Die heiligen Narren
Deleuze, Guattari und die High-tech Geschenksökonomie
In dieser gekürzten Fassung ("Mute/Telepolis-Mix") des gleichnamigen Essays, der im Original 80 Seiten lang ist, plus 20 Seiten Fussnoten, vollzieht Richard Barbrook eine längst fällige Kritik an Gilles Deleuze und Felix Guattari. Diese richtet sich zwar auch gegen den Philosophen und den Psychoanalytiker selbst, indem ihre Texte gegen den Strich gelesen und Theorie und Praxis in Beziehung gesetzt werden, konzentriert sich aber hauptsächlich auf die Demontage der Adaption ihrer Schriften als eine Art europäischem Erklärungsmuster für das "Netz der Netze" seitens der Kunst- und Theorie-Intelligentsia der neunziger Jahre.
"Aber ich will nicht zu den Verrückten gehen," bemerkte Alice.
"Oh, dagegen kannst du nichts tun," sagte die Katze
"Woher weißt du, daß ich verrückt bin?" fragte Alice
"Du mußt verrückt sein," sagte die Katze, "sonst wärst du nicht hier".
Das verlorene Utopia
Das Netz wird von den enttäuschten Hoffnungen der 60er verfolgt. Weil diese neue Technologie eine weitere Periode schneller Veränderungen symbolisiert, blicken viele zeitgenössische Kommentatoren auf die abgestorbene Revolution von vor 30 Jahren zurück, um Erklärungen dafür zu finden, was jetzt gerade passiert. Am berühmtesten ist wohl der Fall von Wired, dessen Gründer sich die Rhetorik der Neuen Linken aneigneten, um ihre Politik der Neuen Rechten für das Netz zu bewerben.[2] In Europa macht die lange Geschichte einer auf dem Klassensystem beruhenden Politik und zwanghafter Theoretisierung solche ideologischen Haarspaltereien um einiges unwahrscheinlicher. Aber das heißt noch nicht, daß Europa gegen die Umarmung des digitalen Elitismus im Namen des 60er Liberalismus immun ist. Ironischerweise ist diese bizarre Vereinigung von Gegensätzen in von Gilles Deleuze und Felix Guattari inspirierten Schriften am offensichtlichsten.
Obwohl diese beiden Philosophen ihr Leben lang erklärte Linke waren, unterstützen viele ihrer zeitgenössischen Anhänger eine Form des aristokratischen Anarchismus, der dem kalifornischen Neo-Liberalismus auf unheimliche Weise ähnelt. Auf diese Weise deckten die Deleuzoguattarianer unbeabsichtigterweise die fatalen Schwächen in einer anscheinend einwandfreien emanzipatorischen Analyse des Netzes auf. Gefangen in ihren Glaubensregeln können die Schüler von Deleuze und Guattari nicht einmal erfassen, warum das Wachstum des Netzes wirklich ein so subversives Phänomen ist.
Eine revolutionäre Traumzeit für die Imagination
Am Ende des Jahrhunderts ist der oberflächliche Post-Modernismus bei radikalen Intellektuellen nicht länger in Mode. Da die Sowjetunion zusammengebrochen ist, kann die europäische Avantgarde zu ihrer Obsession mit Marx zurückkehren. Stattdessen blicken TJs[3] auf die liberale Spontaneität des Mai '68 zurück. Sogar nach Jahrzehnten unter einer reaktionären Führung bleibt die populäre Erinnerung an die 60er immer noch eine Inspiration für die Gegenwart. Demokratische Arbeitsweisen, Kulturexperimente und emanzipatorischen Lebensstile, die in dieser Zeit initiiert wurden, überleben - und gedeihen sogar - innerhalb der DIY Kultur[4] der 90er. Wie dem auch sei, der Glaube an den Sturz des kapitalistischen Systems ist nicht länger realistisch. Deshalb haben europäische Intellektuelle soziale Veränderung in theoretische Poesie umgewandelt - eine revolutionäre Traumzeit für die Imagination.
Der Kult um Deleuze und Guattari ist ein hervorragendes Beispiel dieser Ästhetisierung des Radikalismus der 60er Jahre. Vor allem ihr berühmtestes Buch - Tausend Plateaus - liefert jetzt die Schlüßelworte und Konzepte für ein spezifisch europäisches Verständnis des Netzes. Im Gegensatz zu den USA blüht in ganz Europa bereits seit über zwei Jahrzehnten eine lebendige Techno-Kultur. Pionierarbeit wurde von computergenerierter Dance-Musik geleistet, aber jetzt umfaßt diese digitale Ästhetik Kunst, graphisches Design, Verlagsgeschäfte und Videospiele. Als es in Europa auftauchte, wurde das Netz zuerst mehr als ein Ort für soziale und kulturelle Experimente wahrgenommen, denn als eine Geschäftsmöglichkeit. Anders als die kalifornische Ideologie, scheinen die Schriften von Deleuze und Guattari theoretische Metaphern zu bieten, die die nicht-kommerziellen Aspekte des Netzes umfassen. Beispielsweise beschreibt die Metapher des Rhizoms die Organisation des Cyberspace als offenes, spontanes und horizontales Netzwerk. Ihr Körper-ohne-Organe Schlagwort kann benutzt werden, um Cybersex zu romantisieren. Der Nomaden-Mythos von Deleuze und Guattari reflektiert die Mobilität zeitgenössischer Netzbenutzer als Arbeiter und Touristen.
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D&G symbolisiert inzwischen mehr als nur Dolce & Gabbana. Innerhalb der Rhizome des Netze bilden die Deluzoguattarianer ihre eigene Subkultur: die Techno-Nomaden. Diese Adepten sind durch bestimmte Signifikationspraktiken verbunden: Computertechnologien, Techno, bizarre Wissenschaft, esoterische Glaubenssysteme, illegale Chemikalien und Cyberpunk Romane. Es existiert sogar eine spezifische Deleuzoguattarianische Sprache, die für Nichteingeweihte beinahe unverständlich ist. Darüberhinaus sind diese Techno-Nomaden radikal optimistisch, was die Zukunft des Netzes angeht. Während von Hippie-Idealen in Wired nur noch das psychedelische Design übrig ist, tritt die europäische Avant-Garde - und ihre Imitatoren - durch die theoretische Poesie von Deleuze und Guattari noch immer für das verlorene Utopia des Mai '68 ein. Die Revolution wird digitalisiert.
Die heiligen Narren
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Die Antinomien der Avant-Garde
http://www.heise.de/tp/artikel/6/6344/1.html- Deppenleerzeichen und andere Probleme (25.7.2007 10:41)
- eine längst fällige Kritik? (7.10.1999 16:34)
- Faul (31.5.1999 12:15)
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