Ein Versuch über Techno-Logik und Identität

18.07.2000

Gotthard Günther, der verdrängte Technikphilosoph der Nachkriegszeit, über die maschinelle Existenz des Menschen, anlässlich seines hundersten Geburtstages

Je weitreichender Menschen in die Strukturen dieser Welt technisch eingreifen, sie verwandeln und neuartige künstliche Welten schaffen, desto bedeutender wird die Frage, inwieweit sie sich in diesen Strukturen, die sich zunehmend einem sinnlichen Wahrnehmen entziehen, noch wiedererkennen können. Wie zudem das Verhältnis von Mensch und Maschine zu bestimmen ist, gerät also umso dringlicher auf die Tagesordnung, je mehr an der technologischen Front vielfältige Fortschritte erzielt werden. Die Meinungen dazu schwanken zwischen einer humanistischen Position, die das wahre Wesen des Menschen gegen die Maschine behaupten will, und einer simplen Vision der Ersetzung des Menschen. In Zeiten, in denen das bundesdeutsche Feuilleton - endlich - aufgeregt die Versprechen und Auswüchse der Technokultur entdeckt, ist es eine Exkursion wert, ältere Interpretationsansätze der augenblicklichen kulturellen Transformationsprozesse zu besichtigen. Die schon vor Jahrzehnten geäußerten Stellungnahmen des Philosophen Gotthard Günther könnten dabei als eine dritte Position beschrieben werden, die die unfruchtbare Dichotomie Mensch/Maschine auflöst und den Weg ebnet für ein neues Verständnis der maschinellen (Teil)Existenz des Menschen.

Gotthard Günther wäre am 15.6. 2000 hundert Jahre alt geworden. Gestorben ist er 1984 in Hamburg, nachdem ihn seine Tätigkeit in den dreißiger Jahren aus Deutschland über Italien und Südafrika in die USA geführt hat. Polykontexturalität, mehrwertige Logik oder Kenogrammatik sind Stichworte, die mit seinem Werk verbunden werden können. Auf ausführlichere biographische Daten und einen Werküberblick sei an dieser Stelle verzichtet, zumal es auf dem Web mehrere unabhängig voneinander bestehende Sites gibt, die sich (unter anderem) mit Günthers Werk beschäftigen: die PolyContextural Logic Web Site der deutschen PKL-group, die Vordenker-Site von Joachim Paul und die Günther-Site des IFF Klagenfurt. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um auf einige Aspekte seiner Arbeit einzugehen, die möglicherweise von breiterem Interesse sind.

Die Verschränkung von Denkform und Technik

Fragen der Identität tauchen im Zusammenhang mit Technologien meist als Fragen ihres akuten Gebrauchs auf. Wenn die amerikanische Psychologin Sherry Turkle vor Jahren gesagt hat, dass der Computer die Menschen zwinge, "ihre Identitäten neu zu bestimmen und zu bewerten", so bleibt es bei einer beschwörenden Formel, sieht man ab von der Bewältigung einiger Netzsurfer-Krisen und Cyberspace-Spielereien.

Gotthard Günther dagegen brachte schon früh die Frage der Identität in Verbindung mit fortschreitenden Strukturen der Rationalität und einem neuen, einem "kybernetischen" Weltbild. Was seine Arbeit zu einem interessanten Diskurs der bisher in der Bundesrepublik stiefmütterlich behandelten Technikphilosophie macht. Die Potentialität der Maschine, beispielsweise in Form des Computers, ist unzweifelhaft. Dass die Computer zugleich Mittel und Gegenstand der Reflexion sind, ist besonders in der US-Diskussion behandelt worden - sie werden dort gesehen als "Keime eines Kulturwandels", wie Seymour Papert es umschrieben hat.2357 Günther geht einen Schritt weiter, in dem er an logischen Instrumenten arbeitet, die eine Basis dieses Wandels bilden können. Welche neuen Formen sind in der Evolution des Bewusstseins möglich? Was können Computer zu mentalen Prozessen beitragen, nicht nur als technische Hilfsmittel, sondern auf entscheidendere begriffliche Weise (soweit sie Einfluss darauf haben, wie Menschen denken)? Der Einsatz ist die rationale Bewältigung der vielfältigen Herausforderungen, in einer Zeit, in der eine "Krise" der westlichen Rationalität, der durch sie mitinduzierten gesellschaftlichen Strukturen deutlich wird und eine schon epidemische Flucht in esoterische Denkweisen vor sich geht.

