Gen birgt Magersucht-Risiko
Neue Studie beweist, dass ein Appetit-Kontroll-Gen an der Magersucht beteiligt ist
Dr. T. Vink vom University Medical Center in Utrecht in den Niederlanden und sein Kollegen bestätigen in einer Studie, dass Gene eine größere Rolle bei Anorexia nervosa (Magersucht) spielen, als bisher angenommen. Magersucht ist die Verweigerung von ausreichender Nahrungsaufnahme, was zu bedrohlicher Unterernährung führt. Die Patienten fühlen sich dabei nicht krank oder zu dick, auch wenn sie nur noch Haut und Knochen sind.
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Die neue Studie wird in der Mai-Ausgabe von Molecular Psychiatry (2001;6) erscheinen. Eine Form eines Gens, das bei der Anregung von Appetit eine Rolle spielt, macht anfälliger für Essstörungen. Diese GEN-Variante soll das Risiko magersüchtig zu werden, verdoppeln.
Das Aguti-Gen bewirkt bei Tieren spezielle Fellfärbungen und bei Mutationen bei Mäusen ein gelbes bis oranges Fell (agouti yellow). Diese gelben Aguti-Mäuse neigen mit zunehmendem Alter dazu, an Gewicht zuzulegen und erkranken dabei häufig an der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus). Außerdem haben sie eine erheblich erhöhte Anfälligkeit gegenüber Krebserkrankungen. Auf Grund dieser Beobachtungen wurden sie zu besonders beliebten Versuchstieren für die Gen-Forschung.
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Menschen verfügen ebenfalls über ein Aguti-Gen, dessen Sequenz sogar zu über 80% mit dem Mäuse-Gen übereinstimmt. Das Aguti-Protein wird anders als bei Mäusen im Fettgewebe des Menschen produziert, es kann zu Fettstoffwechselstörungen führen und steht im Verdacht Diabetes sowie Fettleibigkeit (Adipositas) zu beeinflussen.
Das so genannte Aguti-verwandtes-Protein (AGRP, agouti-related protein) kommt hauptsächlich im Hypothalamus und im Nebennieren-Mark vor, in geringem Umfang auch in den Hoden, den Nieren und den Lungen. Der Hypothalamus, ein Teil des Zwischenhirns, ist das oberste Regelzentrum für die Hormonproduktion. Dabei steuert er auch maßgeblich das Essverhalten, die Wahrnehmung von Appetit, Hunger und Sättigung.
So weit war das alles schon bekannt, frühere Studien hatten auch bereits einen Zusammenhang von erblicher Veranlagung und Essstörungen wie Magersucht und Bulimie (Fress- und Brechsucht) vermutet, zumal in bestimmten Familien und bei Zwillingen die Häufungen anorektischer Fälle nicht zu übersehen waren. Die Wahrscheinlichkeit, von eineiigen Zwillingen, dass beide an Anorexie erkranken, liegt bei etwa 50%, bei zweieiigen Zwillingen liegt sie bei unter 10%.
In der neuen Studie wurden 145 Anorexie-Patienten und 244 gesunde Personen untersucht. Unter den Magersüchtigungen wiesen 11% eine entsprechende Mutation des AGRP-Gens auf, unter den Gesunden nur 4,5%. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Steuerung des Appetitgefühls durch das defekte Gen gestört ist und dadurch Magersucht begünstigt wird. Sie spekulieren, dass eine Behandlung mit Medikamenten, um die AGRP-Aktivität zu imitieren, möglicherweise zu einem verstärkten Appetit bei Anorexie-Patienten beitragen könnte.
In jedem Fall ist AGRP nur eine Komponente bei der Entstehung der vielschichtigen Krankheit Magersucht. "It may contribute to explaining why a small proportion of people get eating disorders," kommentierte Walter Kaye, ein Psychiater der University of Pittsburgh, Pennsylvania gegenüber CNN. "But it's not going to explain everybody." Kaye hat selbst eine Studie über die genetische Disposition von Essstörungen erstellt, er untersuchte dabei die Rolle des Stimmungsmachers Serotonin. Essgestörte weisen hohe Werte des Gehirn-Botenstoffs Serotonin auf, der auch bei der Regulierung des Appetits eine Rolle spielt.
Aber auch andere Mediziner sind auf der Suche nach den erblichen Faktoren. Eine israelische Gruppe hat in der März-Ausgabe von Molecular Psychiatry (Association of anorexia nervosa with the high activity allele of the COMT gene: a family-based study in Israeli patients, March 2001, vol. 6, no. 2 pp. 243-245) ihre Ergebnisse zu dem Gen COMT veröffentlicht. Ein internationales Forschungsprojekt forscht ebenfalls zurzeit speziell zur Interaktion von Umwelt- und Entwicklungsfaktoren mit den genetischen Ursachen der Essstörungen.
In Deutschland leiden 700'000 Menschen an Magersucht und Bulimie. Die Krankheit trifft vor allem Frauen, Männer machen nur fünf bis zehn Prozent der Essgestörten aus - bei steigender Tendenz. Sechs von sieben Patienten leiden an Bulimie. Die Zahl der Bulimiker hat sich in den letzten Jahren international verdreifacht. Die Chancen, von einer Essstörungen geheilt zu werden, sind gering, was aber auch daran liegt, dass viele zu spät Hilfe suchen. Wesentlich ist es, die Krankheit aus dem Verborgenen zu bringen, möglichst früh Kontakt zu Behandlungsmöglichkeiten aufzunehmen, denn dann stehen die Chancen wesentlich besser. Online gibt es eine gute Vernetzung der Selbsthilfe unter den Informationssites Magersucht-online, Bulimie online oder dem Kommunikationsforum Hungrig online).
Bisher werden nur 25 Prozent der Essgestörten geheilt, 20 Prozent sterben - teilweise noch an den Spätfolgen der Krankheit, teilweise durch Selbstmord. Mehr als fünfzig Prozent haben nach einer Therapie weiterhin Essstörungen oder leiden an einer anderen psychischen Krankheit.
Deutlich ist, dass die Gene nur eine unter vielen Ursachen der Essstörungen sind. Psychologische Ursachen sind sehr wichtig, nicht umsonst tritt Magersucht meist zuerst in der schwierigen Identitätsfindungsphase der Pubertät auf. Wesentlich sind auch gesellschaftliche Einflüsse, denn das extreme Schlankheitsideal unserer Gesellschaft wird besonders für sehr junge Frauen in der Entwicklung ihres Selbstbewusstseins oft zu einem Wahn. Die postmoderne Gesellschaft hält einerseits superdünne Models oder Ally McBeals als Ideale hoch, wird aber andererseits selbst ständig übergewichtiger. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen wird dann mit fettfreien Kartoffel-Chips bekämpft.
In Umfragen unter zehn bis elf Jahre alten Schülern in Bayern, die das TCE (Therapie-Centrum für Essstörungen) am Max Planck-Institut für Psychiatrie in München durchgeführt hat, gaben 49 Prozent der Mädchen und 36 Prozent der Jungen an, dünner sein zu wollen, und 33 Prozent von ihnen hatten schon einmal versucht abzunehmen. Diese Gesellschaft ist essgestört und gibt das ungefiltert an ihre Kinder weiter.
Mehr Informationen unter: Forschungs- und Informationsserver zur Anorexia nervosa und Bulimia nervosa
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