Barbies Fleisch

Konrad Lischka 29.03.2001

Englisch ist keine Weltsprache - es gibt viele englische Sprachen

Barbies kann man nicht nur Kleidchen anziehen. Auf barbies kann man auch grillen. Allerdings nur in Kalifornien und Australien - andernorts versteht man die doppelte Bedeutung der und des "barbie" nicht. In Australien ist das eine allgemein gebräuchliche Verkürzung des "barbecue", auf dem Australier im Garten ihre Garnelen brutzeln. Anfang der Achtziger Jahre begann das Land recht penetrant in Kalifornien um Touristen zu werben. Der Slogan: "Gooday - Put a shrimp on the barbie". In Großbritannien gab es diese Kampagne nie und so schaut man heute Kalifornier blöd an, wenn sie vom leckeren Barbie-Fleisch erzählen.

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Englisch soll keine Weltsprache werden? Ist es denn nicht bereits eine? Natürlich. Aber schaut man sich die Gründe dafür an, muss das nicht unbedingt so bleiben. "Diese Sprache hat nichts, was sie für sie als Weltsprache prädestiniert oder besonders nützlich macht - außer dem politischen und wirtschaftlichen Einfluss der Vereinigten Staaten", sagte jüngst die Oxford-Professorin für Sprache und Kommunikation Jean Aitchison bei einer Konferenz über die Zukunft des Englischen im Internet in London am vergangenen Freitag, wie BBC berichtete.

Hinzu kommt, dass zahlreiche Innovationen wie etwa das Internet, aber natürlich auch wissenschaftliche Entdeckungen aus englischsprachigen Staaten stammen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass ein wirtschaftliches Erstarken Südostasiens, Chinas oder Lateinamerikas andere Sprachen zur Weltgeltung brächte. Tatsache ist aber, dass heute 80 Prozent der internationalen Organisationen Englisch als Arbeitssprache benutzen, dass 80 Prozent der Seiten im Internet in Englisch geschrieben sind, dass die Arbeitssprache der Europäischen Zentralbank Englisch ist, obwohl Großbritannien nicht zur Währungsunion gehört.

Allerdings ist der Begriff Englisch in diesem Zusammenhang genauer zu definieren. Das "Standard American-British English" (SABE) wird laut dem britischen Kulturinstituts British Council weltweit von 375 Millionen Menschen gesprochen. Das sind die Muttersprachler. Hinzu kommen noch einmal 375 Millionen Menschen, die Englisch als zweite Landessprache sprechen. 750 Millionen Menschen kennen das Englische allein als Fremdsprache. Bei den beiden nicht-muttersprachlichen Gruppen entstehen die sogenannten "Oral and Vernacular Englishes"(OVE). Das sind Mischungen aus SABE, Werbeslogans und den jeweiligen Muttersprachen. In Singapur etwa sagt man: "I was arrowed to paint this wall." Aus dem SAB-Englisch übersetzt bedeutet das in etwa "Ich wurde gepfeilt, die Wand zu streichen".

Allerdings wird in Singapur nicht SAB-Englisch sondern "Singlish" gesprochen. Und in "Singlish" bedeutet arrow als Verb, jemanden zu einer Arbeit zu zwingen, die er nicht tun will. OV-Englisch entsteht auf die selbe Art, wie im Mittelalter das Deutsche als eine Mischung des Lateinischen mit lokalen Sprachen geschaffen wurde. Dergleichen findet sich sogar schon innerhalb des britischen Commonwealth. Ein Neuseeländer etwa sagt "swhakapapa" statt "genealogy", wenn er eine Ahnentafel meint. Ebenso wird eine Beerdigung mit "tangi" aus der Sprache der eingeborenen Maori statt "funeral" bezeichnet. OV-Englisch meint aber nicht allein den Gebrauch anderer Zeichen für dasselbe Bezeichnete. Es gibt auch Sinnverschiebungen, etwa bei "hotel". In Großbritannien und den Vereinigten Staaten kann man in einem solchen übernachten. Im südlichen Asien allerdings nur essen - "hotel" bezeichnet dort in etwa dasselbe wie "restaurant" im SAB-Englisch. Außerhalb der australischen Großstädte gibt es in einem "hotel" allerdings nur Bier zu trinken. Dort bezeichnet "hotel" dasselbe wie "bar" im SAB-Englischen.

