Die Vernetzung und das Schicksal der Nichtvernetzten

06.12.1999

Das digitale Netz schafft einen neuen Korridor für Übergriffe auf die Rechte anderer, gegen die sich die Opfer nicht einmal wehren können.

Produzenten im kulturellen Bereich machen sich das Internet auf vielen unterschiedlichen Ebenen zunutze. Als Medium kann das Netz dazu benutzt werden, um völlig neue Kategorien kultureller Produkte und Situationen zu entwickeln. Gleichzeitig dient es der Vermittlung, Verbreitung und kritischen Reflexion solcher kultureller Formen und Kontexte. Außerdem ermöglicht es die Kollaboration und Kommunikation zwischen Künstlern sowie Künstlern und anderen Contententwicklern außerhalb der Kulturbetriebes. Und schließlich dient es auch dem Austausch von Informationen und Waren, in anderen Worten also dem globalen Handel mit Kultur.

Im angeregten Diskurs um die Vorzüge des Internet werden aber oftmals zwei wichtige Punkte übersehen. Zum einen bleibt festzuhalten, dass es de facto kein Netz gibt, wenn man nicht daran angeschlossen ist, man also Teil des Netzes wird. Das Netzwerk ist abhängig von einer Bedingung, nämlich der Vernetzung selbst. Zweitens wird deutlich, dass diese Tatsache einen ganzen Fragen-Komplex öffnet, der mit den sozialen und kulturellen Gefügen zu tun hat, die selbst wiederum in keiner Weise mit dem Netz verbunden sind und jenseits von dessen Kontrolle liegen.

Dem Aufruf 'simply connect' kann nur ein kleiner Teil der Menschheit folgen.

Als das Netz sich zu einem Massenmedium zu entwickeln schien, brachte einer seiner frühesten Propagandisten, Nicholas Negroponte, die damit einhergehende Faszination auf den Punkt: "simply connected"; einfach vernetzt. Bewusst oder unbewusst erzeugten diese und ähnliche Aussagen den Eindruck, dass man nicht viel mehr zu tun habe, um Teil des Informationszeitalters [E-Business gab es noch nicht] zu sein, als sich einfach verbinden zu lassen. Und schnell entwickelte sich eine neue Rhetorik, ein exponentiell wachsender Korpus an Literatur, der nach wie vor die atemberaubenden Möglichkeiten des neuen Mediums anpreist. Und schließlich schien es - zumindest laut der Rhetorik dieser Glaubensströmung - so zu sein, als ob nur diejenigen, die vernetzt sind, diesen Moment in unserer Geschichte wahrhaft repräsentieren. Der Rest wurde teilnahmslos entlassen.

Inzwischen müssen wir uns jedoch eingestehen, dass mehr zum Einstieg in das Netz gehört, als sich einfach nur daran anzuschließen. Es wird vielen klar, dass Vernetzung viele Bedingtheiten in sich birgt. Um sich einklinken zu können, müssen erst einige Bedingungen erfüllt sein, die für viele außerhalb ihrer Reichweite liegen. Einfacher gesagt kann dem Aufruf des 'simply connect' nur ein kleiner Teil der Menschheit folgen, Künstler inklusive.

Oft wird dieser Sachverhalt in rein geopolitischen Kategorien abgetan, also der Feststellung, dass es eben nur bestimmte Orte auf dieser Welt gibt, die das Netz noch nicht erreicht hat. Und spontan kommen da Afrika südlich der Sahara, Südostasien, China und Lateinamerika in den Sinn. Die Annahme, auf der diese Schlussfolgerung basiert, liegt in der Tatsache begründet, dass die Grundvoraussetzung für ein Netzwerk, nämlich ein ausgebautes Telekommunikationsnetz, in diesen Gegenden nicht zur Verfügung steht. Und obwohl dies mit Sicherheit in vielen dieser Regionen zutrifft, so sieht die Wirklichkeit bei weitem komplexer aus. 1905

Zusätzlich zu einem funktionierenden und verlässlichen Telekommunikationsnetz erfordert Vernetzung auch sozial und ökonomisch determinierte Fertigkeiten und Privilegien, um sich auf und in das Netz einlassen zu können. Neben dem eigentlichen Zugang zum Netz in Form eines Computers oder Terminals bedarf es auch einer soliden Grundlage an Alphabetismus, da im Gegensatz zu Fernsehen und Radio das Internet sehr deutlich davon abhängt, wie gut man mit Text umgehen kann. Und umgekehrt ist es dieser Umgang mit Text, der es ermöglicht, sich die erforderlichen Fähigkeiten mit computergestützter Kommunikation anzueignen.

