Amsterdams öffentliche digitale Kultur 2000
Was wurde aus der Digitalen Stadt Amsterdam? Ist ein öffentlicher digitaler Raum überhaupt wünschenswert? Wie verhalten sich die alten soziopolitischen und kulturellen Ideale zu den neuen Nutzerprofilen?
Die Niederlande, aber insbesondere Amsterdam, das seit langem für seine umfassenden und vielfältigen alternativen Sozialbewegungen bekannt ist, haben im Laufe der letzten Jahre einige grundlegende Veränderungen ihrer kulturellen Landschaft erlebt. Inzwischen sind die einst standhaft unkonventionellen Aktivisten in erheblichem Ausmaß als Kreative und Manager in die sogenannte Kultur der Neuen Medien übergewechselt, deren Motor zum großen Teil (wenn auch nicht ausschließlich) die Informations- und Kommunikationstechnologie ist. Als diese neue kulturelle Landschaft begann sich zu etablieren, blieb sie relativ lange Zeit frei von den Einflüssen des Mainstream oder kommerzieller Interessen. Aber das könnte rasch der Vergangenheit angehören. Oder sich zumindest in etwas verwandeln, das sich sehr von dem unterscheidet, wofür das "Amsterdamer Modell der öffentlichen digitalen Kultur" recht berühmt geworden war.An sich ist die Vorstellung eines öffentlichen Bereiches in den Medien bereits seit Jahren fest verankert, und das vor allem Dank der Politik der Stadtverwaltung, in den frühen 80ern beinahe alle Haushalte zu verkabeln und das System, ebenso wie die Versorgung mit Wasser oder Elektrizität, als öffentliche Dienstleistung zu verwalten. Diese Methode konnte also ohne große Probleme auf den Bereich der Versorgung mit Internet-Zugängen und verwandten Einrichtungen der Neuen Medien ausgedehnt werden. Wie dem auch sei, es erwies sich als immer schwieriger, dem andauernden Ansturm "des Marktes" und der ihm innewohnenden Ideologie einer kommerziellen Orientierung und der Privatisierung zu widerstehen. Dieser Einfluß auf Ausrichtung und Aktivitäten bereits existenter und in Planung befindlicher Initiativen in den (Neuen) Medien ist nicht zu unterschätzen. Rückblickend ist es wahrhaft erstaunlich, wie lange die Kultur der Neuen Medien gegenüber den Zwängen des korporativen Bereiches beinahe völlig immun blieb. Zum Teil lag das daran, dass die "Machtelite" einen ziemlich nachsichtigen und teilweise sogar fördernden Blick auf diesen Stand der Dinge warf. Aber zugleich hielt sie sich, passend zum geheiligten "Modell Polder", von jeglicher Einbindung resolut fern. Das sollte Folgen haben, die wir später noch erörtern werden.
Was geschah mit der einst so vielgepriesenen "Digitalen Stadt Amsterdam"
Ein beispielhafter Fall dieser Entwicklungen zeigt sich in der sechseinhalbjährigen Geschichte des elektronischen Gemeinschaftsnetzwerkes, bekannt als die "Digitale Stadt Amsterdam" ('Digital City of Amsterdam', DDS). Dieses Projekt, das in der lebendigen und abenteuerlustigen Atmosphäre des Januar 1994 gestartet wurde, hat seither eine bemerkenswerte Zahl von Veränderungen und Adaptationen an sich ständig verändernde Bedingungen und Umstände durchgemacht. Es hat sich aus einer amateurhaften, Low-tech-Basisinitiative ohne Budget zu einer völlig professionalisierten, von Technologie und Geschäft motivierten Organisation entwickelt. Das kulminierte kürzlich in der Umwandlung von einer gemeinnützigen Stiftung zum ITC-Unternehmen im Privatsektor. Im Dezember 1999 erfuhren die erstaunten "Einwohner", dass der Vorstand der DDS sich für eine korporative Rahmenstruktur entschieden hatte, und dass der Aufbau und die Förderung einer Gemeinschaft nicht länger ein ausschlaggebendes Ziel sei.
