Digitaler Augenschmaus

31.03.2001

Austrian Abstracts III - computergenerierte Bild- und Tonwerke auf der Diagonale, Graz

Beinahe explosionsartig tauchten vor einigen Jahren in Österreich eine ganze Reihe von KünstlerInnen auf, deren Werkzeug der Computer war und deren Arbeiten in einem nicht genau definierten Bereich digitaler Kunst entstanden, häufig auch in Zusammenarbeit mit einer ebenso lebendigen elektronischen Musikszene. In Reaktion auf diese Entwicklung etablierte sich die Diagonale, das österreichische Filmfestival, das heuer vom 19. - 25. März in Graz stattfand, als Präsentationsort für das Austrian Abstracts III genannte Video-Programm.

Screenshot aus computergeneriertem Video. Video und Still von lia

Als auf der Diagonale 1999 erstmals die Austrian Abstracts sozusagen als Werkschau der heimischen Digitalvideo-Szene präsentiert wurden, war die Aufregung groß. Und das zu Recht: Eigentlich zum ersten Mal erschloss sich ein großer und spannender Produktionsbereich einem breiten Publikum, plötzlich bekam man einen wirklich neuen Umgang mit visuellem Material zu sehen, dem - obwohl auch damals schon international wahrgenommen - in der heimischen Film- und Videoszene bisher keine oder nur marginale Aufmerksamkeit geschenkt worden war.

Inzwischen sind wir bei den Austrian Abstracts III angelangt und das Programm hat sich als Fixpunkt auch in die generelle Aufgabe des Festivals eingegliedert, einen Querschnitt durch eine laufende Jahresproduktion zu zeigen und kontinuierliche Arbeitsprozesse zu dokumentieren. In der 71minütigen Kompilation sind in diesem Jahr 15 Arbeiten sowohl von EinzelkünstlerInnen als auch von Kollektiven vertreten. So verschieden sind Herangehensweisen und visuelle Strategien, daß die Videos grundsätzlich nur eines verbindet: Alle sind digital hergestellt und nutzen den Computer als ihr Hauptinstrument. Gab es im letzten Jahr viele Arbeiten mit Found Footage und 3D-Animation, dominiert dieses Mal eindeutig eine Tendenz zur grafischen Abstraktionen.

Einen Teil der Arbeiten verbindet ihr Produktionsverfahren: Erstellt mit (teilweise selbstprogrammierter) Echtzeitsoftware wird der Computer während Live-Auftritten als weiteres Instrument eingesetzt. Bild und Ton werden gleichzeitig generiert und manipuliert, der Videomitschnitt dient als Dokumentations- und Präsentationsmedium. Gezwungenermaßen ändert sich mit der Präsentation im Kino die Wahrnehmung, und die Übertragung in einen anderen Kontext wirft bei diesen Arbeiten, in denen die Form grundlegend durch den Moment der Herstellung mitbestimmt wird, eine ganze Reihe von Fragen auf.

Das grundsätzliche Problem scheint in der Komprimierung des Materials zu liegen. "In You are the Sony of my Life" von gattcatt wird die Bildebene auf einen konkreten Ausschnitt der Performance reduziert, nämlich auf die Beobachtung der Künstler bei ihrer Arbeit. Tina Franks "travelonliv" dagegen schneidet den Auftritt auf wenige Minuten zusammen, nimmt die schönsten visuellen Momente heraus und unterlegt sie mit Musik. In beiden Videos überträgt sich die Live-Atmosphäre nicht, die bloße Zusammenlegung von Bild und Sound, die oft auch etwas beliebig wirkt, reicht im konzentrierten Kinoambiente nicht aus, um die Aufmerksamkeit zu halten. Von Interesse sind diese Arbeiten vor allem als Dokumentationen einer computerorientierten Verfahrensweise.

Videostill aus dem Video "G.S.I.L.VI". Video und still von lia

Die wohl am strengsten konzipierte Arbeit ist 36 von Schreiber/Pfaffenbichler. Ausgehend von der Zahl 36 ergibt sich eine strenge und mathematisch begründbare Komposition, die in grafisch reduzierter Form regelrecht "durchexerziert" wird. Die in drei voneinander unabhängige Felder unterteilte Grafikanimation verwendet eine Anzahl von Objekten, die sich wiederum aus der Zahl 36, aus Teilern oder Vielfachen dieser Zahl errechnet. Aus diesen verschiedenen Elementen wird eine Ordnung hergestellt, eine Ordnung wird durch eine andere ersetzt. Was hier in der Beschreibung notgedrungen etwas trocken klingt, entwickelt auf der Leinwand eine seltsame Faszination und einen Sog. Es geht um eine Klarheit in der Konstruktion, und erstaunlicherweise entsteht in diesem strengen Konzept trotz der offensichtlichen Entscheidungen für die Abstraktion und gegen den emotionalen Gestus auch eine gewisse Spannung.