Eng verbunden mit diesem Umstand ist die psychologische Disposition des Individuums, sich überhaupt auf den Computer, ein neues und relativ komplexes technologisches Gebilde einzulassen. An diesem Punkt scheitern viele, die den Zugang zum Netz suchen könnten, an der Angst vor der Technologie oder ihrer Ablehnung, also einer profunden Technophobie. Von wenigen Ausnahmen abgesehen zeigt sich, dass dieser Zustand eng mit einem Mangel an solider Bildung oder dem frühen Zugang zu Computern zusammenhängt. Ebenso fehlt es oft an einem sozialen Gefüge, das den Einstieg in neue Technologien unterstützt oder gar belohnt. Daraus lässt sich schließen, dass auch in industrialisierten Regionen - ebenso wie in unterentwickelten Gebieten - viele den Anschluss an das Netz nicht schaffen. Dies ist eine Beobachtung, die von vielen neueren Untersuchungen getragen wird. Solche Individuen können weder als Produzenten noch als Konsumenten ins Netz einsteigen. Aus diesem Grund und trotz der steigenden Zahl an Partizipienten ist das Internet noch weit davon entfernt, ein wirkliches Massenmedium wie Fernsehen, Radio oder die Printmedien zu sein.

Es ist möglich, dieses Gefälle räumlich und demographisch darzustellen, in der Art, dass Individuen aus bestimmten sozialen Schichten, geographischen Regionen und sogar Religionen geringere Chancen als andere haben, sich ans Netz anzuschließen. Dies gilt fast ohne Ausnahme für die weniger entwickelten Regionen, und die Tatsache, dass Afrika bezüglich seiner Vernetzung hinterherhinkt, lässt sich so erklären. Trotz allem lassen sich die gleichen Kategorien auch in Industrienationen aufzeigen, obwohl die Unterschiede durch eine fortgeschrittene Telekommunikationsinfrastruktur und - wichtiger noch - durch die staatlich subventionierten Zugangsmöglichkeiten geringer gehalten werden.

Ein gutes Beispiel dafür, wie staatlich geförderter Zugang intervenierend wirken kann, zeigt sich in Frankreich, wo zwischen 1984 und 1990 jeder vierte Haushalt an das staatlich unterstützte Minitel-Netzwerk angeschlossen wurde, bevor dessen Popularität allmählich geringer wurde. Die staatliche französische Telekom führte das 1978 entwickelte Minitel 1984 als Netzwerk für Videomaterial und Dienstleistungen ein. Minitel operierte dabei über die bereits bestehenden Telefonnetze der Telekom. Als Erweiterung zum normalen Telefon stellte Minitel einen attraktiven Service dar, der schließlich auch von der Sexindustrie aufgegriffen wurde, nämlich als Marketingwerkzeug für Soft-Pornos und Voyeurismus. Dem entgegengesetzt ist das Beispiel Chinas, wo die Überwachungsmechanismen des Staates den Zugang der Individuen zum Netz erschweren oder gar verhindern.

Seit einiger Zeit existieren in industrialisierten Ländern staatliche und private Programme, die den Zugang zum Internet durch Subventionen erleichtern, so zum Beispiel in Schulen und am Arbeitsplatz. In jüngeren Studien zeigt sich, dass die meisten User in Amerika und Europa den Zugang zum Netz nur über ihren Arbeitsplatz oder die Schule erhalten und sich zuhause oder anderweitig den Zugang nicht leisten könnten. Es wird deutlich, dass diejenigen Teile der Gesellschaft, die beruflich oder in ihrer Ausbildung benachteiligt sind, große Probleme haben, einen Zugang zum Internet herzustellen.

