NSA höre mein Flehen
Axel und die Verschlüsselung
Axel spinnt. Gut, das weiß zumindest sein Teehändler schon, seitdem der junge Mann im Laden die bräunliche Schlacke zum Entsorgen zurückgibt. Aber jetzt hat er wirklich einen Sprung in der Tasse, denn er behauptet steif und fest, dass der amerikanische Geheimdienst seine Emails liest. Ich halte das für Kaffeesatz-Leserei.
Ich pflege nämlich abends ein gutes Buch zu lesen, das mich entspannt, mir die Mühsal des Tages ein wenig vom Leib hält und mir parziell das Gefühl gibt, geliebt zu werden. Das habe ich mir verdient, schließlich halte ich Erika, meine Freundin, dem Rest der Menschheit von der Pelle. Nicht dass mir das von irgendjemandem gedankt werden müsste. Von Erika sowieso nicht, die sich immer beklagt, wir würden zu wenig unter die Menschen gehen. Der kleine Scherz "Was will ich denn in der Kanalisation" zündete zuerst gar nicht und brachte mir dann eine Portion Kartoffelmus heiß im Gesicht ein.
Irgendwie habe ich mich daran gewöhnt. Nur neulich Abend, ich schmökerte gerade im Telefonbuch von Osnabrück, dem ich persönlich ja eine geradezu magisch beruhigende Wirkung zuordne, stand sie plötzlich vor mir. In ihren Gymnastik-Hosen, im Gegenlicht. Wutentbrannt. Unwillkürlich musste ich an die mögliche Fortsetzung von "Alien IV" denken. Da hatte sie aber schon das Wort an sich gerissen.
Bauer auf E5
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"Wenn Dein Freund Axel noch einmal einen Kassiber dieser Obszönität an mich richtet, dann zementieren wir von der Feminin-Gruppe ihn höchstpersönlich auf dem Frauenparkplatz ein und fahren hin und her."
Ich sah dank dieser Emphase vom Anfang des Buchstabens "H" auf. Was er denn angestellt habe.
Wortlos reichte mir dieses aufgebrachte Blumenmuster einen Ausdruck, der deutlich Axels à Email-Kopf trug. Ich habe ihm schon hundertmal gesagt, dass er nicht das Foto seiner Türklingel in jeden dieser Briefe einbinden soll. Das blöde Bild ist nachts um 22.00 Uhr aufgenommen worden und sieht mehr danach aus, als würde ein Basedowscher einäugiger Hund aus der Dunkelheit heraus nach einem schnappen. Außerdem ist die Datei so groß, dass ein einziger Ladevorgang einer seiner Emails währenddessen bequem die Errichtung eines Froschteichs im Garten zulässt. Erika hasst Frösche, wahrscheinlich weil die noch grüner durch die Gegend schauen können als sie mit einer Quarkmaske. Weiblicher Neid.
Aber das war es alles nicht. Deutlich und klar stand da:
"Hallo Erika,
ich frümmsle Dich, weil mein Ömbel heute leider keine Nuggl einschlibbert....(BlaBlaBla)...wobei das Bernickel kaum einzelne Schibassel eringert (blablabla).... Dein abgesubbelter Axel."
Nun. Das schien mir irgendwie nicht der richtige Ton, um mit einer emotional eher impulsiv formatierten Frau gemütlichen Abendplausch zu führen.
Springer schlägt Turm auf F8
Da war auch nix mit "Sicher falsches Rechtschreibprogramm" oder "Das ist ein Virus" zu machen. Wenn ich nicht wollte, dass Erika ihm wie beim letzten Streit die Lötungen einzeln aus der Platine seine Lieblingscomputers reißt, musste ich handeln. Ein langer Gang durch die Nacht schien mir die Lösung. Meine kleine Blume flüsterte mir noch zu: "Und richte diesem ... Mann (mit welcher Verachtung sie das aussprechen konnte...) aus, dass er eigentlich schon kurz davor ist, Auspüffe von unten zu riechen!!!!" Ihre Stimme klingt immer so fäkal, wenn sie sich überschlägt (die Stimme).
Ich wollte gerade an Axels Wohnungstür klingeln, als ich dessen Knauf offen und deshalb die Tür angelehnt sah. In seinem gemütlichen Einzimmer-Apartment voller alter Computer und geschmückt mit dem wunderbaren Weihnachtsbaum aus Druckerkabeln brannte kein Licht. Nicht einmal der Widerschein seines Zwischendurch-Scanners war zu sehen. Ich trat vorsichtig ein und würde den ersten Killer, den ich in der Wohnung antreffen würde, sofort des Ortes verweisen. Oder ich könnte auch morgen wieder kommen.
