Pentagon veröffentlicht Joint Vision 2020

Georg Schöfbänker 08.06.2000

Neue Perspektiven für den militärischen Informationskrieg, aber keine Ansätze für eine Rüstungskontrolle

Der Vorsitzende der Joint Chiefs Of Staff, somit der Chef des Generalstabes der einzelnen Waffengattungen der US-Streitkräfte und damit der ranghöchste US-Militär unterhalb der politischen Ämter, General Henry H. Shelton, hat letzte Woche (am 30. Mai 2000) die jüngste Militärdoktrin der USA die Joint Vision 2020 der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei handelt es sich um den "Masterplan" der US-Streitkräfte für die nächsten zwanzig Jahre.

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"The overall goal of the transformation described in this document is the creation of a force that is dominant across the full spectrum of military operations - persuasive in peace, decisive in war, preeminent in any form of conflict."

Diese Streitkräfte sollen dann - ganz explizit - noch "tödlicher" sein, als die bisherigen:

"If our Armed Forces are to be faster, more lethal, and more precise in 2020 than they are today, we must continue to invest in and develop new military capabilities. This vision describes the ongoing transformation to those new capabilities. As first explained in JV 2010, and dependent upon realizing the potential of the information revolution, today's capabilities for maneuver, strike, logistics, and protection will become dominant maneuver, precision engagement, focused logistics, and full dimensional protection."

Rein terminologisch kommt der Begriff "Information War" nicht vor, sondern es wird der Begriff "information operations" verwendet, dem - und das ist neu - praktisch der Stellenwert einer eigenen Waffengattung zugewiesen wird:

"... operations within the information domain will become as important as those conducted in the domains of sea, land, air, and space."

Analytisch bleibt die JV2020 unscharf, wobei jedoch alle Bereiche des Infowar-Spektrums abgedeckt werden und die Forderung nach einer uneingeschränkten Informationsüberlegenheit (information superiority) im Raum steht:

die "klassische" elektronische Kriegsführung, erweitert um bereits vorhandene oder neue erwartete technische Möglichkeiten

eine "verbesserte" C2 (command und control)-Kriegsführung

intelligence operations

"Netzkrieg" im öffentlichen Raum, also im wesentlichen klassische Propaganda und Desinformation in den neuen elektronischen Medien.

"Netzkrieg" oder "Cyberwar" in militärischen elektronischen Netzen.

Besonders bedeutsam sind jene Passagen, die die aktuelle Bedrohungswahrnehmung des US-Militärs widerspiegeln. Diese sind in hohem Maße alarmistisch, um nicht zu sagen: paranoid, was sich gegenwärtig ja auch in der Debatte um die nationale Raketenverteidigung der USA (NMD) und in der behaupteten Proliferation von Massenvernichtungswaffen quasi in der Aktentasche manifestiert. Die vereinigten "Schurkenstaaten" dieser Welt würden sich zunehmend asymmetrischer Methoden bedienen, um die militärische, politische und ökonomische Vormacht der USA in Frage zu stellen.

"... we should expect potential adversaries to adapt as our capabilities evolve. We have superior conventional warfighting capabilities and effective nuclear deterrence today, but this favorable military balance is not static. In the face of such strong capabilities, the appeal of asymmetric approaches and the focus on the development of niche capabilities will increase. By developing and using approaches that avoid US strengths and exploit potential vulnerabilities using significantly different methods of operation, adversaries will attempt to create conditions that effectively delay, deter, or counter the application of US military capabilities. The potential of such asymmetric approaches is perhaps the most serious danger the United States faces in the immediate future - and this danger includes long-range ballistic missiles and other direct threats to US citizens and territory.
... To complicate matters, our adversaries may pursue a combination of asymmetries, or the United States may face a number of adversaries who, in combination, create an asymmetric threat. These asymmetric threats are dynamic and subject to change ..."

Nachdem hier wieder einmal trefflich Äpfel mit Birnen vermischt wurden - Interkontinentalraketen gehörten nach allgemein gültiger Interpretation bislang nicht zum Inventar asymmetrischer Maßnahmen -, bleibt abzuwarten, wie sich die Bedrohungswahrnehmung und die Kriegführungswünsche des US-Militärs im Cyberspace weiterentwickeln werden. Der Trend jedenfalls geht eindeutig in Richtung Eskalation.

(Dr. Georg Schöfbänker ist Leiter des Österreichischen Informationsbüros für Sicherheitspolitik und Rüstungskontrolle in Linz)

http://www.heise.de/tp/artikel/6/6840/1.html
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Information Warfare: Die neue Herausforderung für die Rüstungskontrolle

Olivier Minkwitz, Georg Schöfbänker 31.05.2000

Für eine Informationskriegsordnung: Frühzeitige Rüstungskontrolle, statt Rüstungswettlauf

Der Informationskrieg (IW) kommt! So heißt es in den meisten Papieren die sich mit der Zukunft militärischer Auseinandersetzungen beschäftigen.John Arquilla / David Ronfeldt, "Cyberwar is Coming!" in: Comparative Strategy, Bd.12, Nr.2 1993, S. 141-165 Untersucht werden dabei neue TechnologienTechnische "Hardware", wie Präzisionswaffen, Drohnen, Sensoren, Trankappentechnologie, Echtzeitdatenübermittlung, fortgeschrittene Computer-, Kommunikations- und Aufklärungskapazitäten (C4I) u.a. und Konzepte"Sofware", wie Planungen für Cyberangriffe, elektronische Kampfführung, semi-automatisierte Netzwerkattacken oder Konzepte zur psychologische Kampfführung. sowie deren Auswirkung auf die Führung von Kriegen und die Streikkräftestrukturen. Solche Analysen kommen im allgemeinen zu dreierlei Schlussfolgerungen. Erstens, wird diese unumgängliche informations-technologische Entwicklung die Kriegsführung revolutionieren ("Revolution in Military Affairs"). Zweitens, weil die neue Informationstechnologie insbesondere asymmetrische Kriegsführung begünstigt, werden vor allem technologisch weniger entwickelte Staaten und transnationale Akteure davon profitieren.Die Bedrohungswahrnehmung in den USA - etwa gegenüber der VR China - ist diesbezüglich enorm. "Strategic writings by China's military and party leaders show that China is making plans for war, according to a new Pentagon study. Some 600 translations of internal Chinese writings by 200 authors reveal China's strategy to defeat a superior foe, using both military and nonmilitary means, such as propaganda, deception and covert action." Quelle: Washington Times, 2. Februar 2000. In der Publikation Unrestricted Warfare::www.terrorism.com/documents/unrestricted.pdf von Qiao Liang und Wang Xiangsui (Beijing: PLA Literature and Arts Publishing House, 1999) werden in großer Ausführlichkeit unter dem Motto "Fighting the Fight that Fits One's Weapons" derartige Szenarien entwickelt. Deshalb müssen sich drittens, moderne Gesellschaften und ihre Streitkräfte diesen Herausforderungen stellen, um den Vorsprung auszubauen und Verwundbarkeiten abzubauen.

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