Vom Sündenfall der Software

22.12.1998

Medientheorie mit Entlarvungsgestus: Friedrich Kittler

Der Berliner Medientheoretiker Friedrich Kittler ist Professor für Ästhetik und Geschichte der Medien am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften an der Humboldt Universität Berlin. Er wird im kommenden Jahr Fellow am 'Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften' in Wien sein. Dieses veranstaltete gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Museum im Oktober eine Tagung zum Thema "Audiovisualität vor und nach Gutenberg" - Kittlers Keynote Speech über "Buchstaben, Zahlen, Codes" dient als Anlaß, sich mit Kittlers medientheoretischem Ansatz ein wenig auseinanderzusetzen.

Im Umgang mit dem Computer - der 'universalen Maschine' - plagt wohl gerade die Deutschen ein seltsames Versäumnis: auf den menschlichen Faktor gebaut zu haben, anstatt einem Begriff von 'intelligence' in umfassender, also technischer Weise gerecht zu werden. Als einer der kriegsentscheidenden Faktoren erwies sich wohl die Fähigkeit des britischen Kryptologen-Teams in Bletchley Park, die Codierungen der deutschen Chiffriermaschine ENIGMA zu knacken. Was als Leistung einer technischen Intelligenz unter Führung des Mathematikers Alan Turing Geschichte machen sollte, führte die deutsche Wehrmacht jedoch auf schlicht menschliches Versagen zurück. Ihre ENIGMA verfügte über eine höchstmögliche Verschlüsselungstechnik, die als so sicher galt, daß die undichte Stelle im U-Boot-Krieg auf Ebene der Spionage gesucht wurde und nicht auf der Ebene der Maschinencodes selbst. Genau dies war aber der entschiedene Punkt: der Maschinenlogik konnte eben nur mit Maschinenlogik entgegnet werden, wie das Turing und sein Team bewiesen haben.

Es ist diese versäumte Einsicht, daß die Probleme der Kryptologen nur durch Leibniz'sches Rechnen gelöst werden konnten und nicht durch Reflexion über mögliche Sinnzusammenhänge, die ein treibendes Motiv für die Theoriebildung von Friedrich Kittler bildet.
Ist es Medientheorie? Eine Medienwissenschaft gibt es für Kittler nicht, nur eine höchst oberflächliche, in Form von "kastrierter" Film- und Fernsehwissenschaft, die vor Ton- oder Bildspeichern "die Kniee beugt", wie er es nennt. Die Wirklichkeit der Medien ist viel abstrakter, als die publizistikwissenschaftlichen Inhalts- und Strukturanalysen es überhaupt erahnen lassen.

Mit der Druckerpresse ist die indisch-arabische Mathematik des Stellenwerts in europäisches Schreiben eingebrochen, mit der Schreibmaschine hat die Druckerpresse, diese Kombination von alphabetischen Kombinationen und technischen Algorithmen, Einzug ins alltägliche Schreiben gefunden. Mit dem Computer schließlich ist die Codierung universal geworden - Maschinencodes und Softwareprogrammen sieht es niemand mehr an, ob sie einfach Zeichen setzen oder aber Zeichen zu setzen befehlen.

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Dieses Zitat trägt Wesensmerkmale aller Texte Kittlers, die so trocken geschrieben wie ironisch im Vortrag gehalten sind; der Rahmen wissenschaftlicher Seriösität wird dabei gerade noch soweit aufrechterhalten, daß einer popularisierten Rezeption nichts im Wege steht. Gleichzeitig werden bekannte Erklärungsmuster bedient, in diesem Fall das trinitarische Denken, das vom Vater über den Sohn zum heiligen Geist fortschreitet, sowie ein immer spürbarer Hauch von Verschwörungstheorie, die militärgeschichtlich verbrämt daherkommt.

Da ist es nur konsequent, den Fortschrittsgedanken in seiner letztmöglichen Form zu verkörpern, und die Unüberbietbarkeit einer mathematischen Recodierung der Codes als Abstraktionsfortschritt der abendländischen Kultur soweit zu verklären, daß jenen "Rechenapparaten zum Finden von Gedanken", von denen einst Leibniz geschwärmt hatte, zumindest im Zeitalter ihrer letztgültigen Materialisierung Gerechtigkeit widerfährt. Zum besseren Verständnis darf ergänzt werden, daß Kittler keineswegs eine Apotheose der Computer (was immer das sein mag - 'algorithmische Golems' nannte er sie einmal) liefert, sondern Grundlagen einer Kritik der instrumentellen Vernunft. Ja, denn nirgends scheint eine radikalere immanente Kritik des Computerzeitalters sich anzubahnen, als bei Kittler selbst: eine Kritik der Annahme, mit der 'universalen Turing-Maschine' wäre die Geschichte (als "Pax Americana", denn so ganz ohne Kriegsmetaphern geht es nie bei Kittler) faktisch wie theoretisch an ihr Ende gelangt, sodaß an die Möglichkeit anderer programmierbarer Maschinen erst gar nicht mehr gedacht wird. Die mit diskreten Entscheidungen des digitalen Codes arbeitende Maschine verhält sich zur Natur, die analogen Prinzipien folgt, rein approximativ - für sie ist, was entsprechend berechenbar ist, die Theorie aber weiß nur zu gut, daß nicht alles, was ist, auch berechenbar wäre. Der digitale Bitstream indiziert damit keineswegs das Ende aller Dinge: graduelle Verbesserungen in der Berechenbarkeit besiegeln nicht das Ende der Geschichte, der analoge Datenfluß läßt noch einige Optionen - auch auf mögliche weitere Medienwelten - offen. Ein bißchen Utopie muß schon sein, gerade in der Ära Microsoft, und Kittler ist schließlich nicht naiv technikgläubig.[1]

Die Medien und der Krieg

Die ursprüngliche Blamage, auf die Macht der Maschine zwar vertraut, diese aber im eigentlichen Sinne von 'intelligence' nicht (wie Turing) erkannt zu haben, zittert in der gegenwärtigen deutschen Medientheorie nach, die gerade in Gestalt Kittlers mit einer schier unglaublichen Obsession für Kriegsgeschichte auftritt: seit Jahren wird die These breitgetreten, die modernen Übertragungs- und Speichermedien entstammten einem 'Mediensystem' der Überbietungen, welches uns in einer bestimmten Phase eben auch die Computertechnik beschert hat. Zivile Entwicklungsschritte sind in diesem Rahmen ebenso undenkbar wie eine sozial erlangte Souveränität über die Medientechnik. "In künstlichen Intelligenzen", so heideggert es bereits in Kittlers Trend-Seller Grammophon, Film, Typewriter (1985), "geht aller Medienglamour zugrunde und zum Grunde." Will sagen, "es speichert, es überträgt, es rechnet" und die rein maschinell erzeugte systematische Verschaltung ist unhintergehbar für und unüberbietbar durch einen menschlichen Geist, der damit sein traditionell bedeutungssetzendes Privileg letztgültig eingebüßt hat. Mit der militärtechnischen Ursprungsgeschichte des Mediensystems gelingt es Kittlers Medienarchäologie also ein weiteres Mal, Eigentlichkeit zu setzen:

"Unterhaltungsindustrie ist in jedem Wortsinn Mißbrauch von Heeresgerät."

Das klingt ganz so, als hätte es ohne Turing und den Krieg nie eine Computerentwicklung gegeben und suggestiverweise auch so, als griffen sämtliche 'zivilen' Lesarten von Technikgeschichte eben viel zu kurz.

Nun, dieser Ansatz vom Krieg als Vater aller Dinge, mit dem INFOWAR-Thema der Ars Electronica 1998 so prominent wie naiv fortgeschrieben, ist hinlänglich bekannt und auch bereits kompetent kritisiert worden: es gibt genügend Gründe für die Annahme, daß der Krieg ebenso wie Turing selbst Computergeschichte nicht notwendigerweise, sondern eher zufällig geschrieben haben.[2]

Der suggestive Zusammenhang von Krieg und Kommunikationstechnologien ist dennoch schwer aufzubrechen. Dies vor allem, da nach dem Radio als Derivat des ersten Weltkriegs und dem Computer als dem des zweiten Weltkriegs jetzt das Internet als Derivat des Kalten Krieges sich auch noch dieser Logik zu fügen scheint. Die Medienfunktionen des Speicherns, Übertragens und Berechnens sind für Kittler notwendig mit den Strategien der Kriegsführung verbunden (Stellungskrieg - Totalmobilmachung - Star Wars). Das ist eine vehement kritisierbare Engführung in seiner Theorie, die hundert(e) Jahre industrieller Entwicklungsgeschichte einfach vergessen macht und mitunter gar durch skurrile Geschichten und personenbezogene Anekdoten ersetzt.

Gerade in der Mediengeschichte aber spielen Techniksysteme und verschiedene Anwendungs- oder Nutzungsweisen auf viel zu komplizierte Weise ineinander, als daß man ihre Evolution in einer Person des Erfinders oder Entwicklers zusammenziehen dürfte: die gesellschaftliche Struktur zur Akzeptanz einer Technologie ist entscheidend, und zur sozialen Akzeptanz kommen organisatorische Voraussetzungen, die historisch zunehmend Ergebnisse von Teamwork in Labors und Forscherteams waren - von Thomas Edison, dem mit Menlo Park schon 1876 ein regelrechtes Forschungsnetzwerk zur Verfügung stand, bis zu den Ingenieuren (wie Claude Shannon) der Bell Laboratories unter John von Neumann, mit denen auch Alan Turing 1942 in den USA zusammenarbeitete, und die schließlich die Erfolgsgeschichte der amerikanischen Computerentwicklung geschrieben haben.

Aber zurück zum Vortragsthema Kittlers, das die Irritation umkreist, welche mit der zunehmenden Abstraktion der Codes zu tun hat: Buchstaben - Zahlen - Codes. Kulturentwicklung bzw. Medienevolution, so gesehen, beinhaltet auch eine gehörige Portion Ignoranz gegenüber kulturellen Codierungen, die nonverbaler Natur sind, wie Sounds, Images, Icons, etc. aber auch gesellschaftliche Konsensbildungsrituale (Rausch, Ritual etc.). Das wiederum hat zweifellos mit der Arroganz der französischen semiologischen Tradition von Saussure bis Lacan zu tun, der wir einen restringierten, nämlich dyadischen Zeichenbegriff (Zeichen/Bezeichnetes) verdanken, der letztlich auf die Annahme gebaut ist, jedes Zeichensystem basiere auf einer der verbalen Sprache ähnlichen Gliederung, welcher Kittler ziemlich vorbehaltlos folgt.

Während nun die reale Kulturentwicklung mit den neuen Medienanwendungen in Richtung einer ikonischen Kommunikation treibt - von Otto Neurath bis Marshall McLuhan wurde die integrierende Kraft des Ikonischen in der gesellschaftlichen Kommunikation betont - beklagt eine bestimmte Elite der 'Schriftgelehrten' den Bedeutungsverlust ihres eingeübten Referenzrahmens. Darum, und nur darum interessieren sich übrigens plötzlich sogar altbackene Philologen für das Jenseits der ständig beschworenen Gutenberg-Galaxis. Texte, die nun am Bildschirm stehen, irritieren nicht bloß mit der veränderten Form des Datenträgers, ihre Codierung entzieht sich auch augenscheinlich der angestammten Konstellation von Autor - Text - Leser. Die Codes werden immer unsichtbarer, warum also nicht die vielgepriesene Benutzerfreundlichkeit als Kontrollverlust interpretieren, der angeblich nur noch den Profitinteressen dient?

"Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken", schrieb Nietzsche.
"Die Technik ist in unserer Geschichte", sagte Heidegger.
"Nur was schaltbar ist, ist überhaupt", meint Kittler.