Keine Chance.
Eine eiserne Hand packte mich so unwillkürlich, dass ich beinahe spontan meiner Blase nachgegeben hätte, wenn die nicht gleichzeitig einen so unbeschreiblichen Schlag mit einem Männerknie bekommen hätte (Frauenknie fühlen sich in dieser Gegend anders an. Das wusste ich schmerzhaft noch vom letzten Betriebsfest).
Die finstere Gestalt riss mich zu Boden und versuchte, mir mit einem USB-Kabel das rechte Ohr abzuklemmen.
"M-M-M-Mensch, Aaaaaaxxxkkxxxllll, ich b-n-binn's"
Das war ihm sichtlich peinlich. Axel ließ locker, murmelte etwas von "USB-Kabel eh nicht angeschlossen." und zog mich vollends in die Wohnung. Ich hatte dann doch das Bedürfnis zu erfahren, was denn los sei. Er gab mir ein Nachtsichtgerät in die Hand und deutete mit einem Kopfnicken auf die leere Straße vor seinem Fenster.
"Alles voller NSA."
Ich konnte nichts sehen und erklärte ihm, dass die Mauer doch seit 1989 gefallen wäre und Mielke wegen Altersschwachsinn in Berlin wohnt. Wie andere Politiker auch. Aber er unterbrach mich brüsk. Die Amis meinte er. Geheimdienst. Überall.
Also doch zu lange Drucker installiert.
Dame schlägt Bauer auf B2
Es gibt diesen unglaublich sanften Gesichtsausdruck, wenn man einem Irren sagen will, dass er weder Hans Meiser noch Jesus oder Napoleon sei, im Übrigen auch nicht gerade das Mittelmeer erobert und netterweise jetzt eigentlich das Fleischermesser zu Boden fallen lassen soll, ohne ein weiteres Mal unter lautem "Ich bin nicht Norman"-Brüllen zuzustechen. Ich hob also an.
"Axel, Freund ... da ist niemand vor dem Fenster, glaub mir." Axel glaubte mir nicht. "Da ist weit und breit keiner. Die sind nicht einmal gut getarnt, weil sie gar nicht getarnt sind, weil die kleinen Männer mit dem Knopf im Ohr lieber in Washington um den dortigen Präsidenten herumrobben oder in Südamerika aus einem Drogenlabor eine Winterlandschaft machen."
Ich hätte, so seine rüde Replik, eben nichts begriffen. Der Geheimdienst sei überall, und könne alle à Emails lesen, und das ganze à Internet sowieso. Mir taten die armen Geheimdienst-Mitarbeiter leid, die den ganzen Tag Emails im Stil von "Schatz, setz schon einmal die Knödel auf, Dein Lutschi kommt gerade aus der Firmentür heraus und wird gleich bei Dir sein..." lesen müssen. Und Homepages, deren Zähler nur 000017 Besuche seit 1996 anzeigen, 000015 von diesen durch konkurrierende Geheimdienste ausgelöst. Wahrscheinlich war die Selbstmordrate in den geheimen Bunkern der NSA höher als die von mittelmäßigen Lemmingen um Viertel vor Drei am Rande einer Steilküste.
Ob er dann nicht ein wenig falsch gedacht und Erika geradezu provokante Zeilen geschrieben habe. Da müsse einer von den Spionen ja glauben, wir hätten 30 Kilo Cannabis für unverkrampfte Gesellschaftsspiele im Irak gebunkert. Der Witz kam überhaupt nicht in dem Hirnteil von Axel an, der für Humor zuständig ist. Streng genommen gibt es diese organische Region bei ihm auch gar nicht.
Nein, nein. Diese Wörter seien extrem genau ausgedacht, damit die automatischen Trigger nicht anspringen. Klassische Triggerwörter, die solche Geheimdienste gerne benutzen würden, wären "Drogen", "Waffen" "angereichertes Uran", "Mordanschlag" und "Fettsack". Ich fragte mich ernsthaft, wie oft Axel das dringende Bedürfnis hatte, meiner Freundin Briefe zu schreiben, die auf den Erwerb von Rauschmitteln, schweren Handfeuerwaffen und kalorienangereicherten Nahrungsmitteln hinausliefen. Aber es konnte ja sein, dass Erika seit neuestem ein kleines Zubrot mit dem Schmuggel von stubenreiner Massenvernichtung verdiente.
König im Schach
Wie bekommt man einen Freund von der Palme, wenn der auf einer einsamen Insel herumtigert? Verständnis. Genau. Verständnis.