Allgemein existiert in der Kultur seit geraumer Zeit ein "Meta"-Trend, von der Meta-Werbung über die Meta-Dramaturgie bis zur Meta-Theorie; ein Denken über das Denken ist da eine passende Ergänzung. Damit ist nicht die neurowissenschaftliche Entschlüsselung der physiologischen Grundlagen der Denkprozesse gemeint, sondern die Reflexion der Denkformen selbst. "Metaphysisch" meint bei Günther denn auch (siehe den Untertitel seines wichtigen Buches "Das Bewusstsein der Maschinen"2358) eine umfassende Theorie der Bedingungen des Bewusstseins, die jenseits der menschlichen Erfahrung liegen können.

Wie erfassen wir unser eigenes Denken? Wenn wir einem anderen Pionier des Techno-Diskurses, Oswald Wiener, Glauben schenken wollen, ist die Selbstbeobachtung eine lange vernachlässigte Tradition der (Geistes)Wissenschaft. Was sich in unserem Kopf abspielt, ist, freundlich ausgedrückt, eine mehr oder weniger widersprüchliche "Koexistenz" verschiedener Denkformen. Unser Denken ist in einem ungeklärten Sinne neurologisch vereinheitlicht, ohne übersichtlich oder in jedem Detail nachvollziehbar zu sein. Beobachten wir unser Denken selbst (soweit das möglich ist), stellen wir erst einmal fest: wir handhaben mental Wörter und visuell vorgestellte Symbole. Das Spektrum reicht von untergründigen Beständen des "wilden Denkens" bis hin zu den luftigen Höhen der dialektischen Logik. Vieles bei diesen Prozessen läuft dabei unabhängig von unserem bewussten Zugriff ab.

Nichtsdestotrotz erscheinen jedes Jahr Tausende von Büchern, die uns vorgaukeln, wie wir das mittels "Denk-Techniken" optimieren können - man beachte im Sortiment Wortschöpfungen wie "Neurolinguistisches Programmieren" oder "Neurostrukturelle Integrationstechnik"! Es gibt selbstverständlich physiologische Voraussetzungen des Denkens. Eine grundlegende "Zweiwertigkeit", eine Strukturierung des Wahrnehmens und sprachlichen Benennens in gegensätzlichen Kategorien wie hell/dunkel, links/rechts, oben/unten u.v.m. dient der Orientierung in der Umwelt. Hinzu kommen sich daraus "ableitende" Denkoperationen wie die Unterteilung in "wahr/falsch". Günther sieht die klassischen zweiwertigen Denkgesetze sogar als anthropologische Konstante, die sich in allen Weltkulturen beobachten ließe, vom abendländischen Begriffspaar "Sein/Bewusstsein" bis zum chinesischen "Yin / Yang".

"Unsere ganze geistige Tradition, ja die gesamte objektive Struktur unserer abendländischen Kultur ruht auf einigen Kernmotiven der auf die Griechen zurückdatierenden Identitätsmetaphysik und der ihr korrespondierenden klassischen Logik, die unser Denken auch heute noch fast ausschließlich beherrscht." (Gotthard Günther)

Die drei Gesetze dieser Logik: das der Identität mit sich selbst, das des verbotenen Widerspruchs und das des ausgeschlossenen Dritten gehören zum Basisset der Philosophiegeschichte. "Alle Spartaner sind Lügner, Phaidros stammt aus Sparta; also ist Phaidros ein Lügner." Diese einfache Art der Schlussfolgerung ist im alten Griechenland ein Volkssport gewesen. Das Finden solcher Kurzschlüsse war eine Jahrmarktsbelustigung. Später wurden diese logischen Abfolgen von Aussagen in den berühmten Syllogismen des Aristoteles zusammengefasst, der Grundlage aller Systeme der formalen Logik. Zum ersten Mal lösten sich die Inhalte von den Denkstrukturen, was Wissensmöglichkeiten reduzierte, zugleich aber das Denken "praktischer" machte.

