Cassini im Anflug
Karl Grossman und seine Mission gegen die Militarisierung der Raumfahrt.
Die 1997 gestartete Cassini-Mission, eine Raumsonde, die den Saturn und seine Monde erforschen soll, befindet sich derzeit im Anflug auf die Erde. Nachdem Cassini zweimal die Venus umrundet hat, soll sie mittels eines von der NASA so bezeichneten "Steinschleuder-Manövers" an Geschwindigkeit gewinnen, um Saturn zu erreichen. Am 18. August 1999 um 3:28 GMT wird Cassini in einem Abstand von 1173 Kilometern mit 64.000 km/h an der Erde vorüberfliegen. Cassini hat 32,8 kg Plutonium an Bord. Sollte das Manöver misslingen und die Sonde in die Erd-Atmosphäre eintreten, würde sie verglühen und 400.000 Curie in Form von in feinste Partikel zerstäubtem Plutonium in die Atmosphäre entlassen und damit mit einem Schlag die Gesamtmenge des von Menschen erzeugten Plutoniums in der Atmosphäre verdoppeln.Zwischen der NASA und unabhängigen Forschern herrscht Uneinigkeit über die potentiell gesundheitsgefährdenden Folgen eines solchen Unfalls. Laut NASA würden maximal 2300 Menschen über einen Zeitraum von 50 Jahren an Krebs sterben. Laut Michio Kaku, Ph.D. und Professor für Theoretische Physik an der City University von New York, wäre die Todesrate mindestens um den Faktor 100 grösser, läge also bei über 200.000 Menschen. Laut Dr. Ernest Sternglass, emeritierter Professor an der Pittsburgh School of Medicine, unterschätzt die NASA die durch Krebs verursachten Todesfälle sogar um den Faktor 2000 bis 4000.
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| Cassini-Kritiker Karl Grossman in London, Mai 1999, Photo |
Ein Netzwerk von Aktivisten weltweit versucht, bisher erfolglos, die NASA von dem gefährlichen Manöver abzubringen. Ihr Wortführer ist Karl Grossman, Professor an der staatlichen Universität von New York und seit 30 Jahren investigativer Journalist zu Umweltthemen. Das "Flyby"-Manöver von Cassini ist der aktuelle Anlass, der Grossman im Mai 1999 nach Grossbritannien geführt und die Möglichkeit zu dem im folgenden auszugsweise wiedergegebenem Gespräch gegeben hat. Doch neben Cassini beschäftigen ihn und seine Mitstreiter vom "Global Network Against Weapons and Nuclear Power in Space" die übergeordneten Themen der Militarisierung des Weltraums und der Verwendung von Nuklearenergie für Weltraumflüge.
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| Die Broschüren des U.S.Space Command sprechen die Sprache der Science Fiction der 50ziger Jahre. |
Wie jeder Missionar, dessen Thema vom Mainstream der Medien noch nicht aufgegriffen wurde, läuft Grossman Gefahr, von der Mehrheit als verrückter Professor und Kassandra-Rufer abgetan zu werden. Als ich ihm an einem stickigem Mai-Abend in einem Londoner Pub zum ersten Mal begegnete und er mir Werbebroschüren des U.S.Space Command unter die Nase hielt, schwitzend und vor Aufregung in sich überschlagenden, nie zu Ende kommenden Sätzen sprechend, konnte ich mich ebenfalls gewisser Zweifel nicht erwehren. Diese vom U.S. Space Command, einer Koordinationsstelle für militärische Weltraumoperationen herausgegebenen Broschüren unter Bezeichnungen wie "Long Range Plan" und "Vision for 2020" sind in der Tat schockierenden Inhalts. Sie tragen martialische Wappen mit Bezeichnungen wie "Masters of Space" und sprechen eine ungeniert imperialistische Sprache. So wie Europa 500 Jahre die Welt über die Meere kontrolliert hat, würden die U.S.A. von nun an die Erde vom Weltraum aus kontrollieren. Die U.S.A. müssten die Fähigkeit haben, "im Weltraum" und "vom Weltraum aus" Krieg zu führen. Es gehe darum, wirtschaftliche Interessen zu schützen, und, da diese global seien, könne das effizient und ohne den bei den Wählern unbeliebten Einsatz großer Truppenmassen nur mehr vom Weltraum aus geschehen.
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| Wappen des U.S.Space Command |
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Das U.S.Space Command präsentiert sich im Geiste Kalter Weltraum-Krieger, mit der Rhetorik und Ästhetik von fünfziger Jahre Science Fiction. Andererseits ist es ein offenes Geheimnis, dass die U.S.-Raumfahrt seit dem Sputnik-Schock vor 40 Jahren von einer militärischen Komponente mitgeprägt ist. Sind diese Broschüren also bloss Ausdruck einer militaristischen Ho-Ruck-Sprache von im Hinterland von Colorado Springs stationierten Reservegenerälen, die sonst nichts besseres zu tun haben und damit versuchen, die Moral ihrer Bürokraten-Truppe zu stärken? Oder handelt es sich um ein tatsächliches Regierungsprogramm mit substantiellen Ressourcen zur langfristigen Festigung der amerikanischen Hegemonialmacht? Grossman verwehrt sich dieser Fragestellung nicht. Es ist Mai, die "neue militärische Weltraumpolitik der USA" ist noch nicht verabschiedet. Um Argumente und Beweise gefragt, verheddert sich Grossman in einer umständlich erzählten Anekdote:
"Ich war im März in Genf bei dieser Abrüstungskonferenz der UNO, bei der ich einen Vortrag hielt und diese Dokumente, die im übrigen öffentlich zugänglich sind, vielen der dort versammelten Botschafter zeigte. Am nächsten Tag, am Weg zum Konferenzort, begegnete ich einem hochrangigem Mitglied der U.S.-Delegation. Dieser verwickelte mich in ein Gespräch. Er erklärte, wie schwer es für die USA seit dem Vietnamkrieg ist, grosse Truppenzahlen in Bewegung zu bringen. Im Golfkrieg ging das noch, aber ein enormer PR-Aufwand war notwendig. Im Kosovo-Konflikt war die Geschichte mit den drei gefangengenommenen US-Soldaten die größte News-Story in den USA seit Monica Lewinsky. "Tatsache ist", sagte dieser Mann zu mir, "dass nur wir, die USA, Macht vom Weltraum aus entfalten können." Russland ginge es wirtschaftlich viel zu schlecht und die Chinesen seien 30 Jahre hinten, meinte er."
Nach dieser Form der "Beweisführung" hatte ich Herrn Prof. Grossman innerlich bereits der Rubrik der Verschwörungstheoretiker zugeordnet. Trotzdem wurde ein Interviewtermin für den nächsten Tag vereinbart. Danach, sowie nach der Lektüre von Grossmans Buch "The Wrong Stuff" (1997), in dem er die Geschichte der Militarisierung der U.S.-Raumfahrt nachzeichnet und nach weiteren Recherchen im Internet musste ich mein Vorurteil revidieren. Tatsächlich scheint es einen Zusammenhang zwischen der zivilen Cassini-Mission, an der sich auch die European Space Agency (ESA) beteiligt, und dem U.S.-Streben nach militärischer Dominanz vom Weltraum aus, das inzwischen zur offiziellen Doktrin erklärt wurde, zu geben. Walter Grossman, der sich oft in Daten und Nebensätzen verirrt, so dass man ihm gerne helfen würde, Sätze zu Ende zu bringen, hat diese Geschichte, die für ihn bereits vor 15 Jahren begann, einfach schon viel zu oft erzählen müssen:
"Die ganze Geschichte begann für mich 1985, als ich in einer Publikation des Energieministeriums las, dem "Energy Insider". Darin wurde von zwei bevorstehenden Space-Shuttle-Flügen für das Jahr 1986 berichtet, die von Plutonium angetriebene Weltraumsonden mit sich tragen sollten. Eine dieser Shuttles war die Challenger. Der Artikel ging dann auf mögliche Gefahren infolge von Unfällen mit diesen Sonden ein, Unfälle beim Start, in den tieferen oder höheren Schichten der Atmosphäre oder bei einem unbeabsichtigtem Wiedereintritt in die Atmosphäre. Daraufhin machte ich eine Eingabe unter dem U.S.-Freedom Of Information Act (FOI), an die NASA, das Energieministerium und die fünf beteiligten, staatlichen Forschungslaboratorien und fragte, welche Aufschlüsse man über potentielle Gefahren im Zusammenhang mit einem Unfall mit einer dieser plutoniumbestückten Sonden gewonnen habe. Ich erwartete kein Problem mit dieser Eingabe, schliesslich handelte es sich um die NASA und nicht um die CIA. Wie lag ich doch falsch! Wie ich später herausfinden sollte, ist die NASA nur gut darin, Öffentlichkeitsarbeit zu Themen zu machen, bei denen sie gut dastehen."
Grossman erzählt, wie sich die Antwort auf seine FOI-Anfrage hinzog; wie man wollte, daß er dafür Geld bezahlt, wobei Journalisten eigentlich für FOI-Anfragen niemals bezahlen; wie er schliesslich, nach ausgedehntem Schriftwechsel, zehn Monate später die erwünschten Informationen erhielt. Es handelte sich um ein Hunderte von Seiten umfassendes Aktenpaket, dessen Botschaft sich darin zusammenfassen lässt, dass im Falle eines Unglücks mit einer schweren Katastrophe zu rechnen sei. Doch massgebliche Teile des Dokuments - wieviele Leute sterben würden, wieviele Quadratkilometer Land radiokativ verseucht werden würden - waren nach Ausnahme 1 des FOI, und das ist die Ausnahme betreffend die nationale Sicherheit, ausgeschwärzt worden. Offensichtlich hatte Grossman einen sensiblen Punkt erwischt, denn Ausnahme 1 kommt üblicherweise nur bei militärischen Fragen zur Anwendung und nicht bei zivilen Raumfahrtprojekten. Doch trotz der misstrauisch machenden Umstände liess sich Grossman durch die ebenfalls in dem Bericht enthaltene Aussage beruhigen, dass die Wahrscheinlichkeit eines solchen Unfalls bei 1 zu 100.000 liegt. Als Journalist wolle man die Leute schliesslich nicht unnötig beunruhigen. Dann, ein Jahr später:
"Ich war gerade im Auto, am Weg zur Universität, als ich im Radio hörte, daß die Challenger explodiert war. Ich rannte in ein Haushaltswarengeschäft, in dem auch Fernsehgeräte verkauft wurden und sah die Explosion der Challenger auf 100 Bildschirmen. Was mir in dem Moment durch den Kopf schoss war, dass, wenn es sich um die nächste Mission gehandelt hätte, die Challenger Plutonium an Bord gehabt hätte. Unvorstellbar, was passieren würde, wenn dieses Plutonium in kleine Partikel zerstäubt in Umlauf geraten würde, als Partikel, die man einatmen kann. Dann gäbe es nicht nur sieben tote Astronauten."
Grossman wandte sich an die Zeitschrift "The Nation", für die er jahrelang gearbeitet hatte, und schrieb für sie einen Leitartikel mit dem Titel "The Lethal Shuttle", in dem er erklärte, welche Folgen es gehabt hätte, wenn die explodierte Challenger 12 kg Plutonium an Bord gehabt haben würde. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Katastrophe war von 1 zu 100.000 plötzlich auf 1 zu 76 angestiegen. Grossman war sich sicher, dass die Geschichte sich damit für ihn erledigt hätte. Er hatte in einer ernstzunehmenden Zeitschrift auf die Gefährlichkeit von Weltraumsonden aufmerksam gemacht, deren Energie von sogenannten "Radioisotope Thermoelectric Generators" (RTGs) unter Verwendung von Plutonium-238 erzeugt wird. Durch die Challenger-Katastrophe war die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert. Mit Sicherheit würde diese Thematik nun von News-Medien mit grösserer Reichweite aufgegriffen werden. Grossman irrte. Selbst das investigative Fernsehprogramm "60 Minutes", für das er in der Vergangenheit ebenfalls gearbeitet hatte, wollte die Story nicht haben.
An diesem Punkt beteuert Grossman, wie wenig ihm daran gelegen war und ist, sich mittels dieser Geschichte zu profilieren oder gar als Wortführer der Bewegung gegen Nuklearenergie im Weltraum und die Militarisierung der Weltraumfahrt durch die Welt zu reisen. Er habe diese Geschichte "so nötig wie ein Loch im Kopf", sagt er an anderer Stelle. Doch die nationalen Nachrichtenmedien in den USA haben dieser Thematik kaum je Aufmerksamkeit verschafft. Dafür gibt es laut Grossman verschiedene Gründe:
"Da ist einmal die geschickte Manipulation der öffentlichen Meinung durch die NASA. Ich habe der NASA früher auch geglaubt, aber NASA heisst jetzt für mich "Never A Straight Answer". Sie sind so geschickt im Verschleiern, insbesondere in diesem ganzen Themenkomplex der Gefährdung der Zivilbevölkerung.