Die digitale Trennung

Hier entsteht eine deutliche Trennung, eine sozusagen digitale Trennung zwischen denjenigen, die die Bedingungen der Vernetzung erfüllen und deren Vorteile genießen und denjenigen, denen es nicht möglich ist, daran teilzuhaben. 1906 Es wird also zunehmend deutlich, dass wir über den Zugang zum Internet auch einer neuen Ethnosphäre 1907 zugehörig werden, einer Cyberlandschaft, in der Informationen und Individuen zirkulieren und sich zu neuen Gruppierungen und Gemeinschaften zusammenschließen. Und während sich diese Gruppe ausweitet und an Bedeutung gewinnt, nehmen wir implizit an der Relativierung 1908 des Restes teil, der außerhalb der Grenzen bleibt. Diese Situation hat tiefgreifende Einflüsse nicht nur auf diejenigen, die sich im Netz befinden, sondern - auch wenn es inkonsequent erscheinen mag - auch auf die, die draußen bleiben müssen.

Zum einen sind die Gesellschaftsschichten, die leider draußen bleiben müssen, von den Myriaden an Konversationen ausgeschlossen, die in der Enklave von Macht und Privilegien ausgetauscht werden, was oftmals signifikanten Einfluss auf ihre Lebensbedingungen und ihr Wohlbefinden haben kann. Als Folge entstehen innerhalb des Netzes Repräsentanten, die an Stelle der ausgeschlossenen Gruppierungen das Wort ergreifen. So bilden sich Stimmen, die für sich die Autorität in Anspruch nehmen, für die Anderen zu sprechen. Und es finden sich in der Regel genügend Anwärter für diesen Posten, für die Abwesenden eine Lanze brechen zu wollen. Heute sehen wir solche Individuen und Gruppen im Überfluss in den Kapillaren und an den Knotenpunkten des Netzes; einsame Kampagneros und improvisierte Pressure Groups, Organisationen von betroffenen Freunden und selbsternannte Revolutionäre, messianische Figuren, die den Hilflosen zur Hilfe eilen, Anarchisten, die nach einer Beschäftigung suchen und Aktivisten, die nach gescheiterten Projekten übriggeblieben sind, und gerne neue finden, die ihrer Passion zu helfen entgegenkommen.

Manchmal verbergen sich hinter diesen Akten der Selbstdelegierung Aufrichtigkeit und ehrliche Absichten. Manchmal aber scheitert der Hilfstrieb daran, über ein selbstgerechtes Streben nach Aufmerksamkeit durch solche Akte des vorgeblichen guten Willens hinauszuwachsen. Oftmals gibt es nur wenig oder gar keinen Kontakt, keine Kommunikation oder Mechanismen des Austauschs zwischen solchen Delegiertenstimmen und denjenigen, für die die Delegierten im Netz zu sprechen vorgeben. Wie freie Agenten bewohnen sie die Winkel und Spalten des Netzes und engagieren sich in ungezählten Aktivitäten und Verhandlungen im Namen von Gruppen und Kulturen, die in keinster Weise in der Lage sind, die Autorität abzulehnen, die solche 'Repräsentanten' sich selbst verliehen haben.

Wenn das Netz es uns ermöglicht, die Stimme des Anderen zu besitzen oder die Geschichte des Abwesenden zu erfinden, ermöglicht es uns dadurch nicht auch, dessen Körper Narben zuzufügen?

