Richtfest der Information Architecture
Eine Lektüre der Bauanleitungen
Schon seit geraumer Zeit und mit inzwischen mehreren Publikationen, unter anderem "Architectura et Machina" (1993) und Architektur mit dem Computer (1996), hat sich Gerhard Schmitt der Frage nach der Veränderung der Architektur im Zeitalter von Computer Aided Architectural Design und Virtual Reality angenommen. "Information Architecture", jüngste Veröffentlichung des an der ETH Zürich lehrenden Architektur- und CAAD-Theoretikers, ist auf den ersten Blick ein Folgeband zu den vorangegangenen Publikationen. Auf den zweiten Blick entpuppt sich das in diesem Herbst bei Birkhäuser erschienene Büchlein jedoch als eine Instant-Ausgabe von "Architektur mit dem Computer". Was dort noch summarisch dargelegt worden ist - nämlich die methodische Annäherung der Disziplinen Architektur und Computerwissenschaft -, erscheint hier auf Paragraphenform und Taschenformat zurechtgeschnitten. Gleichwohl verdient dieses Büchlein, vor allem aber der Titel, unter dem es firmiert, besondere Aufmerksamkeit. Denn der "Information Architecture" wird im Chor der metaphorischen Schlagwörter, die das Neue am Computernetzwerk in Bildern des vertrauten Alten zu übersetzen suchen, eine ähnliche Durchsetzungskraft beschieden sein wie etwa den mittlerweile geflügelten Worten vom globalen Dorf oder der Datenautobahn. Das zeigen allein schon die Veröffentlichungen, die in den letzten drei Jahren unter den Bezeichnungen "Information Architecture" und "Information Architects" herausgegeben worden sind. Das zeigt aber auch ein unlängst aus der Taufe gehobener Berufszweig, der unter diesem Namen auf den Markt getreten ist und seine Dienste nahezu ausschließlich im World Wide Web anbietet.
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Um es gleich vorwegzunehmen: Die Emergenz von Informationsarchitektur und Informationsarchitekten ist unabdingbar mit dem Computer, insbesondere mit dem Internet verbunden. Und ihr Gegenstands- und Aufgabenbereich umfasst weniger die Konstruktion materieller Baukörper als die Visualisierung vorzugsweise räumlich organisierter Datenstrukturen. Dabei ist der Gegenstand der Informationsarchitektur älter als der Begriff selbst. Im Rahmen der Interface-Entwicklung hat die Architecture Machine Group am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bereits Mitte der 70er Jahre und damit lange vor der Popularisierung des Internets die Vorzüge räumlich strukturierter Daten erkannt und als Antwort auf diese Erkenntnis das SDMS - das Spatial Data Management System - entwickelt. Das räumliche Datenverwaltungssystem der Architecture Machine Group basierte auf der ikonischen Repräsentation der Daten einerseits, der topischen Anordnung der Icons auf einem berührungsempfindlichen Display andererseits. Es sollte nicht nur die Ablage und den Zugriff auf Informationen erleichtern, sondern den Benutzer in einen "informational surround", in eine immersive und interaktive "Informationslandschaft" versetzen. Virulent geworden ist die Nachfrage nach derartigen Repräsentations- und Ordnungsstrukturen allerdings erst mit der globalen Vernetzung der einzelnen Rechner und der seither in die Computernetze eingespeisten Datenmengen.
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Die Publikationen von Gerhard Schmitt spiegeln die virtuelle Entfaltung der Informationsarchitektur, was sie zur prädestinierten Quelle für Entstehung und Entwicklung des korrespondierenden Konzeptes macht. Noch 1993, in "Architectura et Machina", wird lediglich knapp, wenn auch weitsichtig, über den Einfluss der Virtuellen Realität auf die Architektur spekuliert. Nicht so sehr der Text, denn die den Text begleitenden Abbildungen, zumeist Projektierungen von Florian Wenz, kündigen die neue Rolle der Architektur, oder besser, der visualisierten räumlichen Strukturen an: Flächen und geometrische Körper gliedern den abstrakten Datenraum. Diese stehen auch bei Schmitt und Wenz im Dienst, den Zugriff auf die vom Rechner gespeicherten und verwalteten Daten zu erleichtern. Expressis verbis werden die Flächen, die wohl der Anschaulichkeit halber zum Teil mit Buchstaben und Zahlen besetzt sind, als "Informationsträger" eingeführt. Auch wird von (tektonischen, Anm. K.W.) "Informationsschichtungen" und "geometrischen Systemen, die Organisationsstrukturen der Informationseinheiten repräsentieren", gesprochen. Von einer "Informations-architektur" ist allerdings noch nicht die Rede. Weder hier noch bei Michael Benedikt, der mit Architekturstudenten an der University of Texas, Austin, immerhin eine halbe Dekade zuvor einen vergleichbaren Prototypen für die heute diskutierten Informationsarchitekturen entwickelt hat: eine dreidimensionale "data cell" als Zugriffsplattform auf die Datenbanken einer virtuellen Dia- und Bibliothek. Über das zweidimensional ausgerichtete SDMS der Architecture Machine Group hinaus sind dort die Daten in einem visualisierten räumlichen Gefüge auf Basis des cartesischen Koordinatensystems verortet worden.