Allerdings spielten die Veränderungen in den Aktivitäten und den Erwartungshaltungen gegenüber der DDS im Laufe der letzten sechs Jahre wahrscheinlich eine größere Rolle in ihrem Niedergang als authentisches Gemeinschaftsnetzwerk, als die - oft rein reaktiven - Entscheidungen ihres Managements. In den Anfängen (um 1994-95) bot die DDS der breiten Öffentlichkeit in Amsterdam beinahe die einzige Zugangsmöglichkeit zum Internet, ein Modell, das anderswo von einigen Initiativen kopiert wurde, meist allerdings mit weit weniger Erfolg. Aber im Laufe weniger Jahre wurde sie durch die explosionsartige Ausbreitung der Vernetzung des Internet ihrer fundamentalen Funktion beraubt. Gratis-Emails, Webspace und Chat-Facilities stehen jetzt überall zur Verfügung. Es tauchten massenhaft neue kommerzielle Provider auf, die dieselben Dienstleistungen anbieten, oft sogar mehr und bessere als es der DDS möglich ist. Deren Werbefeldzüge ziehen einen Kundenstamm an, der nicht mehr viel mit den Belangen zu tun hat, welche die ursprüngliche Digitale Stadt ausmachten. Das führte in den letzten eineinhalb Jahren zu einer beträchtlichen quantitativen und, was viel wichtiger ist, auch zu einer qualitativen Erosion der Nutzerbasis der DDS - und dieser Prozess beschleunigt sich. Auch wenn die Zahl der Accounts Anfang des Jahres 2000 auf 160.000, ihren bisher höchsten Stand, gestiegen ist, zeigt eine Analyse der Nutzermuster, dass man sie nicht mehr als dem Aufbau einer Gemeinschaft dienlich oder auch nur als sozial und politisch relevanten Informationsaustausch werten kann - beispielsweise stoßen der Aufbau und die Wartung von Homepages nicht mehr auf großes Interesse.
Von der Stiftung zum Unternehmen
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Trotz verschiedener - und aufrichtiger - Versuche, rund um wichtige politische Ereignisse Debatten auszulösen, hat die DDS als Plattform für die Diskussion lokaler Themen an Bedeutung verloren. Daher verwandelte sich die DDS im Grunde in eine reine Servicestruktur, die ihren "Kunden" die üblichen ITC-Serviceleistungen anbietet und von den meisten nur noch als bequemer Filter für Kommunikation von-einem-zu-vielen in holländischer Sprache wahrgenommen wird, wobei sich kaum jemand für die "Gemeinschaft" als Ganzes interessiert. Und das trotz der Tatsache, dass der kommunikative "Noise" in den Channels der DDS zeitweise die Existenz von blühenden E-Gruppen (Pierre Levy) vermuten läßt, besonders rund um 'Metro', einer legendären MUD-Umgebung. Und doch sind die Minderung der Qualität und der sozialen Nützlichkeit insgesamt unübersehbar. (Traurigerweise) kann man die Beibehaltung der holländischen Sprache als Hauptmedium für alle Transaktionen als das einzige noch verbleibende charakteristische Merkmal der DDS als Gemeinschaftsnetzwerk bezeichnen.
Ein weiterer einschränkender Aspekt im Betrieb der DDS und auch derjenige, der im Endeffekt zu ihrer Umwandlung in ein Unternehmen führte, liegt im strukturell schwachen und instabilen Wesen ihrer Anfänge, als die DDS als temporäres Experiment geplant war. Als man die Augenblicksentscheidung für einen permanenten Status traf, machten die Investitionen in Hardware und Bandbreite, gemeinsam mit einer steigenden Personalzahl (bei der letzten Zählung lag der Stand bei 30), immer größere Ausgaben notwendig. Diese Gelder waren in einer Struktur, die durch eine hybride und oft unangenehme Mischung aus Gemeinschaftsdienst, Technologie R&D und (zuerst versuchsweisen, dann ständig wachsenden) kommerziellen Aktivitäten charakterisiert wurde, nicht leicht zu beschaffen. Inzwischen waren aus mehreren Gründen weder die Amsterdamer Stadtbehörden noch der holländische Staat bereit, nach ihren anfänglichen Zahlungen fortlaufende Fördermittel zur Verfügung zu stellen, und auch die Europäische Union, an die man später herantrat, lehnte ab.