Wie auch immer die Absichten oder Kontexte aussehen mögen, ob sie sich als humanitär verstehen oder anderweitig begründet werden - sie werfen nichtsdestotrotz wichtige Fragen auf, die über Fragen zur Ethik der Repräsentation hinausgehen.1909 Darunter befindet sich etwa das Problem der offensichtlichen Ungeschütztheit der Nichtvernetzten. Innerhalb der riesigen Territorien des Netzes besitzen Populationen von draußen offensichtlich nicht das Privileg des Handelns, weil sie weder für sich selbst sprechen, noch eine Kontrolle über die Dynamiken und Dialektiken des Netzes ausüben können. Während sie in ihren eigenen Räumen die Möglichkeit des Entscheidens und Handelns als kritisches Attribut ihrer Existenz besitzen, wird dieses Handeln verändert, wenn eine neue Kraft wie das Netz entsteht, die über Möglichkeiten verfügt, in diese Räume vorzudringen.1910

Als wachsendes globales und soziales System mit enormen Möglichkeiten zwingt es uns die Frage auf: Könnte das Netz diese Populationen, die sich den Weg unter der Lawine des Fortschritts und seiner fragwürdigen Konsequenzen gerade freikämpfen, endgültig entmündigen und ihnen ihr Recht auf Repräsentation nehmen, indem es die Marken der Moderne weiter verschiebt, nach denen eben diese Gruppen gerade greifen? Hat es das Netzwerk denjenigen Individuen und Entitäten, die Zugriff auf seine priviligierten Werkzeuge der Ermächtigung haben, leichter gemacht, solche Populationen zu verdrängen, indem sie sich in der Arena, von der diese Gruppen ausgeschlossen sind, deren Stimmen aneignen und ihre Identitäten stehlen? Unter der Bedingung, dass Teilnehmer des Netzes relativ leicht Informationen herstellen und manchmal in einem beängstigenden Maß verbreiten können, stellt sich weiterhin die Frage, ob dieses Medium es einigen von uns ermöglicht, möglicherweise fiktive und manchmal sogar beleidigende Konstruktionen und Narrative des Anderen zu fabrizieren und zu verbreiten, während solche Populationen keine ähnlich mächtigen Werkzeuge besitzen, um diese Bilder und Repräsentationen ihrer selbst und ihrer Lebensumstände zu hinterfragen, gegen sie anzugehen und sie zu kritisieren? Wenn das Netz es uns ermöglicht, die Stimme des Anderen zu besitzen oder die Geschichte des Abwesenden zu erfinden, ermöglicht es uns dadurch nicht auch, dessen Körper Narben zuzufügen?

Ein Fall außerhalb des Cyberspace könnte relativ überzeugend die Gefahren illustrieren, auf die diese Macht der Selbstdelegierung verweist. Im April 1986 organisierte eine weiße südafrikanische Künstlerin und Kuratorin eine Ausstellung in der South African National Gallery zur Geschichte und Kultur der Khoisan, eines der indigenen Völker des Landes. Die größtenteils ethnografische Ausstellung zeigte vor allem Archivbilder und Dokumente der kolonialen europäischen Bedrohung und beinahe erfolgreichen Auslöschung der Khoisan, umfasste aber nichtsdestotrotz Strategien der Konstruktion, die von der Gruppe als beleidigend empfunden wurden. Nach Besuch der Ausstellung prangerte die Griqua National Conference, ein repräsentatives Forum der Gruppe, die Ausstellung als einen fragwürdigen und aktiven Beitrag an, der die Marginalisierung der ersten Nationen Südafrikas noch vergrößere. 1911 Indem es auf das Fehlen jeglicher Vorbesprechung mit der Gruppe durch die Kuratorin im Vorfeld der Ausstellung, sowie auf das Fehlen jeglicher Mitbestimmung durch die Khoisa bei einer Ausstellung über sie selbst hinwies, verdammte das Forum die Fortführung der Aneignung und die Praxis der Bloßstellung unserer Geschichte durch die nicht-indigenen Gruppen der Bevölkerung. Ein anderes Forum der Khoisa, das Hurikamma Culural Movement, verdammte die Ausstellung gleichermaßen als erneuten Versuch, braune Menschen als Objekte zu behandeln.1912

Das digitale Netz schafft einen neuen Korridor für Übergriffe auf die Rechte anderer.

Damals existierte bereits ein beträchtliche Menge an Literatur über das Debakel, das sich hier zeigt. 1913 Als eine Demonstration davon, wie wichtig selbständiges Handeln auf der Seite der Repräsentierten ist, definierte und positionierte die kritische Reaktion und Intervention der Khoisa kurz und bündig den Vorfall selbst und entzog der Kuratorin gleichzeitig die Autorität der Repräsentation, die sie sich offensichtlich unabsichtlich angeignet hatte. Unabhängig davon, ob ihre Absichten wohlwollend waren oder nicht, konnte ihre Stimme nun nicht mehr als eine Stimme missverstanden werden, die in Vertretung der Gruppe gesprochen hatte. Diese entscheidende Intervention war aber nur möglich, weil sich die in Frage kommende Gruppe der Ausstellung bewusst war, Zugang zu ihr hatte und daher über die Möglichkeit verfügte, sie zu beurteilen, dann zu handeln und sie zu hinterfragen. Stellen wir uns die Situation vor, dass der Diskurs konträr zu diesen Bedingungen irgendwo im Netz stattgefunden hätte, etwa in einer virtuellen Galerie, einem Netzforum oder noch schlimmer in einer der vielen tausend Foren, zu denen nur begrenzter Zugang besteht. Außerdem wäre die Gruppe, deren Körper und deren Geschichte hier vorgeführt werden, nicht ans Netz angeschlossen. Stellen wir uns weiter vor, dass diese Gruppe über keinen Weg zu der Information verfügt, die über sie verbreitet wird, und die vielleicht sogar im besten Interesse der Gruppe zu sein scheint. Sie würde in diesem Fall nicht nur keine Möglichkeit haben, sich diese Information zu besorgen, sondern auch keine Möglichkeit haben, wie die Khoisa gegen diese Information anzugehen und ihre Zustimmung zu verweigern.

Das digitale Netz schafft einen neuen Korridor für Übergriffe auf die Rechte anderer, gegen die sich die Opfer nicht immer auf diskursivem Weg wehren können. Innerhalb dieses Korridors gibt es eine Vielzahl der Möglichkeiten des böswilligen Missbrauchs. Wenn solch üppige und ungezügelte Möglichkeiten den Vernetzten zur Verfügung stehen, stellt sich die Frage, ob die Nichtvernetzten den digitalen Verletzungen ihrer Rechte ausgesetzt sein werden. 1914

Heute ist das Netz nicht nur ein mächtiger "Ethnoscape", wie ich vorher ausgeführt habe, sondern es hat sich auch zu einem herausragenden Wissenssystem entwickelt. Seine Vorräte an Information werden komplementiert durch die schnellen Zugriffsmöglichkeiten von Contentanbietern, Experten und unseriösen Plappermäulern. Wer sich erst einmal im seinen verwickelten Relays, Süchten und Polstern häuslich niedergelassen hat, ist sehr schnell von den Informationen und dem Wissen hinter der eigenen realen Haustüre abhängig. Die Informationen, die auf dem Netz versammelt sind, stellen für viele den schnellsten Zugang zu anderen Kulturen und Gesellschaftsschichten dar, und verleiten uns zur leichtfertigen Praxis, unser Wissen über die Nichtvernetzten durch seine Informanten und Agenten zu beziehen. Oft werden allem Skeptizismus zum Trotz gerade solche Informationen für wahr erachtet. Tatsächlich wird der Wahrheitswert solcher Netzinformationen irreführenderweise gerade durch die Tatsache verstärkt, dass das Netz mit Vorliebe Texte anbietet, und Texte und Schriften historisch wiederum stark mit der westlichen Idee von Wahrheit assoziiert sind. 1915

