Genbanken für künftige Generationen

Michaela Simon 18.04.2001

"Reismuseen" in Indien sollen helfen, die genetische Vielfalt zu erhalten

Mehr als 22.000 Reissorten lagern in der Reiskornplasmabank der Indira Ghandi Agricultural University (IGAU) in der Nähe der Stadt Raipur. Es handelt sich um Reis, der einmal im Jahr auf einem kleinen Stück Land angebaut wird, um aufs neue konserviert zu werden.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Die verschiedenen Sorten werden in einem Raum bei etwa fünf Grad Celsius gelagert, was die Saat für etwa fünf bis zehn Jahre konserviert. Jährlich kommen mindestens 5000 Sorten dazu, eine Handvoll Körner jeder Sorte wird dann zur Aufbewahrung in große braune Umschläge geschüttet. Die Getreidegenbank basiert auf der seit drei Jahrzehnten bestehenden Keimplasmakollektion des berühmten 1996 gestorbenen Reis-wissenschaftlers R.H. Richharia. Seit August letzten Jahres sind etwa 5000 gesammelte Sorten hinzugekommen. Richharia war ein wütender Gegner der "Grünen Revolution", eine Haltung, die ihn Mitte der 60er Jahre seinen Job als Vorsitzender des staatlichen indischen Reisforschungsinstitutes kostete. Richharia hat in seinen Schriften festgehalten, dass viele der von ihm gesammelten Reissorten besonders ertragreich und zusätzlich schädlingsresistent sind. Die IGAU Reissammlung beinhaltet auch über 210 Sorten wilden Reises, darunter "chikko", aus Madhya Pradesh und "khowa", der gekocht schmeckt wie Milch.

Doch wozu sollen solche "Saatmuseen" gut sein, wenn die Sorten nicht auch den Bauern zugänglich gemacht werden? So gibt es unter den Aktivisten Indiens die für Biodiversität kämpfen auch Gegner dieser Genbanken. Denn der Reis soll zwar ausdrücklich auch den Bauern zugänglich gemacht werden, es ist ihnen jedoch nicht erlaubt, ihn für kommerzielle Zwecke anzubauen.

Dass es sinnvoller ist, wenn die Bauern selbst sich der Biodiversität annehmen, beweist nach Ansicht der Gegner der staatlichen Saatbanken ein Projekt der nicht-staatlichen Deccan Development Society im südlichen Staat Andhra Pradesh. Diesem Projekt gehören Frauen der niedrigsten Kaste der Dalit an. Sie bauten ein regionales System der Eigenversorgung mit traditionellen Lebensmitteln auf, welches das staatliche Zentralprogramm der Reisversorgung ersetzen soll. Das Projekt stärkt nicht nur das soziale Gefüge in den Dörfern der armen Bevölkerung und stellt eine gewisse wirtschaftliche Autonomie der Familien her. Es führt auch zum Erhalt der biologischen Vielfalt und der Fruchtbarkeit der Böden.

Ein anderes Beispiel ist die Reisgenbank von Dr.Debal Deb in Kalkutta, bei ihrer Gründung die erste nichtstaatliche Reissamenbank. Mittlerweile bauen etwa 500 Bauern die von ihm gesammelten traditionellen Reissorten an. Ende der Sechziger Jahre gab es allein in Westbengalen etwa 5.600 Reissorten, davon sind Schätzungen zufolge nur noch 500 übrig. Unter dem Projektnamen "Vrihi", das ist die alte Sanskritbezeichnung für Reis, arbeitet Deb seit drei Jahren daran, unter Bauern den kostenlosen Austausch von lokalen Reissorten zu fördern.

Praktisch sind von 30.000 bekannten Reissorten in Indien heute noch 20 übriggeblieben, die angebaut werden. Vielmehr dominieren jetzt Klone der Hochertragsgetreide großteils die lokalen Genpools, und eine Menge an Genmaterial von traditionellen Sorten (die keine Düngemittel benötigten) ist verlorengegangen, was es sehr schwer macht, die Uhr wieder zurückzudrehen.

M.S. Swaminathan, Pionier der Grünen Revolution förderte in den 60er Jahren die Nutzung der neuen Biotechniken, um die Armut und gesellschaftliche Desintegration der ländlichen Gebiete zu mildern. "Viertausend Jahre des Fortschritts wurden in ganzen vier Jahren wiederholt." So Swaminathan - durchaus zutreffend aber auch sehr einseitig - über das Experiment.(Vgl.Der Pionier der Grünen Revolution bekämpft die Armut durch das Internet)

Hochleistungsgetreide - die oft weniger Mineralien bergen als ihre Vorgänger - haben sich so schnell durchgesetzt, weil die Ernteerträge kometenartig in die Höhe stiegen. Indiens Weizenproduktion verdoppelte sich innerhalb von sieben Jahren, allerdings auf Kosten der Vielfalt.

Auch gibt es mittlerweile Studien, die herausgefunden haben wollen, dass obwohl die "Grüne Revolution" die Lebensmittelversorgung insgesamt verbessert und so für einen Rückgang des Hungers aus Kalorienmangel gesorgt habe, weiterhin Mangel an essentiellen Nährstoffen bestünde. Einem Bericht von Chris Williams vom Londoner Institute of Education, der im Rahmen des Global Environmental Change Programmes zufolge leiden 1, 5 Milliarden Menschen, vor allem in Süd- und Südostasien an Eisen- und Jodmangel, ein Nebeneffekt des Siegeszuges der schädlingsanfälligen, hybriden, uniformen "Hochertragssorten" und laut Williams auch Ursache von leichtem kognitiven Abbau bis zu schweren Gehirnschäden. (Vgl.Hochleistungsgetreide der Grünen Revolution schuld an Mangelernährung)

Ein strategisch angelegtes Ziel der "Grünen Revolution" mag darin bestanden haben, die unabhängig, meist auf Subsistenzbasis wirtschaftenden Bauern der "Dritten Welt" an den Bezug bestimmter Saatgutsorten, Düngemittel und Pestizide durch multinational operierende Konzerne sowie an künstliche Bewässerung zu binden, was wiederum industrielle Großaufträge, etwa für Staudämme nach sich zog.

Schwer lösbar ist auch die Frage, welchen Wert die genetischen Ressourcen im Vergleich z.B. zu der züchterischen Leistung haben? Welches ist der Anteil an den Gewinnen aus dem Endverkauf einer kommerziell interessanten Sorte, der der Züchtung und der der genetischen Ressource zuzuordnen ist, und wie sollte der Gewinn auf die verschiedenen genetischen Ursprünge verteilt werden? Fragen die unter anderem auch das Asian Rice Technology Network diskutiert.

Genreis zur Bekämpfung von lebensbedrohlichem Vitamin A Mangel

http://www.heise.de/tp/artikel/7/7316/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS