Wer gibt, dem wird gegeben

06.05.2000

Ein Mechanismus zur Verstärkung kooperativen Verhaltens basiert auf indirekter Reziprozität

Leben ist egoistisch, sagt vereinfacht die darwinistische Evolutionstheorie. Wirklich altruistisches Verhalten gibt es nicht, auch eine Gruppenselektion, die soziale Kooperation unter Nicht-Verwandten "belohnen" würde, wird von den harten Vertretern des egoistischen Gens abgelehnt. Wenn schon Hilfe, dann muss es auch für den Geber ein Geschäft sein.

Man hat zeigen können, dass Egoisten bei Simulationen von Spielen wie dem Gefangenen-Dilemma durchaus wechselseitig solidarisch sein können, wenn das Spiel mehrmals gespielt wird, es zumindest eine hinreichend hohe Wahrscheinlichkeit für ein nächstes Spiel gibt und die Spieler eine Strategie entwickeln können, durch die sie ihr eigenes Verhalten vom Verhalten des anderen (Tit-for-tat) abhängig machen. Hier ist Solidarität oder Kooperation einsichtig, aber was ist, wenn das eigene Verhalten nicht direkt und relativ schnell vom Mitspieler belohnt/bestraft wird?

Claus Wedekind und Manfred Milinski von der Universität Bern haben, wie sie in Cooperation Through Image Scoring in Humans beschreiben, versucht, in einem Experiment zu untersuchen, welchen Vorteil kooperatives Verhalten bringen könnte, wenn keine direkte Reziprozität gegeben ist. Warum also könnte sich in der Evolution Großzügigkeit und Kooperation herausgebildet haben, wenn doch alle angeblich mit allen Mitteln darum kämpfen, sich durchzusetzen und die eigenen Vorteile zu stärken? Die Psychologen gehen davon aus, dass auch indirekte Reziprozität kooperatives Verhalten belohnen und dadurch stärken kann: "Wenn ich Sie beobachte, wie Sie einem Bettler Geld geben", erklärt Weekind die Theorie der indirekten Reziprozität, "dann sagt diese Theorie voraus, dass ich Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt mit höherer Wahrscheinlichkeit etwas geben werde, wenn Sie in Not sind, weil ich gesehen habe, dass Sie gegenüber anderen freizügig waren." Die These also ist, dass über "Image Scoring", also wie ein Einzelner von einer Gruppe wahrgenommen wird, kooperatives Verhalten verstärkt werden kann.

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Zumindest haben in einem Experimenten 80 Versuchspersonen die These bestätigt, dass man mit großzügigem Verhalten letztlich besser fährt, weil man selbst mehr zurück erhält, wenn die Mitmenschen wissen, dass man großzügig gewesen ist. Das Spiel bestand im wesentlich daraus, dass die Versuchspersonen anderen Mitspielern virtuelle Franken schenken konnten, die allerdings nicht die Möglichkeit hatten, sich den Spendern gegenüber direkt erkenntlich zu zeigen. Da die Spieler, die nicht über die Absicht des Experiments informiert wurden, auch später nicht wissen konnten, wer ihnen etwas geschenkt hat, insofern die Mitspieler nur über Nummern identifiziert wurden, bestand die einzige Information darin zu wissen, dass und wie oft jemand bereits anderen etwas geschenkt oder nichts gegeben hatte. Und wer am meisten gegeben hat, der bekam mit hoher Wahrscheinlichkeit auch am meisten.

Offenbar finden es die Menschen nett, etwas von anderen geschenkt zu erhalten, und belohnen daher diejenigen, die viel geben, wiederum dadurch, dass sie sich gegenüber den Großzügigen auch selbst großzügig verhalten. Die Versuchspersonen haben damit also die These bestätigt, dass auch indirekte Reziprozität, d.h. ein umwegiger Egoismus, Verhalten prägen kann. Man gibt mithin nicht nur demjenigen, mit dem verwandt ist oder von dem man erwarten kann, dass er einem direkt wieder etwas zurückgibt, sondern auch demjenigen, von dem man weiß, dass er selbst großzügig ist. Zu ähnlichen Ergebnisse sind auch Martin A. Nowak and Karl Sigmund in Shrewd Investments gekommen.

Allerdings ist die Voraussetzung für die Belohnung der Großzügigen, die in dem Experiment auch am meisten virtuelle Franken aufhäufen konnten, dass die anderen eben auch wissen müssen, dass und wie oft man etwas gegeben hat. Das Spiel funktioniert also ähnlich wie bei den iterierten Dilemma-Situationen nur in überschaubaren und dauerhaften Gruppen oder durch recht künstliche Identitäten. Im Grunde sagt das Experiment, dass der Großzügige in einer Gemeinschaft am besten fährt, der am besten seine guten Taten öffentlichkeitswirksam darstellen kann - und dass ein geschickter Egoist gelegentlich auch langfristig denken muss und durchaus auch dann zu seinem Vorteil gelangen kann, wenn er nicht sofort belohnt wird.

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