Dann ist da noch die Frage, wem die Medien eigentlich gehören. Diese Plutoniumsysteme wurden zunächst von General Electric (GE)produziert, nun ist diese Abteilung zwar zu Lockheed Martin gewandert, doch GE gehören die meisten Medien in Amerika.
Und dann gibt es unter den Journalisten jede Menge Weltraumfans, nicht nur eindeutige Cheerleader in der Tradition von Walter Cronkite, auch Leute, die es besser wissen müssten, Pentagon-Reporter zum Beispiel.
Man zählt all diese Gründe zusammen und heraus kommt, dass die Medien über dieses Thema bisher nicht berichtet haben, so dass es an mir hängen bleibt."
Viel mehr wollte Grossman im Interview zu dieser Thematik nicht sagen, so dass leicht der Eindruck entstehen könnte, es handle sich um Aussagen, die leicht zu treffen seien, aber schwer zu beweisen. In seinem Buch "The Wrong Stuff" geht er allerdings wesentlich tiefer. Im Kapitel "Censored", S.162-191, beschreibt er den "boosterism", wie er traditionell in der amerikanischen Presse bezüglich der Raumfahrt herrscht. Geblendet von den Wundern der Hochtechnologie und zusätzlich angespornt durch Nationalstolz neigen Journalisten zur Verherrlichung von NASA-Aktivitäten. Selbst Rückschläge wie das Challenger-Unglück sind nur kurzfristig Anlass, die Dinge zu hinterfragen und dann auch nur in Presse-Insiderorganen. So erschien in "Editor & Publisher", dem Handelsjournal der US-Presse, nach Challenger ein Artikel, der die Frage stellte, ob eine aufmerksamere, kritischere Presse die Challenger-Katastrophe verhindern hätte können und der dies mit "ja" beantwortet. Auch die Verbindungen zwischen Medien und mächtigen Industriekonzernen und deren Lobbies werden hier über die Verbindung zwischen GE und NBC hinaus ausführlicher behandelt. Doch dann bleibt immer noch die Frage, warum die NASA unbedingt Kernreaktoren im Weltraum haben will. Grossman holt in der Beantwortung weit aus:
"Es wird immer gesagt, der Grund für die Benutzung von Kernenergie sei, dass Sonnenenergie nicht mehr ausreicht, wenn man weiter in den Weltraum hinauskommen will. Nach der Challenger-Explosion, nachdem diese beiden Missionen - Galileo zum Jupiter und Ulysses zur Sonne - verschoben worden waren, machte ich wieder eine Eingabe unter dem FOI. Ich fragte, wie es denn um die tatsächliche Wahrscheinlichkeit eines Unfalls mit einer mit Plutonium beladenen Sonde stünde. Ich wollte mehr Informationen über Konsequenzen und auch über Alternativen zur Kernenergie. Hatte ich beim ersten Mal schon Probleme gehabt, so war das nichts im Vergleich zu dem, was nun folgen sollte. Es dauerte zwei Jahre, bis ich Informationen zu einer der Anfragen erhielt, das war wenige Monate, bevor Galileo gestartet wurde.
Die NASA hatte für Galileo ein neues Schema entwickelt, etwas, das mit der Erde noch nie zuvor gemacht worden war, das "Steinschleuder-Manöver". Die Sonde kam zur Erde zurück, zum ersten Mal 1990 in 600 Meilen Höhe, zum zweiten Mal 1992 in 185 Meilen Höhe. Die Erdatmosphäre misst 175 Meilen, man hatte also nur einen Spielraum von 110 Meilen. Damit schafft man die Möglichkeit für eine ganz neue Dimension von Katastrophe.
Das Jet Propulsion Laboratory hat eine Studie angestellt, den "Earth Avoidance Study Report", worin man zum Schluss kommt, dass man aus Sicherheitsgründen den Abstand auf 20.000 Meilen erhöhen sollte. Dann aber hätte der Steinschleudereffekt nicht mehr die gewünschte Stärke.