Damit blieb als einziger Weg zur Mobilisierung von Ressourcen nur Vertragsarbeit und Sponsoring durch den kommerziellen, neben einer nicht unbeträchtlichen Zahl mehr oder weniger obskur - wenn überhaupt - angebotener Beratungen und Hosting-Jobs für verschiedene öffentliche und halb-öffentliche Gremien. Diese Vorgehensweise, die sich ganz allgemein nicht besonders gut mit dem Aufbau und dem Dienst an der Gemeinschaft vertrug, führte - getarnt als Taktik - auch zu einer immer verwirrenderen Rhetorik der Partnerschaft zwischen öffentlich und privat. Wie zu erwarten war, erwiesen sich am Ende beide Konzepte als trügerisch und diese Richtungslosigkeit verursachte die verhängnisvolle Unterfinanzierung der DDS.
Die wachsende Zahl der Nutzer mit ebenfalls wachsenden persönlichen Anforderungen und wenig Verständnis für die "aus Idealismus" verursachten technischen Mängel, ebenso wie die Notwendigkeit den zahlenden (institutionalisierten) Kunden bessere Leistungen zu bieten, verschlimmerte die missliche Lage noch. Das Fehlen wirklicher politischer und damit auch finanzieller Unterstützung - im Gegensatz zu den kostenlosen Ermunterungen, an denen es nie mangelte - zwang die DDS dazu, sich noch mehr dem Markt zuzuwenden, aber ihr Status als eine Stiftung verhinderte das ernsthafte Interesse von Investoren.
Und nicht zuletzt muss man auch etwas über die Managementkultur und die Managemententscheidungen sagen, die, entweder beabsichtigt oder durch Pflichtversäumnis, ein weiterer Grund für das unglückliche Schicksal der DDS waren. Die Möglichkeit, die Digitale Stadt zu einer wirklich selbstverwalteten Netzwerkgemeinschaft zu machen, wurde sehr früh zu Gunsten eines angeblich effizienteren, im Endeffekt aber verwirrenden und umstrittenen "Exekutivmodells" zur Verwaltung beiseite geschoben. Es dauerte nicht lange, bis die "Einwohner" ihrer armseligen Mitbestimmungsmöglichkeiten überdrüssig waren, und der DDS-Koordinator Joost Flint, später der selbst ernannte Direktor und letztendlich Mitbesitzer, seine Amtsgewalt ungehindert ausüben konnte, was er im undurchsichtigen, alle Streitfragen und Debatten vermeidenden Stil tut, der das Markenzeichen der regierenden holländischen Klasse ist. (Die ursprüngliche Ko-Initiatorin der Digitalen Stadt und ihre langjährige "Bürgermeisterin" Marleen Stikker, gründete die "Gesellschaft für Alte und Neue Medien" (Society for Old and New Media)).
Was die Entscheidung betrifft, sich in eine Firma zu verwandeln, so ist es offensichtlich, dass das Management der DDS, parallel zu ähnlichen Entwicklungen wie zum Beispiel dem Ausverkauf von Geocities.com und anderer Initiativen wie Multimania in Frankreich, neben anderen Überlegungen vor allem auch den individuellen Account-Wert und die Markensichtbarkeit im Sinn hatte. Der letztere Aspekt war in den Niederlanden sehr deutlich - und der erstere sogar weltweit, als auf der Höhe des IPO/Fusions/dotcom-Wahnsinns, der die letzten Monate des Jahres 1999 kennzeichnete, absurde Werte von Abertausenden Dollar pro Augapfelpaar erreicht wurden. Solange allerdings die komplexen Fragen, die die neue Besitzstruktur betreffen, nicht geklärt sind, bleibt die tatsächliche Realisation dieses "feuchten Traumes" dennoch ein wenig getrübt. (Die frühere DDS Stiftung war in drei autonome Zweige gespalten, die in einer Dachgesellschaft zusammengeschlossen waren; in gewisser Weise ein zu geheimnisvolles Modell, um leicht verständlich zu sein, geschweige denn, um es hier vorstellen zu können).
