geschäftsfeld in technisch dynamischen Sektoren mittlerweile 6 bis 10 Jahre. Das heißt nicht, daß wir bei mittleren Technologien wegen der guten Kundendienste- und Zusatzdienstleistungen nicht Exportweltmeister wären. Aber bei den entscheidenden Spitzentechnologien haben wir Nachholbedarf. Das erfordert extra Energien, um nachhaltige Wachstumskräfte auf unsere Felder zu lenken.

Was muß Deutschland tun, um aus der Innovationskrise herauszukommen?

Gerhard O. Mensch: Krise würde ich nicht sagen, es sei den Sie meinen Stockungskrise und Innovationslücke. Um den Stau zu überwinden und die Lücke zu schließen, fordern alle eine Innovations-Offensive. Kurt Biedenkopf nennt dies jedoch hämisch blanke Innovationsrhetorik. Er findet die Deutschen lenken von dem Faktum ab, daß sie lieber keine Innovationen wollen und sich mit Scheininnovationen begnügen. Wenn es denn sein muß, will man in Deutschland lieber kleine Innovationen angehen als große. Wir brauchen deshalb eine Innovations-Incentive. Schluß mit der Hinhaltetaktik und Ablenkungsrhetorik!

Also so wie es bei akuten Fällen im Krankenhaus eine Intensivstation gibt, so braucht es für Sie intensivste Bemühungen, um den Innovationsstau zu überwinden. Sie waren maßgeblich in die regionale Innovationsentwicklung in Neuengland und im Mittelwesten engagiert. Aus dem bankrotten Cleveland, Ohio, wurde die 'All-American City'. Wie sah dort die Innovations-Incentive aus?

Gerhard O. Mensch: Ich hatte das Glück im Großraum von Cleveland mit 4 Millionen Einwohnern die Konzeption meiner Innovationsstrategie, die meine Freund und ich für Berlin entworfen hatten, dorthin zu übertragen und umsetzen zu können. Dies geschah in einer Zeit, als Cleveland bankrott war und nicht wie Berlin durchgefüttert wurde. In Cleveland gab es auch Innovationsscheu, aber kein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten aufgrund von Subventionsmentalität. Die Stadtväter von Cleveland und die neu eingestellten Wirtschaftskapitäne setzten auf Basisinnovationen statt auf Innovatiönchen.

Was meinen Sie mit Basisinnovationen?

Gerhard O. Mensch: Basisinnovationen sind Durchbrüche von grundlegend neuen Arbeitsweisen und Beschäftigungen in der wirtschaftlichen und sozialen Lebenswelt. Sie passieren in Umbruchzeiten wie der jetzigen. Basisinnovationen schaffen mit ungewöhnlichem Tempo Veränderungen, da diese schneller Arbeitsplätze schaffen, als Politik und Wirtschaft vorher zu hoffen wagten. Denn das ganze geht schubweise vonstatten.

Wie bewerten Sie Schäubles Buch "Auferstanden aus Ruinen" - was soll da eigentlich auferstanden sein? Und glauben Sie, daß die SPD, die sich neuerdings das Innovationsthema auf die Fahnen geschrieben hat, mit Oskar Lafontaines weiterreichendem Ruf nach Basisinnovationen wirklich eine Innovations-Incentive einleiten kann?

Gerhard O. Mensch: Es geht doch darum, daß etablierte Industrienationen, wenn sie einmal ins Hintertreffen gegenüber der nachstoßenden Welt geraten sind, ohne aktive, gezielte Innovationspolitik den Anschluß nicht mehr schaffen und nicht mehr zur Spitze in den Wachstumsfeldern vordringen können. Blühende Landschaften entstehen nicht von selbst. Mit Innovatiönchen halbiert sich nicht die Arbeitslosigkeit, wenn andere Nationen gleichzeitig mit größerer Innovationshöhe und -häufigkeit auf die Wachstumsbereiche vorstoßen. Ob die SPD es mit den großen Innovationen ernst meint, wird davon abhängen, ob es ihr gelingt, die Innovationskraft in den Regionen zu mobilisieren, wo es Ansätze gibt, und wie sie mit dem Wettbewerbsförderalismus umgeht, also mit dem Finanzausgleich bei ungleicher Innovationsleistung in den Regionen. Das meine ich mit der notwendigen Innovations-Incentive.

Worin zeigt sich das Vorhandensein von Innovationslücken?

Gerhard O. Mensch: Herr Kollege Schmidt, der Aufholprozess hat zwei wesentliche Momente: 1. Wir sind ja nicht nur bei den Vorsprungstechnologien hinten dran, sondern 2. sind wir als Standort für Investitionen von Ausländern auf Platz 20 der Welt zurückgefallen, wohingegen in Amerika deutsche Investoren Platz 1 unter den Auslandsinvestoren einnehmen. Einen deutlicheren Hinweis auf Innovationslücken gibt es nicht. Das Kapital strebt zu den Chancen und nicht zu den Scheininnovationen.

Wie können wir diese Innovationslücke schließen?

Gerhard O. Mensch: Um die Lücke zu schließen, müssen wir das vagabundierende Geld mit neuen Konzepten an unsere Standorte locken. Geld fließt immer dahin, wo die besten Zukunftsinvestitionen winken, und diese hängen von der Innovationshöhe und der -häufigkeit in der Zuflußregion ab. Diese regionalen Faktoren gilt es in Deutschland entscheidend zu verbessern. Durch Bündelung der Kräfte in den Wirtschaftsräumen.

Als ich vor einigen Monaten bei Ihnen den Vortrag über den Nurflügler als Basisinnovation gehalten habe, konnte ich eine Aufbruchstimmung bei Ihren Studenten erkennen. Bad Waldsee, wo Sie Professor für Innovationsmanagement und Industrieökonomie sind, liegt im Einzugsgebiet der Bodenseeregion. Welche Kernbotschaft haben Sie für diese Region, die einstmals eine führende Innovationslandschaft repräsentierte?

Gerhard O. Mensch: Diese Region braucht wieder mehr innovatives Unternehmertum. Nach dem Niedergang so renommierter Betriebe wie den Bodenseewerken und der Roßkur bei der Deutschen Aerospace sind jetzt neue Konzepte gefordert. Dies gilt jedoch nicht nur für Unternehmen. Auch Stadtväter und AmtsleiterInnen müssen innovativ unternehmerisch handeln, um Basisinnovationen in Gang zu setzen, die als Arbeits- und Einkommensmultiplikator die Regionen beflügeln.

Wie läßt sich das von Ihnen zuvor erwähnte vagabundierende Kapital beispielsweise an die Bodenseeregion bringen?

Gerhard O. Mensch: Es ist keine Bring-, sondern eine Holschuld. Weltweit suchen riesige Mengen Venture Capital einen sicher Hafen in guten Innovationschancen. Im Bodenseeraum müßten beispielsweise die traditionellen Zulieferindustrien für die Luftfahrt durch proaktive, selektive Innovationspolitik in der Region, wie in Cleveland, Ohio, wieder zur Blüte gebracht werden. Ihnen als promovierten Luftfahrtexperten ist ja der Übergang von den Technologien des B1- zum B2-Flugzeug bekannt, ein Übergang von Schwanzflugzeugen zum Prinzip des Nurflüglers. Das ist ein Umkrempeln der Technologiebasis von einer bisher erfolgreichen Basistechnologie (B1) auf eine neue (B2).

In der Cleveland-Region am Erie-See zwischen Detroit und Buffalo gab es Dutzende High-Tech-Schmieden, die Zulieferer der Technologiebasis für das B1-Flugzeug waren. Als die B2 im Rahmen eines Milliardenauftrages aus Washington entwickelt wurde, mußte die gesamte Technologieplattform ausgetauscht werden. Dies hatte zur Folge, daß Technologiefirmen der alten Technik B1 den Bach runter gingen, wenn sie das Umrüsten auf die neue Technologieplattform nicht in ausreichender Geschwindigkeit bewältigen konnten. Dabei gab es erhebliche regionale Unterschiede: In den Landstrichen östlich von Cleveland, wo es vorher keine Flugzeugindustrie gab, siedelten sich etliche Zulieferer der neuen Technik an, in Landstrichen nach Westen Richtung Detroit gingen diese reihenweise ein. In Cleveland selbst spielte die Cleveland Foundation als Stadtstiftung eine entscheidende Rolle für den Transformationsprozeß der Technologiebasis.

Wie hat diese Stiftung diese Rolle spielen können? Bei den meisten Stiftungen tritt doch das Problem auf, daß diese sich als Holding von Gesellschaftsrechten an Unternehmen weise zurückhalten müssen, um nicht der Einmischung gescholten zu werden und der Nachschußpflicht von weiterem Haftungskapital anheimzufallen?

