Technologie als Allegorie sozialer Beziehungen
Ein Interview mit dem Literaturwissenschaftler Fredric Jameson
Fredric Jameson ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Duke University in Durham/USA und bekannt für seine Analysen der postmodernen Kultur. Besonders sein Text "Postmoderne - Zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus", 1986 auf Deutsch in dem von Andreas Huyssen und Klaus Scherpe herausgebenen Buch "Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels" erschienen, hatte weltweit großen Einfluss auf die Cultural Studies (englische Fassung).
Ich war damals sehr beeindruckt von Ihrer These, dass der "postmoderne Hyperraum" die individuellen Kapazitäten der Wahrnehmung und Erkenntnis überschritten hätte. Dass unser Bewusstsein nicht fähig sei, "das große globale, multinationale und dezentrierte Kommunikationsnetzwerk zu begreifen, in dem wir uns selbst als individuelle Subjekte gefangen finden". Ihre Beschreibung des neuen "Welt-Raums" des Kapitalismus war zu Beginn der Achtzigern wirklich etwas Neues. Wie ist Ihre Vorausschau dieser Tendenzen siebzehn Jahre später?
Frederic Jameson: Es ist charakteristisch, dass ich damals "multinational" gesagt habe, da ein anderes Wort nicht vorhanden war, und das Phänomen, das wir heute "Globalisierung" nennen, sich noch nicht so entfaltet hatte. Ich möchte zu meiner damaligen Beschreibung ergänzen, dass die Postmoderne absolut nicht von der Globalisierung zu trennen ist. Das ist die andere Seite der Postmoderne. Und obwohl einige meiner Merkmale wie zum Beispiel "Räumlichkeit" und "Nichtkartographierbarkeit" in diese Richtung gingen, können wir jetzt, da wir das Wort "Globalisierung" und das Phänomen haben, besser verstehen, was Postmoderne als Kultur darstellt, und es ist genau die Kultur der Globalisierung.
Viele Theorien im postmodernen Diskurs beschäftigen sich mit Ideen der Subjektivität, speziell einer dezentrierten Subjektivität (zum Beispiel Michel Foucault und Gilles Deleuze). Sind neue Möglichkeiten für das Subjekt in der Zwischenzeit aufgetaucht, um das ganze System der Globalisierung zu erfassen?
Frederic Jameson: Diese Theorien von Foucault oder Deleuze tendierten hin zu meiner dritte Maxime, nämlich die der Nichtrepräsentierbarkeit von Subjektivität. Ich bin mir nicht sicher, ob "dezentriert" überhaupt philosophisch irgendetwas bedeutet. Foucault ist ein Modernist geblieben und hatte eine mystische-ästhetische Sicht auf das Unbewusste der Sprache, das wir erreichen, wenn wir das Bewusstsein und die zentrierte Subjektivität verlassen. Deleuze hat eine viel interessantere Vorstellung einer Zerstreuung von Subjektivität in dieser dezentrierten Weise, aber ich hatte immer das Gefühl, dass es zwei Arten der Dezentrierung gibt. Die eine geht in die Richtung der individualistischen Repräsentation des einsamen Subjekts, das dezentriert wird. Die andere geht in die Richtung des Kollektivs.
Es scheint mir, dass wir mit der Globalisierung, aber auch mit den neuen Technologien viel besser verstehen können, nicht, wie das Subjekt sich auflöst, sondern wie es sich in unzählige Netzwerke ausbreitet, die solche anderer Subjektivitäten sind. Und dass tatsächlich unsere individuelle Subjektivität vielleicht sogar ein kollektives Phänomen ist. So möchte ich die Beschreibung einer gegenwärtigen postmodernen Subjektivität in die Richtung des Kollektivs lenken und nicht in die des individuellen dezentrierten Subjekts.
Der Gedanke des "geteilten Subjekts" ist ein weiterer Versuch, Prozesse der Subjektivität zu beschreiben.
Frederic Jameson: Ja, das ist die andere Sache, über die wir reden müssen. Nützlich war in der struktural-psychoanalytischen Periode in Frankreich (Anmerkung: gemeint ist die Zeit Ende der sechziger Jahre mit theoretischen Arbeiten von Foucault, Jacques Lacan, Claude Lévi-Strauss und Louis Althusser), dass sie anfingen, von Subjekt-Positionen zu sprechen. Plötzlich haben sich die Leute vergegenwärtigt, dass wir alle unzählige Subjekt-Positionen einnehmen. Am Beispiel der Politik heißt das, dass eine schwarze Person in den USA nicht einfach nur schwarz ist, sondern eine Frau, und eventuell sind weitere sexuelle, geschlechtsbezogene Aspekte vorhanden. Wir alle besetzen vielfache Subjekt-Postionen. Ich halte das gleichfalls für eine brauchbare Beschreibung.
Sie haben damals versucht, die "Logik" der ästhetischen Repräsentation im Spätkapitalismus zu beschreiben. Wie funktioniert eine solche Repräsentation mit den neuen Formen des Finanzkapitalismus?
Frederic Jameson: Sie dreht sich um das Konzept der "Abstraktion". Abstraktion war schon bedeutsam in der Periode der Moderne, aber das war eine Abstraktion von sichtbaren Objekten wie im Kubismus. Wir kennen jetzt mit dem Finanzkapital eine neue Form der Abstraktion, die das Bild als Abstrahierung von der Wirklichkeit umfasst. Die scheinbare Rückkehr der Postmoderne zu realistischeren Arten der Kunst im Unterschied zur Kunst der Moderne ist keine Bewegung weg von der Abstraktion, sondern eine zu einem vollständig neuem Typus von Abstraktion, dem des Bildes. Und mir scheint, dass es sich hierbei um den zentralen Punkt, das zentrale Phänomen der postmodernen Kunst handelt. Das ist die Ursache dafür, warum diese Abstraktionen nicht mehr in den sprachlich orientierten Künsten, dafür umso mehr in den visuell und räumlich orientierten gefunden werden.
Einer ihrer früheren Begriffe war "kognitives Kartographieren". Man kann heute einen allgemeinen Trend dahingehend aufspüren, Modelle und Simulationen zu konstruieren. Möchten Sie das kommentieren?
Frederic Jameson: Da besteht absolut eine Verbindung. Vielleicht war mein ursprünglicher Begriff schlecht ausgewählt, denn natürlich fertigen wir Karten an. Mein Punkt war, dass das System kognitiv nicht kartographierbar ist, weil die Karte selbst keine wirkliche Repräsentation ist. Sie ist ein Ersatz für Repräsentation. Alle diese Modelle, von denen Sie geredet haben, sind Versuche, die Probleme der sprachlichen Repräsentation mit etwas Sichtbarem zu überwinden.
Ursprünglich habe ich mit "globalem Kartographieren" beabsichtigt, ein Gefühl dafür zu bekommen, was dieses neue System der Globalisierung zusammenhält, das ökonomisch, politisch und sozial so unermesslich scheint. Eine befriedigendere Idee davon, wie die Dinge funktionieren, konnte man in der Ära des Nationalstaates oder in der der imperialistischen Netzwerke bekommen. Sie standen einem gegenüber, man konnte sie aufspüren und realistischere Modelle machen. Oder man kann die Technologie der Moderne im Unterschied zu der der Postmodernen betrachten. Die Technologie der Moderne ist sichtbar: Maschinen, das Flugzeug usw. Aber die Technologie des Computers ist nicht sichtbar, da ist nichts, was man sich anschauen kann. Die neuen Autoren in der Science Fiction - ich setze voraus, dass die Leute den "Cyberpunk" kennen; es sind interessante Bücher - das sind Versuche, die Nichtrepräsentierbarkeit der neuen kybernetischen globalisierten Welt zu überwinden. Und wie bei allen Kunstwerken gibt es dabei Erfolge und Niederlagen.
Ich möchte noch einmal zu Ihrem Begriff der Abstraktion zurückkehren. In der gegenwärtigen kulturellen Produktion lassen sich verschiedene Tendenzen einer "Meta-Ästhetik" beobachten (u.a. Meta-Werbung, Meta-Dramaturgie). Wie ist Ihre Meinung dazu?
Frederic Jameson: Das muss man unterscheiden von der sogenannten Reflexivität älterer Werke der Moderne, in denen oftmals schreibend über das Buch gesprochen wurde, die "sich selbst" als Kunstwerke bezeichneten. Als Objekte befanden "sie" sich in einer bestimmten sozialen Isolation, sie mussten gewissermaßen ihre eigene Propaganda machen und sich als neues Kunstwerk ausstellen. Was zusammengebrochen ist, ist der Rahmen des Kunstwerks selbst. Es ist in die Welt "aufgebrochen". Und daher würde nicht das Gemälde vorherrschen, aber zum Beispiel die Installation. Letztere gehört zu den viel räumlichere Kunstwerken, die sich in die Umgebung ausweiten, die ein Inneres, eine autonome Ästhetik, gar nicht von einem Äußeren zu unterscheiden wissen, dem Rest der Welt, in dem sie sich befinden sollen. Lieber sollte der Zusammenbruch des Kunstwerks als Objekt und seine Zerstreuung in den Kontext angenommen werden - und das ist keine neue Idee.
Sie haben über die Technologie als Gestaltung von etwas Anderem geschrieben. Auf der anderen Seite haben Sie eine neue Ebene der Abstraktion untersucht, wie sie durch die neuen Technologien eingeführt wird.