Die kritische Kritik - so läßt sich Kittler weiter paraphrasieren - beginnt mit der Erinnerung daran, daß alle Kulturtechniken Prozesse von Datenverarbeitung sind. Aus dem Rahmen von Kultur fällt heraus, was nicht (in einer übertragenen wie in einer buchstäblichen Bedeutung) verschaltet wurde. Sinn ist damit weiters keine Kategorie, die notwendig geistige Prozesse einschließt, wohl aber Effekt der in den Kommunikationen eingesetzten Materialitäten. Wenn die User aber nicht mehr über die Codes verfügen können - sei es, daß sie sie nicht kennen, sie nicht beherrschen, oder aber, daß sie ihnen bewußt vorenthalten werden - dann haben wir eine Situation, in der, wie Kittler in 'Protected Mode' schreibt, "zivile Anwender in eine undurchschaubare Simulation" verwickelt werden. Das klingt dann folgendermaßen:

Die Untertanen von Microsoft sind jedenfalls nicht vom Himmel gefallen, sondern wie alle ihre medienhistorischen Vorläufer, die Bücherleser, Kinobesucher und TV-Zuschauer, erst einmal produziert worden. Das Problem ist nur, wie die Unterwerfung, um ihren weltweiten Siegeszug anzutreten, vor den Subjekten verborgen werden kann.

Die 'User' werden mittels Maus, Cursor und graphischer Oberfläche dumm gehalten!

Daß die 'User' ihre Maschinen nicht richtig beherrschen, ist eine Platitüde, die wahrscheinlich nur noch bei den inzwischen etwas abgehalfterten Halbgöttern, die EDV-Zentren leiten, punkten kann. Die 'User' werden mittels Maus, Cursor und graphischer Oberfläche dumm gehalten! Die Vorgabe der Software-Designer untergräbt die mögliche Autonomie der 'User' als wirklicher Interaktivität mit der Maschine. Man bleibt als Mensch einfach außen vor. Doch was heißt das schon? Intuitive Technikaneignung, wie sie von tausenden Webdesignern gepflegt wird, kommt bei Kittler nicht vor. Kai Krauses Tools sind in der Anwendung ein Spiel jenseits allen mathematischen Ernstes. Eben noch. Beherrscht der Mensch nun die Technik, wenn er beispielsweise als Automechaniker in die letzten Geheimnisse von Motor, Kupplung, Bremssystem und Servolenkung vordringt? Oder aber, wenn er als Fahrer einfach vom Gas geht und zurückschaltet, um rechtzeitig die Kurve zu kriegen?

Es ist es eine bekannte puritanische Denkfigur, die hier zum Zug kommt. In seiner Verteidigung des alttestamentarischen Bilderverbots zur Hebung der Moralität verteidigte bereits Kant jene Negativität, die am besten noch vom Schriftgelehrtentum verkörpert wird, während das gemeine Volk mit Bildern bei der Stange gehalten wird. Interessant ist, was daraus bereits Kant in seiner Critik der Urtheilskraft schließt:

Daher haben auch Regierungen gerne erlaubt, die Religion mit dem letzteren Zubehör reichlich versorgen zu lassen, und so dem Untertan die Mühe, zugleich aber auch das Vermögen zu benehmen gesucht, seine Seelenkräfte über die Schranken auszudehnen, die man ihm willkürlich setzen, und wodurch man ihn, als bloß passiv, leichter behandeln kann.

Dem Ansinnen, sich gegen die Zumutungen des Windows-Betriebssystems gefälligst auf die Unix-Ebene zu begeben oder auf Linux umzusteigen, wäre Kant mit Sicherheit wohl gesonnen gewesen - nur die 'Mühe' garantiert schließlich das für Autonomie verlangte 'Vermögen'. Wie heute die 'anwenderfreundliche' Software, so galten damals die Bilder als Sündenfall wider die Negativität wahrer Aufklärung. Daß aber neben Bildern jetzt Software an die Stelle der Setzkästen des Druckergewerbes tritt, wäre gar ein doppelter Sündenfall. Gutzumachen ist er nur, vielleicht, durch den Weg zurück zur reinen Form des Algorithmus, zur Effizienz des Rechnens und der Maschinensprache wider die Wirrungen der Menschensprache. Kittler stößt sich schon ganz grundsätzlich daran, daß überhaupt Betriebssysteme "durch die Maus korrumpiert" werden konnten. Tatsache ist ja, daß wir mit Maschinen arbeiten, die keine genuinen Programmierkapazitäten mehr haben: die transparente, beherrschbare universale Maschine, absolute Verfügbarkeit also, ist ein Traum aus den Kindertagen des Cyberspace. Computer sind einfacher zu bedienen, aber umso schwerer bleibt zu verstehen, was sich hinter den Benutzeroberflächen 'eigentlich' noch verbirgt.

