Erstes Klonkind?

Florian Rötzer 10.10.2000

Noch im Oktober will eine Sekte mit ihrer Klonfirma im Auftrag eines amerikanischen Ehepaares starten

Oft sind religiöse Gruppen oder Sekten dem technischen Fortschritt nicht allzu aufgeschlossen. So werden viele der Möglichkeiten, die die Gentechnik bietet, erst einmal abgelehnt. Das betrifft natürlich auch das Klonen von Menschen. Für die Christen ist das möglicherweise auch deswegen Tabu, weil Christus ja eigentlich auch ein Klon ist, der von der Leihmutter Maria ausgetragen wurde (Am Anfang stand der Klon). Aber in manche religiöse Anschauung ist die Technik bereits eingebaut. Da kommen nicht nur die Götter mit Raumschiffen auf die Erde, sondern experimentieren auch auf der Erde mit der Gentechnik, um Leben entstehen zu lassen. Und eine solche Sekte, die schon seit 2 Jahren ankündigt, Menschen klonen zu wollen, will nun den ersten Kunden gefunden haben.

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Wie die Auseinandersetzungen um die Züchtung von menschlichen Stammzellen oder von geklonten menschlichen Blastozyten für die Gewinnung von Ersatzgewebe zeigen, ist das Klonen von Menschen noch immer weitgehend tabu. Um nicht den Anschluss an eine vielversprechende Technik zu verlieren, soll wenigstens das "therapeutische Klonen" zugelassen werden, noch aber sagen auch die meisten Wissenschaftler und Unternehmen, dass sie ein "reproduktives Klonen", also die Erzeugung eines geklonten Menschen, ablehnen.

In der heißen Phase nach dem erfolgreichen Klonen des Schafs Dolly machten sich zwar einige anheischig, demnächst nicht nur Lieblingstiere, sondern auch Menschen klonen zu wollen. Bislang hat man von diesen Ankündigungen nichts mehr gehört, aber Ende September hat jetzt die Sekte Rael auf einer Pressekonferenz in Montreal verkündet, man habe für die schon 1997 gegründete Firma Clonaid mit Sitz auf den Bahamas (Klonen auf Bestellung) die ersten Kunden gefunden, die Ernst mit dem Klonen machen wollen.

Für die von dem ehemaligen Sportjournalisten Claude Vorilhon gegründete Sekte, der behauptet, bereits Außerirdischen, den Elohim, begegnet und von ihnen über den Ursprung des irdischen Lebens aufgeklärt worden zu sein, wurde das Leben auf der Erde geklont und verdankt auch die Auferstehung von Jesus Christus auch dem Klonen. Der rührige Sektenführer, der gleichzeitig auch Rennfahrer und Sänger ist, einen UFO-Freizeitpark betreibt, eine Botschaft zur Begrüßung der Götter aufbauen will, die irgendwann mit einem Raumschiff landen werden, sich als den "Letzten der Propheten, den Botschafter der Unendlichkeit und den Pabst der raeliansichen Religion" versteht und auch noch der Sohn Gottes sowie der Bruder von Jesus ist, hatte allerdings schon vor einem Monat bekannt gegeben, einen Geldgeber fürs Klonen gefunden zu haben. Die von Rael gegründete Firma bietet inzwischen schon einmal die sachgemäße Lagerung von DNA an und verlangt für das Klonen um die 500000 Dollar. Später, wenn das Klonverfahren perfektioniert sei, will man dafür 200000 Dollar verlangen.

Rennfahrer und Sektengründer Rael oder Claude Vorilhon

Rael trat während der Pressekonferenz in Montreal zusammen mit der Molekularbiologin und wissenschaftlichen Leiterin von Clonaid, Brigitte Broisselier, sowie fünf jungen Frauen auf, die sich angeblich als Leihmütter zur Verfügung stellen wollen, um den geklonten Embryo auszutragen. Noch im Oktober will man starten, um für ein anonym bleibendes amerikanisches Ehepaar, dessen 10 Monate altes Kind durch einen Fehler bei einer Operation gestorben ist und von dem Gewebe aufbewahrt wurde, zumindest genetisch dasselbe Mädchen noch einmal zu bekommen. Geld genug habe das Ehepaar von der Versicherung für den Fehler der Ärzte erhalten. Wo das Klonen stattfinden soll, teilte die geschäfts- und aufmerksamkeitstüchtige Sekte auch nicht mit, ebenso wie nicht bekannt ist, ob sie überhaupt Wissenschaftler hat, die das Klonen durchführen können. Angeblich habe man vier Wissenschaftler dafür gefunden, die zum ersten Klonen bereitstehen.

Das Klonen selbst ist allerdings keine so schwere Technik, problematisch ist vor allem, dass sie so wenig effizient ist. Für eine geglückte Schwangerschaft sind, wie man aus Tierversuchen weiß, Hunderte von Versuchen notwendig, was auch heißt, dass viele menschliche Eizellen von Spenderinnen, viele geklonte Embryos und viele Leihmütter nötig sind. Die Washington Post rechnet, dass man für einen menschlichen Klon, der gesund auf die Welt kommt, etwa 20 Spenderinnen braucht, die 400 Eizellen liefern, und 50 Ersatzmütter, denen erst einmal die überlebenden Embryos eingesetzt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Embryos gar nicht einnisten oder es zu einem Schwangerschaftsabbruch kommt, ist groß. Schon allein wegen des "Aufwands" könnten bislang Wissenschaftler davor zurückgeschreckt sein, einen Menschen zu klonen, was nicht in allen Ländern verboten ist. Da aber vermutlich Wissenschaftler, die so etwas erstmals machen, geächtet würden, wäre es gut möglich, dass die Premiere von einer Sekte durchgeführt wird, die nichts zu verlieren und höchsten Aufmerksamkeit und Geld gewinnen kann. In dem konkreten Fall will die Mutter des toten Mädchens selbst keinen Embryo austragen, meinte der Sektenführer, da sie Angst habe, noch einmal dasselbe Kind zu verlieren.

Angeblich gibt es Menschen, die geklont werden wollen , zuhauf. Hunderte hätten sich bereits bei Clonaid angemeldet, und auch amerikanische Wissenschaftler sagen, dass sie immer wieder Anfragen von Menschen erhalten, die sich selbst oder ein Kind bzw. einen Partner klonen wollen. Wenn also nicht alles nur ein Werbegag war und es der Sekte gelingt, das Kind zu klonen, wird auch die nächste moralische Schwelle früher oder später fallen und das Klonen von Menschen zumindest dort praktiziert werden, wo es nicht verboten ist, man auf das Geld scharf ist und dem Standort in Sachen Gentechnik einen Vorteil verschaffen will.

http://www.heise.de/tp/artikel/6/6996/1.html
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