Frederic Jameson: Viele Werke aus der Ideengeschichte haben Technologie oder Wissenschaft oft als eine Art ultimativer bestimmender Instanz angesehen. Das ist ein Fehler in dem Sinne, dass wir insgeheim, vielleicht ohne es zu wissen, über die Technologie als eine Allegorie sozialer Beziehungen denken. Und diese Allegorien können sehr verschiedener Art sein: in der Periode der Moderne waren beispielsweise das Flugzeug, das Dampfschiff oder das Automobil Gestalten einer enormen Energie. Heute ist die Computertechnologie eigentlich die Gestalt von Netzwerken. Aber das bedeutet immer auch ein neues Modell sozialer Beziehungen. Man muss technologische Beschreibungen immer unter dem Gesichtspunkt betrachten, dass in ihnen die allegorische Ebene sozialer Beziehungen zu entdecken ist, die sie meiner Meinung nach enthalten.
Wie ist übrigens Ihr Verständnis des Internet?
Frederic Jameson: Es bedeutet sicher das Auftauchen einer neuen Art von Kollektivität. Welcher Art genau, wie man sie gebrauchen kann, wissen wir nicht. Wir sind noch in der Übergangsperiode, dem Moment des Auftauchens. Aber das wird sicherlich vieles ermöglichen, das in der Periode der Moderne absolut undenkbar war. Es umfasst eine andere Weise der Zeitlichkeit. Es gibt eine Augenblicklichkeit, die den Raum aufhebt. Es ermöglicht dem Finanzkapital Geldübertragungen, aber es erlaubt auch kollektive Beziehungen, die vorher unmöglich waren. Wenn man vorher an Kollektivität dachte, dachte man an viele Leute, die irgendwie zusammen oder vielleicht durch das Radio verbunden waren. Jetzt gibt es eine ganz neue Menge von Beziehungen, und wir haben noch nicht angefangen, uns über ihre Bedeutung klar zuwerden, weder im guten noch im schlechten Sinne.
Einige Kulturwissenschaftler sprechen vom kommenden Ende der Postmoderne und der Geburt einer Kultur der "Techno-Moderne", einer neuen kulturellen Transformation, die auf den neuen Qualitäten der Technologien beruht, dem ganzen System der technologischen Beziehungen in der Gesellschaft. Wenn man den neuen Roman "Futurematic" des (Ex-)Cyberpunk-Autoren William Gibson liest, hat man den Eindruck, dass er sehr fasziniert ist von der Idee der sogenannten "technologischen Singularität". Es handelt sich dabei um ein sehr spekulatives Konzept über die Erfindung einer wahren Künstlichen Intelligenz und ihre unbekannten Effekte auf die Gesellschaft.
A Ich bin Marxist, und ich denke, dass die ökonomischen und sozialen Wirklichkeiten bestimmend sind. Deshalb halte ich solche technologischen Zelebrierungen auch für Allegorien irgendeiner Art. Wenn die Leute sagen, dass die Postmoderne vorbei sei, meinen sie damit bestimmte Postmodernismen, die mit bestimmten Typen von Kunst oder Stil (beispielsweise in der Architektur) verknüpft waren. Offensichtlich verändern sich die Dinge, und einige Postmodernismen sind auf der Strecke geblieben. Aber ich würde sagen, dass die Postmoderne als solche sich gerade erst zu entwickeln begonnen hat, und Gibson beschreibt einen Teil davon oder versucht, das künstlerisch zu repräsentieren.
Man kann den Widerspruch zwischen Ökonomie und Technologie erwähnen. Die kapitalistische Ordnung der Ökonomie wird mehr und mehr zu einer Begrenzung für die Realisierung technologischer Potenziale. Wie ist Ihre Sicht utopischer Implikationen der Technologie?
Frederic Jameson: Das Schlüsselwort ist natürlich "Widerspruch". Jedes dieser ökonomischen Systeme, und besonders das unsrige, kennt einen spezifischen Widerspruch, den es aufzulösen trachtet, und es ist ein Kampf, das zu tun. Fortschrittliche Kräfte versuchen, ihn auf eine kollektive Weise zu lösen, andere Kräfte auf die Weise des Kapitals. Der entscheidende Punkt ist schlicht das Privateigentum an Information. Intellektuelles Eigentum zu besitzen, ist schwierig geworden im kybernetischen Zeitalter. Das ist ein grundsätzlicher Widerspruch im Kapitalismus. Sie müssen mit Hilfe der Staatsmacht versuchen, dieses Eigentum zu kontrollieren; andernfalls wird es zu einer Kraft, die das Privateigentum aufbricht und im Effekt auf verschiedene Weise abschafft. Es ist ein sehr interessanter Widerspruch, der kaum gelöst ist.
Jameson war zu Gast am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen. Das Interview fand am 5. Februar 2001 statt.
http://www.heise.de/tp/artikel/7/7126/1.html- noch ein Jameson-Interview ... (18.3.2001 19:43)
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