Tantalusqualen beim Kauf eines Mobiltelefons?
Was der weltweite Handy-Boom mit dem Metall Tantal und den Rebellengruppen in der Demokratischen Republik Kongo zu tun hat
Tantalus wurde in die Unterwelt verbannt und musste dort die Qualen ewigen Hungers und Durstes erleiden. Qualen moralischer Natur sollten hierzulande die Käufer von Mobiltelefonen plagen. Denn in ihrem Handy stecken Komponententeile, die aus dem - übrigens nach obigem griechischen Sagenkönig benannten - Metall Tantal gefertigt wurden. Dieses wiederum könnte aus der Demokratischen Republik Kongo stammen und sein Verkauf könnte dazu gedient haben, den dort seit 1998 andauernden Bürgerkrieg zu finanzieren, wie New Scientist in der aktuellen Ausgabe behauptet
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Tantal (Symbol: Ta) ist ein seltenes extrem hitze- und säureresistentes, sehr dichtes und zugleich einfach zu verarbeitendes Metall. Wegen dieser günstigen Eigenschaften wird es beispielsweise bei der Herstellung von chirurgischen Geräten und im Flugzeugbau verwendet. Geradezu sprunghaft erhöht hat sich die Nachfrage nach diesem Metall jedoch, weil es sich auch zur Produktion von Bauteilen für Handys, Pager und Computer optimal eignet: Wegen seiner guten Leitfähigkeit wird es für die Herstellung von Kondensatoren verwendet, wichtiger Komponenten, die den elektrischen Strom regulieren.
Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es riesige Tantal-Vorkommen, rund 80% davon, so wird geschätzt, befinden sich im Osten der Demokratischen Republik Kongo, einem Land, in dem seit August 1998 ein verheerender Bürgerkrieg wütet. In dieser Zeit sind mindestens sechs fremde Staaten in den Kongo einmarschiert und beuten das Land aus, das an Bodenschätzen (neben Tantal auch Gold, Öl, Diamanten) reich ist wie kein anderes. Gegenwärtig scheint sich die Lage dort stabilisiert zu haben. Eine Wende, die möglich wurde mit der Ermordung von Präsident Laurent-Désiré Kabila im Januar, dessen Sohn und Nachfolger Joseph Kabila derzeit durch die Welt reist, um seinen Friedenswillen zu bekunden. Nach UN-Schätzungen hat der Bürgerkrieg zirka 1,7 Millionen Menschen das Leben gekostet, 16 Millionen leiden unter Hunger oder sind Opfer von Menschenrechtsverletzungen.
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Wie stabil der derzeitige Waffenstillstand im Kongo ist, wird sich erweisen. Denn das Land hat viele Besatzer. Die Regierung Joseph Kabilas gilt als Marionette von Simbabwe und Angola, die Vater Kabila als militärischen Beistand herbeigeholt hatte: Während Angola die Hauptstadt kontrolliert, herrscht Simbabwe im Süden und Westen. Die gemeinsamen Feinde Uganda und Ruanda, welche die bewaffnete Opposition im Kampf gegen Laurent Kabila unterstützten, haben sich im Osten breit gemacht. Und gerade im Osten des Kongo, im Gebiet Kivu, lagern die riesigen Tantal-Vorräte. Ihre Förderung und den Export regelt das Unternehmen SOMIGL, an dem die Rebellengruppe Kongolesische Sammlungsbewegung für Demokratie (RCD) Hauptaktionär ist und damit auch Nutznießer der enormen Weltmarktnachfrage nach Tantal.
Tantal gibt es auch in Australien, Brasilien, Kanada und Nigeria, warum also das begehrte Metall ausgerechnet im Kongo kaufen? Nach ersten Prognosen hat sich - vor allem wegen des zunehmenden Verbrauchs der Elektronikindustrie - allein im vergangenen Jahr die Nachfrage nach Tantal um 20 Prozent erhöht. Die Branche spricht von einer Angebotslücke und für den amerikanischen Markt hat das US Defense Stockpile Center mit Zukäufen reagiert. Ein wichtiges Indiz für einen Versorgungsmangel und die Rolle, die das Metall in der Verteidigungsindustrie einnimmt. Während Tantal in den vergangenen Jahren noch für 40 bis 50 US-Dollar pro Pfund zu haben war, lag sein Preis im Dezember 2000 bereits bei 443,90 US-Dollar.
Um die Versorgung des Weltmarkts auf steigendem Niveau gewährleisten zu können, müssen die Förderung in bestehenden Minen weiter ausgebaut und neue Vorkommen erschlossen werden - das kostet viel Geld und vor allem Zeit. Moralischen Bedenken will sich die Industrie nicht unterwerfen. Das vom New Scientist befragte Tantalum-Niobium International Study Center, der Handelsverband der Branche, hält Forderungen einer ethischen Handelspolitik für unwirksam. Verantwortlich sei jedes Unternehmen, das Tantal zur Verarbeitung kaufe.
Mit einem Rückgang der Nachfrage ist jedenfalls nicht zu rechnen. Die Branche spricht bei Tantal bereits von einem "Schlüsselmetall des neuen Jahrtausends" und rechnet mit rosigen Zeiten. Einen Konjunktureinbruch hat die kongolesische Opposition also nicht zu befürchten - die Tantalusqualen muss der Verbraucher erleiden.
http://www.heise.de/tp/artikel/7/7318/1.html- Mining of Cell Phone Mineral Suspended in Key Wildlife Area (10.6.2001 10:57)
- Tantalusqualen beim Kauf eines Mobiltelefones (31.5.2001 7:15)
- auch in der Optik (11.4.2001 10:27)
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