Die heiligen Narren
Von Stalin zu Pol Pot
Techno-Nomadische TJs fühlen sich von Deleuzes und Guattaris kompromißlosem theoretischem Radikalismus angezogen. Aber Fréquence Libre, weit davon entfernt, sich einer Verschwörung von außen zu ergeben, implodierte auf Grund der spezifischen Politik der Neuen Linken, die auch die Tausend Plateaus und die anderen heiligen Texte inspirierte. In ihrer Unwilligkeit, die abstrakten Theorien mit ihren praktischen Anwendungen zu verbinden, bemerken die Techno-Nomaden nicht, daß Deleuzes und Guattaris Zelebration der direkten Demokratie gleichzeitig auch eine Rechtfertigung des intellektuellen Elitismus war. Dieser Elitismus war kein Zufall. Auf Grund ihrer sehr verschiedenen Lebenserfahrungen erlebten viele junge Leute in den Sechzigern einen deutlichen Generationskonflikt zwischen sich und ihren Eltern. In diesem Isolationsgefühl glaubten sie, daß die Gesellschaft nur von einer revolutionären Vorhut, gebildet von ihnen selbst und ihren Kameraden, geändert werden könnte. Deshalb glaubten viele junge Radikale gleichzeitig an zwei widersprüchliche Konzepte. Erstens würde die Revolution eine Massenbeteiligung an der Führung der Gesellschaft bewirken. Zweitens könnte die Revolution nur von einer entschlossenen Minderheit organisiert werden.[14]
Die Neuen Linken Militanten durchlebten ein altes Problem in neuer Form. In den 1790ern hatte Robespierre argumentiert, daß eine demokratische Republik nur von einer revolutionären Diktatur errichtet werden könne. Während der Russischen Revolution von 1917 trat Lenin für die direkte Demokratie ein, während er gleichzeitig die totalitäre Herrschaft der Bolschewiken einsetzte. Wie ihr Experiment des "freien Radios" zeigt, entkamen Deleuze und Guattari diesem grundsätzlichen Widerspruch revolutionärer Politik nie. Die Abwesenheit der Leninistischen Gruppe verhinderte die Fortsetzung einer Vorhut-Politik nicht. Wie andere soziale Bewegungen wurde die Fréquence Libre von wenigen charismatischen Individuen dominiert: den heiligen Propheten der anarcho-kommunistischen Revolution.[15]
In den Schriften von Deleuze und Guattari fand diese tiefe Autorität ihren Ausdruck in ihrer Methodologie. Obwohl sie seine "hölzerne Sprache" ablehnten, gaben die beiden Philosphen den Stalinismus in der Theorie nie ganz auf. Vor allem behielten sie seine grundsätzlichste These bei: die Gedanken eines Großteils der Bevölkerung wurden von bürgerlichen Ideologien kontrolliert.[16] Während der Sechziger modernisierte Althusser, der wichtigste Ideologe der Französischen Kommunistischen Partei, diese elitäre Theorie durch das Hinzufügen von Lacanschem Strukturalismus.[17] Für Deleuze und Guattari hatte Althusser geklärt, warum nur eine revolutionäre Minderheit die Neue Linke unterstützte. Die Meisten, von den semiotischen "maschinistischen Montagen" der Familie, Medien, Sprache und Psychoanalyse einer Gehirnwäsche unterzogen, fanden angeblich den Faschismus begehrenswerter als den Anarcho-Kommunismus. Diese autoritäre Methodologie widersprach ganz eindeutig der liberalen Rhetorik in den Schriften von Deleuze und Guattari. Aber wie die Rapper entdeckten, die eine Show für Fréquence Libre machen wollten, schloß der Deleuzoguattarianische Anarcho-Kommunismus sogar die Zensur von Musik ein. Indem sie Althusserianische Analyse anwandten, privilegierten Deleuze und Guattari still und heimlich ihre eigenen Rollen als Intellektuelle: die Produzenten von semiotischen Systemen. Wie ihre stalinistischen Vorgänger glaubten die beiden Philosophen, daß nur sie das Recht hätten, die Massen in dem Kampf gegen den Kapitalismus zu führen - ohne deren formale Zustimmung. Für junge Militante lag das Problem darin, wie diese entschlossene Minderheit eine Revolution führen konnte, ohne in einem totalitären System zu enden. Einige der Neuen Linken glaubten, daß Anarcho-Kommunismus ihren Wunsch ausdrückte, sowohl die politische, als auch die ökonomische Unterdrückung zu stürzen.