Zunehmend werden Informationen aus dem Netz als zuverlässig empfunden, und zunehmend wird, was noch verstörender ist, eher im Netz nachgefragt anstatt einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Wenn man dies unter der Annahme berücksichtigt, dass das Netz zunehmend ältere Wissenssysteme ersetzt, kann man sich nur die Frage stellen, ob es nicht eher zu einer Barriere anstelle einer Brücke wird, wenn die Teilnehmer/Bürger des Netzes sich ihm weiterhin als erster Informationsquelle über diejenigen bedienen, die als nicht zugänglich und entfernt betrachtet werden, weil sie nicht ans Netz angeschlossen sind. Könnte das Netz auf diese Weise nicht den sinnvollen Kontakt und Austausch mit dem Anderen verhindern, indem es die falsche Vorstellung nährt, dass wir den Anderen tatsächlich bereits kennen, und dass dieser Andere tatsächlich Teil der globalen Gemeinschaft ist, deren Existenz wir für gesichert erachten? Verhindert das Netz nicht gerade erst unsere Versuche, mit dem Anderen eine wirkliche Interaktion über soziale und kulturelle Grenzen hinweg aufzunehmen, weil uns statt echtem Kontakt nur ein Simulakrum des Austausches geboten wird? Irgendwie fragt man sich schließlich: Stellt sich das Netz am Ende zwischen uns und den Anderen, den wir nicht kennen? 1916

Das Netzwerk als ein globaler Kanal für die Zirkulation von Kulturgütern

Man darf die Tatsache nicht ignorieren, dass die globale Informationsinfrastruktur zum vielleicht wesentlichsten Mechanismus des anhaltenden Globalisierungsprozesses geworden ist. Traditionell hat man diesen Prozess als die Verbreitung der westlichen Kultur und ihrer Produkte überall auf der Welt verstanden. Nun aber müssen wir einen weiteren Faktor mitbedenken, nämlich den der Aneignung und des Uploadings von Gütern, die von außerhalb der westlichen Grenzen kommen. In anderen Worten kann heute durchaus von der globalen Zirkulation von Kulturgütern gesprochen werden. Das Netzwerk ist in allen seinen Formen und Manifestationen ein formidabler Kanal für diesen globalen Verkehr. Nach Schätzungen werden allein im Jahr 2003 Güter im Wert von 327 Milliarden Dollar via Internet bewegt werden. 1917 Wenn man den Handel über andere globale Kommunikationsnetze miteinschließt, erhält man noch weitaus astronomischere Zahlen. Ein substantieller Teil dieser Waren und Dienstleistungen dieses globalen Handels besteht vor allem aus materiellen Kulturgütern. Auch dieser Umstand hat für die Bevölkerungen außerhalb des Netzwerks seine Bedeutung.

Zum einen werden solche Populationen, solange sie keinen Zugang zum Netz erlangen können, effektiv von jeglicher Kontrolle über signifikante Aspekte dieses Verkehrs ausgeschlossen, obwohl ein nicht kleiner Teil der Güter, die dort zirkulieren, aus ihren Territorien entwendet oder erworben wurde. Durch die Abwesenheit jeglicher Partizipation werden sie nicht nur aus der Hierarchie der Transaktionen ausgeschlossen, zunehmend wird ihnen auch ein substantieller Teil der aus diesen Kulturgütern resultierenden Einkünfte vorenthalten. Noch drastischere Folgen hat dieser Vorgang, wenn mit diesen offensichtlich leicht zugänglichen Gütern auch der Wunsch wächst, solche Güter zu finden, sie sich anzueignen und sie in den Kreislauf einzuspeisen, ohne dass die Nichtvernetzten wesentlich an diesen Prozessen beteiligt sein können. Auf dieselbe Weise wird der Wunsch wachsen, diese Güter ohne die traditionellen Unannehmlichkeiten von Reise und physischem Transport zu bekommen.

Die Zahl der Internetsites etwa, die sich dem Handel mit afrikanischen Kunstobjekten widmen, ist von einigen wenigen, die es vor ein paar Jahren gab, auf Hunderte angewachsen. Und es sieht so aus, als ob die Zahl solcher Sites in Zukunft noch weiter wachsen wird. Einige der Objekte, die auf diesem Netzmarkt gehandelt werden, sind nur von geringem Wert. Andere aber sind von immenser kultureller und historischer Bedeutung; sie wurden oftmals auf illegalem Weg erworben. Man ist versucht zu glauben, dass gerade die offene Plattform, auf der viele solcher Deals heute abgewickelt werden, die Chancen der Überwachung dieses Schwarzmarktes steigern müssten. Das ist aber nicht unbedingt der Fall. Gerade durch die zahlreichen klandestinen Kanäle, die das Netz bereitstellt, haben Händler und Sammler ganz im Gegenteil noch größere Möglichkeiten, Objekte zu handeln, Informationen auszutauschen oder Absprachen zu treffen, um die materiellen Kulturgüter Afrikas weiter zu plündern, die dann in privaten Sammlungen vor allem im Westen landen.

