Eine Kulturgeschichte des Raumes
Der Cyberspace ist keine Himmelstüre
Die neuzeitliche Sicht der physikalischen Welt, so lautet eine der Hauptthesen des jüngsten Buches von Margaret Wertheim, lässt keinen Raum mehr für jenen Bereich, den wir als spirituellen, himmlischen oder seelischen Raum bezeichnen könnten. Um uns diesen einfachen Gedankengang näher zu bringen, muss die Physikerin und Wissenschaftsjournalistin etwas weiter ausholen. "Die Himmelstür zum Cyberspace" erzählt uns eine scharfsinnige und intelligente Kulturgeschichte des Raumes.
In der mittelalterlichen "Weltanschauung", wie die Autorin anhand literarischer und kunsthistorischer Beispiele aufzeigt, herrschte noch ein dualistisches Bild vor. Hier die materielle, irdische Welt, auf der wir mit unseren physischen Körpern herumwandeln, und "darüber", gleichsam ausserhalb von Raum und Zeit, die göttlichen Sphären. Solange man sich das Universum als endlich und begrenzt vorstellte, war jenseits des physikalischen Raumes immer noch sehr viel Platz für jene himmlischen Regionen. Wie Dantes Reise durchs Universum oder bildliche Darstellungen aus jener Zeit veranschaulichen, mussten diese Parallelwelten demnach auch nicht in eine einheitliche Perspektive gezwängt werden.
Im Verlauf der Renaissance und erst recht seit Beginn der Aufklärung sollte sich das aber radikal ändern. So neigen wir heute zu einem monistischen Weltverständnis. Selbst wenn in unserer Vorstellung noch andere "Welten" oder Seinsbereiche existieren, so empfinden wir diese heute als in den gleichen Raum gepackt. Der physikalische Raum ist inzwischen unendlich - und "außerhalb" (ein räumliches Adverb!) gibt es nichts, denn alles was es gibt, ist ja Teil dieses einen Raumes. Das hat übrigens schon Immanuel Kant so gesehen. Wir können uns "nur einen einigen Raum vorstellen, und wenn man von vielen Räumen redet, so versteht man darunter nur Teile eines und desselben alleinigen Raumes." (Die Kritik der reinen Vernunft)
|
|
So wie sich die Malerei allmählich von der flächigen Darstellungsweise des Mittelalters zu lösen begann und hin zu einem perspektivischen und für unsere Begriffe realistischeren Stil entwickelte (Giotto, Piero della Francesca, Leonardo da Vinci, Raffael), so hielt auch in den aufkommenden Wissenschaften eine neue geometrische Konzeption des Raumes Einzug, die schliesslich zur Vorstellung eines kontinuierlichen, homogenen dreidimensionalen Raumes führte (Nikolaus von Kues, Giordano Bruno, Kopernikus, Kepler, Galilei, Descartes, Newton).
"Im heutigen wissenschaftlichen Weltbild gilt es als kosmologische Tatsache, dass die gesamte Realität vom physikalischen Raum eingenommen wird und es buchstäblich keinen Ort innerhalb dieses Systems gibt, wo so etwas wie Geist oder Seele oder Psyche existieren könnten. So wie die neuzeitliche Wissenschaft es darstellt, ist die physikalische Welt die Gesamtheit der Realität, denn nach dieser Vorstellung erstreckt sich der physikalische Raum unendlich in alle Richtungen und nimmt alle vorhandenen Territorien, auch die nur denkbaren, in Anspruch."
Durch die neuzeitliche Physik scheint diese Reduktion der Wirklichkeit allerdings wieder einigermaßen wettgemacht zu werden. Einsteins Relativitätstheorie sieht bereits eine vierdimensionale Raumzeit vor, und in den letzten zehn Jahren sprechen die Hyperraum-Physiker gar von einem elfdimensionalen Universum, "mit vier ausgedehnten oder großen Dimensionen (drei räumlichen und einer zeitlichen) und sieben mikroskopischen Raumdimensionen, die alle zu irgendwelchen winzigen komplexen geometrischen Formen zusammengerollt sind".
