Gott am Hintereingang seiner Schöpfung

21.04.2001

Der Streit zwischen Kreationisten und Evolutionisten geht in den USA in neue Runden

Vergessen wir Feuerbach, Marx und Nietzsche. Den härtesten Schlag gegen die göttliche Weltordnung führte Charles Darwin mit seinen Werken "On the Origin of Species by Means of Natural Selection"(1859) und "Descent of Man" (1871). Wenn der Mensch nicht aus göttlichem Lehm gestaltet wurde, sondern ein vorläufiges Endprodukt einer biologischen Entwicklungslinie ist, erweist sich der Schöpfungsbericht der Bibel falsch. Allen frühen Anfechtungen zum Trotz setzte sich Darwins Evolutionstheorie im Wissenschaftsbetrieb durch. Zu erdrückend schien das Beweismaterial aus dem Mutationslabor der Natur: Variation, Selektion, Stabilisierung der Selektion – immer wieder, bis der homo sapiens sapiens am Horizont erschien, um die Götterdämmerung durch das Wissen um seine eigene Entstehung einzuleiten.

Auch in dieser Versuchsanordnung mag zwar ein Plan liegen. Aber ein Gott, der herumprobiert, sich irrt und auch jenseits strafender Sintfluten wieder von vorne anfängt, passt zuletzt zu einem allmächtigen Schöpfer. Dieser Atheismus aus dem Geist der Biologie ließ Gläubige nicht ruhen. Vornehmlich im bibelwortgläubigen Amerika begann der Kampf gegen den nackten Affen Darwins seit seinem Auftritt in der Wissenschaftsgeschichte.

Zu einem vorläufigen Höhepunkt in der fundamentalistischen Hatz auf die Evolutionslehre wurde die als Affenprozess in die Geschichte der Irrungen und Wirrungen eingegangene Gerichtsverhandlung von 1925 in Dayton, Tennessee. Der Biologielehrer John T. Scopes hatte gegen das Verbot verstoßen, Lehren der Evolution vorzutragen. Scopes wurde angeklagt, Unterricht im Widerspruch zur biblischen Genesis erteilt zu haben. Lediglich aus formaljuristischen Gründen entging Scopes einer saftigen Geldstrafe. Seit diesem Highlight moderner Inquisition entwickelt sich der Streit zwischen Evolutionisten und Kreationisten in immer neuen Varianten.

Traditionell behaupten die Kreationisten, die Erde sei alttestamentarischer Überlieferung nach in sechs Tagen aus dem Nichts erschaffen worden (creatio ex nihilo). Dieser Urkreationismus verfeinerte sich – wie der Darwinismus auch – im Lauf neuer wissenschaftlicher Ergebnisse. Später berief man sich etwa nicht mehr auf Francis Bacon, sondern etwa auf Karl Popper und Thomas Kuhn. Da Popper von jeder wissenschaftlichen Theorie verlangte, dass sie falsifizierbar sei, die Evolutionslehre aber nicht falsifiziert werden könne, war sie nach den Kreationisten auch keine Wissenschaft.

Karl Popper (1974) hat zwar anfänglich tatsächlich den wissenschaftlichen Status der Evolutionstheorie in Zweifel gezogen, diese gar als "metaphysisches Forschungsprogramm" diskreditiert, aber später diese Meinung widerrufen. Die kreationistischen Autoren versuchten indes weiterhin, die Evolutionstheorie als "Hypothese" zu relativieren, die keinesfalls geeignet sei, Genesis zu widerlegen.

Das Universum aus dem Designerbaukausten

Der Kreationismus wurde in diversen amerikanischen Bundesstaaten hartnäckig als gleichberechtigter Unterrichtsinhalt propagiert, obwohl selbst Papst Johannes Paul II. im Oktober 1996 endlich die Evolutionstheorie anerkannte. Das Kansas State Department of Education verabschiedete sich 1999 sogar wieder von der Evolutionstheorie, bis im Februar diesen Jahres Evolution, Urknalltheorie und einige andere "Mainstream Science"-Prinzipien wieder als Unterrichtsinhalte gnädig rehabilitiert wurden. Nachdem das Kansas State Department die Evolutionstheorie wieder zum Wahrheitsstandard kürte, schien manchen der Sieg über den zwar bibelfesten, aber wissenschaftlich windelweichen Kreationismus endgültig entschieden.