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Trotz dieser Vorgriffe in der Praxis setzt sich der eigentliche Begriff der Informationsarchitektur erst Mitte der 90er Jahre durch, mit Richard Saul Wurmans Publikation "Information Architects" (1996) und in Folge auch bei Gerhard Schmitt. Wurmans Programmschrift, die Schmitt in "Architektur mit dem Computer" übrigens heranzieht, erscheint in diesem Kontext elementar und muss zwingend erwähnt werden. Sie hat nicht nur jenen spezifischen Begriff konstitutiv begründet und in Umlauf gebracht, sondern gibt auch dessen Fundament an. Dieses ist nun mitnichten in der Computertechnologie zu ermitteln, auch sucht man in der Architektur vergebens nach einem direkten, d.h. nicht nur metaphorischen Bezug. Vielmehr meint Wurman - dem die Architektur lediglich Synonym für Struktur ist - mit Informationsarchitektur allgemein die anschauliche Organisation und Vermittlung von Daten. Das umfasst für Wurman, der sich in den 70er und 80er Jahren mit der Herausgabe von äußerst übersichtlichen, auf das Wesentliche reduzierten Stadtplänen, Straßenkarten und Ähnlichem sehr erfolgreich verdingt hat, zunächst lediglich die Übersetzung eines darzustellenden Gegenstandes in eindeutige wie einprägsame Grafik und Typographie.
Erst später, im Horizont des Rechnernetzwerks, verweist Wurman die Tätigkeit des Informationsarchitekten gezielt auf den "tsunami of data that is crashing onto the beaches of the civilized world" und sucht damit der kakophonischen Flut an unorganisierten, unkontrollierten Daten, die im Netz kursieren, zu begegnen. Seine engen Kontakte zum Visible Language Workshop am MIT, der Anfang der 90er Jahre gleichfalls an der Visualisierung von dreidimensionalen "Informationslandschaften" arbeitete, mögen hier initiativ gewesen sein. Bei der Bezwingung der "tidal wave of unrelated, growing data formed in bits and bytes" ist ihm das topische Ordnungsverfahren, auf dem die Informationslandschaften und -räume fußen, nur eines unter mehreren. Alphabetische, numerische, chronologische Verfahren und solche der hierarchischen Systematisierung treten hinzu.
Louis Rosenfeld und Peter Morville knüpfen mit ihrer im vorigen Jahr erschienenen Publikation "Information Architecture for the World Wide Web" unmittelbar an Wurman an. Mit dieser Veröffentlichung ist die Informationsarchitektur schließlich und endlich exklusiv auf das Rechnernetzwerk verpflichtet und meint zentral den Aufbau und das Layout von Webseiten. Der Informationsarchitekt wiederum ist zum Multitalent geraten. In einer Person vereinigt er in sich den Grafikdesigner, Bibliothekar, Journalisten, den Experten in Sachen Marketing und den Computerwissenschaftler. Dem multiplen Berufsprofil kommt indessen eine universelle Aufgabe zu. In sinngemäßer Übersetzung von Wurman, den Rosenfeld und Morville leitmotivisch zitieren, ist dies erstens die Organisation der Muster, die den Daten inhärent sind. Auf diese Weise soll das Komplexe verständlich gemacht werden. Zweitens obliegt dem Informationsarchitekten die Kreation von Strukturen oder Karten, die es dem Einzelnen ermöglichen, seinen persönlichen Weg zum Wissen zu finden. In zwei einander bedingende Richtungen zielt also das skizzierte Aufgabenfeld: zum einen darauf, die Daten beziehungsweise Informationen in einen sinnstiftenden Kontext einzubinden; zum anderen darauf, die rekontextualisierten Informationen in ein Ordnungsgerüst zu stellen, das gleichermaßen Orientierungshilfe ist. Das Handwerkszeug des postindustriellen Baumeisters beschränkt sich sinnfällig nicht mehr auf Reißbrett und Schiene, sondern auf Verfahren der Indexierung und Navigation sowie Suchmethoden und Metaphern.
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Die Bestimmung der Informationsarchitektur, die Gerhard Schmitt gibt, weicht grundsätzlich nicht von der Wurmans oder Rosenfelds und Morvilles ab. Wie diese steht sie auf dem Hintergrund des Rechnernetzwerks und der neuen Kommunikationstechnologien. Entsprechend stellt auch er die Informationsarchitektur, wie dies die Beispiele von Florian Wenz gezeigt haben, als Ordnungs- und Repräsentationsinstrument von Daten dar. Allein an die Stelle des Grafikdesigners und Bibliothekars tritt mit augenscheinlicher Befugnis der Architekt, dessen räumliches Know-how zum Schlüssel für die Konstruktion der visualisierten Datenstrukturen wird. Und an die Stelle des Layouts der planen Webpage tritt folgerichtig das dreidimensionale Ordnungsgefüge, welches schon Michael Benedikt und der Visible Language Workshop mit ihren Datenzellen und Informationslandschaften im Blick hatten. Nichtsdestotrotz erweitert Schmitt den Begriff der Informationsarchitektur, der nun Anwendung auch auf die materielle Architektur findet.
Aus der Perspektive der Informationstechnologie, die sich qua Definition mit der gesamten Computertechnologie und deren gesellschaftlichen Auswirkungen befasst, und ferner im Rückgriff auf den von Kybernetik und Systemtheorie ins Spiel gebrachten, mittlerweile inflationär eingesetzten Informationsbegriff wird spätestens mit Schmitts Publikation "Architektur mit dem Computer" alles auf den nicht-physischen Rohstoff Information bezogen und das Gebäude zum Informationssystem. Das heißt, Informationsarchitektur ist nicht nur die auf dem Display visualisierte Datenstruktur, sondern auch der reale Baukörper.
Um die Verabsolutierung des Informationsbegriffs bei Gerhard Schmitt auf den Punkt zu bringen, sei folgende programmatische Aussage aus der jüngsten Schrift "Information Architecture" angeführt: "In 1946 Sigfried Giedion described time as the 4th dimension of architecture. Toward the end of the 20th century, information should be declared the 5th dimension of architecture." Wohl als Input in das Informationssystem Gebäude können die bis jetzt noch weitestgehend im mentalen Gebäudelexikon des Architekten verankerten, mittelfristig jedoch aus computergestützten Datenbanken abzurufenden Daten aufgefasst werden, die den Entwurf des Gebäudes beeinflussen. So auch die externen Daten über Ort, Lage oder Baumaterial, die desgleichen den Entwurf definieren. Dem korrespondiert eine Art Output, und zwar laut Schmitt die Informationen, die durch Entwurf und Bau des Gebäudes hervorgebracht werden, wie des weiteren jene, die während des "Lebenszyklus" des Gebäudes entstehen.
Herz, nein, Hirn des Systems ist der Computer, universelles Medium und Speicher, Verwalter und Prozessor aller um den, am und im Baukörper anfallenden Daten. Tatsächlich ist kaum zu leugnen, dass seit Aufkommen des Computer Aided Architectural Design weite Teile des Entwurfs, der Ausführung und der Bewirtschaftung von Gebäuden an die ultimative datenverarbeitende Maschine delegiert worden sind. Und weiter, werden vom Rechner verarbeitete Daten bereits als Informationen gefasst, erscheint das von ihm im Entwurfsstadium prozessierte und später verwaltete Gebäude durchaus als Informationssystem.
Dieser Definition von Architektur, die bis aufs Mark dem ausgerufenen Informationszeitalter verpflichtet ist, mag man folgen oder nicht. Für den daraus abgeleiteten erweiterten Begriff der Informationsarchitektur ist sie allemal von entscheidender Bedeutung. Denn was sich schon in der Rede vom computergenerierten Gebäude als Informationssystem ankündigte, dessen allmähliche Transformation zu einem Organismus, bestätigen weitere Ausführungen Schmitts. In "Information Architecture" ist da nicht nur vom Verhalten der Gebäude zu lesen, sondern auch von einer Art rechnergestützter Aussiebung architektonischer Meme. Konform ist die Nobilitierung des Computers zum Partner, der in der Lage ist, "Verantwortung zu übernehmen und bestimmte Aufgaben unabhängig auszuführen". So avanciert die Informationsarchitektur unversehens zu einem System höherer Ordnung, das neue Ordnungen hervorbringen kann. Sie ist in die Evolution eingetreten.