Ebenfalls sehr reduziert und doch völlig anders im Zugang präsentiert sich Karo Goldts Arbeit "ILOX" zur Musik von Rashim. Bestimmt von Einflüssen aus der amerikanischen abstrakten Malerei - vor allem an Rothko fühlt man sich erinnert - sieht man eine Abfolge von Farbflächen, rhythmisiert durch den Ton. Nicht nur ist die Bildsprache im Rahmen der digitalen Produktion sehr ungewohnt, auch die Arbeitsweise unterscheidet sich von der anderer Teams. Die beiden Künstler diskutierten Ideen, dann wurde getrennt gearbeitet. Die daraus entstandene Synthese erinnert durchaus an Experimentalfilmklassiker wie Oskar Fischinger, man kann sie, um auch einen Begriff aus dem Bereich des experimentellen Films zu bemühen, als "visuelle Musik" bezeichnen.

Geradezu "üppig" wirkt dann tinhokos "spatial lines". Das Ausgangsmaterial bildeten Videoaufnahmen einer Japanreise. Es sollen aber keine konkreten Eindrücke vermittelt werden, vielmehr wird das Thema der räumlichen und zeitlichen Wahrnehmung und die Veränderung dieser Wahrnehmung in der Erinnerung verhandelt. Die Videobilder wurden bearbeitet, eingefärbt, ineinander verschoben und mit Stadtplänen und Gebäudegrundrissen überlagert. Es entsteht eine Sammlung von Eindrücken, von Momentaufnahmen eines fremden Ortes, die sich - wie auch in der "Erinnerungsarbeit" - verändern und gegenseitig beeinflussen. Ausgelöst wird aber auch die Assoziation einer Bewegung durch einen realen Raum, entlang vertikaler und horizontaler Linien folgt man den Bildern wie bei einem virtuellen Spaziergang. Diese tableauartige Raumerfahrung wird unterstützt durch den Sound von h.kulisch, der atmosphärisch arbeitet, die Bilder aber gleichzeitig rhythmisch strukturiert. Ohne je den Versuch zu unternehmen, im herkömmlichen Sinn erzählen zu wollen, macht die collageartige Technik einen abstrakten Raum in gewisser Weise erfahrbar.

Extrem reduziert dann wieder die wunderbare Arbeit ".air E" von Maia Gusberti zur Musik von Stefan Németh. In diesem Fall steht eine Fahrt entlang Stromleitungen am Anfang, Stromleitungen, die hier im wahrsten Sinne des Wortes die Spannungsträger sind. Der nach oben gerichtete Blick löst sie aus einem Zusammenhang der alltäglichen Wahrnehmung, reduziert sie auf die Form, die Linie. Die schlichten Aufnahmen wirken von Anfang an beinahe abstrakt, durchschneiden das Bild, manchmal verschieben sich die Bildebenen ineinander. Langsam schreitet die Abstraktion immer weiter fort, bis nur noch grafische Elemente wahrnehmbar sind. Auch bei dieser Arbeit entstanden Bild und Ton in enger Zusammenarbeit, die visuellen (Entwicklungs-)Linien korrespondieren mit der Musik, werden in ihr aufgenommen und widergespiegelt. .air E läßt sich als Studie zur Alltagswahrnehmung lesen, auf einer anderen Ebene ist es aber auch ein Versuch zur Frage der Abstraktion. Ist ein aus dem Zusammenhang gerissenes konkretes Bild bereits als abstrakt zu lesen oder wird das erst in der digitalen Veränderung und Reduktion auf grafische Grundmuster zulässig?

Die hier genannten Beispiele sind subjektiv gewählt, doch vermittelt sich hoffentlich auch schon in dieser begrenzten Auswahl, dass es in diesem Produktionsbereich nach wie vor viel zu sehen gibt. Zwar bestimmt der Computer die Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit, aber nur weil man den Computer benutzt, muß man sich nicht genormten Annäherungen an das Material und einer bestimmten Ästhetik unterwerfen, vor allem das zeigt das Programm. Wie in jeder Zusammenstellung kurzer Arbeiten, stellt sich auch hier das Problem, viele verschiedene Arbeitsweisen und eine sehr heterogene "Szene" unter einen Hut bringen zu müssen. So erscheinen denn auch nicht alle Arbeiten gleich schlüssig, nicht alles eignet sich gut für die Projektion auf die Kinoleinwand. Trotzdem: die Austrian Abstracts waren wieder ein Muß im Festivalprogramm und die Aufgabe, dem Publikum einen Querschnitt zu präsentieren und den Raum für Auseinandersetzung mit einem sehr spezifischen Produktionsbereich zu bieten, wurde erfüllt. Und mitten drin finden sich mit .air E von Maia Gusberti auch noch fünf der schönsten Kinominuten der diesjährigen Diagonale.

Links zu Websites von Künstlern aus dem Programm:

lia - re-move

tinhoko

maia gusberti

reMI

plan-c

epy

dariusz

pfaffenbichler/schreiber

Notes 01

gattcatt xdv

tina frank

gl03

Trust

x
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