Im 21. Jahrhundert: Zu neuen Horizonten

Gedanken zur Zukunft der Raumfahrt

An der Schwelle einer Jahrhundertwende, die gleichzeitig auch eine Jahrtausendwende ist, veranlasst der extrem seltene Zeitenwechsel zum Nachdenken über die uns umgebenden großen dynamischen Veränderungen, vor allem wissenschaftlich-technologische und damit gesellschaftlich-kulturelle Umschichtungen, ja Quantensprünge, die ständig und unaufhaltsam unser Bewusstsein und begrifflichen Horizont erweitern. Ein maßgeblicher Motor dafür ist die Raumfahrt geworden. Stimmig und visionsschwanger eröffnet sie das 21. Jahrhundert mit der von 16 Ländern errichteten Internationalen Raumstation ISS, und sie gibt uns damit einen neuen Standort im All neben der Erde selbst.

Die Zukunft des Menschen liegt im Weltraum. Für Viele steht es außer Zweifel, dass die menschliche Rasse im dritten Jahrtausend den Weltraum kolonisieren wird, um sich einerseits neuen Lebensraum zu verschaffen, zum anderen um weiteres Leben auf der Erde zu ermöglichen. Denn die kulturellen, ja kulturanthropologischen Auswirkungen der horizont- und bewusstseinserweiternden Besiedlung des Alls werden vom neuen Grenzland bis auf den Erdboden herunterwirken und der Menschheitsentwicklung hier langfristig zugute kommen.

Die ISS dient mit ihren sechs Weltklasse-Laboratorien zunächst der Realisierung und Beschleunigung von Durchbrüchen in Technologien und Wissenschaften, in Medizin und Technik. Durch die Ermöglichung ständigen Lebens und Arbeitens im All unter schwerefreien Bedingungen bietet sie das perfekte Testbett für die Entwicklung der robusten Raumfahrttechnologien des 21. Jahrhunderts. Die Raumfahrt vernetzt sich zunehmend mit den beiden anderen Hochtechnologien Bionik plus Gentechnik einerseits und global verknüpfter Informatik plus Virtuelle Realität andererseits; mit ihnen wird sie das kommende Jahrhundert charakterisieren. Sie schafft ferner die Voraussetzungen für zukünftige menschliche Exploration und Besiedlung des Sonnensystems und darüber hinaus. Dabei befruchtet sie uns durch Inspiration unserer Kinder, Aufziehung der nächsten Generation von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Unternehmern und Fortsetzung einer langen Menschheitstradition der Neuland-Erforschung und -Entwicklung.

Aufbauend auf der ISS wird man als nächstes grosses Unternehmen die bemannte Erforschung über die erdnahen Bahnen hinaus ins Sonnensystem in Angriff nehmen, denn bemannte Missionen sind ein wesentliches zukünftiges Element der Planetenforschung, wo immer der Mensch Zugang hat. Ihrer natürlichen Veranlagung zu wissbegier-getriebener Exploration folgend, werden Menschen daher weiter ins Unbekannte hinaus auf Abenteuersuche vorstoßen.

Das nächste logische Ziel ist der rote Planet Mars. Zu ihm sind wir bereits auf dem Weg: die heutigen Robot-Marssonden (alle 26 Monate startet ein Orbiter und ein Lander) sind unsere Späher, Vorboten und risikoreduzierenden Wegbereiter. Und in rund 20 Jahren, vielleicht am 50. Jahrestag der ersten Mondlandung (20. Juli 2019), werden die ersten Menschen auf ihm landen.

Seine anschließende Großerforschung wird nicht nur aus einer oder auch sechs Missionen bestehen, wie das Apollo-Mondprogramm, sondern eine fortschreitende Entwicklung über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg sein. Das bei den ersten Landungen entstehende Lager wird sich Schritt für Schritt zu einer größeren Basisstation und dann zur Siedlung weiterentwickeln. Damit beginnt die Besiedlung des Mars.

Die Fußfassung auf einer anderen Welt hat fundamentale arterhaltende Bedeutung für uns und unser langfristiges Überleben als Gattung, ja für deren Unsterblichkeit. Freilich wird es nicht der heutige Mensch sein, der zum Mars fliegt, sondern ein Menschentyp, der den engen Horizont vieler heutiger Zeitgenossen gesprengt und ihn (das heißt: sich selbst) transzendiert hat. Menschen mit dieser Mentalität sind bereits heute im Entstehen, und bezeichnenderweise ist es die Raumfahrt selbst, die mit ihrer sichterweiternden Grenzüberschreitungswirkung wesentlich zu ihrer Entstehung beiträgt. Wenn wir den Schritt ins Universum tun, können wir uns nicht auf die engen Perspektiven und Horizonte unserer traditionellen Umwelt beschränken. Seine einzig sinnvolle Begründung als notwendige und logische Entwicklungsstufe kann nur von der Warte der großen Linie der Geschichte unseres Planeten im Rahmen noch größerer Weltgesetze kommen.

Das heute gern kolportierte Gegenargument, dass die weitere bemannte Erforschung des Alls über den erdnahen Bereich hinaus zu teuer wäre, ist absurd. Dies gilt insbesondere für die sich derzeit inmitten einer der größten Wirtschaftsexpansionen ihrer Geschichte befindenden USA, aber auch für andere Industrieländer. Die Bundesrepublik allein hat in den vergangenen neun Jahren jedes Jahr einen Betrag von 130-150 Milliarden DEM für die ehemaligen DDR-Länder ausgegeben, entsprechend den Gesamtkosten des Apollo-Programms über zehn Jahre verteilt: 24 Milliarden Dollar nach damaligem Wert. Die Welt ist heute anders als noch vor zehn Jahren, als die von der Bush-Regierung geschätzten Kosten eines Mars-Programms von 400 Milliarden Dollar dem US-Kongress noch unannehmbar hoch erschienen. Der US-Haushaltsüberschuss wird für die nächsten Jahre auf über 1000 Milliarden (1 Billion) Dollar geschätzt, und die Internationale Raumstation ist im Bau und größtenteils bezahlt. Fortschritte und Verbesserungen in Technologien und Management komplexer Megaprogramme wie das Marsunternehmen senken die Raumfahrtkosten für Behörden und Privatindustrien; außerdem werden alle in Frage kommenden Industriestaaten in 20 Jahren wesentlich reicher sein als heute. Wir stehen jetzt bereit, mit den Vorbereitungen einer Marsmission in 20 Jahren zu beginnen.

Die Privatindustrie wird mit fallenden Transportkosten auch in die bemannte Raumfahrt einsteigen, gestützt durch NASA-Technologien. Damit werden Flüge mit zahlenden Touristen in Erdumlaufbahnen, heute schon bei der russischen Mir realisiert, und in fernerer Zukunft auch zum Mond in absehbarer Zeit attraktiv und zunehmend profitabel. Für Touristen, die heute für 20.000 Dollar zum Nordpol reisen, für 70.000 Dollar den Mt. Everest besteigen oder für 150.000 Dollar per Flugzeug die Erde umrunden, ist der Ausflug ins All der logische nächste Schritt. Damit sie dort einen Ziel- und Aufenthaltsort vorfinden, wird in den kommenden Jahren ein Wettlauf einschlägiger Großunternehmen zur Errichtung des ersten Hotels in der Umlaufbahn einsetzen. Entwürfe dafür werden bereits heute auf Weltraumtouristik-Tagungen vorgestellt und diskutiert.

In fernerer Zukunft, nach begonnener Besiedlung des Mars, verlagert sich die menschliche Sphäre weiter hinaus, zunächst in den sonnenumkreisenden Asteroidengürtel, in dem 98% der rund 5000 derzeit bekannten Asteroiden und Planetoiden enthalten sind, viele vermutlich mit reichhaltigen Minerallagern an Platin, Palladium, Iridium, Rubidium, Wassereis und anderen Rohstoffen, die auf Mars und Erde dann dringend benötigt werden und mit ihrer Prospektierung, Gewinnung und Beförderung eine neue Konsolidierungsphase der menschlichen Ausbreitung begründen. Und danach die Erforschung der noch weiter entfernten faszinierenden Jupiter- und Saturnmonde wie Europa, Ganymed und Titan, von denen etwa Europa durch seine Atmosphäre, Eiskruste und darunter vermuteten Wasservorkommen mit möglicher Biota die Planetenforscher elektrisiert hat. Auch dort rekognoszieren bereits heute robotische Pfadfinder und vorgeschobene Beobachter, um Menschen den Weg zu bereiten.

Raumfahrt ist offenkundig ein ständiger Quell starker, belebender Visionen. Ein Land ohne Visionen hat eine Jugend ohne Perspektiven. Und ohne solche Perspektiven für die Jugend hat ein Land keine Zukunft. Außerdem sind die Basistechnologien der bemannten Raumfahrt von entscheidender Bedeutung für die Zukunft eines anspruchsvollen Industriestandorts, und sie gehört zunehmend zum Kulturgut, ja zur Kulturpflicht eines Landes. Gerade in Deutschland sollte das zu denken geben.

Der Blick von der Schwelle der großen Zeitenwende zeigt also, dass der Mensch in Sprüngen ins All hinausgehen wird, immer weiter und weiter. Er ist ein Sucher, und ich glaube nicht, dass, solange es Menschen unserer Art gibt, jemals der Moment kommen wird, wo sie stehen bleiben und sagen: "Bis hierher und nicht weiter!". Der Weltraum ist unsere Bestimmung, aber diese ist, wie der amerikanische Politiker William Jennings Bryan einmal gesagt hat, nicht eine Sache des Zufalls, sondern eine Sache bewusster Wahl. Bestimmung ist nicht eine Sache, auf die man warten kann, sondern eine Sache, die vollbracht werden muss.

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Unsere Zukunft im Weltall

Artur P. Schmidt 05.03.1999

Ein Gespräch mit Jesco Frhr. von Puttkamer

Wernher von Braun hatte den gebürtigen Leipziger und diplomierten Maschinenbauer und Raumfahrtspezialisten Jesco v. Puttkamer 1962 zu Beginn des Mondlandeprogramms "Apollo" als Mitarbeiter bei verschiedenen Raumfahrt-Projekten nach Huntsville geholt. Er war auch Mitarbeiter beim Skylab und Space Shuttle-Programm. Jesco v. Puttkamer hat zahlreiche Bücher über die Raumfahrt geschrieben und als wissenschaftlicher Berater bei Paramount am ersten "Star Trek"-Film mitgewirkt. Heute ist er Strategieplaner für die bemannte Raumfahrt im NASA-Hauptquartier in Washington, DC. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört die Raumstation ISS und die zukünftige Besiedelung des Weltraums.

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