Anscheinend wollen Sie einen Brief schreiben

07.03.2001

Microsoft Word

In einem neueren Film wird eine Person an ihrer Tastatur in Stücke zerfetzt. Unter dem Tisch befindet sich eine Bombe, kontrolliert von einem Zählwerk, das die Anschläge registriert. Wenn die Zahl der Anschläge unter einen bestimmten Wert sinkt, explodiert der Sprengkörper. Die wirkliche Innovation im Schaltsystem, das für die Bombe verwendet wird, ist seine Verbindung mit der Grammatikkontrolle von Microsoft Word. Das Opfer kann nicht einfach immer dieselbe Taste drücken, bis Hilfe eintrifft. Man muss grammatikalisch korrekte Sätze bilden, Zeile um Zeile, trotz des Krampfes in den Fingern. Es muss wohl nicht extra gesagt werden, dass damit die Voraussetzung für eine Quelle der Geschwätzigkeit eingeführt wurde, sowie, für den Drehbuchautor, der kürzeste Weg zu gefälligem Pathos, denn die Opfer verfassen Abschiedsbriefe an ihre Lieben. Aber letztendlich fließen die Grammatikfehler der Gefühle oder der Müdigkeit auch aus diesen vorhersehbaren Fingerspitzen und in dem Moment, in dem eine grüne Linie unter einem beharrlich von Panik bestimmten Satz erscheint, fliegen sie in die Luft.

Während sie sich dieses Schicksal erschreiben, ist jede Werkzeugleiste sichtbar, alle Features sind aktiviert. Ein Drittel des Bildschirms, und zwar eines großen, wird von grauen, mit Icons übersäten Werkzeugleisten bedeckt. Es herrscht ein konstantes Geklapper des Audiofeedback, das klickt, schleift und erklingt, während die Aufmerksamkeit des Users sich vom Verfassen eines Schriftstückes auf die Herstellung eines Textes als ein perfekt zurechtgemachtes Dokument verlagert. Wenn Sie das hier lesen, bedenken Sie, dass diese Worte vor einem Hintergrundbild aus weißen, mit grauen Venen durchzogenen Marmor erscheinen.

Microsoft Word ist Teil des größeren Pakets Office, das noch andere Programme umfasst: Excel, ein Programm für die Kalkulation von finanziellen Spreadsheets; Powerpoint, die digitalisierte Antwort auf die Glorie des Overhead Projektors; eine Ansammlung von Kleinigkeiten einschließlich einfacherer Code-Generatoren für Visual Basic, HTML und für verblüffende Clip Art.

Wenn, im Gegensatz zu McLuhan, "eine Gesellschaft sich über ihre Amalgamationen und nicht über ihre Werkzeuge definiert"2447, dann ist Office ein Versuch, dieser Amalgamation zuvorzukommen, indem es nicht nur anbietet, was rationale Programmierer gerne als Werkzeuge, als Tools bezeichnen, sondern auch die Pfade, die sie verbinden, wie sie sich vermischen und die Grenzen und Korrelationen zwischen ihren verschiedenen Funktionen, den Objekten an denen sie arbeiten und den Usern, mit denen sie verschmelzen.

Alle Textverarbeitungsprogramme existieren an der Schwelle zwischen der öffentlichen Welt des Dokuments und der des Users. Diese Welten unterliegen womöglich Datenschutzabkommen; der Herstellung für die Publikation; dem Hochputschen in neue Bereiche der Intensität oder der Dummheit; den technischen Codes der Praxis oder des hauseigenen Stils; der Einhaltung oder dem Umgehen von Deadlines; der Trödelei oder der Hektik... Wie geht Word mit diesen Antrieben, Normen und Codes des Schreibens um, wie umgeht oder erweitert es sie?

Wie vieles andere auch, ist die Textverarbeitung ihrer ursprünglich zentralisierten, hierarchisch positionierten Stellung in großen Organisationen und nur für einen Zweck verwendeten Computern entkommen2448. Gleichzeitig ist sie aber auch an ihrem Platz geblieben, hat Dinge am Arbeitsplatz verschoben, wird aber auch dort eingelernt. Und worin sie sich bei der Arbeit verwandelt, verändert auch ihre Verwendung und welche Möglichkeiten sie außerhalb der Arbeit zuläßt. Die Arbeit des literarischen Schreibens und die Aufgabe der Dateneingabe teilen dasselbe konzeptuelle und performative Umfeld, ebenso wie der Journalist und der HTML-Codierer. Die Geschichte der Schreibfertigkeit wimmelt nur so von Begebenheiten, bei denen Technologien des Schreibens sich selbst ohne Konsens aus jenen Strukturen entfernen, die darauf abzielen, sie zu umfassen - das erschließt Dinge, realisiert aber gleichzeitig neue Normen und Ansprüche, vom Lesen der Bibel bis zu der Notwendigkeit, eine Steuererklärung zu verfassen. An jeder neuen Schwelle eröffnen sich die Ketzerei und der Betrug als Möglichkeiten, die aber gleichzeitig gezwungen sind, auf einem weiteren, gemeinsamen Gebiet zu agieren.

Im Software-Supermarkt gehört Microsoft Office in das Regal für "alles-was-sie-je-für-ihr-Heimbüro-brauchen-werden", und zwar mit all der Marktpräsenz, die nur diejenigen hinbekommen, denen das Geschäft gehört. Im Datenspeicher eines draufgängerischen Halbgottes irgendwo in einem Korridor in Seattle gibt es sicher einige vor Geist sprühende Statistiken darüber, wer genau die Software wie benutzt, und wie Microsoft die Muster der Arbeit und Nutzung ihrer Software projektieren, welche Tools notwendig sind, um den Herausforderungen einer neuen Ära der Produktivität standhalten zu können. Aber nach diesen Hinweisen müssen wir uns nicht richten. Was uns zur Verfügung steht, um zu entdecken, welcher User imaginiert und plaziert wird, ist der Berg an Material, den das Programm präsentiert. Seit seinen frühen Versionen ist Word wie eine ertrunkene und im Wasser treibende Kuh angeschwollen. Die Menüleiste ist inzwischen auf 12 Teile angewachsen, die Zahl der Werkzeugleisten auf 18.

Ziehen Sie einen Labormantel über, benutzen Sie einen Rechner, multiplizieren Sie diese beiden Zahlen, erheben Sie sie ins Quadrat und Sie bekommen eine wissenschaftliche Vorstellung vom Ausmaß des Bereiches, über den sich Word inzwischen erstreckt.

Laut James Gleick werden Features in Word eingebaut, die "kaum einen anderen Zweck haben, als in den Statistiken zum Vergleich von Features, die immer den Übersichten von Textverarbeitungssystemen beigelegt werden, ein weiteres 'ja' hinzuzufügen"2449. Gemäß dem tayloristischen Design taucht der User oder Arbeiter oder Soldat in der Mehrheit der Computer-Mensch-Interfaces, wie sie heute benutzt werden, nur als Untersystem auf, dessen Effizienz und demzufolge auch Profitabilität durch besser entworfene Tools gesteigert werden kann. Während laut John Hewitt "das Verschwinden des Arbeiters tatsächlich ein Thema für einen großen Teil der Designtheorie seit Morris ist"2450, heißt das heutzutage, dass das Verschwinden der Arbeiter am besten durch die Subsumierung ihres gesamten Potentials im Apparat der Arbeit zu erreichen ist.

Der Umfang der Features in Word wird oft als verhängnisvoller Exzess dargestellt, aber das ist ein Exzess, der als Standard etabliert wird. Was den User an den Ort seines eigenen, speziellen Verschwindens zieht, ist möglicherweise sogar der entgegengesetzte Wunsch, nämlich der nach dem Verschwinden der Arbeit im autonomen Verhalten als einem Ideal der freien Arbeit:

"Wir nennen jemand autonom, wenn er/sie sich ein persönliches Projekt ausdenkt und ausführt, dessen Ziele er/sie festgelegt hat und dessen Kriterien für Erfolg nicht sozial vorherbestimmt sind."2451

Gorz' Definition der autonomen Arbeit liefert eine brauchbare Faustregel, eine verwendbare Trope für Autonomie, die, im Gegensatz zu ihrer eher fantastisch "unabhängigen" Variante, konfliktorientiert und verhandelt ist. Als Hilfsmittel erlaubt sie uns zu verstehen, dass ein Programm wie Word die autonome Arbeit oder den Wunsch danach nicht unterdrückt, sondern daran schmarotzt, ihn einsperrt und benutzt und gleichzeitig Vorbereitungen zur simultanen Neuanordnung des Anwendungsbereiches trifft.

Der Berg von überschüssigen Features, der in Ihrem Computer gelagert wird, wird dort entgegen der Wahrscheinlichkeit aufbewahrt, dass Sie sie jemals benötigen werden, entgegen der Möglichkeit, dass das Selbst des Users sich erweitert, Zweck oder Datentyp sich ändern. Obwohl die Art und Weise, in der Word tatsächlich von einem beliebigen Individuum oder einer Arbeitspraxis genutzt wird, womöglich nur ein sehr kleiner Ausschnitt seiner tatsächlichen Kapazität ist, gibt es wie bei jeder Software dieser Art einen dramatischen Bruch mit jenem Bereich des tayloristischen Modells, der eine strenge Arbeitstrennung in der tatsächlichen Form der Ausrüstung involviert (das wird normalerweise durch System-Management-Software und durch Arbeitspraxen erfüllt). Im Vergleich zu dem am Fließband stehenden Individuum, das verschwinden kann, wird hier vom Arbeiter erwartet, das Wissen der gesamten Anwendung, die ihn ersetzt, zu umfassen und zu internalisieren, um sich so frei bewegen zu können, seine Werkzeuge und Arbeitsaufgaben frei wählen zu können. Ein Dilemma für das Selbst, das Foucault folgendermaßen beschreibt:

" 'Wie bestimmt man sich selbst, wenn man Handlungen ausführt, in denen man selbst das Objekt dieser Handlungen ist, der Bereich, in dem sie angewandt werden, das Instrument, auf das sie Zugriff haben und wenn das Subjekt, das handelt'2452 gleichzeitig gedoppelt ist als das Selbst, dessen Aktionen, Objekte, Domäne und Instrumente mit einem materiell-semiotischen Sensorium verschmelzen - einem Programm -, dessen Verwicklungen und Beziehungen so mannigfaltig sind." (Für mindestens einen angesehenen Philosophen, der eine Untersuchung zur Textverarbeitung begonnen hat, ist das Problem weitaus ernster: "Die Angst, seine berufliche Integrität nicht mehr fest im Griff zu haben und in die Populärkultur abzusinken, muss unterdrückt werden und zwar indem wir uns entschließen, ein Phänomen, das wir jetzt durchleben und an dem wir teilhaben, durchzudenken."2453)

Der Berg an Features widerlegt Theorien über die Bestimmung der Software durch die Hardware und lässt gleichzeitig die Verbindung des Users mit der Anwendung, die ihn völlig zum Opfer macht, lächerlich unglaubwürdig erscheinen. Wieder ist es ein Amalgam, das weitere Beachtung verdient - als eine Teilmenge aus dem, was sich sowohl "drinnen" befindet als auch mit der "universellen Maschine" verbunden ist. Die Schwellen, die gebildet werden, verbinden neben den offensichtlichen ökonomischen Faktoren auch Artikulationen der Zusammenstellung, die produziert werden durch: die Möglichkeiten und Innovation der Hardware; Entwicklungen von Programmiersprachen und Techniken - ebenso wie des Bereiches der Strukturierung und Organisation solcher Arbeit; die Neigung digitaler Technologien, irgendeine Form der Verbindung zu Netzwerken herzustellen. Alle diese Faktoren verbinden sich natürlich ebenso wie die verschiedenen korporativen Instrumente, die benutzt werden, um über ihre unterschiedliche und relative Wichtigkeit zu bestimmen und zu entscheiden.

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