Friedrich Kittler meets Stephan Schambach

26.05.2000

In der ersten Turing-Night drehte sich alles um Intelligence, die von der Wirtschaft aus dem militärischen Bereich gelöst und in die Software eingebaut wird, und um offene Quellen

Was kommt dabei heraus, wenn man einen Multimillionär, der seine Kohle mit E-Commerce-Software verdient, und einen bedeutenden Medientheoretiker der Gegenwart über Turing philosophieren lässt? Eine interessante Begegnung der dritten Art gab es am Mittwoch Abend am Rande der Internet World in Berlin, als Friedrich Kittler, Professor für Ästhetik und Geschichte der Medien an der Humboldt-Universität Berlin und Stephan Schambach von Intershop Communications auf der vom Softwareunternehmen Subotnic ins Leben gerufenen Turing Night 1.0 unter dem Motto "brain bytes business" in der Kalkscheune unweit vom Bahnhof Friedrichstraße aufeinander stießen.

Zunächst referierten die beiden Stargäste ohne konkrete gegenseitige Bezüge vor sich hin. Kittler zeichnete Alan Turing, den Erfinder der gleichnamigen KI-Maschine, als "Chefkryptologen" Großbritanniens während des Zweiten Weltkriegs, der den Alliierten dazu verhalf, den Krieg mit Entschlüsselungsmaschinen statt mit Agenten zu gewinnen. Pech für den homosexuellen Kryptofreak, der laut Kittler auch die "erste abhörsichere Telefonleitung und damit Pretty Good Privacy" erfand: Nach dem Krieg wollten die Briten Stalin Glauben machen, dass ihre "Intelligence" nach wie vor in (menschlichen) Agenten stecken würde, um die Russen nicht auf den Maschinenkriegspfad zu locken. Turing, der vor allem mit seiner These, dass alles, was Menschen denken können, genauso gut auch Maschinen denken können, bekannt wurde, war deswegen ein Staatsrisiko. Als er 1952 mit einem Mann im Bett erwischt wurde, wurde er daher geächtet und ihm offiziell das (De-)Chiffrieren untersagt. Zwei Jahre später fand man den KI-Vorreiter tot auf: Er hatte in einen mit Blausäure vergifteten Apfel gebissen.

Was man mit der "Universalmaschine Computer" praktisch anstellen und wie man vor allem Wissen in Software gießen kann, präsentierte daraufhin der seine Firma Intershop längst aus den USA managende Schambach: E-Commerce ist seiner Meinung nach der Versuch, vormals auf Papier und menschlichen Interaktionen beruhende Geschäftsbeziehungen so zu automatisieren, dass sie mit den bisherigen Prozessen konkurrieren und sie sogar übertreffen können. Ein bisschen Turing steckt da natürlich drin, wenn die Maschinen durch die entsprechende Software immer "wettbewerbsfähiger" werden und eine "Welle der Automatisierung" losgetreten wird, so das "deutsche Wunderkind des E-Business" (Business Week), "die nur vergleichbar ist mit der Einführung von IT überhaupt."

Vergesst doch die Hardware? Der alberne Satz mit der Software

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Die Behauptung, dass sich just mit der Software eine "höher entwickelte Intelligenz" entwickle, konnte Kittler natürlich nicht ganz so im Raume stehen lassen. Hatte er doch einst diesen, so der vom Literaturwissenschaftler zum Medientheoretiker gewandelte Denker, "albernen Satz mit der Software" gesagt, wonach nur die Hardware - angetrieben durch das Mooresche Gesetz - wirkliche Innovationen zeige und die Software im Gegensatz dazu eher bedeutungslos bleibe oder sich sogar hemmend auswirke. Also feierte Kittler erneut das der Hardware inne wohnende Vermögen zur exponentiellen Leistungssteigerung, "das weder Dinosaurier noch Menschen" haben: "Die Hardwaregeschwindigkeit läuft uns davon."

Schambach hielt dagegen, dass IBM mit seinen Mainframes, die nun mit dem Internet wieder groß in Mode kommen und einer zivilen Nutzung zugeführt werden, zwar die Tür zur Computerrevolution aufgemacht habe. In einer zweiten Welle seien aber Datenbankhersteller wie Oracle oder SAP gekommen, die den Managern erzählt hätten: "Vergesst doch die Hardware. In unserer Software steckt das Herz eures Unternehmens." Die Produzenten neuer Anwender-Applikationen verkauften nun im Prinzip ganze Geschäftsprozesse, die sie in Software gegossen haben. Zugleich vermarkten sie ihre digitalen Güter mit der unterschwelligen Drohung, dass nur mit diesen Programmen Re-engineering möglich ist. Wer also nicht kauft, verpasst die Chance, sein Business zu optimieren.

Intershop hat in diesem softwaregesteuerten Prozess nun "Applikationen mit eingebauter Business-Intelligenz" im Angebot, wie Schambach behauptet, und zwar für einen lukrativen Zukunftsmarkt. "Beim E-Commerce wissen die meisten Unternehmen ja gar nicht, wie's geht", so der ostdeutsche Gründer. Aber zum Glück gibt es Programme wie Intershops Enfinity, wo alles drin ist, was man zum Verkaufen von Waren und das Managen von eingegangenen Bestellungen etc. braucht und wo man die einzelnen automatisierbaren Geschäftsprozesse sogar noch individuell zusammenmixen kann.

Economic Intelligence dank Reverse Engineering

Das beeindruckt auch den Medientheoretiker, der aber zumindest eine historische Einordnung bringen kann: Business-Intelligenz habe ja schließlich etwas mit Intelligence zu tun, dem "Aufklären" bzw. dem Ausspionieren von Geheimnissen durch "die Dienste", wie es im Hackerjargon so schön heißt. Heute machten die Unternehmen, so Kittler, nichts anderes, als die Intelligence auf den Alltag zu übertragen, also mit strategischen Maßnahmen einander auszutricksen. AMD etwa verdiene gut daran, die Chips von Intel dank "Reverse Engineering" auszuspionieren und die Prozessoren dann nachzubauen. "Die Wirtschaft hat sich gut modernisiert", findet Kittler. Früher habe man militärische Managementregeln noch im Helikopter von London nach Washington geflogen, heute herrsche die "economic intelligence" im Doppelsinn vor: Man müsse nicht nur schlau sein, sondern auch wissen, was die anderen machen.

"Da kann ich nur zustimmen", schmunzelte Schambach über die Analyse. Auf Kittlers direkte Frage, ob Intershop seine Codezeilen trotz der erwiesenen Vorteile von Open-Source-Entwicklungen "genauso hüte wie Microsoft", antwortete der Softwarekrösus daher ausweichend. "Wer den Source-Code haben will, kann ihn kaufen", erläuterte Schambach die eigenen Geheimhaltungstaktiken und den Wert der nach wie vor von Menschen kompilierten Programmzeilen. Die meisten Kunden im Geschäftsalltag hätten allerdings gar keine Zeit, sich den Code anzuschauen und daran herumzubasteln. Open Source funktioniere nur, wo eine große Entwickler-Community ein gemeinsames Interesse an einer Applikation habe wie etwa im Fall von Linux, wo es um ein ganzes Betriebssystem gehe.

Wird sich nun der nächste Quantensprung im Computerbereich soft oder hard einstellen? Für Kittler ist es keine Frage, dass wieder hardwarebezogene Konstruktionen die Führung übernehmen. Den Quantencomputern könnte seiner Meinung nach das 21. Jahrhundert gehören. Sie würden mit ihrer Akzeptanz der Unschärfetheorie sowie der Annahme der Relativität von Teilchen den "Abschied von der Turingmaschine" mit sich bringen, die die gesamte Welt mathematisch steuern wollte. "Doch vielleicht", so Kittler, "regnen Wolken einfach so, ohne einen Computer drin." Mit dem ersten einsetzbaren Quantencomputer sieht Kittler zugleich die "Vormacht der Pax Americana" gefährdet, da sein Erfinder ja auch auf den Fidschi-Inseln oder in Peking sitzen könnte. Das glaubt Schambach allerdings nicht: Der Quantencomputer-Bauer, ,witzelte der nach dem Gespräch wieder nach Kalifornien entschwindende Softwarevermarkter, würde doch "sofort in den USA angestellt werden."

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Vom Sündenfall der Software

Frank Hartmann 22.12.1998

Medientheorie mit Entlarvungsgestus: Friedrich Kittler

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