10 Tage, nachdem Galileo gestartet worden war, erhielt ich die Antwort auf meine zweite Anfrage, der nach Alternativen zur Kernenergie. Das waren Berichte über Berichte mit der Aussage, dass man Galileo mit Sonnenenergie hätte fliegen können. Es kam auch ganz klar heraus, dass man sich der Probleme mit Atomenergie bewusst war und dass es schon früher Vorfälle gegeben hatte."
Grossman bezieht sich auf den Sündenfall der US-Raumfahrt, den Absturz eines SNAP 9A Satelliten im Jahr 1964, der in seinem Buch ausführlich dokumentiert ist. Der Antrieb des Satelliten enthielt einige wenige Kilogramm Plutonium. Der Satellit konnte seine Umlaufbahn nicht halten, er verglühte beim Eintritt in die Erdatmosphäre und verteilte Plutonium überall auf der Welt, insbesondere auf der Südhalbkugel, wie Berichte europäischer Raumfahrtsagenturen im Jahr 1970 belegten. Das zwang die NASA dazu, die Forschung im Bereich photovoltaischer Zellen zu intensivieren, mit grossen Nebeneffekten für zivile Nutzungen. Weitere Durchbrüche in der Effizienz von Solarzellen - nicht wenige davon in Deutschland - machen es heute möglich, dass mit Solarenergie betriebene Sonden über die Umlaufbahn des Jupiter hinausgelangen können. Damit stellt sich die Frage nur umso dringlicher, warum die NASA auf der Verwendung von Kernenergie besteht. Grossman:
"Ich fragte mich also, warum man ein so gefährliches Unternehmen wie einen Vorüberflug an der Erde mit einer Nuklearsonde wagen würde. Nach 15 Jahren habe ich glaube ich die Antwort. Wie Deep Throat, die Quelle in der Watergate-Untersuchung dem Journalisten Woodward riet, "folge dem Geld".
Wer verdient hier also Geld? Da ist natürlich General Electric, oder war GE, nun ist es Lockheed Martin. Vor vier Jahren hätte Cassini abgesagt werden sollen, ein sehr mächtiger Ausschuss des US-Kongresses wollte das Projekt wegen seiner explodierenden Kosten abblasen. Dann setzte die Lobby von Lockheed Martin ein und plötzlich war das Projekt wieder am Leben. Unternehmen haben also die Macht, den Kongress dahingehend zu manipulieren, dass ihre Plutonium-Produkte Verwendung finden.
Dann gibt es die grossen nationalen Nuklearforschungszentren, die alle im Zweiten Weltkrieg im Rahmen des Manhattan-Projekts eingerichtet wurden. Sie wollen natürlich ihre Fördergelder behalten und suchen nach neuen Anwendungsmöglichkeiten für Kernenergie.
Auch mit im Spiel ist das Energieministerium, die ehemalige Atomenergiebehörde, mit ihrer Sonderabteilung für nukleare Anwendungen. Sie wollen Kernenergie im Weltraum und sie beraten die NASA in Energiefragen.
Mit den Jahren begann ich dann auch eine militärische Verbindung zu sehen. Das Projekt Star Wars von Ronald Reagan hatte eine starke nukleare Komponente. Nicht nur, dass die Waffen im Weltraum Kernenergie benötigen würden, es gab auch das Projekt "Timberwind", eine Flotte von mit Kernenergie angetriebenen Raketen, die schwere Ausrüstung in den Orbit transportieren sollten. Das sieht nun alles etwas anders aus und wurde auch umbenannt, in "Ballistic Missile Defense". Es gibt eine Studie der US Air Force mit der Bezeichnung New World Vistas, die zu dem Ergebnis kommt, dass Waffen im Weltraum kein gangbarer Weg sind, weil sie zuviel Energie verbrauchen. Die einzige Lösung ist Kernenergie, das sei sozusagen die "natürliche" Energiequelle für dieses Problem.
Es gibt zwar keine direkte Verbindung zwischen Cassini und dem Militär, Cassini ist ein ziviler Flug, aber dennoch liegt hier eine Antwort, warum die NASA Kernenergie benutzt. Cassini ist auch nicht der letzte derartige Flug, 8 weitere nukleare Weltraumflüge sind bereits geplant. Mit dem Ende der Mondlandungen, der bemannten Raumfahrt, sah die NASA ihr Budget schrumpfen. Das Pentagon wollte Nuklearwaffen im Weltraum haben, also ist die NASA mit dem Pentagon nun eine Liaison eingegangen, sie braucht diese Unterstützung seitens des Militärs und deshalb wird Kernenergie in der Raumfahrt verwendet."
