Hacktivisten in Logoland
Ein Abend mit Naomi Klein - Markenaktivistin und Autorin des Buches "No Logo"
Als vor knapp eineinhalb Jahren Globalisierungsgegner im Umfeld der WTO-Konferenz in Seattle erfolgreich elektronischen Widerstand leisteten, kam Naomi Kleins Buch "No Logo" auf den Markt und trat, wie es heute auf ihrer noch im Aufbau begriffenen Homepage heißt, eine Bewegung los. Anti-Konzern-Aktivismus bekam einen Namen und einen über den Zeitraum von vier Jahren unabhängig recherchierten Führer, aus dem sich zahlreiche Taktiken für den Kampf gegen die neuen Weltmächte ableiten ließen: Debranding und Adbusting sind heute noch immer in aller Munde, wenn es heißt, die Ziele aller Hacktivisten auf korporativ gesteuerte Bilder und Zeichen zu übertragen. Um die deutsche Übersetzung ihres bald über Bertelsmann vertriebenen Buches anzukündigen, war Naomi Klein letztes Wochenende in Berlin und sprach in einem überlaufenen Versammlungsraum im Kreuzberger Mehringhof über ihre Anliegen.![]() |
Neben Shell und McDonalds ist Nike das favorisierte Objekt der MarkenaktivistInnen. Seit wenig mehr als drei Jahren steht der Sportartikelhersteller unter Beschuss. Und obwohl Techlabs Ray Riley in einem jüngeren Wired-Interview versichert, man habe die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet, sind die Arbeitsbedingungen, wie ein am 22. Februar von der Global Alliance for Workers and Communities veröffentlichter, 104-seitiger Bericht zeigt, kaum besser geworden. 4000 Arbeiter wurden in neun indonesischen Nike-Fabriken interviewt. Die Ergebnisse sind haarsträubend und lassen noch Schlimmeres vermuten: 2.4 Prozent der Arbeiter gaben sexuelle Belästigung von Managern und leitenden Angestellten zu Protokoll, 7.8 Prozent sprachen davon, auf verbaler Basis sexuell bedrängt worden zu sein, während 30 Prozent sich über sprachliche Misshandlungen beschwerten. Für Unruhe sorgte auch der Befund, zwei Arbeiter seien am Arbeitsplatz auf Grund von verweigerter medizinischer Unterstützung gestorben.
Nicht nur die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und die Struktur eines Konzerns wie Nike bieten seit geraumer Zeit Anlass zu Boycott-Nike-Aktionen. Gegenstand der in Naomi Kleins Buch geäußerten Kritik ist vorallem die Strategie der Markenentwicklung. Schließlich ginge es nicht mehr nur darum einen Lifestyle zu verkaufen, sondern einen Lifestyle von Grund auf zu erfinden und zu bauen. Als Paradebeispiel für letzteres führte sie Walt Disneys Celebration an, eine Stadt, bzw. vielmehr eine Modell-Gemeinschaft in Florida, in der es wie in Havanna zwar keine Werbung gebe, aber wo der gesamte (öffentliche) Raum korporativ ist: eine Disney-Schule, ein Disney-Rathaus und eine Disney-Polizeiwache. In einem etwas virtuelleren, und damit auch den Bedingungen unserer Zeit entsprechenden Sinne, baue eine Firma wie Virgin ebenfalls an einem ganzheitlichen Lebensentwurf. Was Klein als "Barbie für Erwachsene" bezeichnete, lässt ebenfalls vom Virgin-Zug über die Virgin-Cola bis zur Virgin-Privatpensionsversicherung nichts missen.
Die Wiedereroberung von Räumen ist nach Kleins Meinung daher die unumgängliche Konsequenz und Grundlage des Anti-Konzern-Aktivismus. Doch wurde gerade dieser Ansatz bei dem Berliner Publikum eher skeptisch aufgenommen. Katja Diefenbach, Redakteurin bei der Wochenzeitung Jungle World, die diese Veranstaltung übrigens organisierte, fühlte sich an Pierre Bourdieu und einige andere Intellektuelle erinnert, die vor einem ähnlichen Hintergrund zu Aktionen gegen den Neo-Liberalismus aufriefen um Räume wiederzugewinnen, die es schon längst nicht mehr gebe. Sprich, Räume außerhalb des Marktes. Klein, deren intellektuelle Karierre sich auf einem abgebrochenem Studium und einer orientierungslosen Phase als Redakteurin bei This Magazine begründet, zeigte sich einsichtig und verwies an anderer Stelle darauf, dass in den Staaten diese Art des Aktivismus erst seit fünf Jahren an der Tagesordnung steht. Ihr Publikum hatte sie immerhin mit den Worten begrüßt, sie freue sich es mit so vielen erfahrenen und fortgeschrittenen AktivistInnen zu tun zu haben.
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Damit wird sie auch ihre Ko-ReferentInnen gemeint haben, die den Blick für die lokalen Zusammenhänge des Anti-Konzern-Aktivismus frei machten: Brigitta Kuster aus Zürich, Autorin des Buches "Reproduktionskonten fälschen", die neulich u.a auch über das Boarding-House-Phänomen in der Zeitschrift Widersprüche geschrieben hat und ein Vertreter der Berliner CallCenterOffensive. Letzterer, übrigens mit einem blondierten Irokesenhaarschnitt ausgestattet und sichtlich jünger als Naomi Klein, vermittelte einen Geschmack von dem Mix aus Pragmatik und Ironie, die diese Art des Aktivismus auszeichnet. Allein der Name seiner aus knapp ein Dutzend Leuten bestehenden Gruppe sei eine ironische Anspielung auf die gleichnamige Call Center Offensive NRW, die sich um die Ansiedlung von Call Centern am Standort NRW bemüht.
Dass es tatsächlich ein Gerangel auf dem Markt gibt und Bundesländer wegen der Ansiedlung von Call-Center-Unternehmen miteinander in Konkurrenz treten, konnte der Sprecher mit Beispielen bestens vermitteln. Insgesamt ging es ihm darum, auf die Arbeitsbedingungen in dieser Branche aufmerksam zu machen (auf ihrer Homepage findet sich ein gut recherchierter Überblick auf die Situation von neun verschiedenen Call Centern in Berlin) und die Initiativen der CallCenterOffensive Berlin vorzustellen. Neben der Unterstützung von Beschäftigten am flexibiliserten Telefonarbeitsplatz geht es ihnen auch um Öffentlichkeitsarbeit und Analyse. Zuletzt verwies er darauf, daß Call Center in Form von Umfragen an der Produktion von korporativen Images beteiligt sind, was sie insgesamt als bezeichnendes Phänomen des Neoliberalismus und bestgeeignetes Angriffsziel für Globalisiserungsgegner und MarkenaktivistInnen erscheinen läßt.
http://www.heise.de/tp/artikel/7/7065/1.html- Richtig (7.3.2001 8:39)
- Wenn der Osterhase es will?? (6.3.2001 21:43)
- adbusting auch in germoney (6.3.2001 14:37)
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