Vom Allgemeininteresse im Cyberzeitalter
Offene Programme für die Weltgesellschaft
Der Prozeß gegen Microsoft stellt in eklatanter Weise die Frage nach dem Wesen des Allgemeininteresses im Cyberzeitalter. Die Informationsgesellschaft besitzt ein lebenswichtiges Bedürfnis nach "Standards", um transparent und universell zu sein. So ist das Internet vor allem ein Standard (das Protokoll TCP/IP). Ebenso basiert der Erfolg des World Wide Web auf dem Standard HTML, der von einer öffentlichen Organisation (CERN) geschaffen wurde.
Diese Tendenz zur Standardisierung ist dem Wesen des globalisierten Informationsaustauches inhärent. Wenn ein Standard universell akzeptiert wird, erhält er einen universellen Wert, was folglich dem Allgemeininteresse nutzt. Das Problem ist, daß bestimmte "quasi-universelle" Standards nicht zum öffentlichen Bereich gehören, sondern sich im Besitz von privaten Gruppen befinden.
Einen universellen Standard im Rahmen des "Marktes" nennt man auch ein "Monopol". Monopole sind aber aus der Perspektive eines gut funktionierenden Marktes nicht akzeptierbar (deswegen gibt es das "Anti-Trust"-Gesetz). Das Problem, das sich jenseits des Ausganges des Microsoft-Prozesses stellt, ist für die Zukunft ganz und gar grundlegend: Sollten die Standards, die sich in der Informationsgesellschaft durchsetzen, ("de jure" oder "de facto") natürlicherweise in den "weltweiten öffentlichen Bereich" fallen?
Die Frage könnte man auch so formulieren: Sollten die Regierungen der Welt, die durch eine supranationale Instanz wie die Vereinten Nationen oder die UNESCO, also die auf diese Probleme spezialisierte Organisation der UN, nicht ihre Kräfte (die intellektuellen und finanziellen Ressourcen, der Weltverband der öffentlichen Forschungsinstitute der Informatik) vereinen, um nicht-proprietäre Standards zu entwickeln, die zum weltweiten öffentlichen Bereich gehören?
LINUX gibt ein Beispiel für die Effizienz eines Kooperationsprojekts, das allen, die an der Ausarbeitung von freien Programmen mitwirken wollen, offensteht. Dieses Programm könnte noch in großen Bereichen (grafische Interfaces, Installationen, Anwendungen ...) verbessert werden, wenn die Staaten sich entscheiden würden, sich zu vereinen und damit den "Open Source"-Ansatz von "wichtigen" Programmen (Betriebssystem, Textverarbeitung, Management von Datenbanken, grafische Interfaces) zu unterstützen.
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Das wäre in bester Übereinstimmung mit der großen Notwendigkeit, in diesen Bereichen ausgebildet zu werden. Wie soll man sich auch an geschlossenen, "proprietären" Programmen schulen? Wie soll man an die größtmögliche Zahl von Menschen Programme verteilen, wenn diese mit hohen Kosten bezahlt werden müssen?
Ist jetzt nicht die Zeit gekommen, über diese Fragen im weltweiten Rahmen nachzudenken - und nicht nur im Rahmen der Staaten, die alle im Hinblick auf diese Fragen viel zu "klein" sind? Es geht dabei um das vorrangige Interesse der Menschheit, einen großen "öffentlichen Ort der Information" zu schaffen, der ohne Restriktionen allen offensteht, wenn man wirklich beginnen will, die Kluft zwischen den Info-Reichen und den Info-Armen zu überbrücken.
Philippe Queau ist Direktor der UNESCO-Abteilung für Information und Informatik. Er hat Anfang Oktober eine internationale Konferenz zur Infoethik organisiert. In dem Beitrag Eine ethische Vision der Informationsgesellschaft legt er die Grundbausteine der aus seiner Sicht erforderlichen Infoethik dar.
Aus dem Französischen übersetzt von Florian Rötzer
http://www.heise.de/tp/artikel/6/6436/1.html- Politik und Zukunft (12.4.2000 16:03)
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