All das läßt die Nutzergemeinde nur mit wenigen Zukunftsperspektiven und völlig abhängig von dem Wohlwollen des Managements auf dem Trockenen. Dennoch wird der "Dienst an der Gemeinschaft" ein wichtiger Service der Digitalen Stadt bleiben, und sei es nur, weil eine solche "Gemeinschaft" - ein Wort, dem inzwischen bereits ein ekelhaft kommerzieller Geschmack anhaftet - zumindest einen Pool potentieller Kunden und Werbekonsumenten für die korporativen Kunden der DDS (wie zum Beispiel die Nederlands Postbank) bietet. Dennoch wird sie, aus Notwendigkeit und den oben ausgeführten Überlegungen, in den Hintergrund treten. Als Ausgleich bleibt die relativ enge Beziehung der breiten Öffentlichkeit zu den neuen Technologien und den Neuen Medien, was in Amsterdam ganz sicher der Digitalen Stadt zu verdanken ist und hier viel früher als im restlichen Europa stattfand - weit früher als die vom Markt motivierte Massendurchdringung des Internet auf dem Kontinent.
Das nervöse Klima in der Kultur der Neuen Medien
Aber so exemplarisch sie auch sein mag, so ist die Digitale Stadt doch nur ein Beispiel jener Entwicklungen, die in Amsterdam und in den gesamten Niederlanden zur Existenz einer Medienkultur beigetragen haben, die weder von marktorientiertem Populismus, noch von einem hochgestochenen kulturellen Elitismus angetrieben wurde. Die verschiedenen Akteure und Institutionen in diesem Feld bekamen ihr Startkapital von den üblichen Förder- und Regierungsstellen, aber sie haben sich ihre Unabhängigkeit erhalten, und zwar dank eines zum Großteil auf freiwilliger Basis funktionierenden Betriebes mit low-tech (oder besser "betriebseigener") Technologie, sowie einer durch ihr geringes Kapital bedingten Vorgehensweise.
Was ebenfalls eine Rolle spielte, waren die Veränderungen in der Subventionspraxis der traditionellen öffentlichen Quellen für Kulturfinanzierung. Entsprechend der derzeit herrschenden Ideologie des Marktes verlagern sie sich von fortlaufenden Förderungen auf einmalige oder projektbezogene Zahlungen, und diese Politik hat der Ausrichtung solcher Aktivitäten ihren Stempel aufgedrückt. Unter diesen Umständen wurden viele kleine Projekte verwirklicht, aber die Etablierung permanenterer Strukturen wurde eingeschränkt. Das hat wiederum zum Vorherrschen einer praktischen, innovativen Einstellung geführt, zu einem tief verwurzelten Geist der Schnellebigkeit und zur Entwicklung einer "schnellen-und-schmutzigen" Ästhetik von solchen Gruppen wie TV3000, DeHoeksteen, Park TV, Rabotnik und Bellissima (die in Amsterdam alle im "öffentlichen Sendebereich" aktiv sind, den der engagierte öffentliche Kabelkanal SALTO bereitstellt).
Und man darf auch die eigenen innovativen Initiativen der Digitalen Stadt im Bereich der Streaming Medien und des Internetradios und -fernsehens nicht vergessen, denen das eigene Management nur widerwillig seine Zustimmung erteilte. Ein so "nervöses" Klima war auch, wie bereits vorhin erwähnt, das Ergebnis des jeweiligen Mangels an direkten Verbindungen zwischen der Kultur der Neuen Medien und dem politischen Establishment. Die sich entwickelnde Kultur der Neuen Medien wurde von den Entscheidungsträgern als ein Puffer gesehen, als eine Art Niemandsland, das weit von den Belangen der parlamentarischen Demokratie entfernt war. In Amsterdam waren die Public Access Medien kein Instrument in den Händen der politischen Klasse. Das heißt nicht, daß sie per se unpolitisch waren, sondern nur, dass es keinerlei Interventionen von oben gab, um genauer zu sein, es gab weder Zensur noch Überwachung.
Aber wie läßt sich dann die Öffentlichkeit im Bereich einer "öffentlichen digitalen Kultur" beschreiben?
Diese Diskussion läßt jedoch wiederum ein fundamentales Problem unberührt: Es wurde noch kein Entwurf für einen offenen, öffentlichen Bereich im Cyberspace entwickelt. Tatsächlich ist er noch nicht einmal genau definiert worden - und das trotz zahlreicher und teilweise verschrobener Phantasien und Spekulationen. Die großen Fragen bleiben weiter unbeantwortet. Wie zum Beispiel: Welche Instanz wird die Verantwortung für die nicht-kommerzielle Kultur im Cyberspace übernehmen? Oder sogar noch wichtiger: In wessen Besitz werden die Konzepte, die Inhalte und letztendlich der Raum selbst sein? Es ist offensichtlich, zumindest in den Niederlanden, dass politische Parteien sich aus dieser Debatte zurückgezogen haben. Sie sind zwar bereit, eine Menge Geld und Energie in die Online-Verfügbarkeit ihrer eigenen Ansichten fließen zu lassen, aber das macht sie noch nicht zu einer öffentlichen, unabhängigen Plattform.
Was im Zeitalter der Konvergenz von "Plattformen" wirklich dringend gefragt ist, ist ein Nachfolger für das öffentliche Sendesystem selbst. (In Amsterdam wurde diese Aufgabe der Digitalen Stadt aufgebürdet, weil die lokale Radio- und Fernsehgesellschaft SALTO keine Ahnung hat, was sie mit dem Internet anfangen soll). Vor allem sind der tatsächliche Besitz der Kabel und "Röhren" wichtig, aber das ändert sich ständig, abhängig von den Launen der Politik oder den stürmischen Entwicklungen an der Fusionsfront. Die Gesetzgebung ist ebenfalls ein umstrittenes doch außerordentlich wichtiges Thema, vor allem in Hinblick darauf, welche Möglichkeiten sich potentiellen Produzenten von Inhalten hinsichtlich des Designs und der Instandhaltung eines neuen öffentlichen Bereiches im Cyberspace bieten werden. Eines sollte jedoch klar sein: es ist zwecklos darauf zu warten, dass Regierungen oder Unternehmen die Entwicklung einer öffentlichen digitalen Kultur realisieren oder wenigstens ermöglichen. Das Amsterdamer Beispiel zeigt, dass nicht die großen Visionen, Modelle und Pläne zählen, sondern vielmehr unsere tatsächlichen, "praktischen" Initiativen und Aktivitäten. Die Alternative ist der Tod einer Kultur durch blinden Kommerzialismus und/oder bürokratische Verordnungen.
Aber wie läßt sich dann die Öffentlichkeit im Bereich einer "öffentlichen digitalen Kultur" beschreiben? Es sollte von Anfang an klar sein, dass diese Öffentlichkeit nicht zwangsläufig mit dem Einzugskreis der traditionellen Medien, der Bewohner des öffentlichen Bereiches im realen Raum oder der Wählerschaft im allgemeinen übereinstimmt. Sogar wenn einige der allgemeinen Grundsätze des öffentlichen Bereiches (und vor allem seiner Ethik) auf den Cyberspace übertragen werden können, müssen die Anwendungsmöglichkeiten zum Großteil erst gefunden, abgesprochen und umgesetzt werden. Im Gegensatz zu einer bestimmten vorherrschenden Ideologie der "vernetzen Gesellschaft", haben wir in Amsterdam die Erfahrung gemacht, dass Computerkenntnis nach wie vor ein Hindernis darstellt, das sowohl die Handelnden als auch die Handlungen formt.
Die digitale Kultur der späten 90er bleibt zum Großteil weiterhin das Revier der Computerfreaks/Hacker, Studenten, Medienprofis und einer verstreuten Gruppe von Personen, die es der Mühe wert fanden, sich mit Computersystemen vertraut zu machen. In den letzten zwei Jahren mögen zwar Hunderttausende neuer Nutzer zur Szene gestoßen sein, aber ohne den geringsten Wunsch, Teil einer Online-Kultur oder eines öffentlichen Bereiches als solchem zu sein. Ihre Nutzung beschränkt sich auf einige wenige Anwendungen (die meist in einer Microsoft-OS-Umgebung zur Verfügung stehen), und sie nehmen das Internet nur als Komponente - und wahrscheinlich nicht einmal als die wichtigste - ihrer immer mehr mit technischen Geräten gefüllten, spielerischen Telekommunikationssphäre wahr. Diese Aussage ist übrigens nicht als moralische Wertung zu verstehen. Aber um eine Online-Gemeinschaft zu schaffen, braucht man andere Fähigkeiten und Praktiken. Die Nutzung des Internet und Computerkenntnisse sind nicht dasselbe.
