Die Romanze der Schizo-Politik

Wie andere Gurus der Neuen Linken glaubten Deleuze und Guattari, daß der Staat selbst der Ursprung aller Unterdrückung sei. Gemäß ihrem Gründungsmythos benutzten der Staat und seine Alliierten baumartig verzweigte top-down Strukturen, um Menschen zu unterwerfen und zwar schon seit den Anfängen der agrarischen Gesellschaft. Als ein Prozess der "Territorialisierung" beschrieben, behaupteten sie, daß die Medien, die Psychoanalyse und die Sprache die primären "maschinistischen Montagen" seien, die vom Staat dazu genutzt werden, das tägliche Leben in der modernen Welt zu steuern. Im Gegensatz zur marxistischen Analyse glaubten Deleuze und Guattari, daß die Wirtschaft nur eine Manifestation des ursprünglichen Willens des Staates sei, alle menschlichen Aktivitäten zu dominieren. Dem transhistorischen Feind Staat stand damit ein neuer Gegner gegenüber: die Sozialbewegungen. Deleuze und Guattari glaubten, daß der traditionelle Stil Linker Politik nun obsolet war. Als Teil des "garantierten" Sektors der Wirtschaft waren Beschäftigte im privaten und öffentlichen Bereich nicht nur vom System gekauft, sondern es wurden auch ihre Wünsche von der Familie, den Medien, der dominanten Sprache und der Psychoanalyse manipuliert. Wie viele der nach-'68er Neuen Linken schauten die beiden Philosophen stattdessen auf die neuen sozialen Bewegungen, die von Jugendlichen, Feministinnen, Umweltschützern, Homosexuellen und Einwanderern getragen wurden, um die Macht des Staates zu "deterritorialisieren". Als Teil des "nicht-garantierten" Sektors wurden Leute in diesen Bewegungen vom Sytem ausgeschlossen und waren daher angeblich eifrig dazu bereit, für die Revolution zu kämpfen.[8]

In Tausend Plateaus symbolisieren die Nomaden poetisch die "molekularen" sozialen Bewegungen, die die anarcho-kommunistische Revolution gegen die Tyrannei der "Masse" von politischer Macht führen. Weit davon entfernt, politische Macht ergreifen zu wollen, nutzten die Nomaden ihre Mobilität, um die "territorialisierte" Kontrolle des autoritären Staates zu vermeiden. Die Sozialbewegungen formten auf dieselbe Weise Hippie-Stämme, die unabhängig von allen zentralisierenden und hierarchischen Tendenzen waren, insbesondere von denen, die von der Mainstream Linken unterstüzt wurden. Entlang dieser "Fluchtlinien", die von der Neuen Linken kartographiert wurden, würden die Unterdrückten aus der Kontrolle des autoritären Staates in autonome Rhizome fliehen, die von den Sozialbewegungn gebildet werden. In Tausend Plateaus wurden die Rhizome die poetische Metapher für diese nomadische Vision einer direkten Demokratie.

Für Deleuze und Guattari war dieser Umsturz politischer Macht nur der Beginn einer anarcho-kommunistischen Revolution. Sie glaubten, daß politische Herrschaft nur durch persönliche Repression möglich war. Die Anarcho-Kommunistische Revolution mußte demnach die libidinösen Energien der Menschen von allen Normen sozialer Kontrolle befreien. Das individuelle "Delirium" von Schizophrenen war ein Muster für den chaotischen Geist der kollektiven Revolution. Das bedeutete, daß Radikale nicht nur ihre soziale Herkunft sprengen mußten, sondern die kulturelle Revolution auch selbst leben mußten. Der Neue Linke Revolutionär wurde durch den Körper-ohne-Organ symbolisiert: eine Person, die nicht länger von der Rationalität des Staates "organisiert, bezeichnet, unterworfen" wurde.[9] Solche Individuen waren die Vorläufer des neuen Typus eines menschlichen Wesens, das nach dieser anarcho-kommunistischen Revolution auftauchen würde: ein Hippie-Äquivalent zu Nietzsches Übermensch. Für Deleuze und Guattari war Anarcho- Kommunismus also nicht nur die Realisation der direkten Demokratie und der Geschenksökonomie. In ihrer "Schizo-Politik" würde die Revolution die bürgerliche Rationalität zerstören und jedes Individuum ein heiliger Narr werden.

(Der Narr) .. ist der Vagabund, der am Rand der organisierten Gesellschaft existiert, der seinen eigenen Weg geht, die Regeln und Tabus ignoriert, mit denen die Menschen ihn im Zaum halten wollen. Er ist der Verrückte, der in sich den Samen des Genies trägt, derjenige, der von der Gesellschaft verachtet wird, und dennoch der Katalysator ist, der eben diese Gesellschaft verändern wird.

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