Feuer und Flamme für die Menschheit

Über eine Säule der menschlichen Zivilisation

Das wohl trennschärfste Kriterium, um den Menschen vom Tier zu unterscheiden, ist der Gebrauch des Feuers. Wale scheinen über eine komplexe Lautsprache zu verfügen, Schimpansen benutzen Werkzeuge und kennen unterschiedliche kulturelle Traditionen. Aber kein irdisches Lebewesen nutzt das Feuer außer dem Menschen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Wann dieser Ausstieg aus dem Tierreich erfolgte, lässt sich nur sehr grob eingrenzen, denn die Spuren eines von Menschen angelegten Feuers sind oft nur schwer von natürlichen Bränden zu unterscheiden. Während Herd- und Behausungsstrukturen etwa an der Ausgrabungsstelle Bilzingsleben bei Jena -- ziemlich eindeutige Belege für absichtlich unterhaltene Feuer darstellen, ist die Deutung der Fundstücke in anderen Fällen sehr viel schwieriger zu treffen. Flecken geröteten Tons, wie sie in Middle Awash in Äthiopien gefunden wurden, können zum Beispiel auch auf Termitenbauten zurückgehen, die um später abgebrannte Baumstämme gebaut waren.

Je älter die Fundstellen, desto umstrittener ist in der Regel ihre Interpretation als Belege für eine kontrollierte Feuernutzung. Als relativ gesichert gilt der Gebrauch des Feuers vor etwa 320.000 bis 400.000 Jahren in Europa. Es gibt aber auch Funde in Afrika, die darauf hindeuten, dass die Menschen dort vor etwa 1,5 bis 1,7 Millionen Jahren lernten, die Eigenschaften des Feuers zu nutzen. (mehr dazu Die Bedeutung der Feuernutzung durch den Menschen und ihr Nachweis).

Noch schwieriger zu klären als das Wann ist das Wie. Hier muss die Wissenschaft den Mythen das Feld überlassen. Die haben das Problem im Wesentlichen auf zwei Szenarien reduziert: Demnach haben die Menschen das Feuer entweder gestohlen - oder es wurde ihnen geschenkt. Vom Feuerraub erzählt etwa die griechische Prometheus-Sage, die auch das europäische Denken geprägt hat, oder die Geschichte von Botoque aus dem Amazonas-Regenwald: Der nahm das Feuer einem Jaguar weg und ließ bei der Gelegenheit auch noch etwas gebratenes Fleisch sowie Pfeil und Bogen mitgehen. Aus Zorn darüber isst der Jaguar seitdem nur noch rohe Speisen und jagt mit Zähnen und Klauen. Das verlorene Feuer glimmt heute noch in seinen Augen. Die Chewong in Malaysia dagegen erzählen von einem freundlichen, unter der Erde lebenden Volk, das ihnen das Feuer einst geschenkt hat.

Diebesgut oder Geschenk sind diese unterschiedlichen Deutungen zum Ursprung der Feuerbeherrschung bloße historische Zufälligkeiten oder kommen darin unterschiedliche Verhältnisse zur Natur zum Ausdruck? Interessanterweise scheinen wir die Fähigkeit, diese Frage überhaupt zu stellen, ebenfalls dem Feuer zu verdanken. Denn der ursprüngliche Raubzug, das erste Geschenk mögen noch sprachlos erfolgt sein. Die dauerhafte Kontrolle des Feuers jedoch erfordert die Sprache. Ohne die Möglichkeit zu differenzierter Kommunikation und ansatzweise begrifflichem Denken ist es schwer vorstellbar, wie Menschen das Feuer über längere Zeit erhalten, transportiert und genutzt haben sollen. Auch die Flammen selbst wirkten als Kommunikationsmittel. Sie zeigten über große Entfernungen die Anwesenheit von Menschen an und erweiterten deren soziale Kontaktmöglichkeiten.

Das reibungslose Funktionieren dieser frühen Datennetze wurde bald so wichtig, dass die meisten Kulturen Methoden zur Feuererzeugung entwickelten. Häufig wurden Hölzer aneinander gerieben, bis sie qualmten, oder es wurden bestimmte Steine aneinander geschlagen, um Funken zu erzeugen. Eines der exotischeren Zündgeräte ist die Feuerpumpe, die unter anderem auf Borneo in Gebrauch war: Durch das rasche Niederdrücken eines Kolbens wird die Luft in einem Zylinder stark verdichtet und dadurch erhitzt, so dass sie leicht brennbare Stoffe entzünden kann. Auch mit Brenngläsern und Hohlspiegeln wurde Feuer gemacht. Die Sentinelesen auf den Andamanen-Inseln im Indischen Ozean gehen dagegen auch heute noch zum Feuerholen ins Nachbardorf oder warten auf den nächsten Waldbrand, wenn bei ihnen die Flamme erlischt.

Im Laufe der Zeit verbesserten die Menschen die Kontrolle der Flammen und konnten nach und nach die mit dem Feuer erzielten Temperaturen erhöhen. Das ermöglichte schließlich die Bearbeitung von Metallen und die Herstellung leistungsfähiger Waffen. Die Einteilung der Menschheitsgeschichte in Bronze- und Eisenzeit hängt unmittelbar mit dem Feuer zusammen.

Der nächste große Wendepunkt in der Nutzung des Feuers ist die Umwandlung von dessen Wärme in Bewegungsenergie. Sie leitete die Epoche der Industrialisierung ein, begleitet und gefördert durch einen grundlegenden Wandel im Verständnis dieser Naturkraft. Während das Feuer zuvor weitgehend im Rahmen der Aristotelischen Lehre als eines der vier Elemente neben Wasser, Erde und Luft begriffen worden war, entwickelte der französische Chemiker Antoine Laurent Lavoisier in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts die "Oxidationstheorie" der Verbrennung: Lavoisier hatte entdeckt, dass bei einer Verbrennung ein Gas aus der Luft verbraucht wird, das er "Sauerstoff" nannte.

Auch dieser wissenschaftlich-technologische Umbruch steht im Zusammenhang mit einer Umwälzung bei den Kommunikationsmedien: Er wäre nicht denkbar ohne die Erfindung der Druckerpresse, die der Schriftkultur und den sich auf schriftliche Datenverarbeitung stützenden, modernen Wissenschaften zum Durchbruch verhalf. Diese wiederum ersannen in den folgenden Jahrhunderten immer effektivere Methoden zur Kontrolle des Feuers und Nutzung seiner Energie.

Über zweihundert Jahre nach Lavoisier haben wir die Kontrolle von Verbrennungsvorgängen zu ungeahnter Virtuosität entwickelt. Technikstudenten schreiben Diplomarbeiten über den "Einfluss unterschiedlicher Druckverhältnisse auf die turbulente Brenngeschwindigkeit magerer Methan-Luft-Vormischflammen". Ingenieure erstellen Datenbanken zu Standardflammen und nutzen die so gewonnenen Feuerfertigkeiten zur Entwicklung neuartiger Flugzeugtriebwerke, in denen Brennstoff und Luft bereits in der Millisekunde vor ihrer Selbstentzündung möglichst perfekt miteinander gemischt werden sollen.

Der minutiösen Kontrolle einzelner Flammen und Verbrennungsvorgänge steht jedoch eine weitgehende Hilflosigkeit angesichts der globalen Feuersbrunst gegenüber, die ununterbrochen in ungezählten Motoren, Kraftwerken und Brennöfen vor sich hin wütet und vor allem durch ihre Abfallstoffe Schaden anrichtet. Es ist zwar denkbar, dass wir mit Hilfe wissenschaftlicher Forschungen die Belastung der Atmosphäre durch Verbrennungsrückstände in den Griff bekommen können. Doch den Brand selbst scheint niemand löschen zu können. Die Flammen werden wohl weiter lodern, bis in relativ naher Zukunft der Brennstoff weitgehend aufgebraucht sein wird.

Das Zeitalter des Feuers neigt sich nach mehreren Jahrhunderttausenden seinem Ende entgegen. Was kommt danach? Eine von dem russischen Astrophysiker Nikolai Semenovich Kardashev 1964 vorgeschlagene Klassifikation könnte eine Perspektive aufzeigen. Kardashev hat angeregt, mögliche außerirdische Zivilisationen in drei Stufeneinzuteilen: Eine Zivilisation auf der ersten Stufe hätte demnach gelernt, die Ressourcen des Heimatplaneten zu nutzen. Auf der zweiten Stufe steht die Nutzung der kompletten Energie des Heimatsterns. Und Zivilisationen der dritten Stufe nutzen die Ressourcen ihrer Galaxis. Die Menschheit ist offensichtlich noch dabei, zu einer Zivilisation der ersten Stufe zu werden, hat den Übergang zur zweiten Stufe jedoch bereits im Blick.

Zur Zeit wird noch darüber gestritten, ob es beim nuklearen Sonnenfeuer ausreicht, Techniken zur Feuerbewahrung zu entwickeln, oder ob wir auch in der Lage sein sollten, es auf der Erde selbst zu entfachen. Es scheint, dass auch dieser Epochenwechsel wieder mit einer Medienrevolution einhergeht: Die alten Medien haben ausgereicht, um die Kernenergie frei zu setzen. Um sie kontrollieren zu können, bräuchten wir verlässliche neue. Möglicherweise nehmen sie in Form des World Wide Web gerade Gestalt an.

Doch das bleibt abzuwarten. Vorerst können wir uns getrost um die Sonne als unser neues Lagerfeuer scharen, in der Gewissheit, dass es vorerst nicht erlöschen wird. Es ist ein Geschenk, das wir entspannt genießen können. Kein Diebesgut, über das wir eifersüchtig wachen müssen.

http://www.heise.de/tp/artikel/7/7377/1.html
Kommentare lesen (3 Beiträge)
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS