Am Anfang war der Sound
Jochen Hörisch erklärt Medientheorie zur diensthabenden Fundamentaltheorie und legt eine überraschenderweise nicht peinliche Mediengeschichte vom Urknall bis zum Internet vor
Das Buch "Der Sinn und die Sinne" ist gut gemacht, keine Frage. Schließlich erscheint es im Olymp der deutschen Bücherwelt, nämlich in Hans Magnus Enzensbergers prestigeträchtiger Reihe "Die Andere Bibliothek". Der hier gepflegte Kult ums Buch forciert Lesen in seiner höheren Form als Fetischismus, der mit einer Fixierung auf das Material schon äußerlich leicht erkennbar ist (Fadenbindung, Hardcover, halbmattes LuxoSatin Bücherpapier, säurefrei, 115g/m2). Ist denn ein Buch über Medien, das - ach! - "schwingende Töne, bewegte Bilder und elektronisch zugestellte Briefe" zwar zum Thema, nicht aber strikten Sinnes zum Inhalt haben kann, in dieser Serie womöglich ein performativer Selbstwiderspruch?![]() |
Eine Geschichte der Medien zu schreiben ist schließlich keine Kleinigkeit, aber dies gleich vorab: dem Germanistikprofessor Jochen Hörisch gelingt es souverän, einen substanziellen Überblick zu geben, der vom Urknall bis zum Internet reicht:
"All das, was der Fall zu sein begann, all das, was da im Knall war, all das, was da vor 12 Milliarden Jahren als Ab-Fall von der zeitlosen Reinheit des Nichtseins startete, organisierte sich alsbald in binären Schemata. Makro und Mikro, Neutronen und Elektronen, positive und negative Ladungen, Materie und Antimaterie, Sein und Nichts, Atome und Bits. . . Sein und Sound sind zweieinig. Das Getöse steckt im Geschehen und das Geschehen im Getöse. Im Ursprung herrscht keine Einheit, sondern einer Differenz."
Natürlich werden in der Folge nicht sämtliche Medieninnovationen abgehandelt, sondern breite menschheitsgeschichtliche Epochen nicht ohne eine gewisse literarische Eleganz diskutiert. Nach einstimmenden Gedanken über vorgeschichtliche Stimmen und Bilder kommen die drei großen Medienrevolutionen zur Sprache: die Erfindung der Schrift aus dem Geist der Abstraktion bis hin zu Buchdruck und Zeitungswesen, der Bruch mit dem Schriftmonopol durch die neuen Speicher- und Übertragungsmedien ab dem 19. Jahrhundert, und schließlich die digitale Rekodierung der kulturellen Kodes, mit denen alles kodier-, speicher- und übertragbar gemacht wird. Die Bewegung führt dabei im Zeichen der Schrift weg von der sinnlichen Gewissheiten des Sprechens, Hörens und Sehens und hin zum abstrakt-metaphysischen Sinn, wobei frei nach McLuhan die medialen Schaltungen die Verhältnisse wieder umzukehren beginnen.
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Diese historischen Blöcke sind mit Reflexionen zur Mediendefinition, zur Mediengenealogie und zum Charakter des Medialen unterbrochen. Hörisch hat dazu bereits eigenwillig Interessantes, aber nicht gar so Beachtetes zur Poesie der meta-medialen Lagen publiziert. Als Sinnbild haben es ihm dabei die "Medien hinter den Medien" angetan, er identifiziert stellvertretend für Religion, Wirtschaft und Medien jeweils die Hostie, die Münze, und die CD-ROM als Leitmedien mit gesellschaftsstiftender Kraft, wie sie in einer eigenen Trilogie abgehandelt wurden. Geschickt werden dabei immer wieder Literaturanalyse und Medientheorie miteinander verflochten, schreiben Dichter doch gern übers Lesen und Schreiben selbst und produzieren damit Reflexivität.