Daß die Kommandozeile genau das tut, was sie sagt, nämlich ein laufendes Programm wieder abschießt, ist keine inhärente Eigenschaft ihrer Buchstaben oder Tasten. Denn nur auf der menschenzugewandten Seite eines Betriebssystems gibt es die alphabetischen Buchstaben und dekadischen Ziffern überhaupt.

Obwohl das nun wieder klingt wie eine Dublette der Kantschen 'Noumena', wollen wir es nicht zu weit treiben. Kittler weiß wohl genau, daß - frei nach Vilém Flusser, den er zaghaft zitiert - der alphanumerische Code eine wahrscheinlich nicht ewig notwendige Schnittstelle zwischen der 'Maschinensprache' und den 'Menschensprachen' darstellt. Warum aber ausgerechnet der Befehl KILL es ist, der zumindest in diesem Beispiel auf der Ebene des Unix-Shell einen 'eigentlicheren' Bezug zwischen Maschine und User herstellen soll als unter einer graphischen Benutzeroberfläche, das bleibt wohl erklärungsbedürftig.

Der Befehl wird mittels ENTER eingegeben. Es war wohl schlichte Camouflage der Wordprocessors, diese Taste noch mit RETURN zu bezeichnen. In einer Textverarbeitung, so Kittler, löst die ENTER-Taste einfach einen Carriage-Return aus, wie bei der schlichten Schreibmaschine. Ihre 'eigentliche' Macht bleibt dabei verdeckt. Nicht auf der Schriftzeile einer Anwendung, wohl aber auf der Kommandozeile des Betriebssystems nämlich hat die ENTER-Tase ihre wirkliche Macht, die dem User vorexerziert (die militärisch konnotierte Vokabel trifft Kittlers Geschmack), daß Schrift "unter hochtechnischen Bedingungen zur Untermenge einer allgemeinen Programmierbarkeit herabgesunken ist". In seiner Befehlslogik unterscheidet sich der Schreibakt am Computer von allen früheren Schreibakten.

Dieser Derrida'sche Schwinger zielt freilich unter die Gürtellinie der nichtsahnenden philologischen Zunft. Kein Problem hat diese vermutlich mit der ursrpünglich narzißtischen Kränkung des Computerzeitalters: daß Rechnen eine repetitive Tätigkeit ist, ein Prozeß, den ohne weiteres auch eine Maschine durchführen kann. Aber Kittler rechnet ihnen vor: was wir 'Programm' nennen, ist ein rein maschineller Ablauf, der "eine Schrift zugleich vor jeder Schrift und nach jeder Schrift" bemüht, um sich etwa mit chemischen Elementen wie Silizium kurzzuschließen, oder auch, wie gesagt auf der anderen Seite des Betriebssystems, mit "uns Menschen":
Daß nicht der Mensch die Sprache, sondern vielmehr die Sprache den Menschen spricht, diesen strukturalistischen Kalauer radikalisiert Kittler zur Feststellung, daß im Computerzeitalter, wie er sagt, "unaussprechliche Codes über oder ohne den Umweg namens Sprache unter anderem uns Menschen haben". Bereits Sprachphilosophen wie Wilhelm von Humboldt wußten freilich, daß die Menschen in ihrem Bezug auf die objektive wie die soziale Welt genau so leben, "wie die Sprache sie ihnen zuführt". Die Maschinen stellen uns vor eine neuen Situation, vor allem in der Frage nach der Urheberschaft, die schließlich auch über die Souveränität im Einsatz der Type entscheidet. Was aber ist nun wirklich neu daran?

Niemand gelingt derzeit der Tonfall und die Illusion vor Publikum, hier plaudere einer ganz frei aus der Schule der Programmierwerkstätten, besser als Friedrich Kittler. Er verbindet geisteswissenschaftliche Gelehrtheit mit dem Imponiergestus eines Ingenieurs, der sich auf technische Details selbstverständlich einläßt und vor allem bei Geisteswissenschaftlern (die ja keine Formel nachrechnen!) damit punktet. In Aussicht gestellt wird eine nicht entfremdete, Leibniz'sche Position ("Rechnen wir!"). Solch eine mathematische Situation erinnert an das Jahrhunderte übliche Rechnen mit dem Abakus - Hard- und 'Software' bleiben sauber getrennt, gerechnet wird im Kopf und die 'Maschine' dient lediglich als Arbeitsspeicher. Das also hat sich nun geändert: der Wunsch, mit der Schreibmaschine Rechnen zu lernen, ging mit Turing in Erfüllung. Wir aber schreiben ja bloß mit der Rechenmaschine. Oder meinen zu schreiben, denn wir beherrschen weder das Werkzeug wirklich noch die Codes - die universale Maschine als solche wurde fatal korrumpiert, und wir dazu, wie Kittler hier zwischen den Zeilen andeutet.

Kittlers Ideal wäre wohl so etwas wie ein "Maschinenflüsterer"

Wirkliches Schreiben im Zeitalter allgemeiner 'Komputierbarkeit' (Flusser) heißt dementsprechend Programmieren in Maschinensprache. Kittlers Ideal wäre wohl so etwas wie ein "Maschinenflüsterer", jemand, der den unbewußten maschinellen Code so beherrscht, daß er sie sehr wohl zur souveränen Anwendung und damit zur Beherrschbarkeit bringen kann. Denken und Sprechen in Rechnen zu überführen - Leibniz', aber auch Turings Traum! - heißt Implementierung des Denkens im technischen Mediensystem, nichts anderes. Während die Bedingungen einer allgemeinen maschinellen Berechenbarkeit für unsere Zeit als nahezu erfüllt gelten darf, sind wir vom Paradigma einer allgemeinen Berechenbarkeit, was immer das heißen mag, aber noch weit entfernt. Algorithmen bedeuten die mehr oder weniger mechanische Ausführung von logischen Anweisungen durch die Maschine, als Bedingungen der Möglichkeit von Berechenbarkeit. Dies kann aber nicht schon alles gewesen sein, die digitale Approximation an die Wirklichkeit läßt noch zuviele Wünsche offen.Die Utopie suggeriert an dieser Stelle zumindest die Vorstellung eines anderen Codes als dem des binären Bitstreams der gegenwärtigen Informatik.

Und niemand weiß, ob die Geschichte der Zeichen mit Turings Universaler Diskreter Maschine, wie so viele Liebhaber der Weisheit, Denkfaulheit oder Apokalypse heute verkünden, an ihr logisches, also unüberholbares Ende gelangt ist. Womöglich werden andere Erden, andere Planeten noch andere Drachenzähne ausbrüten. 'Language is a virus from another planet'.

Die Pointe in Kittlers Theorie der Zeichenrevolution ist wohl, daß die Abkoppelung des Zeichensystems von der gesprochenen Sprache zwecks Erlangung minimaler Redundanz eng zusammenhängt mit der Geburt der Technik als solcher aus dem kulturtechnischen Code. Auf dem Weg vom Abakus zur Algebra wäre es dann "ein Krieg der Zeichen" gewesen, der "Europa und seine Untertanen" (?) zu dem gemacht haben, was sie heute sind: "allen Soziologen zum Trotz keine Gesellschaft mehr". Sondern? Effekte der Codes? Vektoren des maschinellen Programms? Warum es zum Aufweis der unweigerlich in Aussicht gestellten Alternative zum alphanumerischen Code einer weiteren extraterrestrischen Viren-Invasion bedarf, bleibt Kittlers Betriebsgeheimnis. Ebenso, warum gegen das kybernetische 'Steuern' im Sinne einer postmodernen Metaphysik der bloß simulierten Maschinenebene ein informationstheoretischer Materialismus aufgeboten werden soll, nach dem sich zumindest für Assemblerroutinen (irgendwo muß ja ein Anfang gemacht werden) die Gefilde der Eigentlichkeit eröffnen.

Frank Hartmann ist Geschäftsführer des Forum Sozialforschung, Wien, und Lektor für Medienphilosophie an der Universität Wien.

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