Ich möchte nicht weiter auf Einzelheiten eingehen, nur soviel: was sich so unscheinbar in diesen Gedankenspielen ankündigt, ist die historisch nie zuvor da gewesene massenhafte Einübung elementaren formalen Denkens. Ein Philosoph wie Gotthard Günther sieht im Aufkommen solcher Denkweisen denn auch die Geburtsstunde der Technik selbst. Die Formalisierung ist der missing link zwischen Denken und Technikentwicklung. Das formale Denken ist in gewisser Weise "maschinell", damit auf externe Systeme übertragbar und bereitet die Technisierung gesellschaftlicher Beziehungen vor (mit Namen wie Leibniz und Boole ist die spätere mathematische Operationalisierung der formalen Logik in Kalkülmodellen verknüpft.). Günther führt als Argument an, dass keine andere Kultur der Welt solche formalen Denksysteme hervorgebracht habe. Die östlichen Kulturkreise haben in der Vergangenheit die komplexeren Metaphysiken gehabt, aber sie wussten damit buchstäblich nichts anzufangen.

Das abendländische System der Logik beschreibt also die formalsten Bedingungen rationalen menschlichen Bewusstseins und ist ein Ausgangspunkt für Günthers Bemühung um eine "transklassische Rationalität".2359 Ein zweiter ist Hegels Philosophie der Dialektik, die er ebenso kritisch interpretiert. Die Grundlage für sein Weltbild ist die Konzeption einer transformierten mehrwertigen Logik (mit diversen Abstufungen).

Nach ersten Versuchen, Systeme der logischen Mehrwertigkeit, wie sie schon in den zwanziger Jahren entwickelt wurden, philosophisch zu systematisieren, ist es Günthers Anliegen seit den Sechzigern, dieses Vorhaben in einer "Kenogrammatik" (als ominös bleibende Leerstellen-Struktur einer grundlegenden Seinsschicht) zu entwerfen. Auf dem Spiel steht die operative Formalisierung von Begriffssystemen, speziell eben der Hegelschen Dialektik, um sie in Maschinen zu realisieren. Der geneigte Leser wird sich jetzt fragen, wie man "mehrwertig" denken kann. Dass man ein Erkenntnisobjekt von verschiedenen Seiten beleuchtet, Perspektivwechsel vornimmt, ist Merkmal des dialektischen Widerspruchsdenkens. Auch das ehemalige Modethema fuzzy logic hat nichts mit Mehrwertigkeit zu tun. Es gibt hierbei eine Grenze des menschlichen Verstehens. Die Gesetze einer mehrwertigen Logik können nach Günther zwar von Menschen berechnet, aber niemals im menschlichen Gehirn als Funktionen "implementiert" werden.

Man kann auch von dem Robotikforscher Hans Moravec hören, dass man den Maschinen andere als die menschlichen Rationalitätsstrukturen einpflanzen könne, aber wie sollen diese aussehen? Günther hat in seinen komplizierten Logik-Studien2360 diese in abstrakt-formalen Strukturen zu ergründen gesucht. Die Brauchbarkeit dieser Studien wird kontrovers diskutiert. Er hat als Problem sowohl die Grenzen formaler Logiksysteme, als auch die Einschränkungen der dialektischen Logik benannt, vermutlich ohne sein Ziel ihrer "Vermittlung" schon erlangt zu haben.

Während manche die von ihm aufwendig notierte transklassische Logik quasi als Logik der Natur und folglich als Königsweg der weiteren Technikentwicklung einschätzen, bezweifeln andere die Richtigkeit ihrer Formalisierung. Ohne diesen Konflikt entscheiden zu können, ist es eine absehbare allgemeine Entwicklung, dass künstliche Denkmechanismen da ansetzen werden, wo die Grenzen menschlicher Verstandeskapazität erreicht sind. Umso nötiger ist die Bereitschaft, sich an diese Grenzen herantasten und sie überschreiten zu wollen. In dem eingezäunten Bereich der Mathematik sind menschliche Fähigkeiten zum Beispiel bei der rechnergestützten Simulation von Prozessen schon längst übertroffen. Warum sollten nicht weitere Denkfähigkeiten auf Maschinen übertragbar sein.

Eine Philosophie der Kybernetik

Günther bezieht sich auf den Ansatz der US-Kybernetik, wie sie von Warren McCulloch und Norbert Wiener als Theorie "höherer" technischer Systeme begründet wurde. Er übernimmt ihre - streitbare - Position, dass eine allgemeine Konzeption von Maschine möglich ist, zu der auch biologische Systeme wie der Mensch gehören. Nicht die Materialität bestimmt eine Maschine, sondern ihr "Verhalten", ihre Funktion.

"Darin liegt ja gerade die umwälzende Bedeutung der Kybernetik, dass behauptet wird, dass Eigenschaften und Verhaltensweisen, die wir in der Vergangenheit ausschließlich lebendigem Fleisch und Blut zugeschrieben haben, auch unabhängig von solcher spezifischen Materialität realisiert werden können."

Die Kybernetik war gedacht als interdisziplinäre Wissenschaft, die untersuchte, wie diese Systeme arbeiten, wie sie sich regulieren, wie sie Informationen verarbeiten. Sie ist nach Günthers Ansicht zurecht skeptisch gegenüber der klassischen Philosophie mit ihren Denkkategorien: die "Machbarkeit" des Denkens müsse sich beweisen in (technischen) "Objektivierungsvorgängen". Und weiter: "Ihre These ist, dass der Mensch sich nur so weit wirklich verstehen lernt, als er sich technisch wiederholt und sich ein physisches Bild seiner Bewusstseinsvollzüge macht." Die Kybernetik sei der radikalste Ausdruck für eine "tiefgehende Abwendung von der bisherigen geistigen Entwicklung"; es gehe um die "Eroberung" dessen, was einstmals als der "alleinige Bereich der Seele" galt.

Man sollte sich erinnern, in welcher Zeit Günther sein Buch "Das Bewusstsein der Maschinen" geschrieben hat. Die Erstauflage erschien 1957. Es tobten die ideologischen Kämpfe der Ost-West-Konfrontation. Der Gegensatz von Idealismus und Materialismus war für ihn allerdings eine überholte Fragestellung. Die Kybernetik ließe sich in diese dichotomische Sicht der Dinge nicht einordnen, da sie die Unterscheidung Geist/Materie ignoriere und ein drittes Thema habe, die "Information", die sich weder einer rein subjektiven, noch einer rein objektiven Sphäre zuordnen lasse.

"Das Phänomen der Information und seiner Kommunikation und vor allem das der intelligenten Lenkung und Beeinflussung von Realitätszusammenhängen durch informative Daten, logische Strukturen und abstrakte Motive, wurde bisher mit unbefangener Selbstverständlichkeit zur sogenannten geistigen Seite der Wirklichkeit gerechnet."

Günthers Position ist letztlich die eines transzendentalen Idealismus, obwohl er durchaus zu einer originellen Neuinterpretation der Marxschen Feuerbachthesen beiträgt. Er nimmt dann einen materialistischen Standpunkt ein, wenn er die Praxis, die technisch geleitete Handlung, die den Naturstoff umformt, vor die verstiegene Introspektion idealistischer Philosophie setzt und die elfte Feuerbach-These ("Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.") favorisiert. Der Mensch nehme die Arbeit auf sich, "sich selbst, die Wiederholung seines Wesens, im Material zu konstruieren. Das ist der Sinn der Kybernetik. Um noch einmal die Worte von Marx zu gebrauchen: in der kybernetischen Technik wird der Gegenstand als 'innlich-menschliche Tätigkeit, Praxis', also 'subjektiv', d.h. als mögliches Subjekt und Ebenbild des Menschen aufgefaßt; und dieser Auffassung folgt die technische Handlung, die ihn in diesem Sinne umbildet." Die kybernetische Neuakzentuierung der These möchte ich nicht kommentieren. Dieser Prozess der Umformung der Natur habe prinzipiell keine Grenzen. Günther interpretiert Technik in toto aber weiterhin als "Selbstrealisation" des guten alten Hegelschen objektiven Geistes, bleibt also in idealistischen Fahrwassern und sucht seinen fundamentalontologischen Weg zu einer "tieferen Seinsschicht", auf dem man ihm wirklich nicht folgen muss.

Die Technologie im klassischen Sinn ist eine Extension von körperlichen Fähigkeiten des Menschen. Ihre Arbeitsweise orientiert sich - unter anderem - an der Funktionalität der menschlichen Gliedmaßen. Die kybernetische Frage ist, inwieweit die intelligenten Fähigkeiten nun maschinisiert werden können. Der klassische Mechanismus, wie er die bisherige Technikgeschichte dominiere, könne nicht "denken" lernen, meint Günther, da er zu eingeschränkt sei durch den Naturzusammenhang. Alle historischen Maschinentypen, ob mechanisch oder (halb)automatisch, seien bloß "tote Apparate" ohne Entwicklungsmöglichkeiten.

Die transklassische Technik dagegen soll auf Basis einer mehrwertigen Logik funktionieren und tendenziell "lebendiges Denken" darstellen. Der Stoff selbst wird zu intelligenter Materie umgeformt.

"Und wenn dann die von der Natur dargebotenen Existenzformen für diesen Zweck ungeeignet sind (...), so stellt man sich die passenden Seinsformen selbst her."

Auch wenn diese Perspektive phantastisch erscheint, so ist die Nähe zu aktuellen Forschungsrichtungen wie dem Künstlichen Leben unübersehbar. Die transklassische "Denkmaschine" wäre eine, die gerade dadurch, dass sie einen anderen Bauplan habe, anderen Mustern des Denkens folgen würde. Unter Experten, die sich auf Günther berufen, ist aber umstritten, ob die transklassische Maschine dabei als real existierender "Transputer" verwirklicht werden kann, ob sie ein verteiltes Intelligenzsystem oder (nur) ein Gedankenmodell darstellt, ähnlich dem der Turing-Maschine. Günther selbst sagt dazu, dass die transklassische Maschine ein "technisches Ideal" bleibe, das möglicherweise in Teilschritten realisiert werden könne, aber ohne je die Leistungen eines Gehirns vollständig zu reproduzieren. Am Vorabend der Entwicklung von Quanten- und Nanocomputern scheint es jedenfalls angebracht, über neue Denkweisen nachzudenken, die dem Umgang mit der wahrscheinlichen Komplexität dieser Maschinen gerecht werden.

Das Subjekt in der Maschine

Dass die Technokultur weitere Bastionen des philosophischen Diskurses durch die Macht des Faktischen besetzt, lässt auf interessante Abwehrgefechte der klassischen bildungsbürgerlichen Intelligenz hoffen. Günther dürfte dabei ein noch zu entdeckendes Feindbild abgeben. Kurz und bündig erklärt er die herkömmliche philosophische Sprache für "bankrott"; aus der Ablehnung Leerformeln Heideggerscher Provenienz ("Verstehen ist das existenziale Sein des eigenen Seinkönnens des Daseins selbst.") macht er keinen Hehl. Das Subjekt ist die klassische Reflexionsinstanz einer geistig ausgerichteten Welt, die Günther frontal angreift und aus der subjektiven Bezüglichkeit in die Außenwelt lagert.

"Erst mit einer dreiwertigen Logik ist es möglich zu zeigen, dass der Reflexionsprozeß etwas ist, was nicht ausschließlich mit Subjektivität, Innerlichkeit und Ichhaftigkeit gekoppelt ist, sondern dass er ebenfalls als eine Variante von objektiver, physischer (meßbarer) Existenz auftreten muß, wenn geistiges Leben und intelligente Kommunikation von Ich zu Ich möglich sein soll."

Subjektives ist in der medialen Außenwelt strukturell vorhanden, um Kommunikation überhaupt erst zu verorten. Deswegen wird die Subjektivität als Kategorie bei Günther nicht aufgelöst, sie wird nur neu bewertet.

