Spaziergang zwischen Virtualien und Realien

07.04.2001

Das romantische Worldwidewander-Projekt des Ramon Stoppelenburg

"Wer das Laufen erdacht, war ein kluger Mann; es rettet aus mancher Not" meinte Christoph Lehmann (1568 – 1638). Wer das Surfen erdacht, war aber wohl noch klüger: es bringt einen erst gar nicht in solche Nöte. In der geländegängigen Topografie des Netzes wird das Wandern von einem Ort zum anderen zur leichtesten Bewegung eines budgetbewussten und umweltfreundlichen Tourismus, der weder Reiseversicherung noch entgangene Urlaubsfreuden einplanen muss. Netztouristen steigen mit einem Mausclick auf den Großglockner oder mögen sich in der virtuellen Biosphere 2 der Columbia University von den Fährnissen der wirklichen, mithin widerspenstigen Natur erholen. Kein hässlicher Rucksacktourismus soll die bereits mächtig berührte Natur noch weiter verschandeln.

Oscar Wilde verachtete die Imitate der Natur gegenüber den Originalen der Kunst: Bestimmte Sonnenuntergänge gäbe es erst, seit William Turner sie gemalt habe. Warum also überhaupt noch reisen, wenn die Selbstähnlichkeit der Welt, die urbanen Standardisierungen und Ent-Fremdungen des Exotischen so unaufhaltsam sind? Wie viel gilt noch der Glaube "Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen", wenn ohnehin kein Kartograf mehr ein lakonisches "Hic sunt leones" (Hier wohnen Löwen) in der aufregenden, unheimlichen Fremde einzeichnen kann?

Der niederländische Student Ramon Stoppelenburg, der sich selbst als "Internet journalist and creativity addict" bezeichnet, hängt dagegen noch sehr am alten Glauben, den das Fernweh beflügelt und die Neugier aufs Andere befriedigen soll. Der Globetrotter widmet seine Freizeit dem Reisen ohne Geld, das die Welt fernab der Fünf-Sterne-Hotels und der Luxusliner erfahren will. So verfiel Stoppelenburg auf die Idee, seine Reise um die Welt in mehr als achtzig Tagen im Netz kostengünstig bis gratis vorzubereiten. Er schnorrt spendierfreudige Herbergsväter und -mütter aus allen Ländern an, sich auf seiner Website zu melden, um ihm auf seiner Real-Life-Tour Kost und Logis für lau zu gewähren.

Inzwischen liegen so viele Hostingangebote aus allen Kontinenten dieser Erde vor, dass sich schon die Frage stellt, wo der vierundzwanzigjährige Journalistikstudent nicht kampieren wird. Schon in den ersten zwölf Tagen gab es 11.000 Einladungen und ständig sprudeln neue Schlafstattangebote nach. So kann sich Stoppelenburg kaum auf Francis Bacons (1561-1626) vortouristische Empfehlungen "Über das Reisen" einlassen: "Soll ein junger Mann übrigens trotz begrenzter Ausdehnung der Reise und beschränkter Zeit möglichst viel Nutzen aus ihr ziehen, so ist Folgendes zu empfehlen: Zuerst muss er, wie gesagt, einigermaßen in die Fremdsprache eingedrungen sein, ehe er abreist, ferner muss ihm ein Hofmeister oder Erzieher beigegeben werden, der, wie ebenfalls bereits erwähnt, das fremde Land kennt."

Virtuell reisen: Warum denn in die Ferne schweifen?

Während nicht nur Netzeskapisten Virtualien ohnehin für das bessere Land halten, will der niederländische Wandersmann vor allem die Gratismentalität des Netzes ins "wirkliche Leben" hinein retten. "Einige Leute arbeiten jahrelang, um sich das Geld zu verdienen, die Welt kennen zu lernen". So viel Zeit und Mühe will sich Stoppelenburg nicht nehmen, wenn er vom niederländischen Zwoller aus in alle Ecken des Globus aufbricht, um vielleicht mit Adalbert Stifter zu staunen: "...über alle Wipfel der dunklen Tannen hin ergießt sich dir nach jeder Richtung eine unermessene Aussicht, strömend in deine Augen und sie fast im Glanz erdrückend."

Nun ist im Anschauen der schönen und weniger schönen Welt der Perspektivenreichtum durch allgegenwärtige Webcams so enorm gestiegen, wie es sich niemand bei der Erfindung des Tiefenraums in der Renaissance wohl hätte träumen lassen. Die Erde verwandelt sich im Netz längst zum flächendeckenden Webcampanorama. Das Netz ist Karte und Landschaft zugleich und wer hier träumt, ist sogleich da. Weder in Telepolis noch in Telecountryside wird gewandert, wenn doch die Streetcams, Paradisecams, Societycams, Beachcams, Poolcams, Clubcams, mithin Cams für jede Sehgier, jeden Winkel der Erde ausspähen. Noch ist das Cyberwandern freilich der Augen Lust, weil die virtuellen Ansichten weder richtig schmecken noch riechen und sich die virtuellen Schönheiten aus Fleisch und Stein schon gar nicht berühren lassen. Trotzdem: Warum im Louvre anstehen, wenn der Klick zum Seherlebnis wird und die Champs-Elysées den Cyberflaneuren auch vom Arbeitsplatz aus 24 Stunden geöffnet ist?

Der Bettelstudent mit der Webcam

Stoppelenburg sucht indes die Nähe, auch die unvernetzte Diaspora jenseits der Onlinemetropolen will er gerade sehen, "weil das dem Rest der Welt die Augen öffnen könnte." Das ist zwar kaum zu glauben, weil die Augen der Welt ja auch die unentdeckten Paradiese regelmäßig in Web und TV erfahren, ohne die weit geschlossenen Augen dafür öffnen zu müssen. Ramon Stoppelenburg jedenfalls wird seine Reise, die im Netz begann, auch im Netz wieder beenden. Der Bettelstudent würde gar eine Digitalkamera für seinen Trip einsetzen, um mit optimalen Camreporten seinen Fans das Nacherlebnis zu gönnen - aber er besitzt keine, so wenig wie ein Handy und das Moos für ein paar dringend notwendige Flugreisen, da man zwar durch die Galaxis hitchhiken, nicht aber über die ganze Erde trampen kann.

Freilich weiß der Webschnorrer, dass ihm geholfen werden könnte. Stoppelenburg ist zuletzt ein später Verwandter der romantischen Wanderburschen, die mit einem Scherflein aufbrachen, um mit nichts als Reiseerinnerungen und gefüllten Skizzenblocks zurückzukommen. Einen Webshop, der obligate Fan-T-Shirts und Kaffeetassen mit dem unvermeidlichen Aufdruck bietet, hat der Wanderer zwischen den Welten schon vor Reisebeginn eingerichtet, weil Webromantik und Merchandizing so glänzend harmonieren. Nach den überwältigenden Medienreaktionen wird Stoppelenburgs Projekt sicher auch die von ihm heiß begehrten Sponsoren auf den Plan rufen. Vermutlich wird es also nicht sein Wanderstab sein, der demnächst mit unzähligen Buttons übersät ist, sondern seine Website.

Spricht also viel dafür, dass der Bettelstudent, der am 01.05.2001 aufbricht, sich bis dahin auch eine Kreuzfahrt leisten könnte. Aber das wäre alles andere als virtuell-romantisch. Und gerade im Netz werden Träume bezahlt, die sich dann durch die online publizierten Reisetagebücher ziehen werden: "You can travel with me online and meet me offline...".

Großartig! Nicht unähnlich einer anderen Sorte von Webherrlichkeiten mit realer Begegnungschance. Stoppelenburg hofft aber neben den Annehmlichkeiten einer Gratisreise zudem auch noch auf einen Karriereschub als Jungjournalist. Fazit der Reiselust: Also nicht nur Neckermann machts möglich. Auch das Netz ist so generös, wenn man es nur ganz dicht an sich heranlässt...

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