Sah Jesus Christus wirklich wie Jürgen von der Lippe aus?
BBC legt fragwürdige Rekonstruktion des "wahren" Gesichts von Jesus vor
Im rheinischen Boulevardblatt Express stand es diesen Mittwoch in gewohnt reißerischer Manier schwarz auf weiß auf der Front Page: "Wissenschaftler sicher: So sah Jesus wirklich aus". Angeblich sollen britische Forscher das Gesicht des Gottessohnes mit Hilfe adäquater Hard- und Software rekonsturiert haben. Dass der neue Messias äußerlich an einen bekannten deutschen TV-Moderator erinnert, ist gewiss reiner Zufall, nichtsdestotrotz aber auch erheiternd. Weniger lustig ist indes die unwissenschaftliche Methode und willkürliche Vorgehensweise, mit der Jesus auf digitale Weise "auferstanden" ist. Alles andere als seriös ist die nunmehr vorliegende Computerkreation, die von dem seriösen englischen Sender BBC in Auftrag gegeben wurde und in England am Sonntag über die Bildschirme flimmert.
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Per definitionem gewinnt eine Theorie nur dann wissenschaftliche Relevanz, wenn ihre Kernaussage falsifizierbar oder verifizierbar ist. Nur was sich im Experiment, in der Analyse oder während einer Recherche widerlegen oder belegen läßt, darf sich mit dem Attribut "wissenschaftlich" schmücken, sofern der akademisch geschulte Protagonist sich an die methodischen und lehrbuchmäßigen Spielregeln gehalten hat (von Ausnahmen abgesehen). Alles andere dagegen, das diese Kriterien nicht erfüllt, wird dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit nicht gerecht. Pseudowissenschaftliche Disziplinen wie etwa die Astrologie, gibt es leider en masse. Und es sieht danach aus, als könnten sich auch vermeintlich gebildete Personen oder etablierte Institutionen von mystizistischen Vorstellungen nicht vollends freisprechen können.
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Hierzu gehört wohl auch der angesehene englische Sender BBC, der in wenigen Tagen eine mehrteilige TV-Dokumentation mit dem Titel "Son of God" ausstrahlt, in der unter anderem ein neues Bild von Jesus Christus nachgezeichnet werden soll. Und dies meinen die verantwortlichen BBC-Redakteure wortwörtlich so; allen voran Jeremy Bowen, der lange Zeit als BBC-Korrespondent für den Mittleren Osten tätig war und der sich nebenher intensiv mit dem Leben von Jesus Christus auseinandergesetzt hat. Anfang April stellt Bowen im Rahmen eines Fernsehfeatures das virtuelle, via Rechner rekonstruierte Gesicht einer Person vor, das Jesus Christus darstellt und gleichzeitig zeigen soll, wie dieser dereinst einmal ausgesehen haben könnte. "Wir haben die neueste Computertechnologie mit den jüngsten historischen Beweisen verbunden", erklärt Jeremy Bowen.
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Vorgegangen sei man dabei wie folgt: Zuerst habe man mit Gerichtsmedizinern Kontakt aufgenommen und diesen den Schädel eines Juden vorgelegt, der im ersten Jahrhundert gelebt hat. Besagte Knochenüberreste wurden exakt vermessen. Dann habe man zwei Spezialisten konsultiert, die die Gesichtszüge eines Juden, der auf einem syrischen Fresko aus dem zweiten Jahrhundert abgebildet ist, analysiert und ausgewertet haben. Daraufhin wurde das Ganze einfach übernommen und die gewonnenen Daten in einen Computer eingespeist und das Material schließlich mit einer speziellen Software verarbeitet. Dabei handele es sich um ein Programm, mit dem seinerzeit schon die Film-Dinosaurier zu Leben erweckt worden waren.
Jesus Christus - ein urwüchsiger Typ?
Das Gesicht, das hierbei Konturen bekommen hat, zeigt einen Heiland, wie man ihn bislang noch nicht gesehen hat. Die computergenerierte Neu-Interpretation unterscheidet sich grundsätzlich von dem gängigen Erscheinungsbild des christlichen Messias, dessen Gesicht weiche, sanfte Züge trägt: ein edles, feines Antlitz mit einem kurzgeschnittenen Bart und langem Haupthaar. Doch der virtuelle Messias sieht dagegen ganz und gar anders aus. Ins Auge fällt insbesondere der dunklere Teint sowie die weitaus größere und breitere Nase. Zusammen mit der auffallend schwarzen Haar- und Bartpracht, die den rundlichen Kopf umrahmt, begegnet dem Betrachter ein viel groberes Gesicht als er es von alten Jesus-Statuen gewohnt ist. Sicherlich gewöhnungsbedürftig ist auch der zeitlose modische Kurzhaarschnitt, der dem PC-kreierten Jesus entgegen dem gängigen Klischee ein recht urwüchsiges Aussehen verleiht.