Die Subjektivität sei ein Phänomen, das verteilt ist über den "logischen Gegensatz" des Ich (d.h. des subjektiven Subjekts) und des Du (d.h. des objektiven Subjekts), mit einer je vermittelnden Umwelt. Ein dem Ich - Subjekt gegenüberstehendes Subjekt sei keineswegs ein gedoppeltes identisches "Ich", sondern ein nicht einsehbares "Du" - eine Situation, die als "Kontexturabbruch" beschrieben wird. Das Ich ist aber jetzt keine Monade, sondern eine Entität, dessen Subjektivität über die Körperlichkeit und in gewissem Sinn auch über die Umwelt verteilt ist. Jedes Subjekt stellt eine Einheit von Ich- und Du-Anteilen dar. Die Du-Anteile sind dabei jene Subjektivität, die überhaupt in der Maschine nachkonstruierbar ist.

Die postmoderne These von der De-Zentrierung des Subjekts kann man mit Günther vom Kopf auf die Füße stellen. Subjektivität wird in einer technischen Kultur auf viele (im)materielle Sozialstrukturen übersetzt. Er gelangt darüber hinaus zu einer "polykontexturalen Weltauffassung", in der die Vielheit verschiedene Objektivitäten und subjektiver "Kontexturen" untersucht wird. Zu beachten sei "das bewegliche Gewebe der Relationen" zwischen verschiedenen Subjekten und zwischen Subjekt und Umwelt, die ebenbürtig in einem "Umtauschverhältnis" stattfinden. Bei einem etwas schmalspurigen Philosophen wie Vilém Flusser wird das viel später als Idee eines "intersubjektiven Relationsnetzes" wiederauftauchen.

Günther nahm auch ein Thema vorweg, das heute unter der Rubrik "Cyborg" diskutiert wird. Kann es eine posthumane Identität geben? Wenn der Mensch in neue Bereiche des Wissens und des Denkens vordringen will, braucht er neue Mittel, die ihm dabei helfen, die intellektuellen Aufgaben einer neuen Zeit zu bewältigen. Dazu können eventuell "Gehirnprothesen" zählen, die Implantation von Neurochips, wie man heute sagen würde. Die Rekonstruktion des menschlichen Körpers sei eine zwangsläufige Entwicklung mit weitreichenden Auswirkungen.

"Zieht also der Mensch seinen eigenen Körper in den Bereich dessen, was er künstlich verändert und neu macht, so muss das tiefgehende Folgen für sein Identitätsbewußtsein haben."

Es kommt dabei zu einer gegenläufigen Bewegung, in der sich Mensch und Maschine vielfältig annähern: sowie Bestandteile der menschlichen Eigenschaften "mechanisiert" werden können, können Kennzeichen der maschinellen Welt "humanisiert" werden.

Können die Maschinen aber wirklich autonom werden? Der Abstand menschliches/maschinelles Bewusstsein sei einerseits "unendlich", andererseits bliebe die Maschine durch ihre Schöpfer "ansprechbar", sie unterlägen denselben Bestimmungen wie diese. Ich glaube kaum, dass wir heute in der Lage sind, ernsthafte Aussagen über eine mögliche technische Evolution der Maschinen zu machen. Während Günther meint, dass die Maschinen immer in ihren bewusstseinsmäßigen Entwicklungsschritten hinter den menschlichen Konstrukteuren zurückbleiben, war sogar der ideologische Kontrahent Georg Klaus, in den sechziger Jahren Chefkybernetiker der DDR, davon überzeugt, dass die Maschinen sich selbständig machen könnten (und übernahm damit eine gängige Meinung unter Kybernetikern, die in Moravecs Prognosen einer kosmischen KI-Zivilisation gipfelt).

Ein Argument von Günther war, dass die Reflexion nie ganz objektiviert werden, menschliches Selbstbewusstsein eh nicht im mechanischen Gehirn nachgebildet werden könne. Die Maschine sei immer abhängig von der Formbestimmtheit ihrer Konstruktion, die ihre Grenzen der Aktivität ausmachen würden. "Ein sehr wesentliches Element der kybernetischen Theorie ist nämlich, dass die Konstruktionsideen des Ingenieurs, der den 'mechanical brain' entwirft, mit dem Robotgehirn zusammen zwar kein physisches, wohl aber ein logisches System bilden." Ein künstlicher Apparat wäre zwar "bewusst", aber ohne Selbstidentität, vergleichbar mit dem Zustand eines Tieres oder kleinen Kindes - eine Beschreibung, die ähnliche Aussagen über die Anfänge einer Künstlichen Intelligenz des KI-Papstes Marvin Minsky ins Gedächtnis rufen.