Auf einer philosophischen Ebene betrachtet, sehen wir uns einer zunehmenden Bereitschaft gegenüber, das Andere in Form materieller und visueller Symbole zu lokalisieren und zu konsumieren, ohne sich den moralischen und sozialen Verantwortlichkeiten zu stellen, die mit einem physischen Aufeinandertreffen mit diesem Anderen einhergehen würden. Ganze geografische und körperliche Welten werden den Priviligierten eröffnet, die dann erkundet und möglicherweise angeeignet werden, ohne dass man die Bequemlichkeit seines Zuhauses verlassen oder sich mit den möglichen Problemen dieser Vorgehensweise auseinandersetzen müsste.

Auf einer rein sozialen und materiellen Ebene setzt dieses durch das Netz ermöglichte Konsumverlangen ganze Populationen den skrupellosen Machenschaften von Händlern aus, die verzweifelt versuchen, eine steigende Nachfrage zu befriedigen. Ahnungslose Völker, deren materielle Kultur dieser Nachfrage entgegenkommt, werden so zu Opfern von Plünderungen. Durch ihren Ausschluss aus dem System sind sie außerdem der Gnade von Mitspielern in einem Spiel ausgesetzt, das außerhalb ihrer Möglichkeiten der Erfassung oder Handlungsfähigkeit liegt.

Wie diese Situation korrigiert oder verbessert werden kann

Dies sind einige der Realitäten, die das Netz jenen aufzwingt, die der Aufforderung, sich doch einfach anzuschließen, nicht nachkommen können. Sie werden nicht nur auf die Außenseite einer mächtigen globalen Maschinerie verwiesen, sondern gleichzeitig den habgierigen Potentialen dieser Maschinerie ausgesetzt. So stellt sich die Frage, wie diese Situation korrigiert oder verbessert werden kann, und dies ist eine Frage, die nicht nur diejenigen beschäftigen muss, die die Vorzüge des Netzes diskutieren, sondern auch diejenigen, die die Expansion der Netzgesellschaft propagieren.

Wir haben diese kurze Untersuchung mit der Feststellung begonnen, dass das globale digitale Netzwerk am Anfang des neuen Milleniums zu einem unausweichlichen Bestandteil der Fortschrittsmaschine geworden ist. Dies ist der logische Abschluss eines Jahrhunderts der fortwährenden Attacken auf die Festungen des Wissens und gegen die Grenzen seiner Möglichkeiten. Wie groß die Schwächen des Netzes auch sein mögen, so ist es nichtsdestotrotz irreversibel. Wir haben außerdem festgestellt, wie Kulturarbeiter das Netz nutzen können und darauf verwiesen, dass dies durchaus nicht nur zu verdammen ist. Für diejenigen, die sich innerhalb seiner Systemgrenzen bewegen können, machen es seine Myriaden von Möglichkeiten zu einem sinnvollen und liebenswerten Hilfsmittel, um in einem neuen Zeitalter überleben zu können. Um es mit den Realitäten aufnehmen zu können, die oben zitiert wurden, sollten wir daher nur in zwei Richtungen blicken.

Erstens sollten wir eine neue Art von Aktivismus innerhalb des Netzwerks selbst unterstützen, einen Aktivismus, der darauf abzielt, eine Kultur der Sensibiltät und der Verantwortung innerhalb des Netzes zu etablieren. Die Anfänge einer Ethik zeichnen sich bereits im Netz ab, die in Richtung einer Aufmerksamkeit und einer bewussten Beziehung zu denen ausgeweitet werden sollte, die momentan außerhalb seiner Grenzen bleiben müssen. Dies ist ein Gebiet, auf dem Künstler und andere Kulturarbeiter eine sinnvolle Rolle spielen könnten, die ihrer Tradition in der Gesellschaft auch sonst entspricht. Sie sollten nicht nur ein kritisches Moment in Hinblick auf den Ort und das Schicksal der Nichtvernetzten in ihre eigene Praxis einbauen, sondern sie könnten außerdem die von diesem Text eingeforderte Aufmerksamkeit auf die Plattform des gesamten Netzes weitertragen.

