Eine Projektionsfläche für gesellschaftspolitische Utopien
Die kulturelle Bedeutung der Internationalen Raumstation
Als der Japaner Yukinobu Hoshino seine Geschichtensammlung 2001 Nights verfaßte, gab es noch die beiden Machtblöcke USA und Sowjetunion. In der ersten Geschichte mit dem Titel "Erdglühen" stehen sie sich mit entsicherten Atomwaffen am Persischen Golf gegenüber, während sich eine amerikanische Raumfähre unter strengster Geheimhaltung der stark gesicherten russischen 100-Mann-Raumstation "L. N. Tolstoi" nähert. Hier erwartet der sowjetische Generalsekretär den amerikanischen Präsidenten, um in Ruhe miteinander zu reden. Durch ein großes Panoramafenster betrachten die beiden die Erde. "Wollen wir diese Schönheit wirklich in zwei Hälften teilen?" fragt der Präsident. "Von hier oben scheinen mir ganz andere Probleme wichtig zu sein. Probleme, die wir nur zusammen lösen können."
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Im Zusammenhang mit der Raumfahrt wird viel über technische Innovationen und Wissenstransfer berichtet. Die vielleicht bedeutendste Innovation hat sie jedoch durch ihre ästhetischen Möglichkeiten bewirkt: Im August 1967 übermittelte die unbemannte Sonde Lunar Orbiter 5 das erste Foto der Erdkugel. Auch wenn dieser Blick aus dem All auf die Erde in überraschend kurzer Zeit alltäglich geworden ist - den Prozeß des Umdenkens hin zu einer nachhaltigen Entwicklung und größerer Aufmerksamkeit für ökologische Fragen hat er unwiderruflich in Gang gebracht.
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Die immense kulturelle Bedeutung der Raumfahrt spiegelt sich in den Raumfahrtprogrammen indessen kaum wieder. Vorläufig werde nicht daran gedacht, Philosophen ins All zu schicken, sagte der Kosmonaut Juri Baturin kürzlich auf einer Pressekonferenz in Berlin, und fügte hinzu: "Alle Raumfahrer werden mehr oder weniger zu Philosophen." Schwer quantifizierbare geisteswissenschaftliche oder künstlerische Projekte werden es auf absehbare Zeit schwer haben, etwas von der wertvollen Forschungszeit im neuen Orbitallabor zu ergattern.
Bislang müssen Skulpturen, die für die Schwerelosigkeit konzipiert sind, ein mehrfaches der Erdgravitation aushalten, um an ihren Bestimmungsort zu gelangen. Kunst kann den Weltraum konzeptionell einbeziehen, wie Tom Van Sant mit Satellitenaufnahmen der von ihm in der Wüste errichteten Skulpturen "Reflections from Earth" (1980) und "Desert Sun" (1986). Aber im Weltraum selbst entsteht sie vorläufig nur als Nebenprodukt, wie etwa Alexej Leonows Zeichnungen vom ersten Außenbordeinsatz oder auch manches Foto.
Möglicherweise läßt sich die Mir, die schon manches kosmische Kunstwerk beherbergt, als Arbeitsstätte für Künstler nutzen. Die Internationale Raumstation dagegen wird vorerst kaum als Atelier zur Verfügung stehen. Als Projektionsfläche für gesellschaftspolitische Utopien kann sie indessen jetzt schon dienen.
Alte, längst geklärt geglaubte Fragen bekommen durch die zunehmende Dynamik der bemannten Raumfahrt auf einmal neue Brisanz. Sogar das Privateigentum steht wieder zur Debatte: In Kommentaren und Leserbriefen des amerikanischen Branchenblatts Space News wird bereits darüber gestritten, inwieweit die bestehenden Verträge, der "Outer Space Treaty" von 1967 und der "Moon Treaty" von 1979, die privatwirtschaftliche Ausbeutung außerirdischer Ressourcen fördern oder behindern. Dabei dreht sich die Diskussion insbesondere um zwei Formulierungen im "Moon Treaty", die die lunaren Ressourcen als "gemeinsames Erbe der Menschheit" (common heritage of mankind) bezeichnen, das von einem "internationalen Gremium" (international regime) verwaltet werden soll.
Zu den vehementen Befürwortern einer Kommerzialisierung des Weltalls zählt der Apollo-17-Astronaut Harrison H. Schmitt, der auf dem Mond Helium-3 als Brennstoff für Kernfusions-Kraftwerke fördern will. Er legt nahe, den von den USA nicht ratifizierten Vertrag einfach zu ignorieren. Zwar sei er geltendes internationales Recht, jedoch ohne große Relevanz, da ihm bisher nur Nationen ohne nennenswerte Raumfahrtambitionen zugestimmt hätten. Dagegen mahnte der Weltraumwissenschaftler Carl Sagan noch kurz vor seinem Tod Ende 1996 zur Vorsicht: "Wir müssen unsere Umsicht und unsere Ethik auf ein höheres Niveau heben. Allerdings ist das Prinzip der Gewinnmaximierung eine sehr starke Kraft, die dem entgegenwirkt."
Eine Klärung der Rechtslage ist auch für zukünftige Weltraumsiedlungen notwendig, denn die werden weitestgehend auf Rohstoffe aus dem All, vom Mond oder erdnahen Asteroiden, angewiesen sein. Aufgrund der Schwerkraftverhältnisse wäre die Versorgung von der Erde aus die ungünstigste, kaum praktikable Lösung.
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Zu diesem Ergebnis kommt eine im Sommer 1975 vom Ames Research Center der Nasa und der Stanford University gemeinsam durchgeführte Design-Studie über Weltraumsiedlungen. Sie gilt heute noch als eine der gründlichsten wissenschaftlichen Untersuchungen dieses Themas.
Die Studie sieht für die erste Siedlung 10000 Einwohner vor. Sie leben und arbeiten in einer 130 Meter durchmessenden Röhre, die zu einem Kreis von 1790 Metern Durchmesser gebogen ist. Sechs Speichen mit jeweils 15 Meter Durchmesser verbinden die Röhre mit der zentralen Andockstation für Raumschiffe. Um Schwereverhältnisse wie auf der Erde herzustellen, rotiert die gesamte Struktur mit einer Geschwindigkeit von einer Umdrehung pro Minute.
Interessant sind die Überlegungen der Studie zu psychologischen und kulturellen Bedürfnissen der Weltraumsiedler. Um einem als "Solipsismus-Syndrom" bezeichneten Geisteszustand entgegenzuwirken, in dem die Umgebung als irreal empfunden und alles wie ein Traum erlebt wird, sei vor allem eine großzügige Geometrie erforderlich. Ein gewisser Grad an Unvorhersagbarkeit sei ebenfalls wünschenswert und könne erreicht werden, indem Pflanzen und Tieren entsprechende Freiheit und Unabhängigkeit von menschlicher Planung eingeräumt wird. Es müsse etwas geben und weithin sichtbar sein, das wächst, und jeder solle die Möglichkeit haben, persönlich an diesem Wachstum teilzuhaben, sei es durch die Erziehung von Kindern oder bei der Anpflanzung von Bäumen und Gemüse.
Bei der Erörterung verschiedener denkbarer Gemeinschaftsformen verzichteten die Autoren auf jegliches ideologisch belastetes Vokabular - für das Jahr 1975 alles andere als selbstverständlich. Sie raten grundsätzlich davon ab, den Siedlern hohe finanzielle Vorteile in Aussicht zu stellen, "weil es die falschen Leute anzieht", und unterscheiden beispielhaft und ohne Anspruch auf Vollständigkeit drei Grundtypen sozialer Organisation:
die hierarchisch-homogene Gemeinde, deren Mitglieder in Begriffen der Maximierung und Optimierung denken, Konkurrenz und Wettbewerb für die Basis allen Fortschritts halten und abweichendes Verhalten als abnorm und unerwünscht betrachten;
die individualistisch-isolationistische Gemeinde, die Unabhängigkeit für die höchste Tugend hält und dem Schutz der Privatsphäre große Bedeutung beimißt;
und die heterogen-genossenschaftlich-symbiotische Gemeinde, in der Verschiedenheit als Quelle der Bereicherung angesehen und Konkurrenz als nutzlos abgelehnt wird. Das vorherrschende Gestaltungsprinzip einer solchen Siedlung sei "Harmonie der Vielfalt und Vermeidung von Wiederholungen, ähnlich wie in japanischen Gärten und Blumenarrangements".
In jedem Fall müssen sich die Weltraumbewohner auf eine weitgehende physische Isolation von der Erde einstellen. Dafür wird der Personenverkehr zwischen verschiedenen Weltraumsiedlungen vergleichsweise unproblematisch sein, da hierbei keine nennenswerten Schwerefelder überwunden werden müssen.
Wenn es erst einmal viele außerirdische Gemeinden gibt, so die Studie, "mögen einige zu verschiedenen irdischen Nationen gehören, andere international sein, und manche sogar neue außerirdische Nationen bilden". Die gegenwärtig technologisch führenden Nationen seien bei der Besiedelung des Weltraums nicht notwendigerweise im Vorteil, da ihre Technik erd- und kulturgebunden sei. Generationenlang als selbstverständlich gepflegte Traditionen und Denkgewohnheiten könnten sich im All rasch als Hemmschuh erweisen.
Ein Leser der "Space News" sah in der Errichtung von Weltraumsiedlungen gar die ultimative Lösung im Streit mit den verhaßten, als lustfeindlich beschimpften Umweltschützern. "Laßt ihnen doch die Erde für ihre Öko-Kommune", schrieb er, "wir werden unterdessen fleißig das Sonnensystem 'ausbeuten'." Ja, warum eigentlich nicht?
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