Meere auf dem Saturnmond Titan?

Florian Rötzer 30.07.1999

Neue und schärfere Bilder des Mondes lassen eine einzigartige, mit der präbiotischen Erde vergleichbare chemische Zusammensetzung vermuten

Wissenschaftler von der University of California und dem Lawrence Livermore National Laboratory haben erstmals mit dem Keck-Teleskop in Mauna Kea, Hawaii, Bilder von der Oberfläche des Saturnmondes Titan machen können. Aus den Aufnahmen schließen die Astrophysiker, dass es dort möglicherweise vereiste Ebenen und gefrorene Seen aus Hydrogencarbonat geben könnte. Das aber wäre eine Sensation, denn abgesehen von der Erde kennt man in unserem Sonnensystem bislang keine offenen Meere.

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Infrarotbild von Titan. Credit

Titan ist mit seinem Durchmesser von 5120 Kilometern größer als der Merkur. Da er wesentlich weiter von der Sonne entfernt ist als die Erde, herrschen auf ihm eisige Temperaturen von Minus 180 Grad. Andererseits gibt es in seiner Atmosphäre wiederum wie nur auf der Erde Stickstoff.

Noch sind die Vermutungen, die die Wissenschaftler aus den Bildern ableiten, nur Hypothesen. Klarheit wird vielleicht erst die Raumsonde Cassini bringen, die bereits auf dem Weg zum Saturn ist und im Jahr 2004 auf dem Titan die Sonde Huygens zum Landen bringen wird. Dann wird man genauere Bilder erhalten. Cassini führt übrigens auch eine DVD mit sich, auf der Botschaften vieler Menschen und andere Informationen gespeichert wurden.

Titan aus 1,2 Millionen Kilometern Entfernung von Voyager

Die Beobachtung des 1,2 Milliarden Kilometer entfernten Mondes stößt auf besondere Schwierigkeiten, weil das ultraviolette Licht das in der Atmosphäre befindliche Methangas zu einem dichten Schleier verwandelt, durch den man normalerweise nicht auf die Oberfläche hindurch sehen kann. Daher zeigen die Bilder der Raumsonde Voyager aus dem Jahr 1980 nur den farbigen Himmel. Infrarotlicht kann zwar den Schleier durchdringen, doch ist der Mond für normale Teleskope zu weit entfernt, um klare Bilder zu erhalten, die durch die Erdatmosphäre beeinträchtigt werden. Auch das Hubble Space Teleskop hat keine ausreichende Auflösung, um Einzelheiten erkennen zu können.

Keck Observatory

Um mit dem zehn Meter langen Keck I Teleskop auf Hawaii die bislang einmaligen Bilder von der Titanoberfläche zu erhalten, verwendeten die Wissenschaftler die während des Kalten Krieges zur Erkennung von Satelliten entwickelte speckle interferometry, bei der viele Aufnahmen so schnell hintereinander gemacht werden, daß sie die atmosphärischen Turbulenzen erstarren lassen. Mit dem Computer werden diese Bilder dann überarbeitet und zusammengefügt, um ein Bild von den Oberflächeneigenschaften zu erzeugen. Die Wissenschaftler entfernten überdies das in der Atmosphäre Titans zerstreute Licht, um ein vom Dunst ungetrübtes Bild herzustellen.

Mit gewöhnlichen Mitteln aufgenommenes Bild zum Vergleich

"Diese Modelle zeigen die erste quantitative Darstellung von Titans Oberfläche", sagt Seran Gibbard vom Livermore-UCLA-Wissenschaftlerteam. "Die helle Region, die wie eine Gummiente geformt ist, scheint aus einer Mischung aus Felsen und Eis zu bestehen." Auf der linken Seite des Bildes erkennt man eine dunkle Region: "Das dunkle Material könnte ein See aus flüssigem Methan, Ethan oder Hydogencarbonat sein", vermutet der Astrophysiker Bruce Macintosh. "Das ist eine der dunkelsten Dinge im Sonnensystem. Es könnte auch festes organisches Material sein." Doch egal, ob diese Region ein Meer oder hartes Land ist, so wären die komplexen organischen Moleküle auf dem Titan womöglich mit den chemischen Bestandteilen vergleichbar, die es auch auf der Erde gegeben haben könnte, bevor sich das Leben entwickelt hat. Offenbar ist Titan der präbiotischen Erde, wie die Wissenschaftler glauben, ähnlicher als jeder andere Himmelskörper im Sonnensystem.

http://www.heise.de/tp/artikel/6/6461/1.html
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