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| Plan des U.S. Space Command zur Kontrolle der Erde aus dem Weltraum |
Obwohl die Regierung Clinton ein weniger falkenhaftes Image hat als die Reagans, geht laut Grossman die selbe Grössenordnung an jährlichen Geldern in das von "Star Wars" in "Ballistic Missile Defense" umgetaufte Programm. Dazu kommt, was Grossman "black money" nennt, geheime Fördergelder aus militärischen Forschungstöpfen, von denen zwar nicht bekannt ist, wie hoch die Summen sind, aber feststeht, dass es sie gibt und dass sie nicht unbeträchtlich sind.
Mit der Direktive No.3100.10 des Department of Defense von Ende Juli 1999 wurde der Weltraum nun offiziell zur strategischen Interessenszone der U.S.A. erklärt. Was an strategischen Langzeitstudien vom U.S. Space Command im "Long Range Plan" und in "Vision for 2020" entwickelt wurde, geht nun schrittweise in die Umsetzungsphase. Das U.S. Space Command wurde 1985 gegründet, um die Nutzung des Weltraums zu militärischen Zwecken zwischen verschiedenen Einheiten der U.S.Streitkräfte zu koordinieren. Doch was diese Kommandostelle orchestriert, ist nicht nur zukünftige militärische Marschmusik. In einer am 17. Juni 1999 herausgegebenen Pressemeldung heisst es:
"Jegliche Fragen bezüglich der Rolle und Effektivität der Nutzung des Weltraums für militärische Operationen wurden durch die Operation ALLIED FORCE der NATO [im Kosovo-Konflikt] beantwortet. Weltraumoperation während Allied Force haben gezeigt, dass die Effizienz der U.S.-Streitkräfte und ihrer Alliierten durch Satelliten, die Navigation, Kommunikation, Wetterinformation, Aufklärungsbilder und Warnung vor ballistischen Raketen zur Verfügung stellen, deutlich verstärkt werden können.. [...] USSPACECOM hat alle militärischen Weltraumoperationen zur Unterstützung der Luftangriffe in Jugoslawien orchestriert."
An anderer Stelle wird auf den Golfkrieg 1991 als erstes Beispiel erfolgreicher Unterstützung von Kampfhandlungen aus dem Weltraum verwiesen. Die Zukunftsszenarien, die in diesen frei im Internet zugänglichen Dokumenten ausgemalt werden, sind allerdings noch weitreichender und düsterer. Nicht zuletzt stehen sie im Widerspruch zur offiziellen Doktrin, wonach es sich bei dem "Ballistic Missile Defense"-Programm um eine rein defensive Einrichtung gegen einzelne Raketen von feindlichen Staaten oder Terrororganisationen handelt. Grossmann empört:
"Das ist nicht mehr mein Amerika, auf das ich stolz bin, das Demokratie und freiheitliche Grundwerte in alle Welt exportiert hat. Es scheint, dass ein Land, wenn es zu mächtig wird, zum Despotismus neigt. Es wäre schrecklich, wenn wir, die U.S.A., in dieselbe Falle geraten würden."
Derweilen rauscht Cassini weiterhin mit 64.000 km/h auf die Erde zu, wie sich auf der Website des Jet Propulsion Laboratory auf computersimulierten Bildern täglich verfolgen lässt. Vom Medieninteresse, das vor dem Start gross war, ist eine Woche vor dem Vorüberflug wenig zu spüren. Grossman fühlt sich weiterhin als einsamer Rufer:
"Die Pressesituation ist so schlimm, wie sie immer war. Ich kann mich nur wiederholen und die Leute auffordern, Druck auf ihre Regierungen auszuüben, damit diese Druck auf die Vereinigten Staaten ausüben, um den Vorüberflug zu stoppen. Das ist kein natürliches Vorkommnis, dass dieses Ding zur Erde zurückkommt - das ist ein Spiel mit nuklearem russischem Roulette aus dem Weltraum und das sollte verhindert werden. Join up! Get active! Get involved!"
- war... (20.8.1999 20:26)
- Zu dem Thema gibt's auch deutsche Aktivitäten (20.8.1999 10:31)
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