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Verantwortlich für das Einspeisen der wichtigsten Daten, die dann computertechnisch umgesetzt wurden, war Dr. Mark Goodacre von der Birmingham University. Goodrace, der dort Theologie lehrt und sich schwerpunktmäßig auch mit dem Leben Jesu Christi sowie seit längerem mit dessem Aussehen beschäftigt, arbeitet schon seit geraumer Zeit zusammen mit Künstlern und anderen Computerexperten daran, das Äußere des christliches Heilands zu umschreiben. "In der Bibel finden sich einige Hinweise, wie Jesus Christus ausgesehen hat. In dem ersten Brief an die Korinther verdammt Jesus beispielsweise langes Haar beim Mann", betont Goodacre, der deswegen davon ausgeht, dass der "Erlöser" kurze Haare gehabt haben muss. Das neue Bild Christi sei jetzt weit von dem entfernt, was man von alten Statuen, idealisierten Gemälden in Kirchen oder vom Turiner Grabtuch kenne, so Goodacre.
Zweifelhafte Interpretation
"Ich gebe zu, dass man über das Bild streiten kann", gesteht Goodacre. "Aber alles, was Menschen dazu bewegt, ihren Glauben zu überprüfen, ist eine gute Sache." Doch bei allem Respekt vor dieser Konzession muss die Frage erlaubt sein, ob die gewählte Vorgehensweise, die Goodacre und sein Team an den Tag gelegt haben, nicht um eine, womöglich sogar mehrere Nuancen zu willkürlich ausgefallen ist. Denn alte Schädel zu vermessen, diese mit den Gesichtszügen von Menschen zu kombinieren, die auf Fresken abgebildet sind, um dann die Bits und Bytes in einen Computer einzugeben, der mittels eines Simulationsprogramms hieraus puzzlegerecht ein schlüssiges Bild zaubert, klingt deshalb weit hergeholt, weil noch nicht einmal wissenschaftlich gesichert ist, ob Jesus Christus überhaupt je gelebt hat. Indizien mögen existieren; einen historischen Beweis, einen endgültigen Beleg für die Existenz von Jesus haben die Theologen bis dato nicht vorlegen können, ganz zu schweigen von dem höchst kontroversen Turiner Grabtuch, dass turnusmäßig mal als Fälschung entlarvt, ein anderes Mal dann wieder als Original gefeiert wird, bis schließlich wieder die Skeptiker einen neuen Hinweis dafür finden, dass dieses Tuch doch bloß eine simple Imitation ist. Wie dem auch sei - sollte Jesus Christus dennoch anno dazumal gelebt haben, stellt sich auch die Frage, ob er nur ein ungewöhnlicher Idealist oder wirklich der Sohn Gottes gewesen war. Für den BBC-Reporter Jeremy Bowen besteht kein Zweifel daran, dass Jesus Christus wirklich gelebt hat: "Jesus war ein Jude aus dem Mittleren Osten. Das hat aber nichts gemein mit dem idealisierten Bild, dass über die Jahrhunderte entstanden ist."
Mag sein, dass Archäologen und Historiker dank des Quantensprungs in der Hard- und (mit Abstrichen) Software Szenen der Vergangenheit auf plastische Weise wieder zu Leben erwecken können. Mag sein, dass dadurch aus den Tiefen der Geschichte gewinnbringende Erkenntnisse wieder ans Tageslicht der Gegenwart befördert werden. Dennoch ist immer dann Vorsicht angebracht, wenn der Untersuchungsgegenstand religiösen Ursprungs ist.
Die Sendung "Son of God" startet am 1. April in BBC One um 21.10 Uhr
http://www.heise.de/tp/artikel/7/7253/1.html- "Sie" haben den Artikel vollkommen missverstanden! (9.4.2001 17:50)
- japp, auch weise :-) (wenigstens einer) [ohne Text] (5.4.2001 17:58)
- Dummer Artikel - Autor hat Pointe nicht mitgekriegt (4.4.2001 20:33)
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