Tatsächlich rumort es aber in Amerikas Bildungsinstitutionen heftig weiter. Zwar fristet der biblisch erleuchtete Kreationismus inzwischen ein relatives Schattendasein, aber mit der sog. "intelligenten Designtheorie" wurde der Schöpfungsglauben in den letzten Jahren mit neuen Erkenntnissen aufgerüstet. Auch die Designtheorie hat ihre unmittelbaren Vorläufer – im 17. Jahrhundert erkannte beispielsweise der Philosoph William Paley die Arbeit eines göttlichen Uhrmachers, der das Universum als hochkompliziertes Räderwerk entworfen und gebaut habe.

Zwar sei diese Theorie - wie der Biologe Leonard Krishtalka kürzlich für viele Wissenschaftler stellvertretend erklärte, auch nichts anderes als ein Kreationismus, der "im billigen Smoking" daherkomme. Aber die Designtheoretiker lassen sich immerhin auf wissenschaftliche Diskurse ein und versuchen mit frischer Munition aus neueren und neuesten Wissenschaftsansätzen die Evolutionslehre an ihren schwächsten Stellen zu treffen:

Darwins natürliches Selektionsprinzip reiche nicht aus, um die Komplexität des Lebens auf der Erde zu erklären. Und Komplexität avancierte ja längst zur Zauberformel modernen Theoriedesigns. Ein intelligenter Designer müsse da am Werk gewesen sein. Vielleicht sei es nicht der biblische Schöpfer gewesen, aber doch immerhin eine geheimnisvolle Kraft, die nicht durch den Zufall wegerklärt werden könnte. Von einer numinosen Lebenskraft über Metereoriteneinschläge mit Lebenssamen bis hin zum Eingriff außerirdischer Intelligenz wird hier alles bemüht, was geeignet sein könnte, "OckamŽs razor" stumpf zu machen.

Der Kampf um die Historisierung des göttlichen Funkens trieb schon je bizarre Blüten, die jeglichen Wissenschaftspurismus überwucherten. Jack Provonsha, Professor an der Loma Linda Universität, erklärte etwa vorgeschichtliche Fossilfunde mit dem Leben vor Adams und Evas Aufenthalt im Garten Eden. In dieser Zeit habe Satan über eine lange Zeitperiode genetische Experimente durchgeführt. Nun mögen Satans Einflüsse ja inzwischen auch wieder für die neuesten Perspektiven gentechnologischer Veränderungen des Menschen herangezogen werden, aber die Designtheorie hat anderes im Sinn als rein biblische Extrapolationen.

In Michael J. Behes Abhandlung "Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution" lautet das Zentralargument, dass verschiedene biochemische Strukturen in Zellen nicht schrittweise gemäß dem darwinistischen Prinzip entstanden sein könnten. Auch sein Mitstreiter Dembski konzentriert sich in dem 1998 erschienenen Werk "The Design Inference" auf die biochemischen Strukturen in Zellen und schloss daraus, dass blinde natürliche Auswahl sie nicht geschaffen haben könne. Behe, der Dembski die biochemische Basis für seine Argumentation lieferte, hält das Zusammenwirken der Proteine für irreduzibel komplex, weil die Entfernung eines Proteins die ganze Struktur funktionsunfähig machen würde. Wenn die Struktur aber nicht bei gleichzeitiger Präsenz sämtlicher Teile funktioniere, wie soll dann die Evolution schrittweise solche Strukturen hergestellt haben?

Erlebt also der Kreationismus jetzt selbst seine Evolution zu einer wissenschaftlich respektablen Theorie, wie etwa Eugenie Scott, Direktor des "National Center for Science Education" in Oakland, Kalifornien, befürchtet. Die Mehrzahl der Biologen freilich ist von der Kernargumentation der "Designerpäpste" nicht überzeugt. Nach dem Evolutionsgenetiker Allen Orr sei sie schlicht falsch, da sich im Lauf der Evolution Zellstrukturen in allen erdenklichen Weisen zusammengefügt haben könnten. Selbst ein Protein, das zunächst nicht unentbehrlich gewesen sei, könne später erst diesen Status erlangt habe, nachdem sich weitere Proteine um es herum gruppiert hätten. So sei die Komplexität und Wechselbezüglichkeit der Lebensprozesse kein tauglicher Einwand gegen die Evolutionslehre.

Die Neodarwinisten kontern dagegen mit der Frage, wie denn ein Superdesigner die Zellstrukturen geschaffen haben soll. Leonard Krishtalka, Direktor der "University of Kansas Museum of Natural History" mahnt die Sauberkeit der Methode an: "Design can't be measured." Aber die Designtheoretiker werfen den Evolutionisten auch vor, selbst nicht in der Lage zu sein, detaillierte Angaben über die schrittweise Entstehung von biologischen Ereignissen zu machen.

Vor allem der Dritte im Bunde der Väter der Designtheorie, Phillip E. Johnson von der "University of California" in Berkeley, hat in seinem Werk "Darwin on Trial" vornehmlich auf die empirischen Schwierigkeiten hingewiesen, die der Darwinismus mit der Einordnung von fossilen Funden hat. So resümiert Behe, dass seine Theorie jedenfalls in dem Sinne einen Paradigmenwechsel einleiten könne, als sie zum heißen Eisen eines wissenschaftsübergreifenden Gesprächs geworden sei.

Wissenschaft als Wählervotum

Da der Ursprung von Welt und Mensch viel zu ernst ist, als dass man sie streitenden Wissenschaftlern überlassen könnte, eignet sich die Kontroverse vorzüglich, politische, gesellschaftliche und religiöse Positionen zu besetzen. Der Streit intelligentes Schöpfungsdesign/Neokreationismus versus Evolution wird zur politischen Glaubensfrage. George W. Bush führte den Präsidentenwahlkampf mit der Forderung, beide Theorien müssten in den Schulen gleichberechtigt gelehrt werden.

Bushs Interesse dürfte nicht zuletzt davon geleitet worden sein, dass gegenwärtig in Amerika noch immer 45% der Bürger an den Kreationismus glauben. Diese Zahl scheint beständig zu sein: 1982 ergab eine Umfrage dasselbe Ergebnis und nahezu ein Viertel der College-Absolventen glaubten daran, dass Gott den Menschen innerhalb der letzten 10 000 Jahre in seiner heutigen Gestalt erschaffen habe. Auch Ronald Reagan hatte den rückwärts gerichteten Zeitgeist richtig erkannt, als er bei seiner Präsidentschaftskandidatur in Dallas 1980 forderte, dass neben der Evolutionstheorie auch die biblische Schöpfungsgeschichte gelehrt werden müsse.

Zwar ist es den Anti-Evolutionisten bisher noch nicht gelungen, ihre Designtheorie in die Curricula der Schulen einzuschleusen, aber ihr gegenwärtiger politischer Einfluss ist nicht zu unterschätzen. In Michigan zielen politisch ernst zu nehmende Vorstöße auf die Mutation bestehender Bildungsinhalte, Designtheorie und Evolutionslehre zukünftig gleich zu behandeln. In Pennsylvania arbeiten biblischen Kreationisten und ihre wissenschaftlicher argumentierenden Erben von der Designergilde Hand in Hand und auch hier ist nicht mehr ausgeschlossen, dass sie die offizielle Meinung demnächst für sich gewinnen können. So könnte Alexis Henri Clérel de Tocqueville seine helle Freude daran haben, dass in Amerika selbst die ach so reine Wissenschaft zur demokratischen Angelegenheit wird.

Nach dem Vater des amerikanischen Pragmatismus, William James, ist das wahr, was nützlich ist. James zufolge beruht auch die Wissenschaft auf nicht beweisbaren Überzeugungen, sodass letztlich entscheidet, was der Handelnde selbst existenziell für bedeutsam hält. Mag jeder nach seiner Facon glückselig werden und seiner persönlichen Lebensentstehungshypothese frönen, so wenig das auch zu den objektiven Ansprüchen wertfreier Wahrheit passt. Politiker, die einen vorläufig nicht entscheidbaren wissenschaftlichen Diskurs begegnen, der die Gemüter mindestens so sehr bewegt wie ehedem die Stellung der Gestirne oder gegenwärtig die Rentenfrage, verstehen das sofort - und besetzen die drängende Menschheitsfrage kurzerhand im Interesse ihrer Wähler.

Präsident Bushs neuer alter Weltmissionsauftrag mag zudem in einer Welt göttlichen Ursprungs das bessere Rechtfertigungsmilieu finden. Und selbst wenn eine Supertheorie an einem fernen Tage die Weltformel präsentieren sollte, wird der unendliche Rückgriff des Menschen auf erste Ursachen längst nicht erledigt sein. Insofern steht der vorliegende Diskurs vor allem für die Sehnsucht, das Welträtsel den eigenen Wünschen anzupassen. Und wenn das nicht mit wissenschaftlichen Mitteln gelingt, muss eben der Wähler entscheiden.

Joseph Beuys, der neben seinem Schamanendasein auch Hobbybiologe war, muss seine Gründe gehabt haben, als er feststellte: "Demokratie ist lustig". Mit anderen Worten: "Anything goes", solange es dem "American way of life" die ungebrochene Lebenskraft spendet – entweder aus dem Evolutionslabor der Natur oder eben aus dem divinen Designerbaukausten.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Medienkritik

Zu den Verwerfungen im journalistischen Feld

Machteliten

Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.
  • TELEPOLIS
  • >
  • >
  • Gott am Hintereingang seiner Schöpfung