Das heißt für Günther nicht, dass alles beim alten bleibt und man seinen gewohnten weltanschaulichen Geschäften nachgehen könne. Er formuliert radikal, dass die Technik den Menschen unter Druck setze, "ein neues schöpferisches Bild von sich zu gewinnen, indem er sich als so frei begreift, dass er die historische Notwendigkeit der Maschine furchtlos begreifen kann, weil er nie in Gefahr ist, von ihr verknechtet zu werden". Das Subjekt kann neue Freiheiten, neue Entfaltungsmöglichkeiten (er)finden, wenn es versteht, dass es in größeren Bezügen und Kommunikationsnetzwerken steht, über die es mit anderen Subjekten und Medien verbunden ist. Voraussetzung ist jedoch das "Sich - Einlassen auf eine unendliche Verknüpfungsmannigfaltigkeit" (Detlef B. Linke). Die Maschine ist dabei eine intelligente "Begleitung", ein Identitäts-"Spiegel", ohne ihren Meister wirklich gefährden zu können.

Die Maschinerie des Sozialen

Die menschliche Kulturgeschichte hat eine Unmenge an Artefakten hervorgebracht. Standen vor der Durchsetzung industrieller Produktionsweisen in der bürgerlichen Gesellschaft einzelne Objekte den Menschen gegenüber, sind heute Technologien vielfältig in Produktions- und Verkehrsformen einbezogen. Die Menschheit erzeugt eine technische Komplexität, die sie nicht überschauen und in ihrer Gänze handhaben kann. Und diese Komplexität wird ansteigen.

Günthers Arbeit erinnert daran, dass die Frage der Technologie keine ihrer bloß äußeren "objektiven" Existenz ist - wird sie mit sozialen Prozessen verschaltet, geht sie aus eben diesen hervor, kann sie zwischenmenschliche Beziehungen prägen und individuelle Identitätsanteile bedrohen (und neue erzeugen). Günther spricht diesen Punkt an: Sozialstrukturen wie Städte, Staaten hätten "eine Eigengesetzlichkeit, die sie der Lenkung durch das klassische Bewusstsein entzieht". Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass soziale Strukturen selbst als "maschinelle" Zusammenhänge beschreibbar sind, die bestimmte Denkpraktiken "vergegenständlichen" und der Notwendigkeit ihrer ständigen Reflexion entziehen.

Dass gesellschaftliche Strukturen die Einstellungen der Subjekte derart prägen, dass sie sich wie Maschinen verhalten, ist schon anhand des Militärbeispiels diskutiert worden.2361 Das Konzept des klassischen Taylorismus hat die Arbeiter zum Anhängsel des Fließbandes gemacht. Wenn die Funktion der Identität tendenziell von technischen Systemen übernommen wird, bleibt die Frage der Rückkopplung mit sozialen Verhältnissen.

Mit den aktuellen Veränderungen in den entwickelten Industrieländern, in denen es um die weiträumige Gestaltung der Gesellschaft mit Großprojekten und neuartige Vernetzungen der Arbeitswelten geht, tun sich neue gesellschaftliche Spannungsfelder auf. "Gesellschaftliche Funktionsbereiche werden zunehmend von selbsttätigen maschinellen Systemen übernommen", bemerken Eggert Holling und Peter Kempin, "die des Menschen als 'Maschinenteil' immer weniger bedürfen. Die 'Freiheit' des aus dem Maschinentakt entlassenen, an die Peripherie gedrängten Individuums wäre jedoch zwiespältig. Subjektivität an der Peripherie des Systems ist tendenziell beliebig, für die gesellschaftlich funktionalen Bereiche unwichtig, realisierbar nur noch im Privaten. Denn die Gesellschaftlichkeit liegt in der Maschinerie, die autonomer agiert."2362

Diese Entwicklung stellt das Individuum vor neue Belastungen der Wahrnehmung. Die gesellschaftlich integrierenden Systeme fordern von den Mitgliedern der Gesellschaft hohe Abstraktionsleistungen in bezug auf die eigene Subjektivität. Abgesehen von der grundsätzlichen Abgetrenntheit von anderen Individuen, die bei ungünstigeren sozialen Bedingungen leicht in die "Gereiztheit aller gegen alle" (H. M. Enzensberger) münden kann, führt die Technik eine Existenz, die sich gegenüber den einzelnen in einer institutionell vermittelten "Sachzwanglogik" bemerkbar macht und ihn in Entscheidungsspielräumen beschneiden kann. Günther führt einen überraschenden Ausweg aus dieser Situation an - die Technik.

"Das Mittel dafür ist ebenso radikal wie paradox: die natürliche Distribution des menschlichen Denkens über konkurrierende Ichzentren soll durch eine künstliche (technische) Distribution der Reflexionsvorgänge über Mensch und Maschine überboten werden. Es ist offensichtlich, dass wenn dieses Unternehmen gelingt, ... menschliches Ich und menschliches Du zusammen auf eine Seite rücken müssen. Auf der anderen steht dann der mensch-erschaffene Mechanismus, und das Denken ist über beide Seiten distribuiert ... über das Menschsein sowohl als auch über das im geschichtlichen Prozeß entstandene Artefakt."

Diese Lösung hat eine Faszinationskraft, wenn man sich vor Augen führt, dass die Maschine ihre Benutzer über deren Existenz indirekt "aufklären" und eine neue Existenzweise andeuten soll. Die gegenwärtige Tendenz des Internet ist hierfür unter Umständen eine Bestätigung. Um den Widerspruch zwischen Individualisierung und Vergesellschaftung in der kapitalistischen Gesellschaft temporär zu lösen, wird seit wenigen Jahrzehnten ein neues gesellschaftlich-historisches Projekt realisiert, das "technologische Projekt des Netzes der Netze".2363

Indem die gesellschaftliche Differenzierung und Individualisierung durch die kapitalistischen Verkehrsformen immer weiter zunehmen, kommen die komplementären Vergesellschaftungsinstanzen immer mehr in die Krise: Familie, lokale Gemeinschaften, Staat. Während diese Individualisierung als Befreiung oder als Leiden empfunden wird, sorgt der Marktmechanismus nach wie vor dafür, dass die Individuen trotz Verfalls von Familienbanden usw. weiter vergesellschaftet werden, die Vergesellschaftung muss von ihnen jetzt jedoch umfassender logistisch vorbereitet werden. Das Internet ist folglich zugleich Bedingung und Resultat von organisatorischen Praktiken, die Individuen unternehmen, um in einer veränderten, global orientierten Welt handlungsfähig zu bleiben. Das Projekt des Internet macht es möglich, das weltweit verteilte Individuen raum-zeitlich unabhängig voneinander jederzeit ein Ganzes bilden; das Netz ist geronnene Vergesellschaftung. Es ist daher kein passives Werkzeug, sondern "weiß" (zum Beispiel in Form komplexer Datenbanken) den Zustand der Vergesellschaftung.

Die Übernahme menschlicher Integrationsleistungen durch Technik umfasst die mediale Überwindung von Zeit/Raum-Zusammenhängen, die Übernahme von Kontrollvorgängen in sozial-technischen Organisationen und, in der bisher spekulativ bleibenden Phase der Künstlichen Intelligenz, die Ersetzung menschlicher Eigenschaften, die der "Identitätsabgrenzung" dienen. Nicht verschwiegen werden soll, dass Günther unter dem Mantel abstraktester Überlegungen auch ein Hintertürchen für das social engineering offen ließ, die politisch wie auch immer gestaltete Ordnung einer (technisch) regelbaren Lebensführung. Die "Maschinerie" des Sozialen ist in Ansätzen beschreibbar. Ob sie einer regelrechten Logik unterliegt, die Günther anmahnte, kann an dieser Stelle nicht entschieden werden.

Im Herbst 2000 veranstalten die Abteilung Technik- und Wissenschaftsforschung am Interuniversitären Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung in Klagenfurt und das technik-sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut, tesof e.V., aus Berlin das vierte Günther-Symposion. Es umfasst einen virtuellen Teil (14.9. - 4.10.) sowie ein "reales" Treffen (7.10) in Berlin und wird die Themenkomplexe Gesellschaft - Logik - Kosmos behandeln.

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