Aufmerksamkeit

Kostenlose Online-Prominenten-Universität für jeden

Florian Rötzer 16.03.2000

Ein amerikanischer Softwaremilliardär kündigt eine Stiftung an, die vor allem ein Produkt der Aufmerksamkeitsökonomie ist

Geschafft hat er es schon, bevor er es wirklich macht, nämlich das Erreichen von Aufmerksamkeit. Gestern kündigte der 35jährige Softwaremilliardär Michael Saylor, Chef der E-Business Firma Microstrategy, an, er wolle 100 Millionen Dollar stiften, um eine Vision umzusetzen: "Kostenlose Ausbildung für jeden Menschen auf der Erde zu jeder Zeit." Ein erster Schritt dahin soll seine geplante Online-Universität sein.

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Gestern zumindest hat der junge Unternehmer, der mit 44 Millionen Aktien fast die Hälfte der Firma besitzt, noch über ein Wertpapiervermögen von fast 12 Milliarden Dollar verfügt. Da sind dann 100 Millionen vielleicht fast Peanuts, aber er hat schon gesagt, dass er in das Projekt noch mehr Geld stecken wolle. Offen sei er für andere Spender, aber ansonsten werde er die Umsetzung seiner Idee auch allein durchziehen.

Doch die geplante Online-Universität ist - vielleicht notwendigerweise für solch ein Projekt? - zunächst vornehmlich ein Produkt der Aufmerksamkeitsökonomie, das dem MIT-Absolventen die offenbar erwünschte Reputation bringen soll. Ob es aber auch das anbieten wird, was man unter einer Hochschulausbildung versteht, scheint doch eher zweifelhaft zu sein. Saylor will bald mit der Anstellung von Personal beginnen, das seine Stiftung betreiben soll. Vorstand soll ein Direktor einer - natürlich - großen Universität sein, daneben will er Curriculum-Experten, Autoren, Publizisten, Hersteller, Vermarkter, Hardware-Experten und "Computerleute" einstellen, um die ganze Sache "dynamisch und interaktiv" zu machen.

Geplant aber sind zunächst keine normalen Seminare oder Vorlesungen, sondern Prominenz soll dem Projekt seinen Glanz geben, der dann auch auf den Stifter abfällt. Für Saylor aber ist die Frage, ob seine Stiftung vor allem ihn selbst in den Kegel der Aufmerksamkeit stellen soll, unerheblich, schließlich sei auch Michelangelos Größe nicht davon beeinträchtigt worden, dass er seine Gemälde signiert hat. Da sieht man zumindest schon, in welche Ahnengalerie er sich einreihen will. Seine Universität soll offenbar vor allem von "Genies und führenden Persönlichkeiten" getragen werden, deren Vorlesungen aufgezeichnet und dann in eine kostenlos einzusehende "genius knowledge bank" eingespeist werden. Das scheint doch eher Fernsehen im Internet zu sein, auch wenn Saylor für das eigene Unternehmen auf persönlich zugeschnittene Information setzt. Obgleich die Universität kostenlos sein soll, will Saylor sie dennoch mit dem magischen dot-com auszeichnen. Offenbar haben die banalen TLDs .edu oder .org nicht den notwendigen verführerischen Glanz.

Überzeugt ist der junge Unternehmer, dass sich die Prominenz aus der ganzen Welt darum reißt, an seiner kostenlosen Online-dot-com-Universität teilzunehmen. Henry Kissinger und Robert McNamarra könnten den Vietnamkrieg behandeln, Bill Clinton soll über Politik referieren, Warren Buffet über Investitionen oder Steven Spielberg über das Machen von Filmen - und mittendrin wahrscheinlich Saylor. Die geplanten 30stündigen Videoaufnahmen der Vorlesungen enthalten auch Fragen und Antworten, die aber auch als wenig interaktives Paket mitgeliefert werden. Zahlen will er den Genies und Prominenten dafür allerdings nichts: "Die Menschen stellen sich an und kämpfen darum, in die Charlie Rose Show zu gelangen", sagt Saylor. "Ich denke, sie kämpfen auch darum, in das Aufnahmestudio zu kommen. Das eröffnet einem großen Mathematikdozenten die Chance, vor 100 Millionen Menschen zu lehren." Unbescheiden also ist Saylor nicht, der meint, durch versprochene Aufmerksamkeit alles erreichen zu können, für die er schließlich auch das ganze Projekt in Gang bringen will. Unbekannte Menschen werden mitmachen, um Anerkennung zu finden, vermutet er, und Prominente, um ihren Nachruhm zu sichern - und da müssen sie schon zu ihm kommen. Immerhin räumt er ein, dass er auch daran denkt, wenn diese Idee nicht ganz so glückt, doch Honorare zu zahlen.

Normalerweise müssen für Online-Angebote von Universitäten Gebühren bezahlt werden. Die kostenlosen Angebote der Prominenten- und Aufmerksamkeitsuniversität könnten nach Meinung Saylors durchaus die traditionellen Universitäten bedrohen. Aber auch das ist ein Sinn der Sache: "Universitäten werden die Kontrolle über das Wissen verlieren, wie sie das sollten. Wir alle haben ein Recht auf unsere Genies und führenden Persönlichkeiten."

Bislang freilich ist alles nur eine Idee, die in keiner Weise ausgeführt ist, abgesehen vom zentralen Fokus auf Aufmerksamkeit und Prominenz. Entstanden ist die Idee bei Saylor anscheinend Neujahr beim Segeln auf seiner Yacht. Da hat man Zeit und fühlt gleichzeitig das Gewicht des neuen Jahrtausends. In Gesprächen mit Freunden, die um interessante Möglichkeiten von Stiftungen kreisten, meinte wohl Saylor, wie ein Gesprächsteilnehmer berichtet, dass es keinen Grund gäbe, warum nicht ein Mensch, der im kolumbianischen Dschungel lebt, über das Internet Zugang zu den besten Lehrern auf der ganzen Welt bekommen könne. Das ist natürlich ein löbliches Vorhaben. Ob dafür aber die Prominenz ausgestattete Online-Universität ausreicht, wenn die Menschen eben keinen Zugang zum Internet haben, lässt sich doch bezweifeln. Aber Projekte in Südamerika, Asien oder Afrika, die überhaupt erst einmal den Menschen einen Zugang zum Internet ermöglichen, sind halt weniger spektakulär, als wenn man sich mit Prominenz umgibt und dadurch selbst in den Olymp aufsteigt.

http://www.heise.de/tp/artikel/6/6671/1.html
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