"Das Medium der sogenannten schönen Literatur hat die Heraufkunft neuer Medien, aber auch seine eigene Medialität aufmerksam beobachtet. Kluge Literatur macht sich über die mediale Armut ihrer Verfassung keine Illusionen. . . Den Lettern, die wissen, dass sie nur ein Buchstabe vom Abfall trennt (the letter/the litter), den Publikationen, die nach dem Wortspiel des Psychoanalytikers Jacques Lacan Poubellicationen sind (poubelle, Abfall, in dem hässlichen Wort steckt natürlich auch das schöne Wort belle), den Buchstaben, die ahne, dass sie Gitter bilden, die vieles ausschließen, bleibt an der Wende zum dritten Jahrtausend nur der Wille, sich fröhlich zu ihrem Status als anachronistischer Ab-Fall vom medientechnologisch avancierten Stand der Dinge zu bekennen."
Mediengeschichte kommt mit einem Augenzwinkern, die Theorie mit literarischer Leichtigkeit daher. Sicher, in jüngster Zeit - bedingt durch den Internet-Schock, der verarbeitet sein wollte - ist sehr viel über Medien geforscht und publiziert worden. Medientheorie ist so sexy geworden, wie es Dialektik, Strukturalismus, Semiotik, und Cultural Studies in den vergangenen Jahrzehnten sein durften. Deren Appeal ist bekanntlich verblasst, jetzt ist eben Medientheorie, wie Jochen Hörisch es treffend ausdrückt, die diensthabende Fundamentaltheorie. Sie hat sich im Kampf gegen die geisteswissenschaftliche Dechiffrierung von Sinn eine neue kulturwissenschaftliche Dignität errungen, die sich nicht scheut, statt nach dem Sinn danach zu fragen, was die Sinne beschäftigt. Doch neben viel in Sammelbänden erfasster akademisch erregter Geschwätzigkeit gibt es relativ wenig gute und gut lesbare Publikationen zum Medienthema.
Hörisch versteht es gut, Theorie literarisch zu kontextualisieren. Weniger gut gelingt es ihm, sich von gewissen Klischees zu distanzieren, die beispielsweise mit dem mediengenealogischen Zusammenhang von Medien- und Kriegstechnik zu tun haben. Eine Obsession des deutschen Theoriediskurses, diese dauernde Bezugnahme auf das zweifelhafte Klischee vom Krieg als Vater aller (Medien-)Dinge. Aber es klingt halt gut: "Ein Photo schießt man, mit der Schreibmaschine macht man Anschläge." Auf dem Niveau des Kalauers ist auch die spekulative Bezugnahme von McLuhan und Luhmann (wieder so eine deutsche Obsession) aufgrund - da staunt man schon - der Tatsache, dass die Namen der beiden Theoretiker "signifikante Buchstaben teilen".
Im Sachlichen ist weitere Kritik angebracht, die mit Klischees und unhinterfragten Assoziationen zu tun haben. So ist es kaum entschuldbar, wenn hinsichtlich des Ausgangs aus der Gutenberg-Galaxis der abendländischen Bücherwelt weder die Namen Otto Neurath (Visualisierung) noch Vannevar Bush (Hypertext) auftauchen. Auch hat Charles Babbage, der aufgrund von kinetischen Bewegungsübersetzungen Rechenmaschinen konstruierte, keineswegs das binäre Prinzip von Leibniz implementiert. Das war erst der deutsche Ingenieur Konrad Zuse, der hier gerade mal gestreift wird - aber über den hat ja Enzensberger auch keine Gedichte verfasst.
Doch das sind Details, über die sich streiten lässt. Man notiert sich als Rezensent besonders bei Produkten mit Perfektionsanspruch gern die Unstimmigkeiten (das Register ist hier tatsächlich nachlässig erstellt), wird aber in diesem Fall versöhnt durch die Überlegung, was da alles hätte schief gehen können. Und so bleibt als Fazit, dass diesem Buch gerade aufgrund der grassierenden Jargonhaftigkeit in der Medientheorie eine positive Aufnahme zu wünschen ist.
Jochen Hörisch: Der Sinn und die Sinne. Eine Geschichte der Medien. Frankfurt 2001 (Eichborn / Die Andere Bibliothek). 438 S., Abb., DM 58,--
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