Auch wenn das Problem nach Regulierungsmöglichkeiten innerhalb des Netzes weiterhin fraglich, wenn nicht gar heiß umkämpft bleiben wird, ist die Forderung sinnvoll, dass das Netzwerk wie jede andere Community einem gewissen Grad an durchsetzbaren Regulierungsmöglichkeiten unterworfen sein müsste, um die individuellen Freiheiten innerhalb und außerhalb seiner Verfassungsgrenzen zu schützen. Solch ein sozialer Apparat empfiehlt sich vor allem aufgrund der Tatsache, dass die Ethik der individuellen Selbstkontrolle, die von weiten Teilen der Netzgemeinde favorisiert wird, nicht funktioniert, und vermutlich ein so großes und vielfältiges menschliches System auch gar nicht tragen kann. Die Idee, das Netz als heiligen Korridor grenzenloser Freiheit zu betrachten, ist nicht nur haarsträubend, sondern gefährlich, wie seine Geschichte ausreichend und stichhaltig demonstriert. 1918 Eine Kombination aus kultureller und politischer Arbeit sowie ein verhandelbares Fünkchen an gesetzlicher Regelung ist nötig, um die gefährlichsten Entwicklungen des Netzes umzukehren.

Zweitens stellt sich die unvermeidbare Herausforderung, die nötigen soziopolitischen, kulturellen und technologischen Strategien einzusetzen, um einen größeren Teil der Menschheit in die neue globale Gemeinschaft zu integrieren. In den wenigen Jahren, in denen sich eine Debatte über Implikationen und Aussichten der Vernetzung speziell im Hinblick auf die Nichtvernetzten zu entwickeln begann, scheint es für einige zur Gewohnheit geworden zu sein, diesen Fragen die scheinbar dringenderen Probleme von globalem Hunger, Verarmung und Krankheit gegenüberzustellen. Diese Rhetorik erfundener Prioritäten ist jedoch insofern ein Fehler, als sie nicht berücksichtigt, dass diese Bedingungen nicht unüberwindbar sind, sondern lediglich Zeugnis vom Fehlen eines globalen Willens abgeben, die leicht unter Kontrolle zu bringenden Flecken auf der weißen Weste des Fortschritts anzusprechen. Es steht außer Frage, dass wir längst die Mittel und das technologische Know How besitzen, um der Mehrheit der Menschheit Lebensmittel, Alphabetisierung und den Zugang zum globalen Netz bieten zu können, ohne dabei notwendigerweise einem dem anderen vorziehen zu müssen. Wir werden diese Utensilien für diese Aufgaben anwenden müssen.

Solange einige außerhalb der blühenden neuen Welt bleiben, die das Netzwerk in unser Leben gebracht hat, und solange die Balance der Macht nur diese neue Welt privilegiert, wird es unmöglich sein, das vereinheitlichte globale Feld des Bewusstseins zu schaffen, nach dem McLuhan einst verlangte. 1919 Letztendlich müssen wir nicht nur mit der simplen Möglichkeit oder Durchführbarkeit, sondern mit der Notwendigkeit eines geschlosseneren digitalen Zeitalters kämpfen, dessen fundamentale Technologien der großen Mehrheit zur Verfügung stehen.

Ich möchte Jordan Crandall und Gilane Tawadros meinen Dank aussprechen, die diesen Beitrag während seiner Entstehung gelesen haben und sinnvolle Hinweise beigetragen haben. Gleiches gilt für das Team und die Stipendiaten des Rockefeller Study and Conference Centers in Bellagio, Italien, wo er konzipiert und geschrieben wurde.

Übersetzung: Ulrich Gutmair

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