Die Welt steht Kopf

Krystian Woznicki 04.04.2001

Fiktives Online-Medium feiert Mombasa Beach als Zentrum der New Economy

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Es war einmal, vor vielen, vielen Internet-Jahren, da herrschte in Berlins Chausseestrasse Goldgräberstimmung. Risiko-Kapital einheimsen, mausbeuterisch wirtschaften und schnell reich werden. Was war schon die Silicon Alley!? Doch vollziehen sich die territorialen Verschiebungen im Internet-Kapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste. Lifestyle - on top of the world, eine Beilage des Daily African, liefert das neueste ideologische Make Up, Mode für Gewinnertypen inklusive.

Sie sind schön, und sie wissen es. Sie lachen, selbstgefällig und satt. Sie sind reich und sexuell nie unbefriedigt. Sie haben Frühstück mit Miss World, joggen danach auf weißen Stränden, trinken beim Browsen der Aktienkurse Sekt in der Limousine, tragen hippe Shorts und sexy Unterhemden bei der Arbeit. Sie sind schwarz und genießen es: Afrika ist das Zentrum der Welt. So sieht es zumindest Mara Nodobrinko, die schöne, schwarze Geschäftsführerin des Daily African. Wer glaubt damit sei alles in Ordnung, täuscht sich arg. Es gibt in der Tat Probleme.

Der dramatische Zuwachs von Limousinen bereitet der Mombasa Metropolitan Police große Sorgen. Marko MTeiro meint, dass die Neue Wirtschaft zwar Wunder vollbracht hat, Afrika selbst aber angesichts täglicher Staumeldungen in die Zeit zurückgeworfen scheint, als Zebras das favorisierte Transportmittel waren. Waren es 1994 145, so sind es derzeit mehr als 90 000 registrierte Vehikel, die länger als 20 Meter sind und sich, MTeiro zufolge, eigentlich nur durch den Innenraum-Komfort auszeichnen: ein Kühlschrank mit Cocktailbar, ein Laptop, mobiles Breitband-Internet, TV und DVD mit den neusten Filmen aus Hollyvoodoo.

Das Arbeitsklima bei Loo.kom stimmt! (Diesel Kampagne, Frühling 2001)

Wie Nmudu Inyagani, ein Journalist aus Kinhasa, ergänzend attestiert, hat die New Economy dem Land Wohlstand beschert, jedoch schlechten Service. Arbeitslosigkeit sei insofern ein Problem, als dass es einfach zu viele freie Stellen gibt. Heutzutage sei es zwar ein Leichtes, den neuen Reichtum in Afrika zu genießen, doch es bedeutet, dass man seinen Champagner selbst öffnen muss. Jede Münze hat eben eine Kehrseite - und es kann schon nerven, wenn man Billionen davon hat. Obwohl das Jahreseinkommen im Durchschnitt 700,000 USD übersteigt, scheint es immer noch genug Menschen zu geben, die lieber, na ja, nichts tun. Zumindest lieber als in einer exklusiven Bar in Downtown Kinshasa hinter dem Tresen zu arbeiten. Das Job-Angebot am Neuen Markt ist da schon verlockender.

In Brazzaville, Kongo, zum Beispiel, werden glamouröse Partys gefeiert, wenn die 500er Marke bei Neueinstellungen übertroffen wird. Journalist Ndugu Llokko zählt auf einer Feier des e-trade Riesen Loo.kom immerhin 700 frisch angeheuerte Arbeitskräfte, während Daisy Lee-Anrong, die Ko-Gründerin der Firma, stolz davon berichtet, wie für die kommende Woche ein internes 700,000-USD-Fest angesetzt ist, um technische Probleme beim Implementieren von Computer-Software gebührend zu feiern. Loo.koms Präsident Ernesto Mlamblajjo will sogar einen amerikanischen Rapper einfliegen lassen, um der Verschiebung des weltweiten Launches seines Unternehmens einen festlichen Rahmen zu geben.

Les Nouveau Riche des Afrique

Das Märchen hat hier längst noch kein Ende gefunden. Das fiktive Universum hat weitere Details zu bieten: Die Eröffnung der ersten US-amerikanischen Zweigstelle von Internet International in New York, Nachrichten von Ololongo Wireless, Mozambiques Pendant zur Telekom und die Broadband Music Awards in Ndjamena, Chad, um ein paar Beispiele zu geben. In allen Fällen wird kräftig gute Laune gepumpt. Kaum ein schöner, schwarzer und nicht zuletzt junger Mensch, ohne breites Grinsen im Gesicht. Es wird überall und jederzeit gefeiert. Selbst im Büro! Dabei sind die Fotos, die die Nachrichten illustrieren, in prachtvolle Farben getaucht. Schwarze, matt-ölig glänzende Haut (Männer posieren meistens mit freiem Oberkörper), sexy Posen und viel Körperkontakt in wilden orgiastischen Choreographien. Gruppenbilder geben hier den Ton an, wohl kommt in ihnen die Start-Up-Dynamik am besten zum Ausdruck. Seht her: Arbeiten in der New Economy ist nicht nur funky, es hat auch was mit Sex und Sinnlichkeit zu tun. Irgendwie nippen, essen, schlämmern alle, halten ein Sektglas oder Weintrauben in der Hand. Und selbstredend tragen sie die neuste Diesel-Mode.

Nichts als Arbeit für die Spassgesellschaft! (Diesel Kampagne, Frühling 2001)

Diese multimedial verbreitete Kampagne scheint angesichts der Krise am Neuen Markt bestens in unsere Zeit zu passen, obwohl die Image-Ingenieure bei Diesel die Welt für die Frühlings-Kollektion auf den Kopf gestellt haben, als das Dot-Com-Sterben noch nicht in Sicht war. Was ungewollt den Nerv der Zeit trifft, sollte wohl ein witziger Hack werden: The Daily African ist mit Werbung vollgekleistert, die zu Spenden für das verarmte Europa aufruft. Schwarz-weiße, grobkörnige Fotos untermauern die Anliegen der Bittsteller: "Lastwagen voll mit Medizin, Bettwäsche und Essen warten in Lybien, um nach Europa zu fahren. Beiträge sind an www.redspear.kom zu entrichten." Oder unter dem Motto Collecting Clothes for Europe:

"Helga Niedelmayer, 12 Jahre alt, aus Düsseldorf, Deutschland, ist eines der Kinder, die Unterstützung von einer afrikanischen Familie erhalten. Auch Sie können helfen!"

Es sieht tatsächlich ganz so aus, dass die Wirklichkeit endlich mal die Medien überholt hat. Doch was aktuelle Werbung, mit ihren Bezügen zu jüngsten Entwicklungen bislang auszurichten vermochte, könnte dieser Diesel-Kampagne vielleicht auch noch gelingen. Angesichts der tatsächlichen Verschiebungen auf der Weltkarte des E-commerce (u.a. gewinnt Kuba ja derzeit an Oberwasser), könnte sie zur Inspirationsquelle für die Differenz-Unternehmer und Lifestyle-Hacker der New Economy werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/7/7296/1.html
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