Wertheims illustrative Beweisführung und ihre kulturgeschichtlichen Erläuterungen eines schrittweisen Umdenkens sind faszinierend und erhellend zugleich. Sicherlich ließen sich die wichtigsten Thesen und Befunde auch knapper in einem intelligenten Aufsatz unterbringen, aber dieser Eindruck weicht nach und nach dem Bewusstsein, dass wir eben doch eine Weile brauchen, um uns in vormoderne Epochen und Denkweisen einzustimmen. Falls dies überhaupt gelingt, ist es für uns Neuzeitler mindestens ebenso schwierig wie die Vorstellung, in einer Welt ganz ohne Schrift und elektronische Medien zu leben.
Umgekehrt hilft uns die Erfahrung mit virtuellen Welten gewaltig auf die Sprünge, wenn es darum geht, sich andere Konzeptionen von Raum und eine Gabelung der Realität in sichtbare und unsichtbare Räume überhaupt wieder vorstellen zu können. In den letzten Kapiteln ihres Buches wendet sich Margaret Wertheim vor allem dem "emergenten Phänomen" Cyberspace zu und zieht rückblickend Vergleiche zur dualistischen Trennung von Körper- und Seelenraum des Mittelalters.
In der virtuellen Realität beobachten wir praktisch die Geburt eines neuen, sich unendlich ausdehnenden Raumes aus dem Nichts. Der Cyberspace ist zwar ein technologisches Nebenprodukt, existiert aber trotz seiner materiellen Abhängigkeit als Ort außerhalb aller physikalischen Hyperräume.
"In einem tieferen Sinne ist dieser neue digitale Raum 'jenseits' des von der Physik eingenommenen Raums, denn der kybernetische Bereich besteht nicht aus Teilchen und Kräften, sondern aus Bits und Bytes."
Der moderne Mythos eines virtuellen und doch begehbaren und real erlebbaren Territoriums hat die Phantasien zahlreicher Wissenschaftler, Philosophen, Techniker und Künstler beflügelt. Viele Cyberspace-Enthusiasten - wie sich anhand ihrer quasireligiösen Wortwahl belegen lässt - sehen in diesem immateriellen Reich gar die Verheißung eines Paradieses. Laut Wertheim zeigt sich hier eine "neue Verpackung des alten Gedankens vom Himmel, aber in einem säkularen, technologisch akzeptierten Format." So werden in der cybernautischen Imagination Netz-Zugänge gleichsam zu elektronischen Himmelstüren. Das digital-ätherische Universum betreten wir zwar mehr als Geist denn als Körper, befreit von den Schwächen des Fleisches, aber die Überwindung des Körpers und die Gleichheit aller Netzbewohner erweisen sich dann doch weitgehend als Illusion: "Auch der Cyberspace ist ein von Menschen selbstgemachter Innenraum, ein Raum, in dem die übelsten Seiten des menschlichen Verhaltens nur zu leicht gedeihen können." Zwischen beiden Wirklichkeitsräumen, zwischen "real life" und "virtual reality", gibt es Verbindungen und Resonanzen.
Wie Wertheims kritische Bestandesaufnahme und unsere eigenen Erfahrungen im Internet deutlich machen, entpuppen sich die unzähligen Cyberspace-Szenarien in den meisten Fällen als "Spiegelung der Welt im Geiste" und lassen einen großen Teil der mystischen und cyber-utopischen Rhetorik als unangemessen erscheinen. William Gibson, der mit seinem Roman "Neuromancer" den Begriff Cyberspace überhaupt erst eingeführt und populär gemacht hat, spricht schon 1984 sehr treffend von einer "Konsens-Halluzination". Sicher eröffnet uns der Cyberspace als kollektiver Seelenraum und Matrix des Wissens völlig neue Möglichkeiten der sozialen Interaktion und mag zur Entfaltung und Erweiterung des Selbst beitragen. Ob wir diesen digitalen Erlebnisraum künftig in verantwortungsvoller Weise mit gemeinschaftlichen Visionen füllen oder ihn doch vornehmlich in den Dienst niederer Begierden und eskapistischer Sehnsüchte stellen, diese Frage lässt sich noch nicht beantworten. Aber da verhält es sich mit der Offline-Wirklichkeit ja nicht viel anders.
Margaret Wertheim: "Die Himmelstür zum Cyberspace: Eine Geschichte des Raumes von Dante zum Internet." Aus dem Englischen v. Ilse Strasmann. Zürich: Ammann Verlag, 2000. 364 S.
http://www.heise.de/tp/artikel/7/7283/1.htmlDarstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem
SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2