Es gibt kein Englisch mehr. Es gibt viele. David Crystal, Herausgeber der "Cambridge Encyclopedia of the English Language" fasst das so zusammen: "Es ist längst eine Tatsache, dass die englischsprachigen Staaten den Besitz der englischen Sprache aufgegeben haben. Es gibt kein zurück - Englisch ist eine Weltsprache." Da dies ein bisher einmaliges Ereignis sei, könne man die Auswirkungen auf die Sprache nicht mit Gewissheit vorhersagen: "Die Sprachgeschichte kann da keine Hinweise mehr geben."

Professor Eugene Eoyang von der Lingnan-Universität Hongkong hält es für wahrscheinlich, dass OVE-Sprachen wie Singlish sich zu "neuen Nationalsprachen entwickeln, genauso wie das Englische, Deutsche und Französische im Mittelalter aus dem Lateinischen". Aber wie soll sich dann die Welt verständigen, wenn die Weltsprache Englisch in einen Haufen neuer Landessprache zersplittert ist? Die Welt wird "International Colloquial English" (ICE) sprechen. Das ist eine sich sehr schnell wandelnde Mixtur aus SABE, OVE und neuen Wortschöpfungen. Laut David Crystal wächst IC-Englisch jedes Jahr um 5000 gänzlich neue Worte. Wie Eoyang hält er IC-Englisch für das, was einer Weltsprache am nahesten kommt.

Nur wird eine Sprache allein dann von möglichst vielen Menschen in einem einheitlichen Sinn verstanden und benutzt, wenn sie auf Nuancen, Ambiguitäten und eine Menge möglicher Bezeichnungen verzichtet. Sie muss simpel sein. Ein Beispiel ist das sogenannte Special English, welches das US-Radioprogramm Voice of America bei Nachrichten verwendet, um sie für eine möglichst große Hörerschaft verständlich zu machen. "Special English" hat ein Basisvokabular von nur 1500 Worten.

Eine zunehmende Vereinfachung des Englischen beobachtet die Herausgeberin der US-Version des Encarta World English Dictionary Anne Soukhanov. In dem Magazin Atlantic Monthly machte sie dafür vor allem die immer verlässlicheren Computerprogramme zur Prüfung von Grammatik und Rechtschreibung verantwortlich. In der gesprochenen Sprache fehlen diese delegierten Eigenschaft und es werden in amerikanischen Nachrichtensendungen regelmäßig Sätzen gesagt wie "It is time for Bob and I to sign off."

Während mit Hilfe des simplen IC-Englisch ein Burger weltweit bestellt werden kann, ist eine nuancierte Sinnvermittlungen schlecht möglich. In den Vereinigten Staaten sind die Folgen dieses Problem heute bereits im Ansatz zu erkennen. Dort sind in den vergangenen Jahrzehnten die Anteile der spanischen, chinesischen, vietnamesischen und koreanischen Muttersprachler an der Gesamtbevölkerung stark gestiegen. 80 Prozent der aus China stammenden Amerikaner sprechen zuhause Chinesisch statt Englisch. Angesichts dieser Zahlen forderte Atlantic Monthly im vergangenen Jahr, Amerikaner sollten grundsätzlich zweisprachig werden. Die Botschaft an die einsprachigen Amerikaner: "Wenn wir mehr als rudimentäre Botschaften mit unseren Mitmenschen austauschen wollen, brauchen wir wohl Hilfe von etwas anderem als Englisch."

Weltweit ist heute bereits eine ähnliche Entwicklung auszumachen. Besondere Wissens- und Arbeitsgebiete schaffen ihre eigenen englischen Sprachen. So gibt es im Flugverkehr schon lange das ans Englische angelehnte "Airspeak". Um das zu beherrschen, müssen angehende Piloten mehrmonatige Schulungen besuchen. In der Seefahrt gibt es ebenfalls die eigens kodifizierten "Standard Marine Communication Phrases". Auch die Informationstechnologie hat mit Gigabytes, EPROMS, PCMCIA-Slots, USB-Bus, TFT-Displays, Second Level Cashes und ähnlichem eine eigene Weltsprache geschaffen. Überschriften aus der Fachzeitschrift "Neurology" wie "Familial cerebellar ataxia with muscle coenzyme Q10 deficiency" machen für einen Durchschnittsamerikaner ebenso wenig Sinn wie für einen Durchschnittsdeutschen.

Es gibt keine Weltsprache. Nur einige Weltsprachen. Jenes Englisch, das die meisten Weltbewohner verstehen, hat mit dem, was Briten sprechen, recht wenig zu tun. Es ist ungleich simpler - und doch müssen Sprachen gelernt werden. Nicht nur von Piloten. Wer weiß schon, dass ein holder-upper auf den Philippinen weder Brüste noch Protestplakate hochhält - sondern seine Pistole beim Überfall.

http://www.heise.de/tp/artikel/7/7243/1.html
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