Wie tot ist wirklich tot?

Eine Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht und neue Forschungsergebnisse über Nah-Tod-Erlebnisse lassen die Hirntod-Diskussion wieder aufleben

Das Gehirn ist das Zentrum des Selbst, hier findet das Denken statt, hier entwickeln sich die Emotionen, alle Sinneswahrnehmungen werden hier verarbeitet. Unter den Organen nimmt das Hirn eine Sonderstellung ein und es ist extrem empfindlich. Es macht nur etwa zwei Prozent der Körpermasse aus, beansprucht aber ein Fünftel der gesamten Blutversorgung für sich.

Früher bedeutete nach allgemeiner Auffassung das Aussetzen des Herzschlags, der Kreislaufstillstand den Tod. Beobachtung des Verfalls des Körpers nach dem Herzversagen bestätigten lange diesen Todesbegriff. Aber seit den 50erJahren und den zunehmenden Möglichkeiten der Gerätemedizin, die einen Körper auch ohne eigenen Herzschlag mit Blutfluss und Beatmung versorgen kann, musste die Definition des Sterbens überdacht werden. Heute kann ein hirntoter Körper künstlich am Leben erhalten werden, um z.B. wie im Fall des "Erlanger Babys" noch ein Kind auszutragen.

1959 wurde unter der Bezeichnung "Coma dépassé" der Hirntod erstmals von den französischen Wissenschaftlern Mollaret und Goulon beschrieben. 1968 stellte in Deutschland die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie und seit 1982 die Bundesärztekammer diagnostische Leitlinien ("Entscheidungshilfen") für die medizinische Hirntodfeststellung auf. Die langwierige rechtspolitische Diskussion um die Organtransplantation brachte das Thema in den 90er Jahren in die breite Öffentlichkeit. Das Transplantationsgesetz, das Ende 1997 in Kraft trat, setzte den Hirntod als entscheidendes Moment zur Feststellung des Todes eines Menschen.

Trotz aller juristischen Festlegungen bleibt der Tod etwas Mystisches. Gruselgeschichten ranken sich um den lebendig Begrabenen, Zombies torkeln durch die Literatur und Filme, und viele Leute stehen der Organspende sehr kritisch gegenüber, weil sie befürchten, sie könnten noch lebendig ihrer Leber oder Niere beraubt werden. Todgeglaubte sind auch immer wieder eine Schlagzeile wert, so berichtete ReutersHealth von einem 13 Monate alten kanadischen Baby, das erfroren und 2 Stunden lang ohne Herzschlag war, um sich dann wundersam wieder zu beleben. Es gibt vier oder fünf bekannte Fälle von Kindern, die nach festgestelltem klinischen Tod wieder zum Leben erwachten, deswegen gelten für Kinder auch im Transplantationsgesetz spezielle Regelungen.

Es gibt eine Reihe von noch offenen Fragen zum Gehirntod und die Methoden der Reflexprüfung haben eine evangelische Pfarrerin veranlasst, nun vor dem Bundesverfassungsgericht Beschwerde einzulegen. Ines Odaischi aus Ladenburg hat einen Organspendeausweis und zweifelt nicht den Hirntod an sich an, sondern die Praxis der Ärzte, mit verschiedenen neurologischen Methoden zu überprüfen, ob es noch unbewusste Restaktivität gibt.

Bei der Feststellung des Hirntodes muss als erstes die Ursache der tiefen Bewusstlosigkeit (Koma) geklärt werden, denn nicht bei jedem Koma ist das Gehirn unwiderruflich geschädigt. Dann wird die Hirntod-Diagnostik eingeleitet. Die Funktion des Hirnstamms, welcher die meisten unbewussten Reaktionen steuert, wird mit der Prüfung von fünf verschiedenen Reflexen untersucht. Bei bewusstlosen (nicht-hirntoten) Patienten sind diese Reflexe auslösbar. Zu diesen Reflexprüfungen gehören Provokationen der Augenhornhaut mit einem Gegenstand, Stechen in die Nasenwand, Würgereflex durch Berühren des hinteren Rachenraumes, festes Drücken auf die Augäpfel oder Gießen von Eiswasser in die Gehörgänge. Diese Untersuchungen werden angewandt, um ganz sicher zu gehen, dass keine Nervenverbindungen mehr funktionieren. Sie sind von der Bundesärztekammer vorgeschrieben und Voraussetzung einer Entnahme von Organen für die Transplantation.

Diese Tests sind extrem schmerzhaft und genau das lehnt Pfarrerin Odaischi ab. Sie argumentiert, die Methoden seien fast unerträglich für jemanden, der noch nicht hirntot ist und sie fragt sich, ob es wirklich auszuschließen ist, dass ein Hirntoter nichts mehr empfindet. "Es ist unvorstellbar, dass Wehrlosen, sich im Sterbeprozess befindenden Menschen erheblicher Schmerz zugefügt wird, obwohl sich dies mit verhältnismäßig geringem Aufwand vermeiden lässt", heißt es in der Begründung der Klägerin. Deshalb fordert die evangelische Geistliche, grundsätzlich jedem, an dem diese Prüfungen durchgeführt werden sollen, Medikamente zu geben, die jedes Schmerzempfinden ausschalten, also eine Anästhesie. Die Reflexe werden dadurch nicht beeinträchtigt.

Für die Organspende ist notwendig, den Körper des Hirntoten am Leben zu erhalten, er wird maschinell beatmet, um Kreislauf, Automatie des Herzschlages und die Sauerstoffaufsättigung des Blutes aufrecht zu erhalten. Viele Mediziner narkotisieren bereits, es gibt dafür bisher aber keine generelle Empfehlung, geschweige denn eine Vorschrift. "Wenn Ärzte Schmerzmittel geben, dann nicht, um im Gehirn die Schmerzwahrnehmung zu hemmen, sondern weil die Anästhetika als Nebenwirkung Reaktionen der Hirntoten bei der Organentnahme dämpfen, die nicht über das Gehirn vermittelt werden", erläuterte Dieter Mauer, geschäftsführender Arzt bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Solche Reaktionen sind ein sichtbarer Anstieg des Blutdrucks und des Pulses, wenn der erste Schnitt zur Organentnahme angesetzt wird. Beobachtet wurden auch schon Greifreflexe und teilweise heftige Zuckungen von Armen und Beinen. Die scheinbaren Gehbewegungen der Beine werden Lazarus-Zeichen genannt, nach dem biblischen Lazarus, der von Jesus von den Toten auferweckt wurde (Johannes, 11). Argentinische Neurologen berichteten über verschiedene solche Reflexe in der Zeitschrift Neurology. Spanische Wissenschaftler beobachteten sogar das Ein- und Ausdrehen der Gliedmassen im Rhythmus der Beatmungsmaschine. Es wird vermutet, dass diese Reaktionen über das Rückenmark vermittelt werden, Gehirnströme konnten auch bei nochmaliger Überprüfung per EEG nicht festgestellt werden.

Verständlicherweise verunsichern diese Bewegungen die Mitglieder von Transplantationsteams und deswegen versetzt ein Teil der Chirurgen die Organspender in Narkose. Das OP-Personal weiß, dass es keine größere Sicherheit wirklich tot zu sein gibt, als wenn man Organspender ist. Zwei unabhängige, erfahrene Ärzte aus den Bereichen Neurologie und Intensivmediziner, die nichts mit einer Transplantation zu tun haben, bescheinigen unabhängig voneinander den Hirntod. Dennoch sind spontane Bewegungen der Leiche, der ein Organ entnommen werden soll, beunruhigend.

Jede präzise Definition des Todes ist schwierig und selbst der Arbeitskreis Organspende stellt fest:

Sterben ist ein fließender Prozess. Mit dem Hirntod ist die notwendige und unersetzliche körperliche Grundlage für das Dasein des Menschen als körperlich-geistige Einheit und untrennbar davon zugleich für die Lebensmerkmale des Menschen als Lebewesen Mensch zerstört. Deshalb ist der Mensch mit dem Hirntod gestorben. Sein Sterben und sein Tod sind zu unterscheiden vom Absterben seiner Körperteile. Das Sterben des Menschen ist mit dem Hirntod beendet, das Absterben der Körperteile nach dem Tod des Menschen wird intensivmedizinisch nur kurz verzögert und endet mit dem Tod der letzten Zelle.

Die Diskussion zwischen Ganzhirntod-Anhängern und Neo-Kortikalisten ist in Telepolis schon dokumentiert worden (Hirntod und technologischer Wandel), aber in jedem Fall kann festgestellt werden, dass die zunehmende Technik auch den Zeitpunkt des Sterbens in Frage stellt. Was ist der Körper einer Frau, dessen Funktionalität nach dem Hirntod durch Maschinen gewährleistet wird, um ein Kind in ihrer Gebärmutter wachsen zu lassen - ein Selbst, etwas Lebendiges oder etwas Totes? Sicher kein Individuum mehr, aber wie wäre es, wenn Teile des Hirnes selbst transplantierbar wären oder neue Zellen ohne alte Erinnerungen nachwachsen könnten? Kryonik, das Einfrieren von Körpern bei Temperaturen unter minus 180 Grad Celsius (dann treten keine weiteren chemischen Reaktionen und Zerfallsvorgänge mehr auf), in der Hoffnung, sie eines Tages wiederbeleben zu können, ist nur einer unter vielen Träumen von Lebensverlängerung und Auferstehung (Anti-Aging).

Die wissenschaftliche Definition des Todes ist der Hirntod, die Auflösung des denkenden Ichs. Die Wiederbelebung des Gehirns ist nicht möglich. Der vollständige Ausfall des abgestorbenen Gehirns ist ein mit dem Leben nicht vereinbarer Zustand. Das tote Gehirn verwest und Fäulnis setzt im Schädel ein, obwohl das Herz noch künstlich schlagen kann.

Für religiöse Menschen ist der Zeitpunkt des Todes durch die Trennung von Körper und Seele gekennzeichnet, wobei die Seele den ihr jeweils dem Glauben gemäßen eschatologischen Weg geht. Die deutschen Christen haben dennoch den Hirntod als weltlichen Endpunkt akzeptiert, in ihrer gemeinsamen Erklärung schreiben die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der Evangelischen Kirche dazu:

Mit dem Hirntod fehlt dem Menschen die unersetzbare und nicht wieder zu erlangende körperliche Grundlage für sein geistiges Dasein in dieser Welt. Der unter allen Lebewesen einzigartige menschliche Geist ist körperlich ausschließlich an das Gehirn gebunden. Ein hirntoter Mensch kann nie mehr eine Beobachtung oder Wahrnehmung machen, verarbeiten und beantworten, nie mehr einen Gedanken fassen, verfolgen und äußern, nie mehr eine Gefühlsregung empfinden und zeigen, nie mehr irgendetwas entscheiden."

Nur eine katholische Organisation, die als leidenschaftliche Abtreibungsgegnerin bekannte AKTION LEBEN e. V. sieht sich berufen, Propaganda gegen den Hirntod zu betreiben.

Der Moment des Sterbens, das Nah-Tod-Erlebnis beschäftigt Mediziner und Psychologen immer wieder und sie versuchen sich diesem besonderen Augenblick mit wissenschaftlichen Methoden zu nähern. Eine neue Studie aus Southampton liegt nun vor, Ärzte von der Universität (haben den ersten wissenschaftlichen Beweis für ein mögliches Leben nach dem Tod gefunden. "Very little is known scientifically about the subjective experience of dying, the nature of the human mind and its outcome during 'clinical death'. This is becoming a very important issue in medicine," sagt Studienleiter Dr. Sam Parnia von der Universität Southampton.

7 der 63 untersuchten Asystolie-Patienten berichteten von einer Near Death Experience (NDE). Vier dieser Patienten erfüllten eindeutig alle klinischen Kriterien eines NDE. Die Herzstillstand-Patienten hatten intensive Gefühle der Frieden und Freude, sie sahen ein sehr helles Licht, mystische Wesen oder verstorbene Verwandte. Manche verspürten auch intensive Wärme oder hatten das Gefühl ihren Körper verlassen zu haben. Alle Patienten waren unterschiedlich lang klinisch tot, sie hatten keinen Puls mehr, keine Atmung und die Pupillen reagierten nicht mehr auf einfallendes Licht.

Halluzinationen aufgrund Sauerstoffmangel kommen als Erklärung nicht in Frage, denn die entsprechenden Patienten hatten nachweislich mehr Sauerstoff im Blut als andere, die kein Nah-Tod-Erlebnis hatten. Medikamentöse Nebenwirkungen oder eine überhöhte Kohlendioxidkonzentration im Körper scheiden als Erklärung ebenfalls aus. "The features of the NDEs in this study were dissimilar to those of confusional hallucinations as they were highly structured, narrative, easily recalled and clear," meint Dr. Parnia. "We need a large, definitive study to tell us whether the mind is produced by the brain or whether it is a separate entity. If it is the latter this will have almost unimaginable implications."

Letzte Informationen: Organspende-Bereitschaft ist in Deutschland eine Leistung, die zu Lebzeiten bekundet werden sollte (Informationen und Ausweis gibt es beim Arbeitskreis Organspende. Wer nicht endlos mit Gerätemedizin am Leben erhalten oder als vor sich hin vegetierender Organismus wiederbelebt werden möchte, sollte ein Patiententestament schreiben (Informationen bei ARD-Ratgeber Recht, Musterbeispiel für ein Patiententestament

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