Ist ein digitaler öffentlicher Bereich überhaupt wünschenswert
Die nächste Frage ist natürlich, inwiefern ein digitaler öffentlicher Bereich überhaupt wünschenswert und in welchen Ausmaß er "verwirklichbar" ist. In großem Maß ist das dieselbe Diskussion wie die des öffentlichen städtischen Raumes, und manchmal tauchen auch dieselben Akteure auf. Die Antwort ist jetzt klar, und sie scheint negativ auszufallen. Beinahe in ganz Europa - wie immer ist Frankreich die Ausnahme - hat der Staat es verweigert, den öffentlichen Bereich des Internet zu verwalten, zu entwerfen und erst recht ihn zu finanzieren (mit einigen Ausnahmen, die man als "Augenauswischerei" bezeichnen kann, wie zum Beispiel Bayern Online, Parthenay und einige andere). Eher herrscht jetzt eine sehr eingeschränkte ökonomische Annäherung an die Möglichkeiten, die das "Informationszeitalter" bietet, wie es ja der Dotcom-Wahnsinn und, auf der Ebene der Alltagskultur, die Explosion sowohl der Zahl als auch der Größe von Internetcafes verdeutlichen. Entsprechend der herrschenden Ideologie des Marktkonformismus betrachtet man nicht einmal den universellen öffentlichen Zugang als etwas, in das die Regierung eingreifen sollte, was sich in den sehr eingeschränkten Versuchen zeigt, Terminals für den öffentlichen Zugriff einzurichten.
Die Probleme mit der "Virtual Platform"
Wenn man sich jetzt wieder der holländischen Medienszene zuwendet, hat das beinahe legendäre 'Modell Polder' hier auch seine eigene digitale Kopie hervorgebracht, die als "Virtuelle Plattform" (Virtual Platform) bekannt ist. Gegründet im Jahr 1997 liegt ihr Ziel darin, unter den Mitgliedern einen funktionierenden Konsens aufzubauen und dadurch schädigenden Wettbewerb zu vermeiden. Das Einbringen ein wenig korporativer Disziplin - auf typisch holländische Art durch endlose Sitzungen zu Stande gebracht -, garantiert, dass die jungen Institutionen sich nicht wegen der geringen finanziellen Mittel, die von indifferenten nationalen und europäischen Regierungsstellen in homöopathischen Dosen vergeben werden, an die Kehle gehen. Als praktisches Ergebnis dieses Modells wachsen eine begrenzte Zahl von Organisationen (z.B. V2, DeBalie, Society for Old and New Media, Steim, Paradiso, Montevideo etc.) aus ihrem Start-Up-Status heraus und konsolidieren neue Mainstream-Institutionen, ohne zur Fusionierung gezwungen zu sein oder in der Versenkung zu verschwinden. Es gibt auch eine Schattenseite: Weil es eben keine wirklich offene Plattform ist, erhöht sich die Schwelle für diejenigen Neueinsteiger beträchtlich, die, aus welchem Grund auch immer, nicht Mitglied sind. Natürlich stellt sich also die Frage, ob eine begrenzte Zahl nicht unbedingt repräsentativer Organisationen von sich behaupten kann, den öffentlichen digitalen Bereich zu verkörpern. Im Endeffekt wurde die Virtuelle Plattform vor allem zu einem bequemen Vermittler für das Kulturministerium, um dessen administrative Belastung und auch die Probleme hinsichtlich ihrer Verfahrensweisen auszulagern, und so eine Schirmherrschaft ohne Verantwortung beibehalten zu können. Wie dem auch sei, dieses Konzept hat sich als erfolgreich erwiesen und seine Ausrichtung, die zum Beispiel bereits von Belgien und (in der Vor-Haider Ära) von Österreich übernommen und adaptiert wurde, könnte sich für weitere Exporte anbieten.