Was sich auf der einen Seite nach biologistischem Pauschalismus, auf der anderen Seite nach Philip Kerrs Fiktion "Game Over" anhört (Abenteuerspiel im intelligenten Haus), ist erneut von der Realität soweit nicht entfernt. Experimente, eine "Evolutionary Architecture" zu generieren, reichen einige Jahre zurück. Auf Grundlage von sogenannten genetischen Algorithmen, einem Computerverfahren, das auf die Strategien der Evolution, also auf Selektion, Mutation und Rekombination, zurückgreift und vor allem in der Künstlichen Intelligenz Anwendung gefunden hat, werden dabei autopoietische Systeme modellhaft nachgebildet und visualisiert. Schmitt sind diese Experimente, im Bereich der Architektur insbesondere die von John H. Frazer, ehemals School of Design and Communication, University of Ulster, heute School of Design, Hong Kong Polytechnic University, geläufig. Unter den Ingredienzen seiner Informationsarchitektur gleichen sie der Hefe, deren lebende Kulturen das Ganze zum Gären bringen.
Dergestalt hat sich der ursprünglich auf die anschauliche Organisation und Vermittlung von Daten bezogene Begriff der Informationsarchitektur unter der Hand zu einem komplexen ausgewachsen. Er bezeichnet topisch ausgerichtete, auf dem Display visualisierte Ordnungsmuster, erfasst bei und seit Schmitt des weiteren das mit dem Computer berechnete und gesteuerte materielle Gebäude sowie den mit dem Computer generierten, sich selbst reproduzierenden biomorphen Datensatz. Zweifelsohne ist er Produkt eines Synergieeffektes, der sich in den Schriften Schmitts überaus plastisch dokumentiert. Ohne Zweifel auch, dass die vielgestaltige Informationsarchitektur Frucht des Rechnernetzwerks ist.
In ihrer maßgeblichen Bestimmung als Ordnungsinstrument für die Masse zirkulierender Daten im Internet zeugt sie freilich vor allem von zweierlei: von der Überlastung der menschlichen Perzeption wie von den Grenzen des hypertrophen Hypertexts. Nicht von ungefähr stimmen Rosenfeld und Morville bereits den noch blasphemisch tönenden Abgesang der Netze und weitläufig verzweigten Gewebe an, um erneut an die klassischen, streng hierarchisch und mehr oder minder linear angelegten Wissenssysteme anzuknüpfen. Und nicht umsonst sind sich gerade diese Autoren der Tatsache bewusst, dass der Informationsorganisation - dem Design der Informationsarchitekturen, wie es dort heißt - bei der Meinungs- und Wissensbildung eine besondere Schlüsselfunktion zukommt. Sowohl ein Paradigmenwechsel als auch modellierbare Machtstrukturen, die der egalitären und libertären Besetzung des Internets diametral entgegenstehen, werden avisiert.
Mit dieser Ankündigung wird gleichwohl nur beim Namen genannt, was schon immer geahnt worden ist, jedoch nicht so recht gewusst werden wollte. Genauer gesagt ist benannt der Sachverhalt, dass das, was an Daten, wie und vor allem in welcher Form in die Informationsgerüste eingetragen wird, in die Zuständigkeit einiger weniger potenter Auftraggeber und deren "Hofdesigner" fällt; einiger weniger im Vergleich zur breiten Masse der "Bediener". Ein neues altes Wissensgefälle ist im wahrsten Sinne des Wortes vorprogrammiert. Um abschließend McLuhan, der für solche Fälle immer die passende Parole bereithält, zu paraphrasieren: Nicht der Hacker, sondern der Informationsarchitekt wird jener kleinen Elite angehören, die den Tempel hütet.
Schmitt, Gerhard N.: Information Architecture. Basis and Future of CAAD, Birkhäuser Verlag, Basel 1999
Schmitt, Gerhard N.: Architektur mit dem Computer, Vieweg Verlag, Braunschweig 1996
Schmitt, Gerhard N.: Architectura et Machina. Computer Aided Architectural Design und Virtuelle Architektur, Vieweg Verlag, Braunschweig 1993
Rosenfeld, Louis und Morville, Peter: Information Architecture for the World Wide Web, O`Reilly & Associates, Sebastopol 1998
Wurman, Richard Saul: Information Architects, edited by Peter Bradford, Graphis Press, Zürich 1996
Die Bilder wurden "Architektur mit dem Computer" entnommen.
http://www.heise.de/tp/artikel/6/6579/1.html- Warum man nichts versteht... (4.6.2000 16:01)
- Dieses Thema wird uns noch beschäftigen (12.1.2000 11:24)
- dito... (11.1.2000 19:25)
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