[18] Aber sogar diese revolutionäre Form der Politik erschien vielen noch immer vom Scheitern der russischen Revolution befleckt zu sein. Hatten die Erfahrungen des Stalinismus gezeigt, daß jeder Kompromiß mit dem Prozess der Moderne unvermeidlich zu einer Wiedereinführung der Tyrannei führen würde? Demzufolge entschieden die Anarcho-Kommunisten zunehmend, daß es nicht radikal genug sei, sich nur gegen die unterdrückenden Merkmale der ökonomischen Entwicklung zu wehren. Sie wollten eine vollkommene Transformation der Gesellschaft erreichen, sie lehnten die transzendente "Große Erzählung" der Moderne völlig ab, vor allem die linksgerichteten Versionen, die von Hegel und Marx inspiriert waren. Gemäß dieser Ultralinken war das gesamte Konzept des Fortschrittes ein Betrug, der nur dazu diente, Zustimmung für die Intensivierung der kapitalistischen Herrschaft zu gewinnen. Während die Mainstream Linke den Prozess der Modernisation noch immer zu Ende führen wollte, sollte die Neue Linke dagegen eine Revolution gegen die Moderne führen.[19] Sobald der Anarcho-Kommunismus in eine ahistorische Ideologie umgeformt war, entstand aus dem Widerstand der Neuen Linken gegen die ökonomische Entwicklung der Wunsch, die Moderne völlig aufzugeben. Nach der Revolution im Mai '68 vermischte sich die Unterstützung für die ländlichen Guerrillas, die sich gegen den amerikanischen Imperialismus wehrten, schnell mit Hippie Stammesgefühlen, Sorgen über den ökologischen Verfall und der Nostalgie für die verlorene Vergangenheit einer bäuerlichen Lebensweise. Vom ökonomischen Fortschritt desillusioniert, der von der parlamentarischen Linken unterstützt wurde, synthetisierten viele in der Neuen Linken diese verschiedenen Ideen zum Haß auf die von der Moderne geschaffenen urbanen Massengesellschaften. Für sie konnte eine wahrhaft liberale Revolution nur ein Ziel haben: die Zerstörung der Stadt.[20]
Deleuze und Guattari schlossen sich dem Angriff auf das Konzept des historischen Fortschrittes enthusiastisch an. Für sie bot die Deterritorialisierung der urbanen Gesellschaft die Lösung für die Widersprüche zwischen einer partizipatorischen Demokratie und dem revolutionären Elitismus, der die Neue Linke verfolgte. Wenn man die zentralisierte Stadt in "molekulare Rhizome" zerteilen könnte, würden die direkte Demokratie und die Geschenksökonomie automatisch wieder auftauchen, sobald sich Menschen wieder in kleinen nomadischen Gruppen zusammenschlossen. Gemäß Deleuze und Guattari war Anarcho-Kommunismus nicht das "Ende der Geschichte": das materielle Ergebnis einer langen Epoche sozialer Entwicklung. Ganz im Gegenteil, die Befreiung des Begehrens von semiotischer Unterdrückung war ein ewiges Versprechen: eine ethische Einstellung, die von Nomaden in grauer Vorzeit ebenso gelebt werden konnte, wie von sozialen Bewegungen in der Gegenwart. Mit genügend großer Anstrengung könnte jeder die hierarchische Gehirnwäsche überwinden, um ein völlig befreites Individuum zu werden: der heilige Narr.[21]
Aber wie die Erfahrung von Fréquence Libre bewies, beinhaltete diese Rhetorik uneingeschränkter Freiheit ein tiefes Begehren nach ideologischer Kontrolle durch die Avantgarde der Neuen Linken. Während die nomadischen Phantasien der Tausend Plateaus geschaffen wurden, setzte eine revolutionäre Bewegung Deleuze und Guattaris Träume von der Zerstörung der Stadt in die Tat um. Die Khmer Rouge, geführt von einer Vorhut in Paris ausgebildeter Intellektueller, stürzten ein unterdrückendes Regime, das von den Amerikanern eingesetzt worden war. Pol Pot und seine Organisation , die die Rhetorik der "Großen Erzählung" ablehnten, versuchten ein ländliches Utopia zu schaffen. Als die Ökonomie in Folge zusammenbrach, begann das Regime mit immer grausameren Säuberungsaktionen, bis das Land schließlich durch eine Invasion des benachbarten Vietnam gerettet wurde. Deleuze und Guattari hatten behauptet, daß die Zerstörung der Stadt zur Schaffung einer direkten Demokratie und libidinöser Ekstase führen würde. Stattdessen resultierte die Anwendung eines solchen Anti-Modernismus in Tyrannei und Völkermord. Die "Fluchtlinie" hatte von Stalin zu Pol Pot geführt.[22]
Die Romanze der Schizo-Politik
Der Augenblick des Gemeinschaftsradios
Von Stalin zu Pol Pot
Die Antinomien der Avant-Garde
http://www.heise.de/tp/artikel/6/6344/1.html- Deppenleerzeichen und andere Probleme (25.7.2007 10:41)
- eine längst fällige Kritik? (7.10.1999 16:34)
- Faul (31.5.1999 12:15)
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