Gefangene, die mit Tesa vor dem Mund in ihren Zellen stehen und "HMP! HMP!" machen

07.03.2001

Das Experiment: Eine große poetische Leistung, gleichermaßen ein verstörendes Werk

Poesie im deutschen Film, das ist, wenn Wim Wenders eine Werbung für die Expo dreht, wenn Franka Potente sich die Haare färbt und wenn Inge Meysels Zahnprothese leise gatscht, weil sie wieder einen Preis bekommt. Poesie: das sind aber auch die Pausen zwischen den hingeholperten Sätzen der "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten"-Darsteller, sind die Anschlussfehler und der schlechte Ton der Fernsehkrimis, sind die Dialoge der "Filmfilme" und "Movies of the week"...

So gesehen ist auch "Das Experiment" von Oliver Hirschbiegel eine große poetische Leistung, gleichermaßen ein verstörendes Werk, wie sonst etwa Eigenproduktionen des Fernsehsenders Pro7.

1971 führte Philip Zimbardo an der Stanford Universität ein sozialpsychologisches Experiment zu den Phänomenen Gehorsam und Aggression durch, das weltweit Aufsehen erregte. Ein Flur des Psychologischen Instituts wurde zu einem funktionalen Scheingefängnis umgebaut, und eine homogene Stichprobe von 24 freiwilligen, gesunden, psychisch "normalen" Versuchspersonen sollte zwei Wochen in diesem Scheingefängnis verbringen. Doch schon nach sieben Tagen musste das Experiment wegen starker Depressionen, Angstzuständen und Persönlichkeitsverlusten der "Gefangenen" abgebrochen werden. Im Verlauf des Experiments war es zu immer heftigeren und sadistischeren Schikanen und Übergriffen der "Wärter" gekommen. Und das, obwohl jeder der Versuchspersonen klar war, dass es sich nur um ein Rollenspiel handelte. [1]

Links: www.zimbardo.com www.prisonexp.org www.RealPyschology.com

"WUSCH" macht die Musik...

Moritz Bleibtreu, hinter dem Lenkrad eines Taxis auf Kunden wartend, blättert in der Zeitung und liest eine Anzeige mit der Überschrift "Experiment-Probanden gesucht - viertausend Mark Belohnung". Seine Augen werden schmal und schmäler und die Filmmusik macht "RUMMS". Jetzt marschiert Moritz Bleibtreu durch die Gänge einer Redaktion und die Filmmusik macht "WUSCH, WUSCH, WUSCH", als käme jetzt gleich Alien oder Freddy Krüger, es kommt aber nur ein ältlicher Chefredakteur, der etwas sagt wie: "Du hast jetzt zwei Jahre als Taxifahrer gearbeitet, was also willst du hier?" "Ich hab'ne Story", sagt Bleibtreu, und zeigt dem Redakteur den Zeitungsausschnitt. Da guckt der Redakteur ebenfalls ganz ernst, vielleicht ist er auch traurig, dass er selber nicht die Anzeige gelesen hat: Im Kleingedruckten steht nämlich, dass dieses "Experiment" von der Bundeswehr durchgeführt werde. "Du bekommst elftausend Mark für die Story", sagt der Chefredakteur. "WUSCH" macht die Musik.

Moritz Bleibtreu durchquert einen Vorgarten und kauft von einem Geheimagenten eine Geheimbrille, in der eine Geheimkamera eingebaut ist, nicht einmal der Nasenbügel ist breiter als bei Fielmann. Jetzt stellt sich heraus, dass das Experiment in der Uni durchgeführt wird und zwar von keinen Geringeren als Edgar Selge und Andrea Sawatzki. Beide sind Professoren. Andrea Sawatzki guckt hysterisch, als hätte sie gerade eine Maus gesehen und Edgar Selge liest die ganze Zeit irgendwelche Listen, nickt und sagt "sehr interessant". Es ist sofort klar, dass der Mann keinen guten Charakter hat, weil Selge dabei - wie immer in solchen Rollen - wie ein Täuberich mit dem Kopf ruckelt.

Noch viele andere junge Männer haben sich gemeldet, einige die früher am Residenztheater gespielt haben, andere aus den Besetzungslisten der letzten "Jugend"-Kinofilme, aber nur zwanzig können sie nehmen, Moritz Bleibtreu ist natürlich dabei, sonst wäre der Film jetzt aus. Dass das Experiment vierzehn Tage dauern wird, macht keinem etwas, weil es dafür 4000 Mark gibt, was ja wirklich eine Menge Knete ist, besonders für Moritz Bleibtreu, der sich mit der Videobrille sicher ganz schön verschuldet hat. Und deshalb fährt er auch noch mal Taxi, aber es ist Nacht und die Stadt menschenleer...denkt der Zuschauer und erschrickt entsetzlich, als aus dem Nichts ein anderes Auto in Moritzens Taxi knallt. Am Steuer sitzt Maren Eggert und als Bleibtreu sie anschreit "Sind sie wahnsinnig? Sie hätten tot sein können. " bringt sie hervor: "Ich komme gerade vom Begräbnis meines Vaters." Da nimmt Moritz Bleibtreu sie natürlich mit zu sich nachhause, wo Maren Eggert sich zügig auf sein Bett legt und ihm sagt, dass er sich dazulegen soll. Ahnt sie vielleicht unterbewusst, dass der Bleibtreu in wenigen Stunden zu seinem Experiment muss? Frauen sind so, besonders manche.

..."HMP! HMP!" machen die Gefangenen...

Schon ist es Tag: Im Unilabor haben sie einen Gefängnistrakt eingerichtet, zwölf von den jungen Männer sollen die Gefangenen sein und acht die Gefängniswärter, das ist ausgelost worden und dass die Wärter sich wie richtige Wärter benehmen, das sei das Experiment, so der Professor. Er will das Aggressionsverhalten der Leute untersuchen und Moritz Bleibtreu ist einer der Gefangenen und teilt seine Zelle unter anderem mit Christian Berkel, der mit keinem anderen reden will und muffig guckt, weil Berkel ja immer entweder ein Irrer ist oder von irgendeiner Behörde. Nun kommen die Gefangenenwärter ins Spiel und da wird die Geschichte so unglaublich brutal, dass man verstehen kann, warum die Produzenten so stolz auf den Film sind und man der Bundeswehr zurufen möchte: "Bitte hört mit den Experimenten auf!" Timo Dierkes ist am Anfang ein witziger Elvis-Imitator, aber die Uniform und sein Pflichtbewusstsein machen ihn zum Schwein und am Ende wird er sogar die arme Andrea Sawatzki zwingen, sich ein Gefangenenkostüm anzuziehen. "Frau Doktor, Sie haben sich ja die Muschi rasiert," wird er sagen und dann die - wie immer - vorwurfsvoll dreinblickende Andrea Sawatzki vergewaltigen, während alle anderen Gefangene mit Tesa vor dem Mund in ihren Zellen stehen und "HMP! HMP!" machen. Oliver Stokowski wird sterben und Wotan Wilke Möhring wird wahnsinnig und macht ins Bett, warum? Das Experiment ist schuld. Weil Menschen Schweine werden, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt, Gefängniswärter zu sein.

Ganz besonders Kerle wie der zunächst harmlose Justus von Dohnànyi, der ein verkappter Schwuler ist, (ein anscheinend beschämender Umstand) was Moritz Bleibtreu ihm mutig ins Gesicht schleudert. Weil Dohnanyi jetzt aber die Macht hat, lässt er Moritz Bleibtreu den Schädel rasieren und pinkelt auf ihn drauf. Justus von Dohnànyi spielt das so poetisch, wie man schon seit mindestens vierzig Jahren keine Schwulen mehr im Film gesehen hat. Man sieht außerdem, Moritz Bleibtreu hat die Arschkarte gezogen, weil er doch im Gefängnis sitzt; er träumt davon, wie er mit Maren Eggert schläft - und zwar mit vielen Stellungswechseln. Man erfährt weiter, was Maren Eggert in der Zwischenzeit macht: Sie klingelt bei Bleibtreu und weil keiner zuhause ist, macht sie den Hausbriefkasten auf und weil dort der Wohnungsschlüssel liegt, sperrt sie die Wohnungstür auf, legt sich aufs Bett, die Kamera fährt zwischen ihre Beine und schon beginnt sie zu masturbieren. Die Filmmusik dazu ist sehr romantisch, die Szene extrem poetisch. Kein Wunder: Regisseur Oliver Hirschbiegel hat dem Filmdienst neulich erzählt, dass er sich bei der Inszenierung vom Experiment von Takeshi Kitano und Akira Kurosawa hat inspirieren lassen. Die Thematik des Faschismus aufzugreifen und dabei unterschwellig, aber eisenhart Werte wie Zucht und Ordnung zu vertreten, das schafft dieser ungewöhnliche Film nebenbei übrigens auch noch. Dass Maren Egger allerdings auf dem Tisch vom Bleibtreu einen Zettel findet, auf dem steht, dass er zum Experiment geht, dass sie eine Pistole mitnimmt und auch gerade rechtzeitig zum Finale kommt, um noch einen von den Bösen totzuschießen..., dass weiterhin Christian Berkel eigentlich Major der Luftwaffe ist und alle Schweine am Schluss ihr Fett abkriegen, Moritz Bleibtreu aber mit Maren Eggert am Strand sitzt und Veuve Cliquot trinkt wie in der "Vernell"-Werbung.... das alles darf man nicht verraten, weil es sonst die Spannung verdürbe.

und "GLUCKS" macht Fritz Wildfeuer

Aber ein cooler Insiderwitz zumindest soll hier aufgedeckt werden: Es gibt eine Szene, in der Edgar Selge erfährt, dass das Experiment irgendwie schief geht, weil sich alle gegenseitig tothauen. Selge jedoch ist gerade auf einem Empfang und wie er da so verschreckt durch verschiedene Räume läuft, steht irgendwann am Bildrand ein weißhaariger Mann, der guckt direkt in die Kamera und hat ein Glas Prosecco in der Hand. Der Mann heißt in Wirklichkeit Fritz Wildfeuer und ist einer der Produzenten des Films. Und den Prosecco hat er sich verdient. Denn "Das Experiment" hat den bayerischen Filmpreis bekommen - für die beste Kamera, die beste Regie - und das beste Drehbuch. Und übernächsten Monat schicken wir ihn nach Cannes. Die werden sich wundern.

Das Experiment, Deutschland 2000, Kinostart: 8.März 2001

Nach dem Roman "Blackbox" von Mario Giordano (rororo Taschenbuch)

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