Gerhard O. Mensch: Gut gefragt! Dazu müssen Sie wissen, daß die Cleveland-Stiftung anders als z.B. die VW- oder Bosch-Stiftung an etlichen und nicht nur an einem Unternehmen maßgeblich beteiligt war. Einmischen in ein Portfolio mit Minderheitsrechten ist etwas anderes als Einmischen bei Mehrheitsrechten. Das Problem hatte früher die Braunschweig-Stiftung. Die Cleveland Foundation mischte sich in der mittelbaren Form ein, daß sie für die regionale Wirtschaft zwei Dinge unterstützte - zum einen das mehrjährige Projekt der Entwicklung einer aktiven regionalen Entwicklungspolitik. Weil ich zuvor die Innovationsstrategie für Berlin entworfen hatte, wurde ich nach Cleveland berufen. Zum anderen förderte die Stiftung eine Pilotprogramm für die prototypische Anwendung des Innovations-Managements in einer Reihe von kleinen und mittleren Unternehmen in der Region, die von der Transformation betroffen waren. Damit sie kein Opfer des Wandels wurden, sondern vom Produktwechsel besser leben konnten. Das erforderte verbesserte Management-Techniken, zugeschnitten auf die Fähigkeiten zur Transformation der Basistechnologie-Plattform in den alten und neuen Firmen der Region.

Was würden Sie heute den in der Bodensee-Region ansässigen Firmen raten?

Gerhard O. Mensch: Nun man kann bei solchen Entwicklungslinien nicht flott aus der Hüfte schießen. Derartige Projekte erfordern beides, eine fundierte wissenschaftliche Basis wie auch eine starke Praxisorientierung. Innovations-Navigation und Innovations-Design sind ein interaktiver Prozess einer Vielzahl von Teilnehmern. Deshalb braucht es leistungsstarke Innovationsnetzwerke in dieser Region, um eine Gründer-Incentive einzuleiten. Firmen brauchen kompetenten Know-how-Transfer und freien Zugang zu Innovationsdatenbanken. Je schneller sich die ansässigen Firmen, Universitäten und Regierungen in bestehende Netzwerke einklinken und neue Netzwerke gründen, desto wirksamer wird der Kommunikationsaustausch sein und desto wahrscheinlicher wird die Hervorbringung von Basisinnovationen als Lokomotive des ganzen Zuges. Ich rate, über die Berge nach Norditalien zu fahren, wo man jetzt die erfolgreichen Industriedistrikte strategisch weiter in Führung bringt. Dort hat man von den Entwicklungen in Amerika gut gelernt. Mein Rat ist, diese Denkarbeit anzunehmen statt abzulehnen, und die Kultur der Kooperation von einer Nebensache zur Hauptsache zu machen.

Sie sind mit der Theorie von Schüben von Basisinnovationen bekannt geworden. Wie hängt die Entwicklung der Regionen von diesen ab?

Gerhard O. Mensch: Die Theorie der Innovationen und die der Schübe von Basisinnovationen stehen zueinander wie das kleine zum großen Einmaleins. Ersteres gibt kleine Sprünge unter hundert, letztere große weit über hundert - plus Sprungtempo und Spurtstärke. Diese Dynamik läuft jetzt global auf den Weltmärkten ab. In den letzten Jahren, als die Auslandskonkurrenten in die wirtschaftliche Veränderung und Erneuerung investiert haben, haben wir unsere Kraft in die Wiedervereinigung gesteckt und in den neuen Bundesländern die Konsumption angekurbelt. Dies hat jedoch nur zu einem Umbruch und nicht zu einem Durchbruch von Neuem geführt. Deshalb laufen wir hinterher.

Was heute fehlt sind Basisinnovationen. Die kommen nicht durch Kaufkraftsteigerung bei der Endnachfrage, sondern bei Innovatoren im Wirtschaftsgefüge. Das ist das fundamental Neue am Wirtschaftsförderalismus: Statt querbeet auf Konsumkaufkraft zu setzen, nach dem Gießkannenprinzip, ist auf die sogenannten "Prosumenten" zu setzen. Das sind die wichtigen Glieder in der Wertschöfpungskette. Dort, also bei Wissen und Können, müssen wir ansetzen, wenn die Regionen weiterführend zu neuer Blüte auferstehen sollen. Die Blüten brechen auf und erblühen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Die Kunst ist, die richtige Zeit für den Schub zu erkennen und zum Nutzen zu bringen. Das ist das große 1x1 der Innovation.

Fusionäre und Abzocker. Die wahren Verhinderer von Basisinnovationen.

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