"Jaaa, Axel. Die Welt ist vernetzt, überwacht und wahrscheinlich nur simuliert. Deshalb empfehlen viele Experten heute die Anwendung von Verschlüsselungsprogrammen."
Genauso gut hätte ich ihm erzählen können, dass Claudia Schiffer Informatik studiert oder Veronika Feldbusch Zuhause ihre Briefe mit Spracherkennungssoftware aus Asien diktiert. Und die (die Software) steht das ohne mentalen Kollaps durch.
"Pahhh, solche scheinbare Codierungssoftware hat doch die NSA in Umlauf gebracht. Zusammen mit dem KGB und über geheime Trägersignale während der Ausstrahlung von "Wetten Dass" oder so."
Gut.
Es ist nicht schön, wenn ein Freund dümmer als ein Tetris-Block ist, aber es ist furchtbar, wenn er das auch noch signifikant damit offenbart, dass er tatsächlich glaubt, ein Geheimdienstmann ertrage nach dem Studium von Emails und den dazugehörigen Homepages auch noch einen kompletten Livemitschnitt von Gottschalk. Selbst Beamtenseelen sind nicht unendlich belastbar.
Dann versuchte ich eben die drastische Maßnahme.
Schachmatt
"Gut, dann gebe ich es doch zu. Gut, dann eben ehrlich: Erika und ich arbeiten für die NSA und haben seit Jahren immer wieder Deine Staatsgeheimnisse an den amerikanischen Präsidenten weitergeleitet. Er weiß zum Beispiel ziemlich genau, wo in Deiner Bude das Salz steht und warum Du den Gummibaum neben der Stehlampe nur alle 2 Wochen gießt."
Axel wurde schlohweiß. "Paperwhite" inkl. Weißabgleich.
"Demnächst werden wir auch noch erfahren, was "AXEL" wirklich heißt. Boris, Deine Deckung fliegt auf, weiche zurück nach Moskau." Da hatte ich das Rad deutlichst überdreht. Axels Miene hellte sich auf und starrte mir spitzbübisch entgegen. Er habe genau begriffen, dass ich ihn jetzt nur auf den Arm nehmen wolle, damit Erika und ich danach umso ungehinderter seine Geheimnisse an den Staat verraten könnten. Ich wisse ganz genau, dass er mehr wisse als dem Geheimdienst recht sein könnte. Gut, wenn man einberechnet, dass das Ein-Ruck-und-ab-ist-der-Joghurtdeckel-Verfahren zu den bestgehütetsten Geheimnissen von Axel zählte, wunderte mich das verspätete Eingreifen des BND auch.
"Aber Axel. Schau. Du bist nicht interessant, und da draußen ist auch niemand....f-fast niemand."
Was kann ich denn dafür, dass in diesem Moment irgend so ein doofer Nachbar mit der Zigarette auf der Straße stehen musste? Den hatte sicher seine Frau da rausgeschickt. Aber nicht der Geheimdienst. Axel hingegen lächelte spöttisch und entsicherte seine Walter 09. Man konnte nicht wissen.
Gut. Ein letzter Versuch:
"Und was wäre, wenn Du einfach ab jetzt die pure Wahrheit schreiben würdest? Wenn die NSA nämlich annimmt, dass Du weißt, dass sie wissen, dass Du weißt, dass sie alles wissen, werden die doch das, was sie lesen, nicht so lesen wie wenn sie es läsen, solange Du nicht weißt, dass sie wissen, dass du weißt, dass sie alles wissen...oder? Ist doch so!"
Aber Axel hörte mir schon nicht mehr zu.
Ich habe Erika, meiner Freundin ausreden können, dass seltsame Mails von Axel mehr als ein Versuch sind, den Staat zu unterminieren. Und im Übrigen schreibe ich ihm ab und zu kleine Kassiber mit Signalsätzen wie "Die Ente hat heute keine Schlappschuhe an" oder "Der Donnergroll von Inge Meysel ist nichts gegen die Apathie des Seins in einem Musikantenstadl" Ich denke, das braucht Axel jetzt, um sich verstanden zu fühlen. Vielleicht würde er sich auch nach der ersten Verhaftung etwas beruhigen. Es ist gut einen Feind zu haben.
Man muss seine Freunde ernst nehmen. Erika ist da anderer Meinung. Sie hat Axel von den wöchentlichen Bridge-Turnieren in unserem Partykeller ausgeschlossen. Das hat seine Verdachtsmomente erhärtet. An seiner Stelle wäre ich da aber vollkommen beruhigt. Erika hat keine Gene für Geheimnisse. Glaube ich.
P.S.: Axel philosophiert seit neuestem ein wenig auf seinem Forum über Gott und die Welt. Leider. Los, Rauchbomben!
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