Dieser "gemeine & hungrige" Zustand zeitigt noch ein überraschendes Ergebnis. Als die kreativen Geister sich aus den Limitierungen und Frustrationen des gemeinnützigen kulturellen Bereiches befreiten, gründeten sie an der kommerziellen Front ihre eigenen (abenteuerlustigen) Unternehmen. Heute empfindet man das Geschäft als herausfordernd, lohnenswert und als Spaß. Aber das sollte nicht die Tatsache verdecken, dass der derzeit vorherrschende Enthusiasmus für den unternehmerischen Geist unter diesen Umständen eigentlich die einzige Option war. Die Digitale Stadt bleibt natürlich das beste Beispiel für diese Flucht ins Kapital - als ein Glaubenssystem. Aber sie ist bei weitem nicht das einzige und auch nicht das erfolgreichste Beispiel. Ein inzwischen ständig propagiertes Ergebnis des Booms der Neuen Medien sind die zahlreichen kleinen und mittelgroßen Geschäfte und die 10.000 und mehr Jobs, die im Laufe der letzten Jahre allein in der Amsterdamer Region geschaffen wurden. Sie gedeihen in den Bereichen Design, Softwareentwicklung und Dienstleistungen, und halten sich an das Vorbild der bereits bestehenden 'Brückenkopffunktion' der Niederlande im internationalen Marketing R&D. Die Unternehmer und Angestellten teilen häufig ihren Hintergrund in der Techno-Trance-Rave-Szene, versetzt mit einem Spritzer Hausbesetzeraktivismus und Hacker-Ethik. Frühere Erfahrungen und Experimente im Bereich des Theaters, der visuellen Künste und der Musik werden bereitwillig auf einmalige Projekte übertragen, einige davon kommerziell, andere - von den ersteren subventioniert - nicht.
Inzwischen besteht unter dem Akronym ANMA ("Amsterdam New Media Association") bereits das geschäftliche Äquivalent der "Virtuellen Plattform", aufgebaut nach dem Modell des New Yorker Originals. Es gleicht in gewisser Weise dem "First Tuesday"-Format, allerdings mit weniger starker Betonung des Kontakts mit Risikokapital und Business Angels, beziehungsweise IPO-Rhetorik, sondern widmet sich mehr den sozialen Netzwerken, Diskussionen und sogar dem Entwurf von Verfahrensweisen. Seltsamerweise wurde die Wirtschaftsabteilung der Stadtverwaltung auf diese Entwicklungen aufmerksam und zeigt sich jetzt als enthusiastische, möglicherweise sogar als zu enthusiastische Unterstützerin. Und damit schließt sich der Kreis. Der sich zurückziehende Staat entpuppt sich nichts desto trotz als sehr präsent und es gelingt ihm, teilzuhaben ohne Kontrolle auszuüben. In dieser neuen Konstellation würde der allgegenwärtige und doch abwesende Statt sich selbst gerne nur als einen weiteren Geschäftspartner darstellen. Innerhalb dieser depolitisierten Rahmenstruktur hat man sich der Repräsentation und Verantwortlichkeit entledigt, und zwar zu Gunsten umständlicher und doch subtiler "vernetzter" Vorgänge, die auf die Bedürfnisse der allmächtigen und wohlwollenden Marktes eingehen (zumindest in der Kultur und vor allem der digitalen Kultur). Oder um Alain Minc zu zitieren: "Nicht die Demokratie ist der natürliche Zustand einer Gesellschaft - sondern der Markt."
Einige der wichtigsten Player in der Amsterdamer digitalen Kultur:
Geert Lovink ist einer der Mitbegründer der DDS und hielt als ihr "Botschafter" Vorträge auf zahlreichen Konferenzen, z.B. "Internet und Politik", München 1996. Darüberhinaus übernahm er die Rolle eines Initiators im Gründungsstadium verschiedener kultureller Netz-Initiativen in Amsterdam, wie z.B. Contrast.org. Patrice Riemens ist Schriftsteller und Mitglied einer holländischen Hackergruppe.
Übersetzung aus dem Englischen: Barbara Pichler
http://www.heise.de/tp/artikel/6/6970/1.html- nobody invests to lose money... (26.8.2000 14:05)
- Businessmen, not Techno... (18.8.2000 12:18)
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